16.04.2016

BankenVerlorene Schätze

Aus einem Tresorraum der ehemaligen WestLB wurden wertvolle Bilder gestohlen, darunter Lithografien der berühmten Stier-Serie von Pablo Picasso. Der Raub ist ein weiterer Höhepunkt im Drama um die Verkäufe von NRW-Kunstwerken.
Monatelang hatten sie gestritten. Dann verkündete Nordrhein-Westfalens Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) die "Quadratur des Kreises". In der gerade abgeschlossenen Vereinbarung, sekundierte seine für Kultur zuständige Ministerkollegin Ute Schäfer (SPD), sei es gelungen, den "Einfluss des Landes bestmöglich" zu wahren.
Der Plan der beiden Minister, ausgetüftelt an einem runden Tisch mit Kunstexperten, Managern der WestLB-Nachfolgerin Portigon und der landeseigenen NRW-Bank, versprach tatsächlich Vorteile für alle Seiten: Ein Großteil der rund 380 Kunstwerke der Bank mit einem Versicherungswert von rund 27 Millionen Euro sollte von der landeseigenen Portigon an eine Stiftung übergehen – bezahlt von NRW zu den Marktpreisen, die Portigon forderte.
Damit schien die hitzige Debatte um landeseigene Kunst beendet. Sie hatte 2014 mit dem Verkauf zweier Bilder des US-Künstlers Andy Warhol für rund 151 Millionen Dollar durch die nordrhein-westfälischen Spielbanken begonnen und neue Nahrung erhalten, als die WestLB-Nachfolgerin ankündigte, ihre Kunstwerke ebenfalls versteigern zu wollen. Nun aber jubelte das "Handelsblatt" angesichts der Einigung, Schäfer sei es mit "Geschick und Fingerspitzengefühl" gelungen, die bedeutende Kunstsammlung im Lande zu halten.
Das klingt gut. Ist aber leider falsch. Denn zu diesem Zeitpunkt waren Teile der Sammlung schon gar nicht mehr im Besitz von Portigon. Es fehlten zwölf Objekte, die zum Teil wiederum aus mehreren einzelnen Bildern bestehen. Sie wurden aus einem eigens für sie eingerichteten Tresorraum gestohlen. Die berühmten Stier-Lithografien von Pablo Picasso sind ebenso darunter wie ein Gemälde der Expressionistin Gabriele Münter. Der Schaden geht in die Millionen.
Die Werke sind nach SPIEGEL-Informationen mindestens seit dem 16. Januar 2015 verschwunden. Das Land Nordrhein-Westfalen und die Portigon AG wussten also während der gesamten Diskussion um den Verkauf der WestLB-Kunst, dass Bilder fehlten – und ließen die Öffentlichkeit darüber im Unklaren. Eine genaue Aufstellung über die Kunstschätze der ehemaligen Landesbank wurde bis heute nicht veröffentlicht.
Nur wenige Abgeordnete des Düsseldorfer Landtags durften, unter strengsten Auflagen, eine Inventarliste sehen: Sie wurde Mitgliedern der entsprechenden Ausschüsse zum Lesen vorgelegt und danach gleich wieder eingesammelt.
Einige Werke im Besitz der Bank sind seit Langem bekannt: die Skulptur "Toleranz durch Dialog" von Eduardo Chillida oder zwei Stradivari-Geigen. Mit der Zeit sickerten weitere beeindruckende Namen aus der geheimen Inventarliste durch. Sie enthält Werke von August Macke, Emil Nolde, Gerhard Richter, Günther Uecker – und Pablo Picasso.
Dessen elf Stier-Lithografien, vielfach als Lehrstück der Abstraktion gefeiert, sind nun verschwunden. Ebenfalls verschollen ist ein Werk der Expressionistin und ehemaligen Lebensgefährtin von Wassily Kandinsky, Gabriele Münter.
Insgesamt, bestätigte die WestLB-Nachfolgerin Portigon auf Anfrage, haben die gestohlenen Werke einen "Versicherungswert von rund 1,1 Millionen Euro". Die Bank bedauere "den Vorfall außerordentlich".
Die WestLB und die Kunst, das war von Anfang an ein Missverständnis. Es begann 1969, als der damalige Chef der Kunstsammlung NRW den langjährigen WestLB-Chef Ludwig Poullain durch seine Räumlichkeiten führte und ihm eröffnete, das Museum sei am Ende seiner Möglichkeiten. Poullain, ein kunstaffiner Mensch, überlegte nicht lange und sprang ein. Und seine Bank war fortan Kunstsammlerin. "Es ging mir nie darum, in Kunst zu investieren", vertraute Poullain viele Jahre später der "Welt am Sonntag" an. "Ich kaufte die Bilder aus Lust und Freude."
Getreu dieser Devise erwarb der Bankboss während seiner Amtszeit unter anderem einen Max Beckmann. Das Werk mit dem Titel "Selbstbildnis im Hotel" schmückte fortan Poullains Büro. Seine Nachfolger verbannten das Bild zunächst auf den Flur, dann verschwand es ganz – irgendwohin ins Reich der damals weltweit agierenden WestLB.
Wie das Werk wieder auftauchte, sagt einiges aus über den Umgang der Landesbank mit der Kunst. 2006 verkaufte es der damalige WestLB-Vorstandsvorsitzende Thomas Fischer – wohl einfach so für 14 Millionen Euro. Wenige Wochen später wurde es auf einer Kunstauktion in Maastricht für 30 Millionen angeboten. Ein schlechter Deal für die Bank.
2012 wurde die WestLB zerschlagen. Der Niedergang des einst mächtigen Instituts sollte auch das Kapitel Kunst beenden. Aus den weltweiten Filialen an Orten wie Singapur, Sydney und Istanbul wurden Bilder gesichert und abtransportiert. Die meisten verschwanden in einem eigens dafür geschaffenen Raum in der ehemaligen WestLB-Zentrale an der Düsseldorfer Herzogstraße.
Der Raum war gesichert wie ein Tresor. Nur eine Handvoll Mitarbeiter hatte Zugang, sie wurden mit sogenannten Transpondern ausgerüstet. Nur mit diesen Geräten konnten sie die Tür zum Kunstschatz öffnen. Ein hochmodernes Zugangssystem sollte zudem minutiös speichern, welcher Mitarbeiter wann den Raum öffnete, hinein- und wieder hinausging.
Um den Jahreswechsel 2014/15 fielen Unregelmäßigkeiten in dem System auf. Portigon-Chef Kai Wilhelm Franzmeyer hatte gerade mit der Ankündigung, den Kunstschatz meistbietend verkaufen zu wollen, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Nach dem Warhol-Verkauf nun der WestLB-Schatz: Dies habe eine "fatale Signalwirkung" und bedeute einen "besorgniserregenden Dammbruch", tobte der Verband Deutscher Kunsthistoriker in einem offenen Brief an NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD).
Das wahre Drama aber spielte sich im Geheimen ab. Die Kunstbeauftragten der WestLB hatten bemerkt, dass die Transponder sich zu ungewöhnlichen Zeiten in das Sicherheitssystem einloggten, und informierten ihre Vorgesetzten. Eine Überprüfung wurde angeordnet. Das Ergebnis: Zwölf Objekte fehlten, von denen einige, wie Picassos Stier-Serie, aus mehreren Bildern bestanden. Schlamperei? Oder war die Bank ein Opfer professioneller Kunsträuber geworden?
Dafür sprach, dass die fehlenden Bilder so klein waren, dass man sie problemlos aus dem Tresorraum hätte schmuggeln können – zum Beispiel unter einem Mantel. Die Bank alarmierte umgehend die Aufsichtsgremien und die Landesregierung, im Januar 2015 erstattete sie Strafanzeige. Staatsanwaltschaft und Polizei analysierten die Aufzeichnungen des Sicherheitssystems, sie kamen zu einem verblüffenden Ergebnis: Der Tresorraum war zu den als ungewöhnlich aufgefallenen Zeiten ausgerechnet mithilfe des Transponders eines Mitarbeiters geöffnet worden, der für die Kunstschätze mitverantwortlich war.
Sofort fiel der Verdacht auf diese Person, erhärten ließ er sich nicht: Der Mitarbeiter beteuerte seine Unschuld. Jetzt zeigte sich die zentrale Schwachstelle des Sicherheitssystems. Es zeichnet zwar auf, welcher Transponder den Tresorraum geöffnet hat. Aber es weiß nicht, wer den Transponder benutzt hat. In informierten Kreisen heißt es nun, der fragliche Transponder sei in einem Büro deponiert worden und damit einem recht großen Personenkreis zugänglich gewesen.
Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, bat die Staatsanwaltschaft die Portigon um Stillschweigen. Ein ganzes Jahr lang versuchten die Düsseldorfer Ermittler, den Tätern und den gestohlenen Bildern auf die Spur zu kommen. Wenn nicht bekannt würde, dass die Bilder fehlten, könnten sie vielleicht auf dem Schwarzmarkt oder bei Hehlern auftauchen – so das Kalkül der Fahnder.
Doch alle Aufklärungsversuche schlugen fehl. Die Bilder blieben verschwunden, die Täter im Dunkeln. Im Januar dieses Jahres wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt. Auf Anfrage bestätigte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf lediglich die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens "im Zusammenhang" mit mutmaßlich bei der Portigon gestohlenen Kunstobjekten und die Einstellung des Verfahrens.
Nun dürfte aus dem Vorgang ein Fall für die Versicherung der Portigon werden. Sie hatte den Tresorraum und sein Sicherungssystem als adäquat bezeichnet. Die verlorenen Bilder stehen in den Sachfahndungslisten der Ermittler. Doch ob sie je auftauchen werden, ist mehr als ungewiss.
Eine unangenehme Situation für NRW-Finanzminister Walter-Borjans und die heutige Kulturministerin Christina Kampmann (SPD): Wenn sie demnächst wie geplant bekannt geben, welche Kunstwerke aus dem Schatz der WestLB in eine landeseigene Stiftung übergehen, dann werden die Bilder aus der Stier-Serie von Picasso ebenso fehlen wie das Werk Gabriele Münters.
Walter-Borjans dürfte das nicht ruhen lassen. Der SPD-Finanzminister hat sich vor allem dadurch profiliert, Datenträger anzukaufen und damit öffentlichkeitswirksam Steuersünder zu verfolgen. In der Finanzverwaltung fürchten Mitarbeiter nun, er könnte diese Leidenschaft demnächst auf die Kunstszene ausweiten.
Von Frank Dohmen und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 16/2016
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