02.04.2016

ZeitgeschichteNarrativer Nebel

Populisten der Marke Trump erobern ein Amerika, das sich auf historische Wahrheiten nicht mehr einigen kann. Ob Bin Ladens Tötung, ob Bengasi-Terror: Im Klima des Misstrauens bleiben nur konkurrierende Geschichten. Von Philipp Oehmke
Mark Bowden saß im Zug von New York nach Philadelphia, auf dem Weg nach Hause, fast ein Jahr ist das her, es war ein Freitagnachmittag, es war Anfang Mai, und ein Anruf stellte seine berufliche Existenz infrage. Bowden, seit über 30 Jahren Reporter, seit mehr als 15 Jahren Bestsellerautor, kam von einem Treffen mit seinem Verleger in New York. Sie hatten ein neues Buch vereinbart, über die Schlacht von Hué diesmal, Vietnamkrieg 1968. Wieder eine Geschichte über Krieg und die Menschen, die ihn führen, Bowdens Lebensthema.
1999 wurde Bowden berühmt mit seinem Buch "Black Hawk Down", das eine tragisch gescheiterte Kommandoaktion nacherzählt, ausgeführt von amerikanischen Eliteeinheiten in Mogadischu 1993, später verfilmt von Ridley Scott. Weitere Bestseller von Mark Bowden folgten, über die Jagd auf Pablo Escobar oder die Tötung von Osama Bin Laden.
Bowden denkt sich seine Geschichten nicht aus, er recherchiert intensiv. Er spricht mit möglichst vielen Beteiligten, entscheidet sich für ein paar Hauptfiguren, deren Leben und Motive er bunt ausmalt. Schließlich verbindet er Figuren und Fakten durch eine straffe Erzählung.
Die Ereignisse, über die Mark Bowden schreibt, sind fast immer geheime Staatsaffären, deswegen muss er sich auf möglichst gute Quellen stützen, Dokumente einsehen, alles Gesagte und Beschriebene weitgehend gegenchecken. Und dann beschreibt er, als wäre er dabei gewesen, wenn er in Wirklichkeit bloß nacherzählt und montiert, was ihm seine Quellen geschildert haben. Es ist dieselbe Methode, nach der auch der Anfang dieses Textes, über Bowden im Zug im Mai letzten Jahres, gebaut ist: dass er den nacherzählten Anruf bekommen hat, daran kann kein vernünftiger Zweifel bestehen, weil der SPIEGEL beide Teilnehmer, Bowden selbst und den Anrufer, gesprochen hat und beide das Gespräch und dessen Inhalt bestätigt haben.
Und so also war es, im Mai vergangenen Jahres: Bowden sitzt im Zug und sieht auf dem Display seines Telefons, dass Seymour Hersh anruft. Wegen Journalisten wie Hersh hat Bowden 1979 beim "Philadelphia Inquirer" als investigativer Reporter angefangen. Hersh war das Idol aller jungen Reporter damals, und später, als Bowden selbst berühmt wurde, hat er sich mit seinem Idol angefreundet. Sie waren gemeinsam in Fernsehsendungen, zwei Starreporter.
Hersh hatte 1969 als junger Mann das Massaker aufgedeckt, das amerikanische GIs in dem vietnamesischen Dorf My Lai angerichtet hatten.
Als Hersh 1970 dafür den Pulitzerpreis gewann, war Mark Bowden 19 Jahre alt und entschied sich, Journalist zu werden. Hersh ging zur "New York Times" und wirkte neben den "Washington Post"-Reportern entscheidend bei den Enthüllungen des Watergate-Skandals mit. In den folgenden Jahrzehnten sorgte Hersh für viele Geheimdienst- und Militärenthüllungen bis hin zur Aufdeckung der Folter im irakischen US-Gefängnis von Abu Ghuraib 2004.
Jetzt also ist Seymour Hersh am Handy von Mark Bowden.
"Hey Sy! Wie geht's dir?"
Mit Hersh zu telefonieren kann eine spezielle Erfahrung sein. Er kommt nahezu ohne Begrüßung und Verabschiedung aus, steuert sofort zum Punkt, legt irgendwann unvermittelt auf.
"Hast du die Fotos von Bin Ladens Seebestattung wirklich selbst gesehen?", fragt Hersh.
Bowden erstarrt. Auf der letzten Seite seines 2012 erschienenen Buchs "The Finish" über die Jagd nach Osama Bin Laden hatte er detailliert beschrieben, wie US-Soldaten an Bord des Flugzeugträgers "Carl Vinson" die sterblichen Überreste Osama Bin Ladens unter Beachtung islamischer Gebräuche im Meer bestatteten. Es habe Fotos gegeben, schrieb Bowden, die die US-Regierung nie öffentlich gemacht habe. Darauf zu sehen, aus allen Perspektiven, der tote Bin Laden. Auch die Seebestattung sei festgehalten worden. Die Aufnahmen, so Bowden im Schlussabsatz seines Buchs, seien auf eine merkwürdige Art bewegend: "Dann ist er noch unter der Wasseroberfläche sichtbar: das langsame Versinken des geisterhaften Mörders. Auf der nächsten Aufnahme sind lediglich einige sich kräuselnde Ringe auf der blauen Oberfläche zu sehen. Im letzten Bild ist das Wasser ruhig. Die sterblichen Überreste Osama Bin Ladens waren verschwunden."
Ob Bowden diese Fotos wirklich gesehen habe, insistiert Hersh am Telefon.
"Nein, habe ich nicht", sagt Bowden. Aber jemand, dem er vertraue, habe sie ihm genau beschrieben.
"Die Fotos gibt es nicht", sagt Hersh. Die ganze Geschichte darüber, wie Osama Bin Laden gefunden und getötet worden sei, sei eine Fälschung. Bowden habe ein Märchen in seinem Buch verbreitet. In ein paar Tagen, sagt Hersh zu Bowden, werde er die wahre Geschichte über die Nacht von Abbottabad, Bin Ladens letztem Versteck, veröffentlichen. Es tue ihm leid, er wünsche das niemandem, aber: "You have been played", man hat dich benutzt.
Den Rest der Zugfahrt, so erzählt es Mark Bowden heute mit dem Abstand eines knappen Jahres beim Mittagessen in seinem Heimatort Kennett Square in Pennsylvania, habe es in seinem Kopf gerast. Seine Interviews für das Buch kehrten in seine Erinnerung zurück, die vielen Gespräche in der CIA-Zentrale, an Militärstützpunkten, in Steakhäusern, all die Gesprächspartner, mehrere Dutzend, Geheimdienstler, Militärs, Regierungsmitglieder, ja sogar der Präsident der Vereinigten Staaten selbst, Barack Obama: Sie alle sollten ihn angelogen haben?
Es geht um viel, nicht nur für Mark Bowden. Die Geschichte, die der Bin-Laden-Einsatz erzählt, hat dazu beigetragen, die Seele des Landes zu heilen. Sie lieferte das Happy End für jene Periode, die mit dem Horror des 11. September 2001 begonnen und in mehrere Kriege geführt hatte; sie diente als nachträgliche Rechtfertigung für Folterverhöre und hat einem angeschlagenen Präsidenten Obama im Jahr 2012 geholfen, wiedergewählt zu werden.
Diese Geschichte, die nicht nur von Mark Bowden in "The Finish" erzählt wurde, auch vom CNN-Terrorexperten Peter Bergen in "Manhunt" oder auch von der Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow im Film "Zero Dark Thirty", ging so: Die CIA spürt in jahrelanger Kleinarbeit (mit oder ohne Folter, es gibt beide Versionen) einen Qaida-Kurier auf, der sie zu Bin Laden in die hoch gesicherte pakistanische Garnisonsstadt Abbottabad führt. Nach langer Risikoabwägung entscheidet sich die Obama-Regierung für einen Kommandoeinsatz. Und obwohl einer der beiden amerikanischen Hubschrauber bei der Landung abstürzt, gelingt es 23 Navy-Seal-Kräften sowie einem Hund, Bin Laden ohne eigene Verluste zu töten. Anschließend ist man so anständig und behandelt den Leichnam des Todfeindes nach islamischer Tradition, bevor man ihn ins Meer gleiten lässt.
Dieses Narrativ sorgte nach all den wirren Jahren für einen schönen Moment der Eindeutigkeit. Amerika war für einen Augenblick so, wie Amerikaner sich Amerika vorstellen. Aber womöglich war es falsch?
Der Artikel von Seymour Hersh erschien tatsächlich einige Tage nach dem Telefonat mit Bowden in der "London Review of Books". In Hershs Version gab es nur wenig Heroisches, und sie eignete sich nicht dazu, die Wunden des 11. September zu schließen: Nicht jahrelange Geheimdienstarbeit sei es gewesen, die auf die Spur des Kuriers und schließlich zum Qaida-Chef führte, sondern ein Deserteur des pakistanischen Geheimdienstes, der gegen die Zahlung eines erheblichen Teils der ausgelobten 25 Millionen Dollar Kopfgeld den Aufenthaltsort Bin Ladens preisgab.
Die Pakistaner, so geht Hershs Geschichte, hätten Bin Laden schon 2006 gefasst und in Abbottabad mit Unterstützung Saudi-Arabiens versteckt. Als die amerikanische Regierung die Pakistaner damit konfrontiert, räumen diese alles ein und schicken sogar einen DNA-Beweis. Der Einsatz der Seals war in Hershs Version dann keine so herausragende militärische Leistung mehr. Das pakistanische Militär habe sein Radarsystem sowie den Strom in Abbottabad abgestellt, die Wachposten nach Hause geschickt und den Nachbarn Bescheid gegeben, dass in der Nacht mit ein paar Hubschraubern zu rechnen sei, aber es sei alles nur Show und abgesprochen. Und so hätten, schreibt Hersh, die berühmten Seals zu ihrer großen Frustration Osama Bin Laden ohne jeglichen Widerstand angetroffen. Sie hätten ihn erschossen und anschließend ins Meer geworfen, die Seebestattung nach islamischem Ritus fiel aus. So weit Hersh.
Sein Gegennarrativ, wie er selbst es nennt, hat natürlich sofort Widerspruch hervorgerufen. Mark Bowden sagt heute über sein einstiges Vorbild, da könne Hersh auch gleich behaupten, die Mondlandung sei gefälscht.
Trotzdem herrschen seit Hershs Veröffentlichung Zweifel, ob der große militärische Triumph überhaupt stattgefunden hat, und damit ist eine weitere Geschichte in der Welt, deren Wert unsicher ist. In den USA gibt es mittlerweile problematisch viele davon, sie erzählen alle zusammen auch von einer zerrütteten Nation, die sich auf nichts mehr einigen kann. Wenn irgendwann jeder nur noch seine eigene Erzählung hat, sein eigenes "Narrativ", wie es zu sagen in Mode gekommen ist, dann wird die Wirklichkeit brüchig. Welche Version ist die gültige? Die eines parlamentarischen Untersuchungsberichts? Oder die eines anerkannten Journalisten? Die eines Hollywoodfilms? Oder stimmt die Version der Regierung? All das ist seit einigen Jahren kaum mehr zu klären.
Die Amerikaner leben in einer Welt, in der jede Behauptung als nur noch strategische Äußerung wahrgenommen wird, ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts. Immer noch glauben fast 30 Prozent von ihnen, dass Präsident Obama "in Wahrheit" Muslim sei. Der Großteil dessen, was auf dem Fernsehsender Fox News über die Regierung, über die Zeitgeschichte, über Kunst und die menschliche Fortpflanzung gesagt wird, widerspricht allem, was man beispielsweise in der "New York Times" lesen würde.
Kürzlich hat das Pew Research Center die Zerrissenheit der Amerikaner untersucht. Die Ergebnisse sind erschütternd. Ein Drittel aller Republikaner sieht in den Mitgliedern der Demokratischen Partei eine Bedrohung für das Wohlergehen des Landes. Ein Drittel aller Konservativen käme nicht damit klar, wenn ein naher Verwandter einen Anhänger der Demokratischen Partei heiraten würde. Umgekehrt wollen Demokraten nicht, dass Republikaner in ihrer Nähe wohnen.
Die verschiedenen Lager leben in parallelen Wirklichkeiten. Von dort aus bekämpfen sie sich, über den Graben hinweg, der zwischen ihnen verläuft und ständig tiefer wird. Ausgetauscht werden nicht mehr Standpunkte über vorhandene Fakten. An den Fakten selbst ist der Standpunkt zu erraten: Glaubst du, dass der Mensch vom Affen abstammt? Oder dass Gott ihn erschaffen hat? Gibt es den Klimawandel? Oder gibt es ihn nicht?
Die Ursünde liegt ein halbes Jahrhundert zurück. Als 1963 John F. Kennedy in Dallas erschossen wurde, scheiterte das Land anschließend daran, die Umstände des Attentats auch nur annähernd aufzuklären. Auch hier gibt es eine offizielle Version, sie stammt von der sogenannten Warren Commission, die 1964 bekannt gab, Lee Harvey Oswald habe den Präsidenten erschossen und keine Komplizen gehabt. Eine weitere parlamentarische Kommission kam erst viel später, 1979, zu dem Schluss, dass Kennedy vermutlich doch einer Verschwörung zum Opfer gefallen war. Genauer wusste sie es auch nicht.
Heute glaubt nur noch jeder fünfte Amerikaner, dass Oswald allein gehandelt hat. Vier von fünf denken also, dass die offizielle Version der Geschichtsbücher nicht den Tatsachen entspricht. Eine Wolke aus Ungereimtheiten und Unklarheiten umgibt auch die Hintergründe von Anschlägen, die folgten, etwa die Ermordung Martin Luther Kings und Robert Kennedys, beide 1968.
Dass eine Nation über Jahrzehnte hinweg seine prägendsten Ereignisse derart im Unklaren lässt, hat zu einem zersetzenden Misstrauen in der Gesellschaft geführt und ein Klima geschaffen, in dem Politiker wie Donald Trump gut gedeihen: Man kann behaupten, was man will, solange man weiß, wie man es verbreitet. Auch Trumps Erfolg ist ein Narrativ, sein eigenes: Er selbst ist darin der erfolgreiche Geschäftsmann und das Gegenmodell zum Polit-Establishment, seine Gegner sind Loser, Amerika ist am Ende, eine Mauer zu Mexiko muss her und ein Einreiseverbot für Muslime – vieles davon ist ein einziges Gegennarrativ zum offiziellen Amerika, alles daran basiert auf der Relativität des Faktischen, auf unsicheren Fakten.
Die in den vergangenen Jahren durch Dienste wie Twitter oder Snapchat geschaffenen Plattformen verstärken die Tendenz: Was Trump heute unter seinen sieben Millionen Followern auf Twitter verbreitet, ist mindestens ebenso massenwirksam wie die "New York Times" mit ihren zwei Millionen Abonnenten. Und das dauernde Spiel von Narrativ und Gegennarrativ, selbst wenn es um gefestigte wissenschaftliche Erkenntnisse (Evolution) oder offenkundigen Unfug (Obama Muslim) geht, führt am Ende dazu, dass eine Nation in Gänze den Faden verliert.
Was bedeutet Nation wenn nicht gemeinsame Sprache und kollektiver Erfahrungsschatz?
Was bedeutet es für die USA, wenn das gemeinsam Durchlebte infrage steht, wenn alles ins Wanken gerät?
Es gibt aktuell, neben Bin Ladens Tötung, einen weiteren bitteren Streit über Amerikas Zeitgeschichte. Bereits sieben Untersuchungsberichte, mehrere Bücher und inzwischen auch ein Hollywoodfilm befassen sich mit der Frage, was am 11. September 2012 im libyschen Bengasi geschehen ist, als eine islamistische Miliz die dortige US-Vertretung sowie eine CIA-Station stürmte und dabei vier Amerikaner tötete, darunter den Botschafter.
Zuerst treten auf: drei Männer, die sich Tanto, Tig und Oz nennen. Über 20 Jahre waren sie Soldaten, die meiste Zeit davon in Spezialeinheiten, erst bei den regulären Streitkräften, dann für private Sicherheitsfirmen. Im Herbst 2012 waren alle drei im libyschen Bengasi stationiert. 13 Stunden lang haben sie den US-Außenposten damals gegen die Angreifer verteidigt, sie sind zweifellos amerikanische Helden, aber sie kündigten den Job, alle drei, Monate später, als sie festzustellen glaubten, dass die offizielle Version der Ereignisse von Bengasi falsch war.
Also wandten sie sich – Gegennarrativ – an einen Agenten, der sie an den Bostoner Journalistikprofessor Mitchell Zuckoff vermittelte, der aus ihren Schilderungen ein Buch machte. Auf Grundlage des Buchs wiederum hat Michael Bay den Hollywood-Actionfilm "13 Hours" gedreht, der gerade in den deutschen Kinos läuft.
Für Tanto, Tig und Oz geht es nicht um einen Kinoerfolg, sondern um ihr Leben. Deshalb willigen sie ein, sich zu treffen, im Four-Seasons-Hotel in Miami. Sie haben sich ihre rund gebogene, splitterfeste Sonnenbrille in den Hemdkragen gesteckt, die Hemdsärmel hochgerollt, sie sitzen aufrecht und sagen die Wahrheit. Ihre Wahrheit. Die einzige, sagen sie, die es gebe, weil sie sie mit eigenen Augen gesehen hätten und dabei gewesen seien. Die Wahrheit, sagen sie, die in Washington nach dem Überfall niemanden interessiert habe.
Die Attacke von Bengasi eignet sich für die Auflösung in Theorien und Gegentheorien. Für die Obama-Regierung ging es von Anfang an darum, möglichst plausible Antworten zu präsentieren, zum Beispiel auf die Frage, wie ein US-Botschafter in einem Krisengebiet so schlecht bewacht sein konnte; oder warum es so lange dauerte, Verstärkung hinzuzuziehen; wie ein CIA-Posten einfach überrannt werden konnte. Für die Republikaner und sonstige Oppositionelle ging es darum, an diesen Fragen das Versagen der Regierung und damit der Außenministerin und jetzigen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton festzumachen.
Zunächst einmal ist das der Kampfsport der Demokratie, das amerikanische Spiel, das "Checks und Balances" heißt. Es endet ungefähr dann, wenn Donald Trump wie geschehen ankündigt, dass er so lange in der Bengasi-Sache wühlen wird, bis Hillary Clinton ihre Präsidentschaftskandidatur aufgeben muss. Dann geht es eben nicht mehr um Fakten und ihre Bewertung, es geht auch nicht um Interesse an Aufklärung; das alleinige Ziel ist die Beschädigung des Gegners.
Dabei könnten Tanto, Tig und Oz in der Tat nützlich sein. Die drei Soldaten behaupten, sie hätten eingreifen wollen und können, hätten aber nicht dürfen, und die angeforderte Luftunterstützung sei auch nie angekommen. Sie sagen, der Botschafter hätte wahrscheinlich nicht sterben müssen, wenn man sie ihren Job hätte machen lassen. Warum seien sie in den Untersuchungsausschüssen entweder gar nicht gehört, oder wenn, dann falsch wiedergegeben worden?
Sie erzählen viele Details, ihre Geschichte hat Plausibilität, und trotzdem ist ihre Version umstritten: Sowohl Clintons Außenministerium als auch die Untersuchungsberichte bestritten vor allem den Eindruck der drei, sie seien von höherer Stelle, womöglich direkt aus Washington, aus irgendwelchen übergeordneten Gründen am Eingreifen gehindert worden.
Michael Bay, der Regisseur des zugehörigen Hollywood-Werks, der mit seinen Actionfilmen mehr als 500 Millionen Dollar verdient hat, sagt, er sei nicht wie Seymour Hersh. Er habe bisher dazu tendiert, seiner Regierung zu glauben. Aber wenn er sich nun seinen eigenen Film anschaue, dann sei es so auffällig, dass das offizielle Narrativ einfach nicht aufgehe. Es sei, sagt Bay, als säße da ein riesiger rosaroter Elefant im Bild rum, und alle täten so, als wäre er nicht da.
Seymour Hersh kennt sich aus mit dieser Sorte rosaroter Elefanten. Wann sie wo in den letzten 50 Jahren herumsaßen, manchmal mehr, manchmal weniger offensichtlich, danach forscht er. Sein Büro in Washington an der Connecticut Avenue, die direkt auf das Weiße Haus zuführt, ist tapeziert mit Auszeichnungen und Urkunden. In einem Rahmen steckt ein internes Schreiben der Nixon-Regierung, in dem vor Hersh gewarnt wird.
Macht er sich keine Sorgen um seine Karriere, seinen Ruf? My Lai, Watergate, Abu Ghuraib? Hat er keine Angst, nun, mit 78 Jahren, alles niederzureißen? Wegen Osama Bin Laden?
Er mache das seit einem halben Jahrhundert, sagt Hersh, er sei sich sicher, dass seine Quellen stimmen. Mark Bowdens Argument, dass all seine Gesprächspartner ihn ja koordiniert angelogen haben müssten, sollte Hershs Version stimmen, zieht für ihn nicht. Die einfachen CIA-Agenten, die auf Bin Laden angesetzt waren, sagt Hersh, hätten wahrscheinlich wirklich gedacht, sie verfolgten einen Kurier, der irgendeine Bedeutung hat. Deswegen hätten sie gar nicht mal gelogen, als sie Bowden davon berichteten. Sie wussten es schlicht nicht besser. "Eyewashing" heißt dieses Verfahren in Geheimdienstkreisen. Die CIA wendet es an, um ihre eigenen Mitarbeiter zu manipulieren. Um von wahren Zielen abzulenken und sensible Quellen zu schützen, verschickt der Geheimdienst erfundene oder faktisch verdrehte Nachrichten an die eigenen Mitarbeiter. War es so? In Bin Ladens Fall? Im Fall von Tanto, Tig und Oz?
Als Bin Laden starb, begann noch am selben Abend die große Storytelling-Maschine zu rattern. Mark Bowden erinnert sich, an jenem Abend das Baseballspiel der Philadelphia Phillies gegen die New York Mets gesehen zu haben, als die Übertragung unterbrochen wurde. Obama erschien auf dem Bildschirm und berichtete, man habe Bin Laden getötet. Fünf Minuten später klingelte Bowdens Telefon, ein Mitarbeiter des Actionfilmproduzenten Jerry Bruckheimer war dran, Bruckheimer, der Bowdens Bestseller "Black Hawk Down" verfilmt hatte.
Jerry wolle aus der Bin-Laden-Sache sofort einen Film machen, sagte der Mitarbeiter, alle "Black Hawk Down"-Leute sollten wieder dabei sein, ob er, Mark, gleich beginnen könne, das Drehbuch zu schreiben? Bowden rief sofort bei Jay Carney an, dem damaligen Regierungssprecher. Und erstaunlicherweise meldete sich der Sprecher umgehend zurück. Er werde zusehen, dass er für Bowden einen Termin bei Obama bekomme. Bowden wunderte sich. So einfach ging das? Seit wann?
Doch die Obama-Leute hatten an jenem Abend ihr Narrativ noch nicht zusammen. Zu viele Absender und damit zu viele Perspektiven sprachen mit, das Pentagon, das Weiße Haus, die CIA. Erstaunlich wichtige Fakten wurden im Vorbeigehen wieder verändert: Es habe doch kein Feuergefecht mit Bin Laden gegeben, er sei doch unbewaffnet gewesen. Nein, seine Frauen habe er nicht als Schutzschild benutzt.
Jerry Bruckheimer sagte sein Filmprojekt am nächsten Tag wieder ab, Bowden entschied sich, stattdessen ein Buch zu schreiben. Für den Film sorgte dann die frisch gekürte Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow ("The Hurt Locker"), zusammen mit ihrem Drehbuchautor Mark Boal. Als ihr Film 2012 fertig war, warb Boal damit, dass alles, was man zu sehen bekomme, "Darstellungen aus erster Hand von wahren Ereignissen" seien.
Denn bald stellte sich heraus, auch dank eines mehrtausendseitigen Berichts des Senatsgeheimdienstausschusses, dass Erkenntnisse aus Folterverhören nicht entscheidend zum Kurier Bin Ladens geführt hätten. Vielmehr habe die gewöhnliche, mühsame Geheimdienstarbeit zum Erfolg geführt. Was stimmt? Was ist falsch? Was ist unklar? Was bewusst gelogen?
In Amerika steht in dieser Zeit, wenn es national bedeutsam wird, wenn es um Krieg und Frieden geht oder um die Frage, wer der nächste würdige Präsident sein könnte, Aussage gegen Aussage. Was wäre, wenn Seymour Hersh recht hätte mit seiner Version der Bin-Laden-Tötung? Was, wenn die offizielle Darstellung des Hergangs von Bengasi eine amtlich abgesegnete Fälschung wäre? Was, wenn parlamentarische Untersuchungsberichte nichts mehr taugen? Eine mögliche Antwort wäre, dass es dann eigentlich auch keine große Rolle mehr spielen würde, ob der nächste US-Präsident Donald Trump hieße oder Hillary Clinton. Es wäre doch nur der Beginn einer neuen Geschichte. Und von ein paar Gegengeschichten.
Twitter: @oehmke

Es geht nicht mehr um Fakten und ihre Bewertung. Das Ziel ist die Beschädigung des Gegners.

Wenn es in dieser Zeit um Krieg und Frieden geht, steht in Amerika Aussage gegen Aussage.

Über den Autor

Philipp Oehmke, Jahrgang 1974, begann vor 20 Jahren bei "Tempo", studierte in Hamburg und den USA und wurde dann Redakteur beim "Süddeutsche Zeitung Magazin". Seit 2006 ist er beim SPIEGEL , momentan als Korrespondent in New York.
Twitter: @oehmke
Von Philipp Oehmke

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