16.04.2016

GesundheitDer nette Dr. Flipper

In der Karibik lässt eine Deutsche behinderte Kinder mit Delfinen schwimmen. Doch die Therapie ist umstritten: Psychologen glauben an eine heilsame Wirkung – Verhaltensforscher sorgen sich um das Wohl der Tiere.
Lina darf sich jetzt was wünschen: Was soll der Delfin machen? Wasserschlacht? Durch einen Reifen springen? Sie an den Füßen durch das Becken schieben?
Die Sechsjährige möchte, dass er ihr einen Kuss gibt. Sie tippt auf eine Bildkarte mit dem entsprechenden Foto. Auf ein Zeichen der Tiertrainerin hin nähert sich der Delfin dem Kind. Ihre Lippen und seine Schnauze berühren sich. Lina strahlt – und Steffi Böddeker strahlt mit. "Sie lässt sich voll darauf ein", sagt die Mutter und kann ihren Blick kaum von ihrer Tochter lassen.
Lina leidet unter einem seltenen Gendefekt, durch den sich ihre geistige und körperliche Entwicklung verzögert. Seit das Mädchen anderthalb ist, bekommt es Sprachheil-, Ergo- und Physiotherapie und geht zur Sehschule. "Sie hat sich gut entwickelt", sagt Böddeker. Doch immer noch spreche ihre Tochter nur etwa zehn Wörter, habe motorische Probleme.
Nun soll sie die Heilkraft der Tierbegegnung erleben: Wassertemperatur 26 Grad; eine strahlende Karibiksonne über einem azurblauen Meer; und ein Großer Tümmler namens Nubia, der dem Mädchen zugeneigt scheint. "Ich könnte platzen vor Stolz", sagt die Mutter, als sie erfährt, dass Lina im Wasser sogar das Wort "Karte" gesagt hat, "für mich hat sich der Besuch hier jetzt schon gelohnt."
Für Lina ist es erst der zweite Tag ihrer Delfintherapie am Curaçao Dolphin Therapy & Research Center (CDTC). Doch ihre Eltern sind bereits hin und weg.
Sehr bewegt zeigt sich auch Kirsten Kuhnert, die Linas Übungen vom Beckenrand aus verfolgt. Die Deutsche ist Programmdirektorin des CDTC. Auf Curaçao will sie den Nachweis erbringen, dass Delfintherapie wirkt.
Hunderte Patienten reisen im Jahr in die Karibik, aber auch in die USA, nach Israel oder in die Türkei, um ihr Heil bei den schlauen Meeressäugern zu suchen. Auf Curaçao gehen inzwischen rund 400 Kranke jährlich mit Delfinen baden. Die meisten von ihnen sind behinderte Kinder mit Leiden wie Zerebralparese, Apraxie oder Downsyndrom. Auch Autisten, Unfall- oder Gewaltopfer suchen Linderung bei Doktor Flipper. Gerade läuft ein Projekt mit Soldaten, die an posttraumatischer Belastungsstörung leiden.
"Wir holen jeden Patienten da ab, wo er gerade ist", sagt Kuhnert und schwärmt von "Wassertemperaturen vergleichbar mit jenen eines therapeutischen Bewegungsbades" und "besten Bedingungen für die Tiere".
Die Vorwärtsverteidigung gehört zum Geschäft. Denn kaum eine Tiertherapie ist so umstritten wie die mit Delfinen.
Ist das, was hier angeboten wird, wirklich medizinisch wirksam und jene 7590 Dollar wert, die das CDTC für eine zweiwöchige Flipper-Therapie verlangt? Oder handelt es sich doch nur um esoterischen Firlefanz, eine Art Ringelpiez mit Meeressäugern?
Tierschützer bekümmert zudem die Frage, wie es den Delfinen dabei geht. Unter "chronischem Stress" würden sie stehen, klagt die amerikanische Neurowissenschaftlerin Lori Marino.
Wer die Wahrheit finden will, kommt an Kuhnert kaum vorbei. Persönliche Betroffenheit machte für sie die Delfintherapie zum Lebensthema. Kuhnert hat den Albtraum aller Eltern erlebt.
Im Juni 1994 fiel ihr Sohn Tim, damals gerade zwei Jahre alt, während der Tauffeier ihrer Tochter unbemerkt in ein Schwimmbecken. Nur knapp konnte der Junge ins Leben zurückgeholt werden. Doch sein Gehirn blieb zu lange ohne Sauerstoffversorgung. 15 Monate lang lag Tim im Koma. Auf der Intensivstation träumte die Mutter davon, "dass Timmy mit Delfinen schwimmt und dabei lacht". Das war die Initialzündung.
Kuhnert machte sich kundig, flog mit ihrem schwerbehinderten Sohn nach Florida zu David Nathanson, einem der Pioniere der Delfintherapie. Tim reagierte zunächst gar nicht auf die Tiere. Am vierten Tag jedoch geschah "das Wunder", wie Kuhnert es nennt. Tim lachte. "Ich wusste endlich, dass er noch da war", sagt Kuhnert, "ich war so glücklich."
Seither ist die Deutsche auf einer Mission. Sie gründete eine Hilfsorganisation, schrieb Bücher über ihre Erfahrungen. "Ich will den Weg für jene abkürzen, die auch an einem lauschigen Sonntag plötzlich auf der Intensivstation sitzen", sagt sie. Unterstützung hatte sie dabei zunächst kaum. Im Gegenteil: "Mich hat man quasi geteert und gefedert und vom Hof gejagt", sagt Kuhnert. "Nach Auffassung vieler Schulmediziner habe ich mein eigenes Kind zum Voodoo gebracht und dann anderen Eltern empfohlen, es genauso zu machen."
Inzwischen gibt es zumindest Hinweise, dass der Kontakt mit Delfinen tatsächlich helfen könnte. Krude Esoterik oder blumige New-Age-Verklärung des Delfins muss für den Wirksamkeitsnachweis aber nicht herangezogen werden. Auch die These, der Ultraschall der Tiere habe heilende Wirkung, ist Unsinn. Die Wahrheit ist womöglich viel simpler: Der Delfin scheint – wie Pferde und andere Tiere auch – einfach ein guter Motivator für therapiemüde Dauerpatienten zu sein.
"Am besten wirkt die Therapie bei Kindern und Jugendlichen mit schweren Behinderungen", sagt Erwin Breitenbach, Rehabilitationspsychologe an der Humboldt-Universität Berlin. Sein Team hat die Delfintherapie jahrelang am Delfinarium in Nürnberg erforscht. Richtig eingesetzt, sagt er, könne nicht nur den Patienten selbst, sondern vor allem auch deren Angehörigen geholfen werden.
"Sozialverhalten, Kommunikation und Interaktion zwischen Eltern und Kind werden verbessert", sagt der Psychologe. Mit seiner Vielseitigkeit und hohen Lernbereitschaft sei der Delfin ein hervorragender Partner. "Das Kind wird motiviert, Dinge zu tun, die die Eltern niemals für möglich gehalten hätten", sagt Breitenbach. "Die Eltern schöpfen neue Hoffnung, trauen ihrem Kind mehr zu und erwarten mehr von ihm."
Auch der Entwicklungspsychologe Rolf Oerter, emeritierter Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München, hält die "delfingestützte Therapie" für wirksam. Oerters Team hat Doktor Flipper auf Curaçao, im israelischen Eilat und in Floridas Key Largo studiert. "Delfintherapie kann Motivationsblockaden lösen", so sein Fazit. Viele Schwerstbehinderte seien nach Jahren der Behandlung "austherapiert". Bei den Tieren würden sie "eine völlig andere Art von Begegnung" erfahren.
"Das scheint Kräfte freizusetzen und ungeahnte Fähigkeiten freizulegen", schwärmt Oerter. Die Patienten hätten nach Aussage der Eltern sogar noch sechs Monate später vom gemeinsamen Planschen mit den Meeressäugern profitiert. "Delfine haben ein feines Gespür für die Störungen, die die Kinder haben", glaubt der Psychologe.
Anderen Experten gehen solche Deutungen viel zu weit. Insbesondere viele Verhaltensforscher halten die Delfintherapie sogar für Tierquälerei. "Ich kann verstehen, dass verzweifelte Menschen ihr Heil in solchen Zentren suchen", berichtet die US-Wissenschaftlerin Marino. "Traurigerweise ist ihnen vielleicht nicht klar, dass die Delfine, von denen sie sich Hilfe erhoffen, psychologisch und physisch ähnlich traumatisiert sind wie sie selbst."
Hinter dem vermeintlich freundlichen Lächeln der Meeressäuger würden sich Wildtiere verbergen, die "ihr Leben unter enormem Stress verbringen", sagt die Forscherin. "Gefangene Delfine verlieren jeden Anschein eines normalen Soziallebens."
Marino hält das Bad mit den Tümmlern deshalb sogar für riskant. "Wer zu Delfinen ins Wasser steigt, ist mit einem wilden Tier im Wasser, das wahrscheinlich frustriert und hyperaggressiv ist, weil es in Gefangenschaft leben muss", berichtet sie.
Immer wieder würden Patienten beim gemeinsamen Bad verletzt. Auch könnten Krankheiten von Delfin zu Mensch oder umgekehrt übertragen werden.
Zudem würden die Studien bislang nicht eindeutig belegen, was eigentlich die angebliche Wirkung der Tiertherapie ausmache, berichtet Marino. Ist es wirklich der Delfin? Oder doch nur der exotische Ort, das angenehme Klima und die gemeinsame Zeit mit der Familie?
Auch David Pfender von der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation mag nicht an die Heilkraft der Meeressäuger glauben. "Der Delfin interagiert mit dem Tiertrainer, von dem er etwas zu fressen kriegt", sagt er. Den Kontakt mit den Kindern dagegen würden die Tiere eher meiden. Die Veranstalter würden die Begegnung zwischen Mensch und Meeressäuger gern als beiderseitiges Vergnügen vermarkten. Den Spaß habe dabei aber nur der Mensch.
"Es gibt genügend domestizierte Tiere wie Pferde oder Hunde, die den Umgang mit Menschen gewohnt sind und viel besser für tiergestützte Therapien eingesetzt werden können", sagt Pfender. "Das ist kostengünstiger, und die Therapie ist nicht auf wenige Wochen beschränkt, sondern kann viel langfristiger angelegt werden."
Der Tierschützer befürchtet zudem, dass der Druck auf die Wildbestände der Meeressäuger zunehmen könnte, sollte die Delfintherapie weiter an Popularität gewinnen. Tatsächlich finden blutige Treibjagden wie jene in der japanischen Taiji-Bucht auch deshalb noch statt, weil die Fischer die Tiere für viel Geld an Delfinarien in aller Welt verkaufen können.
Befürworter der Delfintherapie nehmen die Kritik ernst. "Es gibt viele unseriöse Angebote", warnt der Psychologe Oerter. Interessenten sollten die Herkunft der Tiere und die Therapie genau prüfen.
"Wichtig ist, dass es ein therapeutisches Konzept gibt und dass die Therapie regelmäßig evaluiert wird", sagt Breitenbach. Gerade ihm werfen Kritiker allerdings vor, sich in seinen Studien vor allem auf die subjektiven Aussagen der Eltern gestützt zu haben, die fast durchweg Fortschritte bei ihren Sprösslingen zu Protokoll gaben. Für Breitenbach spielt das aber keine Rolle. "Entscheidend ist, dass Eltern und Kind hinterher besser miteinander klarkommen", sagt er. "Denn dann verbessert sich die Familiensituation auf alle Fälle."
Was also wiegt schwerer: das kurze Glück behinderter Kinder – oder das Wohl der Wildtiere? Auch in der Anlage in Curaçao tummeln sich nicht nur Tiere, die dort geboren wurden. Für die Mehrzahl der Delfine aber ist die Meerwasserlagune der einzige Ort, den sie kennen. Über eine Steinmole rollen die Ozeanwellen direkt in das Becken hinein. Alle paar Tage würden die Tiere auf den offenen Ozean hinausgelassen – und kehrten alle freiwillig zurück, beteuert Kuhnert.
Während der Therapie setzen die Trainer die Meeressäuger dann gleichsam als Assistenten ein. Angeleitet von Physio-, Ergo- oder Sprachheiltherapeuten machen die Patienten im Wasser oder auch am Ufer ihre ganz normalen Übungen. Der Delfin ist dabei und wird, wo immer möglich, mit einbezogen.
"Bei dem einen reduziert es die Spastik, der andere guckt Mami zum ersten Mal in die Augen", schwärmt Kuhnert. 70 bis 80 Prozent der Familien würden wiederkommen, berichtet sie. Gleichzeitig aber warnt auch sie vor überzogenen Erwartungen. "Wir sind hier nicht in Lourdes. Wir sagen nicht: Tauch dein Kind ins Wasser, und dann kann es wieder laufen."
Linas Therapiestunde ist für heute vorüber. Für Delfinweibchen Nubia jedoch geht es weiter. Eine neue Patientin wartet schon – eine Prominente aus Deutschland: Im dünnen Neoprenanzug sitzt die Sportjournalistin Monica Lierhaus auf einem der blauen Pontons am Delfinbecken.
Auch Lierhaus ist zur Rehabilitation hier. Vor sieben Jahren ging bei ihr die Operation einer Arterienerweiterung im Gehirn schief. Lierhaus lag für vier Monate im künstlichen Koma. Danach konnte sie nicht mehr richtig sprechen. Ihr Bewegungsvermögen war eingeschränkt.
"Monicas linke Seite ist immer noch geschwächt", sagt Schwester Eva Lierhaus, die mit in die Karibik gereist ist. Fasziniert beobachtet sie nun, wie sich Delfin Nubia der Patientin nähert und sie dann am linken Bein durch das Becken schiebt.
"Ganz entspannt" erlebt Eva Lierhaus an diesem Tag ihre sonst so angestrengte Schwester: "Ich habe Monica noch nicht so glücklich gesehen seit dem Unfall."

Mail: philip.bethge@spiegel.de, Twitter: @philipbethge

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Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 16/2016
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