09.04.2016

GeschichteÜberfall mit dem Rammsporn

Schon in der Antike machten Piraten Jagd auf Handelsschiffe und wurden durch Sklavenhandel reich. Erstmals erinnert eine Ausstellung an die Urväter der Kaperfahrt.
Als der junge Julius Cäsar im Jahr 75 vor Christus nach Rhodos zum Rhetorikkurs fuhr, wurde seine Seereise nahe Milet böse gestoppt. Raubeinige Kriminelle enterten das Schiff und forderten als Lösegeld 50 Talente Silber (etwa 1,3 Tonnen). 38 Tage lang dauerte die Beschaffung der Münzen. Der Gefangene hielt sich derweil mit Turnen und Gedichteschreiben fit.
Die Unglücksfahrt des berühmten Römers wirft Licht auf einen Berufsstand, der bereits im Altertum als "Geißel der Menschheit" galt. Tausende Frachter, beladen mit Seide, Straußeneiern, Zinnbarren oder Ebenholz, schaukelten einst übers Mittelmeer. Nach all diesen Luxusgütern gierten die Freibeuter der Antike.
Von unzugänglichen Buchten aus belauerten die Gauner den Überseehandel. Die frühesten Quellen – Tontafeln aus Ägypten – berichten von "Männern aus Lukki" (im Südwesten der Türkei), die um 1350 vor Christus auf Raubzug gingen.
Zeugnisse hinterließen die Seeräuber kaum, weder schrieben sie Memoiren, noch gibt es von ihnen Büsten oder Grabmäler. Und doch liegen neue Nachrichten vor: Unterwasserarchäologen haben gekaperte Wracks aufgespürt; in Griechenland wurden Steininschriften entziffert, in denen von abgepressten Geldern und verschleppten Kindern die Rede ist; und auf dem Balkan kamen vergrabene Gelddepots zutage – mutmaßlich versteckte Beute von Piraten.
Nun widmet sich erstmals auch eine Ausstellung dem Thema. Am 23. April startet unter dem Motto "Gefahr auf See" im Varusschlacht-Museum von Kalkriese eine Schau, die ins Reich der antiken Korsaren führt. Parallel dazu erscheint ein Buch, das vom Leben der Urväter Captain Hook und Störtebeker erzählt(*).
Gezeigt werden 130 Exponate, darunter das römische Abbild eines nackten, gefesselten Korsaren oder auch ein fast 500 Kilogramm schwerer Rammsporn aus Bronze. Mit solchen Metalldornen wurden die Schiffe der Opfer gleichsam aufgeschlitzt und manövrierunfähig gemacht.
Strikt getrennt wie heute waren Handel und Kaperei im Altertum allerdings noch nicht. Der altgriechische Ausdruck "peira", aus dem sich das Wort Pirat entwickelte, bedeutet Überfall, aber auch ganz wertneutral Versuch, Unternehmen.
Auch vermeintlich ehrbare Seehändler griffen, wenn sich ihnen die Gelegenheit bot, zum Enterbeil – besonders die Griechen. "In alten Zeiten", als das Volk der Hellenen zwecks Kolonienbildung zu anderen Ufern strebte, "überfielen und plünderten" sie unentwegt fremde Siedlungen, klagt der Historiker Thukydides (geboren um 460 vor Christus).
Odysseus, der tapfere Epenheld, macht da keine Ausnahme. Homer zufolge hat er mit seiner Mannschaft schon neun maritime Raubzüge hinter sich, bevor er in den Trojanischen Krieg aufbricht. Auf dem Heimweg irrlichtert er zehn Jahre lang auf den Wellen umher und mordet weiter – etwa im Land der Kikonen: "Ich würgte die Männer. Aber die jungen Weiber und Schätze teilten wir alle unter uns gleich", heißt es in der "Odyssee".
Die typische Taktik bestand anfangs vor allem im schnellen Vorstoß gegen ungeschützte Küstenorte. Gern kamen die Seeräuber nachts angerudert, besetzten blitzartig die Häfen und stahlen Kostbarkeiten und Lebensmittel.
Erst im 7. Jahrhundert vor Christus, mit der Erfindung der Triere, wurde auch das Kapern auf hoher See möglich. Das wendige Schiff bot Platz für 170 Matrosen, gestaffelt auf drei Ebenen. Im Stakkato der eintauchenden Ruder jagte das Boot wie eine Rennmaschine übers Wasser und verfolgte fliehende Frachter.
Der berühmteste Freibeuter jener Zeit, Polykrates, operierte von Samos aus mit 100 pfeilschnellen "Fünfzigruderern". Von der Beute ließ er sich auf der Insel einen Palast bauen, in dem er – Rosenkränze im Haar und umsorgt von weich gelockten Knaben – üble Zechgelage feierte. Sein Hofdichter Anakreon veredelte die Besäufnisse mit blumigen Versen.
Dass der verruchte Mann von Samos so mächtig wurde, hängt mit den "instabilen politischen Verhältnissen" der Zeit zusammen, wie die Buchautorin Derks anmerkt. Auf hoher See brannte im Altertum ein Krieg aller gegen alle: Perser kämpften gegen Griechen, die sich zugleich mit Seleukiden, Etruskern und Karthagern stritten – und umgekehrt. Von Küstenwacht keine Spur.
Nicht selten waren die Piraten abgehalfterte Militärs oder entlassene Flottengeneräle, die nach dem Krieg auf eigene Faust weiterplünderten. Die Folge: Ohne Geleit trauten sich die Kaufleute bald kaum noch auf die Wellen. Rhodos bot zeitweise Schutz und Patrouillenfahrten gegen den "bösen Befall" an und sicherte den Seekorridor nach Ägypten.
Aber auch die Piraten rüsteten auf. Sie erlernten das Entern. Wo das nicht klappte, beschossen sie den Feind aus der Ferne mit Feuerkatapulten. In römischer Zeit kamen die Klappbrücke und der Harpunenbalken hinzu.
Ein vor Kyrenia (Nordzypern) entdecktes Wrack weist deutliche Spuren einer feindlichen Übernahme auf. Das Schiff war mit 380 Weinamphoren, Eisenbarren, Mandeln, Oliven und Rosinen beladen. Wertsachen fehlen. Je vier Löffel, Becher, Teller und Salzstreuer deuten darauf hin, dass die Mannschaft nur aus einem Quartett bestand. Als der Angriff erfolgte, war der Pott bereits etwa 80 Jahre alt, morsch und mehrfach geflickt worden.
Kein Wunder also, dass der Gegner, der wahrscheinlich mit einer schnellen Triere herangeschossen kam, ein leichtes Spiel hatte. Die Forscher vermuten, dass die Piraten einen Hagel von Pfeilen abschossen, die in die mit Blei verkleidete Bordwand schlugen. Einige dieser Geschosse konnten am Meeresgrund geborgen werden. An ihren Spitzen haften noch Bleireste.
Nur, wo befanden sich die Schlupfwinkel der Halunken? Die Archäologin Wiebke Friese ist sicher, dass es schon in der Antike Freibeuternester gab: "aus Strandgut zusammengebaute Hütten, dunkle Höhlen mit riesigen Waffen- und Alkoholvorräten, in uneinsehbaren Buchten gelegen". In diesen Verstecken, so Friese, hätten die Piraten auch ihre Verwundeten gepflegt und dorthin die Schätze in Sicherheit gebracht.
Das Identifizieren solcher Ruinen ist allerdings schwer. Rumflaschen gab es noch nicht, auch nicht die Totenkopfflagge, den Jolly Roger. Immerhin: Dem US-Ausgräber Nick Rauh ist es jüngst gelungen, in der Türkei einige Höhlen, Bastionen und sogar ein Waffenzentrum von Korsaren nachzuweisen.
Ebenso stehen die Bewohner der Insel Antikythera im Verdacht der Seeräuberei. Fast tausend Menschen lebten auf dem kargen Eiland – viel zu viele, um sie mit der heimischen Ernte zu ernähren. Außerdem konnten die Forscher auf der Insel ungewöhnlich viele Schleuderbleie freilegen. Mit Lederschlaufen abgeschossen, flogen sie 300 Meter weit. Es war eine wichtige Waffe der Korsaren.
Neue Einsichten liefern zudem mehrere gewaltige Münzfunde, die unter anderem in Risan (Montenegro) oder Mazin (Kroatien) zutage kamen. Die Schätze bestehen jeweils aus Tausenden Geldstücken, zusammengeklaubt aus aller Herren Länder, die um 230 vor Christus als Horte verbuddelt wurden.
Zu der Zeit trieb gerade die Piratenkönigin Teuta ihr Unwesen. Vom heutigen Albanien aus befehligte sie eine Bande von Wasserschurken, die auf der Adria plünderten. Es heißt, dass die dunkle Regentin ihr Raubgut, darunter Gold, Silber und Juwelen, auf 40 Maultieren ins Hinterland schleppen ließ, um es an einem entlegenen Ort zu vergraben.
Aber auch den antiken Liebesromanen lassen sich spannende Details entnehmen. Mehr als 20 dieser Sex-and-Crime-Schmöker sind überliefert. Oft dreht sich die Handlung um ein Liebespaar aus bestem Hause, das auf See von Piraten entführt, versklavt und in heillose Abenteuer gestürzt wird. Selbst die brutalen Details des Menschenraubs kommen in den Werken zur Sprache: Frauen werden auf dem Schiffsdeck enthauptet, oder sie knien blutüberströmt zwischen erschlagenen Matrosen.
In der Realität sah es kaum besser aus. Tatsächlich widmeten sich die Seeräuber im 2. Jahrhundert vor Christus zunehmend dem Menschenhandel. In der Nilmündung lauerten Flusspiraten und hielten Ausschau nach Beute. Auch von Kreta aus gingen die Häscher auf Raubtour.
Schuld an dem Aufschwung des Sklavenhandels war vor allem die römische Landwirtschaft, die mehr und mehr in die Hand von Großgrundbesitzern geriet. Auf deren Riesengehöften waren Abertausende Knechte mit der Ernte von Oliven oder Gurken beschäftigt. Der Bedarf an entrechteten Arbeitskräften stieg enorm an.
Dieses Geschäft rissen die Piraten an sich. Zuverlässig sorgten sie für Nachschub. Eine Felsinschrift, entdeckt auf der griechischen Insel Amorgos, kündet davon, dass Seeräuber "in der Nacht einen Einfall verübten und mehr als 30 Mädchen, Frauen und andere Personen raubten". Die Schiffe im Hafen seien versenkt worden. Dann machten sich die Ganoven mit der "gesamten Beute" davon.
Zur Drehscheibe des Sklavenhandels wurde die griechische Insel Delos. Strabon erwähnt, dass dort täglich bis zu 10 000 Gefangene unter Peitschenhieben in die Zwangsarbeit verkauft wurden.
Etwa ab 140 vor Christus entstand in der Südtürkei sogar eine Art Piratenstaat, mit dem heutigen Alanya als Hochburg. Die Banden verfügten über tausend Schiffe und 400 Stützpunkte bis hin nach Gibraltar. Ganze Weizenflotten aus Ägypten leiteten die Beutemacher um. Andere verlegten sich aufs Erpressen und Kidnappen reicher Römer. Sogar die Tochter eines Konsuls wurde verschleppt.
So schwelgten die Kriminellen des Meeres bald in Pomp und Überfluss. "Ihre vergoldeten Leinen, ihre purpurnen Segel und silbernen Ruder, die Flöten und Geigen, die Saufgelage, die sie auf jeder Fahrt veranstalteten, sind eine Schande", empörte sich ein antiker Beobachter.
Erst der römische Stratege Pompejus beendete den Spuk. Mit 500 Schiffen, unterstützt durch eine 120 000 Mann starke Infanterie, durchkämmte er 67 vor Christus zu Land und zu Wasser alle verseuchten Zonen des Mittelmeerraums. Zuletzt trieb seine Armada 30 000 Seediebe zur Entscheidungsschlacht vor der türkischen Küste zusammen. Jeder dritte Freibeuter wurde hingerichtet.
Danach war Ruhe. Das Imperium hatte sein Gewaltmonopol auch auf dem Meer durchgesetzt. Allerdings nur bis zum 3. Jahrhundert: Dann belebte der germanische Stamm der Goten die maritime Wegelagerei erneut. In späterer Zeit folgten die Wikinger, Klaus Störtebeker und seine Vitalienbrüder, muslimische "Barbaresken" und schließlich englische Haudegen wie Captain Blackbeard.
Den Geschichtsschreiber Cassius Dio hätte dieser Aufmarsch an Holzbeinen, Augenklappen und schwarzen Flaggen quer durch die Jahrhunderte nicht überrascht. Er sagte dies schon vor knapp 2000 Jahren voraus: "Die Seeräuberei ist von jeher betrieben worden und wird stets betrieben werden, solange die menschliche Natur dieselbe bleibt."
* Heidrun Derks: "Gefahr auf See – Piraten in der Antike". Theiss Verlag, Darmstadt; 112 Seiten; 19,95 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 15/2016
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