09.04.2016

VerlegerAndere Basis

Interne Dokumente beleuchten das besondere Verhältnis von Friede Springer zu Kanzlerin Angela Merkel und deren Mann Joachim Sauer.
Als Friede Springer am 15. August 2012 Geburtstag feierte, sollte die Kanzlerin nicht fehlen. "Anlässlich ihres 70. Geburtstags lädt Friede Springer Bundeskanzlerin Angela Merkel & Prof. Joachim Sauer zu einer Geburtstagsfeier im Hauptstadtrestaurant 'Gendarmerie' ein", stand in geschnörkelten Buchstaben auf der Einladung. Die Jubilarin wünschte sich eine festliche Robe von ihren Gästen: "Dresscode: Smoking / langes Kleid".
Doch im Kanzleramt gab es ein Problem. Am selben Tag musste Merkel zu einem Staatsbesuch nach Kanada aufbrechen. Wie sollte man das nur Friede Springer erklären? Auf der Einladung vermerkten Merkels Beamte das weitere Vorgehen. Die Bundeskanzlerin sollte informiert ("Bk z. Kt."), der Verlegerin abgesagt werden ("Telefonat Frau Springer").
Die Gastgeberin musste aber nicht ganz auf Merkel verzichten. Vor der Abreise nach Kanada erschienen die Regierungschefin und ihr Gatte auf einem Empfang zu Ehren Springers in der Berliner Konzernzentrale. Exminister Otto Schily war da, Moderator Frank Elstner, Modedesignerin Anna von Griesheim. Politiker, Stars, Sternchen. Die Kanzlerin stellte sich ganz vorn neben dem Geburtstagskind auf.
Springers Einladungskarte ist eines von mehreren Schreiben der Verlegerin an Merkel, die das Kanzleramt nun auf Antrag freigegeben hat. Dazu kommen weitere Unterlagen aus den Stiftungen von Friede Springer, die der SPIEGEL gemeinsam mit der Plattform "Frag den Staat" auswerten konnte. Die Dokumente beleuchten das besondere Verhältnis zwischen Deutschlands mächtigster Verlegerin und dem Ehepaar Merkel und Sauer. Eine Satzung offenbart, dass man auch finanziell verwoben ist: Joachim Sauer kassiert für seine Tätigkeit im Kuratorium der Friede Springer Stiftung eine jährliche Vergütung von 10 000 Euro.
Es ist kein Geheimnis, dass die beiden Frauen befreundet sind. Schon bei Merkels erster Wahl zur Kanzlerin 2005 saß die Verlegerin von "Bild" und "Welt" auf der Zuschauertribüne des Bundestags. Im September vergangenen Jahres beschrieb Springer in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk die gegenseitige "Freundschaft, das Vertrauen zueinander".
Ob die Kanzlerin schon mal die Medienmacht ihrer Freundin Springer benutzt habe, wollte der Sender wissen. "Dass sie sich irgendwo einmischen würde, nie und nimmer, das ist nicht ihre Art", antwortete Springer. "Das ist auf einer anderen Basis, unsere Freundschaft."
Welche Basis sie damit gemeint haben könnte, illustrieren nun die Unterlagen aus dem Kanzleramt. Wie es aussieht, nutzt die Mehrheitseignerin des Springer-Verlags ihre Nähe zu Merkel, um sich gelegentlich für Bekannte zu verwenden.
Ein Dokument, das die Regierungszentrale freigegeben hat, stammt vom 15. Mai 2012. "Liebe Frau Bundeskanzlerin, liebe Frau Merkel", notierte Springer handschriftlich auf privatem Briefpapier. "Ich hoffe, Sie können den Wunsch von Michael Behrend erfüllen. Herzlichen Gruß, Ihre Friede Spr."
Welchen Wunsch? Zum Bekanntenkreis Springers zählt der damalige Chef der Reederei Hapag-Lloyd, Michael Behrendt. Der schreibt sich hinten zwar mit "dt", war aber nach SPIEGEL-Recherchen tatsächlich in dem Brief gemeint.
Behrendt wollte Merkel für einen Auftritt beim vornehmen Hamburger Übersee-Club gewinnen, dem er als Präsident vorsteht. Alle zwei Jahre veranstaltet der Verein den Großen Übersee-Tag in der Hafenmetropole. Mit Springers Hilfe sollte die Kanzlerin für das exklusive Event im Hotel Atlantic Kempinski gewonnen werden. Doch aus der Sache wurde nichts, Merkel sagte den Termin im Mai 2013 ab.
Am 20. November 2014 schickte Friede Springer ihrer Freundin wieder eine Bitte. Dieses Mal ging es um ein Buchprojekt, das anlässlich der Feiern zum 50-jährigen Jubiläum der deutsch-israelischen Beziehungen 2015 erscheinen sollte.
"Mein Wunsch wäre es, liebe Frau Bundeskanzlerin, dass Sie Ja sagen zu diesem (beiliegenden) Projekt", notierte Springer, abermals handschriftlich. Wenn es um persönliche Dinge geht, greift die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Medienkonzerns ganz altmodisch zum Füller.
"Die Frau Sharon Back macht sehr schöne Fotos für das geplante Buch. Und Herr Prof. Stürmer schreibt den Text dazu. Ich bin überzeugt, dass das alles sehr würdevoll wird", schrieb Springer an Merkel.
Mehrere Prominente hätten sich für den geplanten Bildband ablichten lassen, darunter Außenminister Frank-Walter Steinmeier und die Schauspielerin Iris Berben, sagt die Fotografin Sharon Back. Die Kanzlerin machte nicht mit. Das Jubiläumsjahr der deutsch-israelischen Beziehungen verstrich ohne Erscheinen des Buchs.
Die Vorstöße der Verlegerin waren bei ihrer Freundin zumindest in diesen Fällen erfolglos. Allerdings hat das Kanzleramt auch nicht alle Unterlagen offengelegt. In der Registratur schlummern noch zwei "Glückwunschschreiben" von Merkel an die Verlegerin. Doch das Kanzleramt gab diese Dokumente nicht frei – "zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen". Worum es in den Schreiben konkret ging, wollte die Regierungszentrale nicht sagen, sie bezögen sich auf "persönliche Anlässe".
In der Vergangenheit wurde das Verhältnis zwischen Friede Springer und Angela Merkel immer mal wieder thematisiert, wenn auch nicht ausführlich. Vor der Bundestagswahl 2005 war Springer Teil eines Frauennetzwerks, das unter dem Slogan "Mehr für Merkel" Wahlkampf für die damalige CDU-Kanzlerkandidatin machte. Zu der Gruppe gehörten Liz Mohn von der Bertelsmann-Stiftung, die "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel und mehr als 30 weitere Frauen, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" damals.
Es seien von der Unterstützergruppe eine Menge Empfänge und Abendessen für Merkel gegeben worden, in Berlin, in Stuttgart, in München, in Frankfurt am Main, in Leipzig, sogar auf Sylt. Viele der Gäste hätten anschließend eine noble, kleine Bekenner-Anstecknadel getragen, ein strassbesetztes V – für Victress, Siegerin.
Die Beziehung Springers zu Merkels Ehemann Joachim Sauer wurde dagegen selten diskutiert. Dass der international renommierte Chemieprofessor im Kuratorium der Friede Springer Stiftung sitzt, weiß kaum jemand. Seit Gründung im Dezember 2010 hat Friede Springer insgesamt 100 Millionen Euro in die Stiftung eingebracht. Sie fördert Wissenschaftsprojekte und finanziert Stiftungslehrstühle.
Sauer ist nicht der einzige Prominente im Kuratorium. Springer hat auch den ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, die DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler und weitere Persönlichkeiten berufen.
Die Satzung regelt im Paragrafen acht die Vergütung der Mitglieder. Auf Anfrage bestätigte die Stiftung: "Wie alle übrigen Kuratoriumsmitglieder erhält Prof. Sauer eine Vergütung von 10 000 Euro jährlich." Seit die Stiftung Anfang 2011 ihre Arbeit aufnahm, müsste der Chemiker also 50 000 Euro erhalten haben. Das Kuratorium kommt dreimal im Jahr zusammen, in der Zwischenzeit tauscht man sich noch etwas über die Projekte aus.
"Ich bin beeindruckt von Frau Springer als Stifterin", sagt Sauer, der an der Berliner Humboldt-Universität lehrt. Seine Mitarbeit in der Stiftung erfolge "unabhängig von der Berufstätigkeit meiner Ehefrau".
"Herr Prof. Sauer ist nicht als der Ehemann der Bundeskanzlerin in dieses Gremium berufen worden, sondern als einer der namhaften Wissenschaftler, die in Berlin tätig sind", sagt die Stiftung. "Die Bundeskanzlerin war an der Berufung von Prof. Joachim Sauer in das Kuratorium der Friede Springer Stiftung nicht beteiligt", erklärt das Kanzleramt.
Bisher hat die Stiftung etwa Lehrstühle, Gastprofessuren oder Stipendien an Universitäten in Berlin, Leipzig oder Frankfurt (Oder) finanziert.
Doch ihre Aufgabe kann sich in Zukunft ändern: Laut Satzung hat die Stiftung das Recht, Anteile am Springer-Konzern zu kaufen. Sollte sich Friede Springer eines Tages dazu entscheiden, fände sich der Ehemann der Kanzlerin womöglich in einer ziemlich mächtigen Funktion im Gefüge des Medienkonzerns wieder.

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Von Sven Becker

DER SPIEGEL 15/2016
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