09.04.2016

TerrorismusDie Kinder des IS

Der „Islamische Staat“ zwingt Sexsklavinnen zu verhüten, um sie verfügbar zu halten. Viele Frauen werden in Gefangenschaft trotzdem schwanger. Was geschieht mit den Babys? Von Katrin Kuntz (Text) und Maria Feck (Fotos)
Möge Gott zunächst alle 72 Völker behüten und dann die Jesiden.
Jesidisches Gebet

Nachts, wenn Khaula in ihrem Bett liegt und endlich eingeschlafen ist, träumt sie oft von ihrem Kind. Vor ihren Augen erscheinen dann jedes Mal die gleichen Bilder: Khaula ist allein in einem Zimmer, sie sieht ihre Hände vor der Brust, sie sind gewölbt zu einer Höhle. Sie hebt die obere Hand, darunter sitzt ein Vogel. Sie sieht seinen Körper, sein Gefieder. Doch der Vogel blickt sie nicht an, aus seiner Kehle kommt kein Laut, auf seinem Körper fehlt das Köpfchen.
"Ich kann mich nach diesem Traum jedes Mal eine Zeit lang nicht bewegen", sagt Khaula. Nach acht Monaten als Gefangene des "Islamischen Staats" (IS) bekam sie ihr Kind, ein Mädchen. Der Vater war ihr Peiniger, ein irakischer IS-Kämpfer aus Mossul. Er wollte, dass sie, die entführte Jesidin, ihm einen Sohn gebar, Töchter hatte er genug. Zwölf Monate ist das jetzt her. Khaula lebt allein, in Deutschland, ohne das Kind.
Sie ist in das Nebenzimmer eines Lokals in Baden-Württemberg gekommen, um ihre Geschichte zu erzählen. Eine leise Frau mit schwarzen Locken und einer Liebe zu kurdischen Gewändern, 23 Jahre ist sie alt.
Ihr Wohnheim in Deutschland teilt sie sich mit anderen befreiten Frauen, der Ort muss geheim bleiben, Khaula ist nicht ihr richtiger Name. Denn auch hier sind die Frauen noch gefährdet, auch hier gibt es Sympathisanten des IS.
Das Land Baden-Württemberg hat rund tausend Frauen und Kinder aus dem Irak aufgenommen, damit sie weit weg von zu Hause bewältigen können, was ihnen widerfuhr. Der Psychologe und Traumaspezialist Jan Ilhan Kizilhan von der Hochschule Villingen-Schwenningen hat sie im Irak ausgewählt, er war ein Dutzend Mal dort, in der Vergangenheit arbeitete er mit vergewaltigten Frauen in Ruanda und Bosnien.
"Nur die schwersttraumatisierten Frauen durften nach Deutschland", sagt Kizilhan. Eine Jesidin, deren Kind von einem IS-Kämpfer in eine Blechkiste gesperrt wurde und vor ihren Augen in der Sonne lag, bis es starb. Eine andere, deren Säugling durch Schläge eines IS-Manns getötet wurde, das Rückgrat des Babys brach.
Im August 2014 überfiel der IS die Region Sindschar im Nordirak, mordete, entführte Tausende Frauen und Mädchen und machte sie zu Sexsklavinnen für seine Kämpfer. Hunderte Frauen, die es schafften, ihren Peinigern zu entkommen, kamen schwanger zurück. Kinder von IS-Kämpfern leben heute in Syrien, im Irak, in Deutschland, womöglich auch in der Türkei, dem Libanon oder anderen Zufluchtsländern – es sollen Hunderte sein. In Irakisch-Kurdistan, sagen Ärzte, lebten etwa 40 bis 100 IS-Babys. Angesichts der Zahl entführter Frauen sind es nur wenige.
Vergewaltigung als Kriegswaffe ist so alt wie der Krieg selbst, doch unter dem IS wird dieses Verbrechen besonders perfide organisiert: Der "Islamische Staat" zwingt viele der gefangen genommenen Jesidinnen zu verhüten, um sicherzustellen, dass der Handel mit den Frauen, die fünf-, sechs-, siebenmal unter den Kämpfern verkauft werden, nicht durch eine Schwangerschaft gestört wird.
Befreite Frauen, Ärzte und Psychologen, die der SPIEGEL befragte, bestätigen, dass gefangen genommene Jesidinnen vom IS Verhütungsmittel erhielten. Einige Frauen nahmen die Tabletten, andere spuckten sie heimlich wieder aus. Eine Frau berichtete, dass Kämpfer sie anal vergewaltigten, um eine Schwangerschaft zu verhindern.
Die Kinder von Daisch, wie der IS auf Arabisch genannt wird, sind meist nicht älter als eineinhalb Jahre. Sie sind der Beleg einer Demütigung. Und ein Mittel, um die kurdische Gesellschaft tiefgreifend zu zersetzen. Es ist schwierig, die Kinder des IS zu finden, weil ihr Überleben ein Tabu bedeutet. Wie aber geht die Gemeinschaft im Nordirak mit diesen Kindern um? Was bedeuten sie für die befreiten Mütter? Und wie reagiert der IS auf eine schwangere Sklavin?
Diese Fragen führen nicht nur in die deutsche Provinz, sondern auch zu einem Arzt in Irakisch-Kurdistan. Sie führen zu einem Richter am Adoptionsgericht in Dohuk und an den Rand dieser Stadt, wo das Baby Nura in einer Wiege liegt.
Die Geschichte, die sich erzählen lässt, wird keine Geschichte über Gut und Böse werden, Schwarz und Weiß. Es ist eine Geschichte über eine unterlegene Gesellschaft, die tief getroffen ist, aber auch versucht, Stigmatisierung zu vermeiden. Eine Geschichte über Bewältigung und eine erstaunliche, überraschende Resilienz.
Es ist ein heller, freundlicher Tag in Baden-Württemberg, Khaula bestellt im Lokal eine Apfelschorle, ein Schnitzel mit Bohnen, das sie nicht essen wird. Sie trägt hohe Schuhe, schwarze Kleider, ein feiner, zierlicher Mensch. Khaulas Erzählung wird mehrere Stunden dauern, sie wird nicht weinen, ihre Geschichte wird klingen, als hätte jemand anders sie erlebt. "Ich erzähle sie, damit meine gefangene Familie im Irak nicht vergessen wird", sagt sie.
Am 3. August 2014 überfiel der IS auch Khaulas Dorf, innerhalb eines Monats verschwanden 5000 Menschen aus der Region. Khaula wurde in einen Bus gezwungen, mit Hunderten Frauen und Mädchen fand sie sich in einem Gefängnis wieder. Dort musste sie Wasser trinken, in das IS-Leute vor ihren Augen spuckten. Währenddessen wurde ihr Verkauf vorbereitet. Sie geriet an einen hochgewachsenen IS-Mann in weißem Gewand, der sich Abu Omar nannte, 45 Jahre alt. Er kaufte sie für 1,5 Millionen irakische Dinar, umgerechnet etwa 1500 Euro, und sagte: "Du bist mir hörig." Er sperrte sie in ein Haus in Mossul, der IS-Hochburg im Irak.
Dort entjungferte der Mann Khaula brutal, er drückte sie zu Boden, zerrte sie an den Haaren ins Bett, würgte sie, beschimpfte sie und zwang sie, die Schreie anderer Frauen anzuhören, die im selben Haus gequält wurden. Nach vier Monaten nahm er Khaula in das Haus seiner Ehefrau mit, die schwanger war. Ihr sollte Khaula ab sofort im Haushalt helfen, waschen, kochen. Die Frau schlug vor Eifersucht mit einem Stuhl auf sie ein. Khaula versuchte, sich an einem Ventilator zu erhängen.
Der Mann hatte fünf Töchter mit seiner ersten Frau. Zu Khaula sagte er: "Ich will, dass du mir einen Sohn schenkst." Khaula wird irgendwann während ihrer mehrstündigen Erzählung über das Kind sagen: "Sein Leben bedeutet für mich nichts." Und auch: "Das Kind war sehr schön." Dass Khaula schwanger wurde, ist unter IS-Herrschaft offiziell nicht erwünscht.
Der "Islamische Staat" hat ein Pamphlet zum Umgang mit weiblichen Sklaven herausgegeben. Der Titel: "Fragen und Antworten zu Gefangenen und Sklaven", es kursierte nach dem Überfall auf Sindschar 2014 im Netz. Darin steht, Sex mit Sklavinnen sei erlaubt. Schwangerschaften kommen in dem Pamphlet nur unter dem Aspekt des Marktwertes vor.
Frage: "Wenn die weibliche Gefangene von ihrem Besitzer geschwängert wurde, kann er sie dann verkaufen?"
Antwort: "Er kann sie nicht verkaufen, wenn sie zur Mutter eines Kindes wird."
Ihr Geldwert sinkt also mit einem Mal auf null. Aber ihr Status verbessert sich: Sie erhält als Mutter eine Position zwischen Sklavin und freier Frau. Sie passt nicht mehr in das Konzept des Sklavenhandels, nicht auf einen Basar der Jungfrauen, mit dem der IS neue Rekruten lockt. Es gibt eine Vorschrift aus der Zeit des Propheten Mohammed, die im Pamphlet angedeutet wird: Wenn ein Mann eine Sexsklavin erwirbt, muss er für einen bestimmten Zeitraum – einen Menstruationszyklus oder zwei – auf Sex mit ihr verzichten. Diese Enthaltsamkeit nennt das islamische Recht "Istibra", sie soll sicherstellen, dass der Bauch der Sklavin "leer" ist, dem neuen Besitzer also kein fremdes Kind untergeschoben wird.
Als Khaula merkte, dass sie schwanger war, ging sie ins Wohnzimmer des Kämpfers und nahm einen Fernseher in die Arme. Sie lief mit dem schweren Gerät durch das Haus, stieg stundenlang die Treppe hinauf und hinunter. Andere Frauen schichteten Steine aufeinander oder sprangen von hohen Gebäuden, um den Fötus zu verlieren. Khaula sagt: "Ich versuchte alles, aber das Kind ging nicht weg."
Die Ehefrau des Kämpfers wurde bald eifersüchtig, das war Khaulas Glück. "Ich will deinen Bauch nicht mehr sehen", sagte sie eines Morgens. Sie brachte Khaula ein Telefon, die wählte die Nummer ihres Bruders in Dohuk. Der Bruder nannte ihr die Adresse eines Bekannten, zu dem Khaula gehen sollte, sie verließ das Haus in einer Burka und nahm Geld von der Ehefrau an, für die Flucht. Im Taxi wählte sie statt des Wortes "schukran" für "danke" den Ausdruck, den Daisch dafür benutzt: "dschasakallah chairan", aus Angst.
Der Bekannte des Bruders stellte den Kontakt zu einem jesidischen Netzwerk im IS-Gebiet her, zu Mittelsmännern, denen es häufig gelingt, Frauen aus der Gefangenschaft ins kurdische Gebiet zu schmuggeln. Angeführt wird das Netzwerk von einem Mann in Dohuk, der sich Abu Shuja nennt und mit drei Handys gleichzeitig hantiert, immer wieder bekommt er Todesdrohungen vom IS.
Khaula wartete 40 Tage lang, dann schickte Abu Shuja einen Helfer, der sie zu einer arabischen Familie in die Nähe der Front brachte. Sie bewegten sich nur in der Nacht vorwärts, krochen fünf Stunden lang über die Berge. Das letzte Stück zu den Peschmerga trug der Helfer Khaula, er allein wusste, wo die Minen auf dem steinigen Boden waren.
Rund 2000 Frauen soll es bisher gelungen sein, aus dem IS-Gebiet zu fliehen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass immer noch etwa 3500 Jesidinnen in Sklaverei dort leben, andere Quellen nennen sogar die Zahl 7000. Khaula sagt: "Endlich war ich frei."
Dohuk, 75 Kilometer von Mossul entfernt im Norden Irakisch-Kurdistans, ist die Anlaufstelle für die Überlebenden des IS-Terrors. Eine halbe Million Einwohner hat die Stadt, staubige Zeltstädte erstrecken sich über die Ebenen, umgeben von ockerfarbenen Bergen. Hier kommen die schwangeren Frauen an, hier finden die Abtreibungen der IS-Babys statt, ebenso die Adoptionen überlebender Kinder.
In einem Camp von Dohuk sah Khaula ihren Bruder wieder, da war sie im sechsten Monat. Sie sagt: "Ich wusste vor Glück nicht, wie ich ihn umarmen sollte." Am Abend zog sie weitere Kleider an, um ihren Bauch zu verbergen, aber alle starrten sie an. Eines Abends nahm ihr Onkel sie beiseite und sagte: "Bitte, kein Kind von Daisch."
Sie beschloss abzutreiben, erleichtert. Sie besorgte sich bei einer Ärztin ein Mittel, das Wehen auslöst, sie verbrachte zwei Tage in einem Hotel, im Krankenhaus stellte sie sich als normale Patientin vor: "Der Vater des Kindes kämpft an der Front", sagte Khaula. Sie gebar ein Mädchen, mit dunklen Haaren, das Gesicht wie ein Vögelchen. Früher hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre mit einem Kind. Seine winzigen Hände, sein Geruch in den ersten Tagen, wie ein frischer Pfirsich.
Jetzt lag das Baby tot neben ihrem Bein. "Die Ärzte wollten nicht, dass es stirbt, aber es gab Probleme", sagt sie. Khaula schaute es an, berührte kurz seinen Fuß mit den Fingerspitzen, zwei Sekunden lang.
Dann legte sie eine Decke über das tote Neugeborene. Ihr Cousin kam mit dem Auto, sie hoben das Kind in eine Plastiktüte und fuhren raus aus der Stadt. Am Rand einer Straße beerdigten sie es. Khaula blieb im Auto sitzen. "Ich habe ein Kind umgebracht", das sei ihr einziger Gedanke gewesen, sagt sie.
Ihr Onkel schlachtete nach der Beerdigung ein Lamm, um die Schuld zu begleichen. Khaula ging zur Weißen Quelle nach Lalisch, einem heiligen Ort der Jesiden, und wusch sich rein. Sie empfing den Segen von Baba Scheich, dem spirituellen Oberhaupt der Jesiden, der seit 2014 Hunderte geschändete Frauen wieder in die Gemeinschaft aufnahm.
Hätte Khaulas Baby überlebt, wäre es wohl in die Obhut zweier Männer gelangt, die im Zentrum von Dohuk versuchen, den IS-Babys und ihren Müttern zu helfen. Es sind Dr. Nezar Ismet Taib, der der Gesundheitsdirektion in Dohuk vorsitzt und eine Klinik für überlebende Frauen betreut. Und Mohammed Hasan, Richter an einem Zivilgericht, er kümmert sich um die Adoption von Waisen in der Region. Hasan vermittelt die überlebenden IS-Babys an kurdische Eltern, die über die Eltern der Kinder nichts wissen. Jeder versucht mit seinen Mitteln, das Schlimmste ein wenig erträglicher zu machen.
Es ist ein lauer Frühlingstag im März, als Dr. Taib in einem kastenförmigen Bau in Dohuk empfängt. "Wir tun, was wir können, aber wir sind überfordert", sagt Taib, er ist Kinderpsychiater, ein ruhiger Mann mit grau meliertem Haar, der wirkt, als habe er unendlich viel Geduld. Drei Therapeutinnen hat er zur Seite, eine Frauenärztin. Gerade saß eine Frau in seinem Zimmer, die sich umbringen wollte.
"Von den mehr als 700 Frauen, die im vergangenen Jahr zur Behandlung kamen, waren fünf Prozent in Gefangenschaft schwanger geworden", sagt er, also 35. Die erstaunlich niedrige Zahl führt er auf die Anwendung von Verhütungsmitteln zurück. "Jene, die schwanger wurden, brauchen das Recht auf eine sichere Abtreibung", sagt Taib. Er hat mit seinem Team vor Gericht vorgesprochen, damit eine vergewaltigte Frau auch nach dem zweiten Monat abtreiben darf. Spätere Abtreibungen sind in der Autonomen Region Kurdistan illegal. "Noch aber gibt es keine Lösung", sagt Taib.
Frauen, die in fortgeschrittenem Stadium kommen, sind daher oft gezwungen, die Kinder auszutragen. Taibs Team stellt ihnen einen Platz auf der Säuglingsstation zur Verfügung, auf der ein Baby so lange bleiben kann, bis das Gericht Adoptiveltern gefunden hat. Es gibt im Irak keine Waisenhäuser. Und die jesidische Gesellschaft ist konservativ. Taib sagt: "Fremdes Blut, also ein Kind von einem Muslim, würde nie akzeptiert." Auch dass die entkommenen Frauen mit den Vätern nicht verheiratet seien, mache die Kinder für die Gemeinschaft "inakzeptabel". Dr. Taib meldet sie deshalb als anonyme Waisen bei Gericht.
Am Zivilgericht von Dohuk arbeitet Mohamed Hasan, ein hochgewachsener Mann mit dröhnender Stimme. Er bringt die Kinder des IS und ihre neuen Eltern zusammen. Es ist nicht leicht, Hasan zu einem Treffen zu bewegen, zu groß ist das Tabu, mit dem er sich beschäftigt. Doch dann lässt er sich an einem Abend darauf ein, zu Hause, in seinem Salon. Hasan ist ein Mann, der Kinder liebt. Auch jene des IS.
"Meine Abteilung hat im vergangenen Jahr zehn Babys entgegengenommen", sagt Hasan. Er bekomme aus Taibs Krankenstation einen Bogen geschickt mit Informationen zum Kind und dem Zusatz: "Eltern unbekannt". Dies gebe das Krankenhaus an, um das Kind und seine Mutter zu schützen. Intern wisse man natürlich, wenn ein Baby aus IS-Gebiet komme.
Rund 20 adoptionswillige Paare bewürben sich auf ein Kind, sagt Richter Hasan. "Es ist in der kurdischen Gesellschaft sehr wichtig, Nachwuchs zu haben. Wir haben genügend Adoptiveltern, die warten." Die Kriterien? Sie müssen wohlhabend sein und zusichern, dass das Kind im Fall ihres Todes ein Drittel des Vermögens erbt, sie sollten ein Haus besitzen, verheiratet sein. "Wir müssen sicher sein, dass sie dem Kind eine gute Zukunft ermöglichen."
Treffen alle diese Kriterien zu, wirft Richter Hasan die Namen der Wartenden in einen Lostopf, mischt gut und zieht den Gewinner.
Normalerweise würden Adoptiveltern alle Informationen über ihr Kind bekommen, sagt Hasan. Bei den Kindern des IS mache er aber eine Ausnahme. "Denn wer würde sie nehmen?" Auch für das Kind sei es besser, die Wahrheit nie zu erfahren.
Und wenn das Kind fremd aussieht, weil sein Vater ein blonder IS-Kämpfer ist?
"In der kurdischen Gesellschaft kommen alle Haarfarben vor", sagt Hasan. Er hat dazu ein Sprichwort parat: "Der Bauch ist wie ein Garten, alles kann darin wachsen."
Ein adoptiertes IS-Kind wird in das Ehezeugnis der neuen Eltern aufgenommen. Sobald es dort steht, gehört es fest zur Familie. Die Nachbarn fragen nicht nach, Stammesstrukturen sind das Gerüst der kurdischen Gesellschaft. Die Demütigung, ein Kind des IS zu sein, ist getilgt.
Die Babys, die zu Dr. Taib und Richter Hasan kommen, haben Glück. Nur können sie nicht allen Frauen helfen, weil nicht alle Frauen sich an Hilfsorganisationen wenden. Einige sind so schwer traumatisiert, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Sie haben sich in einer eigenen Realität eingerichtet, erzählen eine Geschichte, in der ihr Baby in einer Liebesbeziehung mit dem Ehemann gezeugt wurde, unter dem Horror des IS. Für einige Frauen ist es die einzige Möglichkeit, mit der Wahrheit zu leben.
Sajedah gehört zu ihnen, eine 18-jährige Jesidin, die in einem Rohbau am Stadtrand von Dohuk lebt. Neben ihr schaukelt in einer Wiege ihr Baby Nura. Alter: gut fünf Monate. Schlaf: gut. Hunger: oft. Laune: mittel, da Husten. Auf dem Kopf eine Mütze mit einem Teddy, rosa Schnuller im Mund, wache braune Augen. Die Nachbarn sagen: Nura sei ein Kind von Daisch, daran gebe es keinerlei Zweifel.
Die Luft senkt sich kühl von den Bergen hinab auf das ärmliche Viertel, in dem die Straßen Furchen sind und die Häuser Gerippe aus Stein. Die Familie ist um die Wiege herum zusammengekommen, Großmutter, Großvater, Tanten, Onkel und Sajedah, blass unter dem Licht einer Neonröhre. Sie trägt einen Rock und einen Schal, lose um den Kopf geschlungen, lächelt schüchtern, ihr Gesicht wird wieder zur Maske, sie lächelt, schnell geht das, so schnell, als gäbe es zwischen innen und außen keine Grenze, keinen Schutz mehr.
Sajedah sitzt von der Wiege ein paar Meter weit entfernt. Erst nach einer halben Stunde sagt sie: "Das Kind in der Wiege ist mein Kind." Seit einem halben Jahr lebt sie in Freiheit, sie hat Nura nach 14 Monaten in Gefangenschaft geboren. Hochschwanger im neunten Monat entkam sie ihrem letzten Peiniger in der Stadt Tall Afar, sie zwängte sich mithilfe eines Mittelsmanns des kurdischen Netzwerks im IS-Gebiet in das Innere eines Wassertankers, der sie rausfuhr aus der Hölle.
Sie ist schwer traumatisiert, man kann es spüren an jeder ihrer Bewegungen, an ihrem Blick, dem Wechsel ihrer Stimmung, dem Ausdruck in ihrem Gesicht.
Es ist nicht sicher, ob ihre Geschichte so stimmt, es lässt sich nicht nachprüfen. Sajedah würde wohl daran zerbrechen, wenn sie anerkennen müsste, dass ihr Baby das Kind eines IS-Kämpfers ist. Sie schwärmt von ihrem Mann Misban, der im Krieg mit dem IS verschwunden ist, er ist ihr Held, seinen Namen hat sie sich mit einer Nadel und einer Paste aus Gräsern auf den Arm tätowiert. Aber auch Misban kann sie vor den Vorwürfen der Nachbarn nicht retten.
Als der "Islamische Staat" Anfang August 2014 ihr Dorf Tall Asser überfiel, war Sajedah in Misbans Haus. Sie wurden gemeinsam entführt, es war Mitternacht, die Kämpfer brachten sie zu verschiedenen Sammelstellen. Männer und Frauen wurden getrennt, dann aber kam Sajedah zu ihrem Ehemann zurück. Einzelne ehemalige IS-Gefangene haben berichtet, dass das unter dem IS eine gängige Praxis gewesen sei. Die Kämpfer transportierten das junge Paar von Ort zu Ort: Misban musste als Lkw-Belader arbeiten. Sajedah blieb im Haus.
"Ein halbes Jahr ging das so", sagt Sajedah. "In dieser Zeit zeugten wir das Kind."
Als mehreren Familien die Flucht gelang, trennte der IS die Paare. Nach neun Monaten Gefangenschaft wurde Sajedah zum ersten Mal verkauft. "Da war ich schon schwanger", sagt sie. "Im vierten Monat."
Der erste Kämpfer, der sie kaufte, habe ein Ultraschallbild machen lassen, erzählt sie. Danach gab er sie zurück wie eine Ware, die man reklamiert. Der zweite Kämpfer schlug ihr brutal in den Bauch, in der Hoffnung, dass sie das Baby verliert. Der dritte behielt sie fünf Tage lang. Der vierte war ein alter Mann, auch er ließ eine Ultraschalluntersuchung machen und sah, dass es ein Mädchen werden würde. "Ich werde es umbringen und dich dann weiterverkaufen", das seien seine Worte gewesen. Da waren es noch zehn Tage bis zur Geburt.
Als der vierte Mann verreiste, loggte sich Sajedah auf seinem Computer bei Facebook ein und kontaktierte das Netzwerk, das sie schließlich befreite und rettete. Nach ihrer Befreiung fastete sie sechs Tage lang, als Dank an Gott. Sie bekam Nura im Krankenhaus von Dohuk. An die ersten Tage könne sie sich nicht mehr erinnern, sagt sie, alles sei so schnell gegangen.
"Ich bin mir sicher, dass Nura das Kind meines Mannes ist", sagt sie leise. "Nur, außer den Eltern glaubt mir das niemand."
Wenige Tage vor der Geburt waren einige Nachbarn zu ihrem Haus gekommen. Sie stellten sich ins Wohnzimmer vor Sajedah und sagten: "Dein Baby ist von Daisch. Warum hast du es nicht abgetrieben?"
Auf dem Markt sagte jemand zu ihrer Schwester: "Tötet euer Daisch-Baby lieber." Als Sajedah davon hörte, lief sie mit Nura in die Dusche, sie wollte sie mit einem Schal erwürgen, danach sich selbst töten. Doch ihre Mutter rannte ihr hinterher.
Sajedah versucht jetzt, auf das Gerede der Nachbarn nichts mehr zu geben. Sie nimmt Nura aus der Wiege, zieht ihr die Hose herunter und zeigt einen Bluterguss an ihrem Hintern. Ein IS-Mann habe sie so fest in den Bauch geschlagen, dass auch Nura verletzt worden sei, sagt sie. Bei der Geburt sei der Fleck schwarz gewesen. Medizinisch ist die Geschichte, die sie erzählt, eher unwahrscheinlich, die Tatsache, dass ein Bluterguss nach so langer Zeit noch sichtbar ist, kaum vorstellbar.
Dann sagt sie: "Ich schlage Nura auch, wenn sie schreit. Ich gebe sie dann schnell meiner Mutter." Jedes Mal, wenn das Kind traurig sei, werde auch sie traurig und böse.
Sajedah bemüht sich sehr, Nura eine Mutter zu sein. Sie lächelt sie an, auch wenn sie sich dazu zwingen muss. Sie schaukelt die Wiege und setzt sich dann weit davon weg. Als Sajedahs Vater eine Diskussion über Nuras Ausweis beginnt, den die Familie nicht bekommt, weil Misban als Ehemann offiziell unbekannt ist und niemand ein Ehedokument hat, springt sie auf und tigert durch den Raum wie ein verwundetes Tier. Sie geht kaum noch vor die Tür. Sajedah ist mit ihrem Baby von einem Gefängnis in das nächste geraten.
Vor ein paar Wochen hat eine NGO sie zu einem Sprachkurs nach Arbil eingeladen. Zehn Tage lang lernte sie mit anderen Frauen, die den IS-Terror überlebt haben, englische Wörter. Sie wuschen sich gegenseitig die Füße, schauten Videos auf ihren Handys, gingen durch die Straßen und tranken Granatapfelsaft, wie früher. Sajedah fühlte sich glücklich, frei. Nura, das Baby, blieb daheim in der Wiege.
Als sie in Arbil in einen Bus stieg, um wieder nach Hause zu fahren, Sajedah, die stolze Frau, die einmal Anwältin werden wollte und sich an jede Ungerechtigkeit erinnern kann, die in ihrer Schule, bei Freunden passierte, hatte sie nur einen Gedanken: Sie wäre gern eine Mutter für Nura. Aber sie weiß, das wird schwer.
Von Katrin Kuntz (Text) und Maria Feck (Fotos)

DER SPIEGEL 15/2016
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