30.08.1999

SEKT STATT BLUT

VON EGON KRENZ
Der Sturz
Die Temperaturen in Berlin sind im Juni 1989 auszuhalten. Politisch allerdings erlebe ich einen heißen Sommer. Wenn ich morgens gegen 7.30 Uhr in mein Büro komme, liegt eine schlechte Nachricht über der anderen. Es brodelt im Land. Viele Menschen wollen die DDR verlassen. Jeden Tag werden es mehr.
Honecker ist gesundheitlich geschwächt. Er nimmt den Ernst der Lage nicht mehr wahr. Günter Mittag sucht eine günstige Ausgangsposition, um nach Honecker an die Macht zu gelangen.
Wolfgang Herger und ich bereiten Einschätzungen auf. Wenn Honecker aus dem Urlaub kommt, muss im Politbüro unbedingt die reale Situation erörtert werden.
Ich sage dies Erich Honecker am Telefon. Er antwortet: "Mach keine Panik!"
Ich verzweifle: Was muss eigentlich noch geschehen, damit einige erwachen?
* Militärparade am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin.
© Verlag Neues Leben, Berlin.
11. August. Erich Honecker beendet seinen Jahresurlaub. Er kommt für einige Stunden in das ZK. Am Vortag erfuhr ich von
meinem jüngeren Sohn, dass Honecker voraussichtlich nächste Woche operiert wird. Mein Sohn wusste das wiederum vom Enkel Honeckers.
Seit fünf Jahren mache ich Ferien, wenn Honecker aus dem Urlaub zurück ist. Jetzt, da ich von der bevorstehenden Operation weiß, schicke ich meine Familie allein an die Ostsee. Ich streiche den Urlaub. Mein Platz ist in Berlin.
Ich rechne damit, dass Honecker die Sitzung des Politbüros am Dienstag noch leiten wird. Herger hat mit der Abteilung für Sicherheitsfragen eine Vorlage ausgearbeitet. Sie enthält eine Analyse der Gründe, warum so viele Bürger die DDR verlassen wollen.
Ich bitte Honecker, die Vorlage auf die Tagesordnung des Politbüros zu setzen. Er steht auf, greift sich die Vorlage, geht wortlos zu seinem Panzerschrank und schließt sie weg. Dann dreht er sich wieder um und sagt zu mir: "Du kannst in Urlaub gehen. Ich wünsche dir gute Erholung!"
Ich bin entsetzt. Überall im Land kriselt es. In den bundesdeutschen Botschaften in Berlin, Budapest, Prag und Warschau warten DDR-Bürger auf ihre Ausreise in den Westen. Die Genossen an der Basis erwarten eine Erklärung ihrer Führung. Und ich soll in Urlaub gehen?
Am 15. August nehme ich noch an der Sitzung des Politbüros teil. Ich hoffe auf Honeckers Vernunft. Vielleicht bringt er die Analyse doch noch ein, als seine Vorlage.
Honecker verliert nicht einmal ein Wort über den Tiefpunkt der Stimmung in der Bevölkerung. Er entzieht mir vor dem Politbüro sein Vertrauen. Er verabschiedet mich in den Urlaub und lässt beschließen, dass Günter Mittag ihn vertritt.
Damit setzt er außer Kraft, was seit 1984/85 gilt: Wenn er nicht im Amt ist, vertrete ich ihn. Sein Vertrauter ist Günter Mittag.
Ich fahre nach Dierhagen an der Ostsee in die Ferien, abschalten kann ich nicht. Warum lasse ich mich in Urlaub schicken? Warum bleibe ich nicht wenigstens in Berlin? Warum habe ich die Analyse nicht im Politbüro zur Diskussion gestellt? Was hätte mir passieren können? Ich fühle, dass ich in dieser entscheidenden Situation versagt habe. Darüber ärgere ich mich enorm.
12. September. Ich bin immer noch in Dierhagen. Eberhard Aurich, 1. Sekretär des Zentralrats der FDJ, und Gerd Schulz, Leiter der Abteilung Jugend des ZK der SED, besuchen mich. Gestern hat die ungarische Führung ihre Ankündigung wahr gemacht, die Grenze zu Österreich auch für DDR-Bürger zu öffnen. Innerhalb kurzer Zeit verlassen 15 000 DDR-Bürger über Ungarn die DDR.
"Gestern hat es einen tiefen Einschnitt in das Leben unseres Landes gegeben. Ich bin empört, wie das Politbüro damit umgeht", beginnt Aurich das Gespräch. Und er fährt erregt fort: "Noch vor einem Jahr hätte man auf die Autorität von Erich Honecker bauen können. Die hat er inzwischen selbst verspielt."
Aurich macht eine Pause, schaut mich an. Dann sagt er: "Egon, komm zurück nach Berlin! Mit Honecker geht da nichts mehr."
Auch ich sehe, dass Honecker mit seiner Kraft am Ende ist. Er ist mit seinen Funktionen überfordert. Mir ist klar: Es muss dringend gehandelt werden. Und dennoch habe ich Skrupel, den kranken Mann so kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR zu stürzen. Er stand mit an der Wiege der DDR. Er ist nicht nur dafür verantwortlich, was uns misslungen ist.
Ist es zu große Vorsicht und Rücksichtnahme oder ist es Feigheit, dass ich nicht nach Berlin fahre, um mich Honecker entgegenzustellen? Viele werden es so sehen. Ich nicht. Ich bin seit frühester Jugend überzeugter Kommunist. Die Partei ist mein Leben. Meine Parteidisziplin, die ich mir selbst auferlegt habe, verbietet mir jede Art von Fraktionstätigkeit.
2. Oktober. Ich bin auf dem Flug von Peking nach Berlin. Mitarbeiter der Botschaft der DDR in China haben mir eine Presseübersicht zusammengestellt. Darin finde ich einen Kommentar, den ich vorab erhalte. Ich kann kaum glauben, was ich da lese. Die Flüchtlinge "haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen keine Träne nachweinen".
Noch weiß ich nicht, was ich wenige Stunden später in Berlin erfahre: Diesen Satz hat Erich Honecker in die Meldung des ADN geschrieben.
Ich bin über eine solche Bewertung schmerzlich enttäuscht. Ich habe erlebt, wie Mütter und Väter, Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen bittere Tränen vergossen haben. Jede Träne war eine Anklage gegen uns.
Jetzt darf nicht mehr ein Tag vergehen, ohne zu handeln. Zusammen mit meinen Mitarbeitern entwerfe ich noch im Flugzeug eine Erklärung zur politischen Situation, die diese Formulierung zurücknimmt. Die Erklärung muss dem Politbüro so schnell wie möglich vorgelegt werden.
Als ich in Berlin ankomme, ist Wolfgang Herger auf dem Flugplatz. Auch er hat ein Dokument zur politischen Situation vorbereitet. Ich gebe ihm meinen Entwurf. Seine Aufgabe besteht darin, ein einheitliches Papier zu formulieren.
Ich rede mit Willi Stoph, Siegfried Lorenz und Harry Tisch darüber. Sie sind mit den Kernaussagen der Erklärung einverstanden.
Viele erwarten jetzt, dass Erich Honecker am 6. Oktober in der Festansprache zum 40. Jahrestag der DDR ein offenes Wort zur aktuellen Lage in der DDR sagt. Alle werden enttäuscht. Es wird die Rede eines körperlich Kranken und politisch Uneinsichtigen.
Mir ist unwohl bei dieser Festveranstaltung. Im Politbüro wurde Honeckers Rede bestätigt. Niemand von uns kann sich damit herausreden, er habe sie nicht gekannt. Wir leben in der Illusion, dass sich gesellschaftliche Konflikte bis nach den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR verschieben lassen.
8. Oktober. Seit gestern weiß ich, dass Erich Honecker am 22. September ein Fernschreiben an die 1. Sekretäre der SED-Bezirksleitungen geschickt hat. Darin heißt es:
In letzter Zeit haben auf verschiedenen Ebenen Aktivitäten unserer Feinde stattgefunden, die darauf gerichtet sind, entsprechend der bundesdeutschen Propaganda konterrevolutionäre Gruppen zu organisieren. Es bestand Übereinstimmung, dass diese feindlichen Aktionen im Keim erstickt werden müssen ...
Besorgnis erregend ist für mich das Etikett "konterrevolutionär". Auf den Straßen treten DDR-Bürger gegen die gegenwärtige Politik ihrer Führung auf, darunter viele SED-Mitglieder. Sie entziehen uns, der Führung, ihr Vertrauen. Wir dürfen sie nicht zu Feinden abstempeln.
Der Inhalt des Fernschreibens von Honecker muss schnell korrigiert werden, wenn es nicht zu weiteren Konfrontationen kommen soll, die auch außer Kontrolle geraten können.
Während einer Routinesitzung im Ministerium für Staatssicherheit lese ich noch einmal den Entwurf der Erklärung für das
* Die Außenminister Alois Mock und Gyula Horn durchschneiden am 27. Juni 1989 den Eisernen Vorhang.
Politbüro. Es handelt sich um die überarbeitete Fassung des Papiers, das ich auf meinem Rückflug von Peking in der Nacht zum 2. Oktober im Flugzeug mit meinen Mitarbeitern entworfen habe. Ich schiebe es meinem Sitzungsnachbarn Günter Schabowski zu.
Er liest. Als er fertig ist, flüstert er vor sich hin: "Bemerkenswert. Wenn du willst, kann ich daran noch einiges inhaltlich und stilistisch machen." Ich bitte ihn darum.
Als Mielke die Beratung schließen will, unterbreche ich ihn: "Ich habe eine Erklärung ausgearbeitet. Ich werde dem Generalsekretär vorgeschlagen, dass sie am Dienstag im Politbüro behandelt wird, und möchte mich mit euch darüber konsultieren. Wer dabei sein will, kann bleiben."
Alle bleiben. Als ich die sechs Seiten verlesen habe, spenden sie Beifall.
Ich bekräftige die Erklärung mit den Worten: "Mit Gewalt ist nichts zu machen." Die Anwesenden stimmen zu. Das ist für mich ein wichtiger Moment. Ich bin mir mit den leitenden Generälen einig, dass anstehende Konflikte nur politisch gelöst werden. Von diesem Moment an wird es keine gewaltsamen Auseinandersetzungen mehr geben.
Rudi Mittig informiert sofort die Chefs der Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit, dass sich die Sicherheitskräfte bei politischen Demonstrationen zurückhalten. Gewalt könne es nur dort geben, wo die Sicherheitskräfte angegriffen werden.
Herger und ich wissen, dass wir unsere Kompetenzen überschritten haben. Wir sind weder befugte Befehlsgeber noch haben wir eine Weisung des Generalsekretärs.
Zusammen mit Erich Mielke gehe ich kurz vor 11.00 Uhr in sein Arbeitszimmer. Über WTsch** rufe ich Honecker an: "Ich habe eine Beschlussvorlage für die Sitzung des Politbüros am Dienstag ausgearbeitet. Da es um Grundfragen unserer Politik geht, möchte ich, dass du sie vorher liest und auf die Tagesordnung setzt."
Kurz angebunden erwidert Honecker: "Schick sie mir her." Ich bitte meinen Sicherheitsoffizier, sofort nach Wandlitz zu fahren, um dem Generalsekretär den Entwurf der Erklärung zu übergeben. Das dauert etwa 50 Minuten. Mein Sicherheitsoffizier ist noch nicht einmal zurück, da ruft Honecker mich schon an: "Von dir hätte ich das am allerwenigsten erwartet. Ich setze das Ding nicht auf die Tagesordnung."
Ich entgegne: "Erich, ich trete nicht gegen dich an. Es geht mir um die Sache."
Er darauf: "Was du vorlegst, ist eine Kapitulationserklärung. Die kommt auf keinen Fall auf die Tagesordnung." Ohne mich noch einmal zu Wort kommen zu lassen, sagt er barsch: "Komm morgen früh zu mir."
Ich lege den Hörer auf. Ich bin desillusioniert, will jedoch nicht kapitulieren. Die so notwendige Aussprache im Politbüro muss stattfinden. Bis vor wenigen Minuten hoffte ich noch, Honecker
* Bei Stophs 75. Geburtstag am 9. Juli 1989.
** WTsch: Abkürzung für ein sowjetisches Telefonsystem für geheime Regierungsverbindungen.
dafür gewinnen zu können. Jetzt hat er von sich aus den Bruch zwischen uns vollzogen.
Ich rufe Siegfried Lorenz in Karl-Marx-Stadt an, berichte ihm, dass Honecker unsere Erklärung ablehnt. Er ermuntert mich, nicht nachzugeben. Ich gehe zu Schabowski, berichte ihm von meinem Telefongespräch mit Honecker. Wir reden das erste Mal wirklich unverblümt miteinander. Schabowski, Herger und ich prüfen dann den Entwurf der Erklärung noch einmal Wort für Wort. Wir können keine Kapitulationsabsichten erkennen.
Ich rufe Stoph und Tisch an und informiere sie über die ablehnende Haltung des Generalsekretärs. Sie machen mir Mut. "Keinen Rückzieher" ist auch ihre Meinung. Für mich sind die Würfel gefallen. Ich werde dem Politbüro die Erklärung auch gegen den Willen Honeckers vorlegen.
9. Oktober. Das Telefon klingelt. Ich nehme ab. Ruhig, beinahe behutsam fordert mich der Generalsekretär auf: "Egon, wenn du kannst, komm doch bitte rüber zu mir." Als ich in Erich Honeckers Arbeitszimmer eintrete, sitzt er hinter seinem Schreibtisch. Er lässt Kaffee bringen und bietet mir einen Stuhl vor seinem Schreibtisch an.
Er redet auf mich ein, meinen Entwurf für die Erklärung des Politbüros zurückzuziehen. Ich antworte ihm: "Wenn ich das tue, verliere ich nicht nur meine Selbstachtung. Die Lage im Land erfordert schon lange politisches Handeln. Und dazu ist ein Standpunkt des Politbüros notwendig. Mein Entwurf mag unvollkommen sein, aber er ist ein Diskussionsangebot. Solange es keine besseren Vorschläge gibt, ziehe ich ihn nicht zurück."
Honecker fühlt sich von mir im Stich gelassen. Er wirkt auf mich wie ein Vater, der gerade von seinem Sohn verlassen wurde und der ihn deshalb enterbt.
10. Oktober. Um 10 Uhr beginnt die erste Sitzung des Politbüros nach dem 40. Jahrestag der DDR. Die Atmosphäre ist erwartungsvoll bis gereizt. "Die Mehrheit der Partei und der Arbeiterklasse steht hinter unserer Politik, die richtig war und richtig ist", sagt Honecker.
Ich bin erschrocken und stelle fest: Honecker lebt weiterhin in einer anderen Welt.
Schon der erste Redner, Kurt Hager, widerspricht der Linie des Generalsekretärs. Sofort müsse eine ZK-Tagung einberufen werden. "Wir müssen die Frage beantworten, warum uns zehntausende verlassen", sagt er.
Honecker gibt mir das Wort. Ich verteidige die Erklärung als Anfang eines umfassenden Programms. Ich fordere den politischen Dialog von oben bis unten. Die Medien müssen Pro und Kontra veröffentlichen.
An dieser Stelle unterbricht mich Honecker. So, als würde ich eine feindliche Gruppierung anführen, fordert er mich auf: "Sage offen, was du willst. Mich interessiert, wer steckt hinter der Vorlage der FDJ?" Honecker geht zum Angriff über.
Der Zentralrat der FDJ hatte ihm gestern eine Einschätzung der politischen Lage unter der Jugend geschickt. Obwohl zu diesem Zeitpunkt niemand im Politbüro außer Honecker und mir die Vorlage des Zentralrats der FDJ kennt, nutzt Honecker die Analyse der FDJ zur Polemik gegen mich. Er zitiert aus der Vorlage: "Es werden Änderungen in der Politik und der sie in Partei und Regierung repräsentierenden Personen erwartet." Weiter wird beklagt, dass Mitglieder der Parteiführung "zu alt und nicht dynamisch genug sind". Die Entscheidungen der Führung seien undurchschaubar. Es gebe "ein geschöntes Bild der Realität".
Honeckers Frage, wer dahinter steckt, ist ein direkter Angriff gegen mich. Ich bin im Politbüro für die Anleitung der FDJ zuständig. Verbittert sagt er: "Es ist das erste Mal in der Geschichte der DDR, dass die FDJ-Führung die Politik der Partei und ihrer Führung angreift."
Günter Mittag ruft dazwischen, das Verhalten der FDJ sei kapitulantenhaft. Ein anderer wirft ein: So ein Kapitulantentum sei ihm nur am 17. Juni 1953 begegnet.
Doch die meisten sprechen für eine Erklärung. Ich blicke bei jedem Diskussionsbeitrag auf Honecker. Er spürt zum ersten Mal scharfen Gegenwind im Politbüro. Als seine physische Kraft erschöpft ist, schlägt er gegen 18 Uhr vor, die Sitzung am Mittwoch fortzusetzen.
11. Oktober. Nach der redaktionellen Bearbeitung wird die Erklärung am Mittwoch im Politbüro weiter diskutiert. Als erster spricht Mielke. Die Stimmung im Land sei extrem schlecht, resümiert er, auch in den Betrieben. Besonders unter der wissenschaftlich-technischen Intelligenz gewinne das Neue Forum Einfluss. Der wichtigste Satz des Ministers für Staatssicherheit lautet: "Die Linie, keine Gewalt anzuwenden, ist richtig. Ich unterstütze sie."
Fast alle, die noch sprechen, sind für die Erklärung.
Seit ich dem Politbüro angehöre, habe ich eine so scharfe Auseinandersetzung in diesem Gremium nicht erlebt. Auch ich fühle mich verantwortlich, dass diese Auseinandersetzung erst so spät stattfindet. Wir haben zwei Tage lang diskutiert. Doch was war das Ergebnis? Ein Kompromisspapier, dem jeder entnehmen kann, was er will.
Am Abend fahre ich zu Willi Stoph in die Wohnung. Ich stelle ihm die Frage: "Willi, ist es jetzt nicht an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen?" Stoph fragt nicht einmal, was ich unter dem nächsten Schritt verstehe.
Er antwortet: "Für Erichs Absetzung brauchen wir eine Mehrheit. Wir müssen vorher mit allen sprechen. Sprich du mit den Sekretären des ZK, mit den 1. Sekretären der Bezirksleitungen, die dem Politbüro angehören, mit Harry Tisch und Erich Mückenberger. Ich spreche mit den anderen."
* Am 7. Oktober 1989 vor dem Palast der Republik.
13. Oktober: Gegen 18 Uhr rufe ich den Botschafter der UdSSR in der DDR, Wjatscheslaw Iwanowitsch Kotschemassow, an: "Am Dienstag wird Willi Stoph im Politbüro vorschlagen, Genossen Honecker von seinen Funktionen abzusetzen und mich zum Generalsekretär zu wählen." Kotschemassow zeigt sich im Bilde. Stoph hatte ihn bereits informiert.
17. Oktober. Erich Honecker kommt zu spät in die Sitzung des Politbüros. Das ist ungewöhnlich für ihn. Er ist sonst die Pünktlichkeit in Person. Er scheint nicht zu ahnen, was Stoph in wenigen Minuten vorschlagen wird.
Stoph meldet sich. "Ich schlage vor: Erster Punkt der Tagesordnung ''Entbindung des Genossen Erich Honecker von seiner Funktion als Generalsekretär und Wahl von Egon Krenz zum Generalsekretär''."
Äußerlich ist Erich Honecker gefasst. Fast gleichgültig sagt er: "Gut, dann eröffne ich die Aussprache." Alle Mitglieder und Kandidaten sprechen sich für seine Ablösung aus. Sie unterstützen meine Wahl zum Generalsekretär.
Mir verbleiben nur noch einige Stunden, um meine Rede fertig zu stellen, die ich morgen vor dem Zentralkomitee halten werde. Es geht um die Fragen: Was wollen wir? Wie wollen wir unser Programm der Nach-Honecker-Zeit benennen? Übernehmen wir die russischen Worte "Perestroika" und "Glasnost"? Obwohl sie jeder ohne Übersetzung versteht, will ich sie nicht abschreiben.
Ich muss einen deutschen Begriff finden, der sowohl eine Hinwendung auf das Bewährte aus 40 Jahren DDR zulässt als auch deutlich macht, dass wir uns abwenden von allem, was unser Land in die gegenwärtige Situation gebracht hat. Ich entscheide mich für die Formulierung: "Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten."
Die Grenzöffnung
Am 9. November stehe ich wie gewöhnlich um 5.00 Uhr auf. 20 Minuten später bin ich auf meiner Laufstrecke. Beim Joggen geht mir jedes Mal der bevorstehende Tag durch den Kopf. Vieles lässt sich auch heute voraussehen. Wir werden endlich die Reiseverordnung beschließen, die ab morgen jedem DDR-Bürger ermöglicht, ins Ausland zu reisen.
Wegen der politischen Tragweite der vorliegenden Reiseregelung des Ministerrates will ich unbedingt das Zentralkomitee über den Regierungsbeschluss informieren und es so in die Entscheidung einbeziehen. Gegen 16.00 Uhr stehe ich von meinem Platz auf, richte das Mikrofon so, dass mich jeder gut verstehen kann, spreche langsam, damit die Sitzungsteilnehmer die Bedeutung jedes Satzes aufnehmen können, und verlese den Entwurf der Reiseverordnung:
1. Die Verordnung vom 30. November 1988 über Reisen von Bürgern der DDR in das Ausland findet bis zur Inkraftsetzung des neuen Reisegesetzes keine Anwendung mehr. 2. Ab sofort treten folgende zeitweilige Übergangsregelungen für Reisen und ständige Ausreisen aus der DDR in das Ausland in Kraft. a) Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt.
b) Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen ...
Ferner verlese ich den Entwurf einer Pressemitteilung, die am 10. November in den Printmedien veröffentlicht werden soll.
Sofort meldet sich Kulturminister Hoffmann. Er sagt: "Könnten wir nicht das Wort ,zeitweilig'' streichen. Übergangsregelung ist ja eine zeitweilige. Oder wir schreiben: ,Bis zum Inkrafttreten des Reisegesetzes gelten folgende Regelungen.''"
Ich wende mich an den Innenminister und frage: "Genosse Dickel, siehst du da Schwierigkeiten?"
Dickel: "Nein. Was die Veröffentlichung angeht, vielleicht wäre es zweckmäßig, dass nicht das Ministerium des Innern, obwohl wir die praktische Durchführung machen, sondern das Presseamt des Ministerrates das veröffentlicht, denn es ist ja eine Mitteilung des Vorsitzenden des Ministerrates."
Ich antworte: "Ich würde vorschlagen, dass das der Regierungssprecher gleich macht. Wir vermeiden also sowohl ,zeitweilig'' als auch ,Übergangsregelung'' und sagen: Bis zum Inkrafttreten des Reisegesetzes, das von der Volkskammer zu beschließen ist, wird das und das angeordnet. - Einverstanden? - Danke schön."
Gegen 17.15 Uhr kommt Günter Schabowski zu mir. Er meldet sich für den Rest der Tagung ab. Um 18.00 Uhr findet eine internationale Pressekonferenz statt. Schabowski soll über den Verlauf der ZK-Tagung informieren. Er fragt mich, ob ich noch Hinweise für ihn habe.
Ich sage: "Du musst unbedingt über den Reisebeschluss informieren. Das ist die Weltnachricht!" Da er nicht die authentische Ministerratsverordnung über die neue Reiseregelung hat, übergebe ich ihm mein Exemplar, aus dem ich im ZK vorgelesen habe. Schabowski bedankt sich und fährt zum Internationalen Pressezentrum in die Mohrenstraße.
Hier löst er durch einen kleinen Irrtum große Folgen aus.
Um 18.53 Uhr wird er von einem Journalisten nach dem Stand der Ausarbeitung einer neuen Reiseregelung für DDR-Bürger gefragt. Er antwortet: "Mir ist eben mitgeteilt worden, der Ministerrat hat beschlossen ..." Er hält sich an den Text der Verordnung und der offiziellen Pressemitteilung.
Aber dann der Irrtum: Die Grenzöffnung soll am Morgen des 10. November erfolgen. Für diesen Zeitpunkt sind die Befehle für die Grenztruppen, das Ministerium für Staatssicherheit und die Volkspolizei vorbereitet. Günter Schabowski antwortet jedoch auf eine Frage nach dem Zeitpunkt offensichtlich irritiert: "Wenn ich richtig informiert bin, nach meiner Kenntnis unverzüglich."
Die Welt nimmt als sofortige Maßnahme zur Kenntnis, was eigentlich erst am 10. November vollzogen werden soll.
Binnen kurzer Zeit geschieht etwas, was niemand voraussehen konnte. Berlinerinnen und Berliner machen sich auf den Weg zur
* Am 9. November 1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße.
Mauer. Auch auf den Autobahnen strömt bald größer werdender Verkehr in Westrichtung.
Kurz vor 21.00 Uhr ruft mich Erich Mielke an. Ich befinde mich zu diesem Zeitpunkt noch in einem Nebenraum des Plenarsaals des ZK. Wolfgang Herger nimmt den Hörer des WTsch-Apparats ab und übergibt ihn mir. Mielke informiert, dass er gerade erfahren hat, dass sich in Berlin-Mitte viele Menschen in Richtung Grenze bewegen. Schabowski habe irgend etwas auf einer Pressekonferenz gesagt. Er weiß noch nicht genau, was los ist, wird sich aber sofort sachkundig machen und mich wieder anrufen.
Wir vereinbaren, was auch passiert, es darf zu keiner Konfrontation zwischen Staatsmacht und Bevölkerung kommen. Ich gehe sofort in mein Arbeitszimmer im ZK. Nach wenigen Minuten ruft Mielke wieder an. Diesmal wird er konkreter: Tausende sind in Richtung Grenzübergangsstellen unterwegs, teils zu Fuß, teils mit Pkw.
"Was sollen wir machen?", fragt er mich.
Ich sage, dass ich gleich zurückrufe. Ich will mich vorher mit Verteidigungsminister Keßler verständigen, dem die Grenztruppen der DDR unterstehen. Er ist noch nicht von der ZK-Tagung zurück. Sein Amtssitz befindet sich in Strausberg. Als ich den Hörer auflege, meldet sich erneut Mielke: "Wenn wir nicht sofort entscheiden, was zu tun ist, dann verlieren wir die Kontrolle."
Ich kann meine Nervosität nur schwer verbergen. Wir befinden uns in einer außerordentlich gefahrvollen Situation. Eine falsche Entscheidung kann Blutvergießen bedeuten. Mein Entscheidungsspielraum ist in diesen Minuten sehr eng. Praktisch geht es um die Frage: Lassen wir den Dingen freien Lauf, oder setzen wir die bewaffnete Macht zur Sicherung der Staatsgrenze ein? Letzteres wäre ein Spiel mit dem Feuer.
Ich frage Mielke: "Was schlägst du vor?"
Er antwortet: "Generalsekretär bist du."
Ich verstehe. Das Ministerium für Staatssicherheit wird sich den politischen Entscheidungen fügen. Das ist außerordentlich wichtig. Meine Entscheidung: "Wir werden wegen ein paar Stunden, morgen sollten die Grenzübergangsstellen ohnehin geöffnet werden, nicht eine Konfrontation mit der Bevölkerung riskieren. Also, hoch mit den Schlagbäumen!"
Wolfgang Herger und meine persönlichen Mitarbeiter bestärken mich in dieser Entscheidung. Mielke ist fast 30 Jahre älter als ich. Leise, sehr nachdenklich, sagt er:
"Hast recht, mein Jung''."
Schalck ruft mich an. Er schlägt vor, dass ich noch in der Nacht nach Warschau fliege. Dort könnte morgen früh eine gemeinsame Pressekonferenz mit dem in Warschau weilenden Bundeskanzler der BRD, Helmut Kohl, stattfinden. Die Öffnung der Grenze könnte als gemeinsame Entscheidung der Regierungen beider deutscher Staaten begründet werden. Für den Fall, dass ich damit einverstanden bin, würde er sofort mit seinem Gesprächspartner in Bonn Kontakt aufnehmen, um die Haltung des Bundeskanzlers in dieser Frage zu erkunden.
Ich überlege einen Moment. Dann sage ich: "Nein."
Die Entscheidung über die Öffnung der Grenze ist eine souveräne DDR-Angelegenheit. Außerdem denke ich an die Mahnung Gorbatschows, alles, was die BRD und die DDR betrifft, mit der UdSSR abzustimmen. Mein nächtlicher Besuch in Warschau und die morgendliche Pressekonferenz würden nicht nur die polnischen Verbündeten irritieren, sondern müssten auch bei Gorbatschow den Eindruck verstärken, wir spielen gemeinsam mit der BRD gegen ihn die deutsche Karte.
Ich versuche, Gorbatschow in Moskau anzurufen. Dort ist es inzwischen Mitternacht. Die WTsch-Zentrale in der sowjetischen Hauptstadt will wegen der späten Stunde die Verbindung zum sowjetischen Staatsoberhaupt nicht mehr herstellen. Ich bestehe nicht darauf. Jede Dramatisierung der Lage könnte zu falschen Schlüssen führen. Das liegt mir fern.
Wolfgang Herger unterbreitet mir den Vorschlag, eine "Operative Führungsgruppe" des Nationalen Verteidigungsrates zu bilden. Ich bitte ihn, mit dem Sekretär des Verteidigungsrates, Fritz Streletz, die notwendigen Entscheidungen vorzubereiten. Streletz hält inzwischen den ständigen Kontakt mit dem Oberkommandierenden der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages und der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte. Er weiß, dass unsere sowjetischen Verbündeten auf dem Territorium der DDR in "erhöhter Gefechtsbereitschaft" und die Führungsorgane in "voller Gefechtsbereitschaft" sind. Ich bin überzeugt, seine militärische Befähigung und seine politische Überzeugung sind die beste Gewähr, dass die Gruppe unter seiner Leitung der Aufgabe gerecht wird, die Fragen, die im Zusammenhang mit der Grenzöffnung stehen, zu koordinieren.
Als ich zu Hause ankomme, klingelt das Telefon. Günter Schabowski berichtet, was sich an der Grenze abspielt. Er will sofort von Wandlitz nach Berlin fahren, woher ich gerade gekommen bin. Kein Wort von der Pressekonferenz und dem dort verkündeten Öffnungstermin der Grenze. Ich werfe ihm den Irrtum nicht vor.
Niemand kann sagen, wie sich die Bevölkerung verhalten hätte, wenn die Grenzöffnung wie geplant am Morgen des 10. November erfolgt wäre. Allerdings, und das ist wesentlich, am Morgen des 10. November wären die vorbereiteten Befehle vor Ort gewesen. Die Schutz- und Sicherheitsorgane hätten gewusst, was zu tun ist.
In dieser Nacht strömt Sekt. Dass kein Blut fließt, grenzt angesichts der noch herrschenden Feindbilder zwischen den beiden Weltsystemen fast an ein Wunder.
Das Ende
Die Sitzung der Volkskammer am 1. Dezember wird zu einem Tribunal über Funktionäre der SED. Die befreundeten Parteien versuchen, sich von der SED abzukoppeln. Der Untersuchungsausschuss über Korruption und Amtsmissbrauch gibt einen Zwischenbericht.
Es kommt viel Schmutz und Unappetitliches hoch. Nicht nur den Abgeordneten, sondern auch Millionen an den Fernseh- und Rundfunkgeräten wird vorgeführt, wie einige aus der früheren Führung ihre Macht missbraucht oder ausgenutzt haben.
Die letzten Monate haben an der Substanz gezehrt. Ich muss für kurze Zeit den Plenarsaal verlassen. Mein Arzt vermutet, dass ich kurz vor einem körperlichen Zusammenbruch stehe. Er will, dass ich sofort ins Krankenhaus eingeliefert werde. Ich lehne ab.
Nachdem ich mich circa 20 Minuten erholt habe, gehe ich wieder ins Plenum. Ich verfolge die Diskussion. Als sie zu Ende geht, erhalte ich das Wort: Ich übernehme die politische Verantwortung für alles, was dem alten Politbüro angelastet wird.
Auf die Frage nach eigenen Privilegien angesprochen, informiere ich, dass ich für meine Kinder keine Häuser habe bauen lassen. Ich selbst besitze kein Freizeitobjekt, kein Jagdgebiet und kein Jagdhaus.
Während ich am Rednerpult stehe, geht mir für Sekunden durch den Kopf, ob ich als Vorsitzender des Staatsrates die Vertrauensfrage stellen sollte. Ich verwerfe den Gedanken, weil ich dies nicht tun will, ohne mich mit der Fraktion der SED in der Volkskammer zu beraten.
Nach Beendigung der Volkskammersitzung geht die Beratung des Politbüros bis in die Nachtstunden weiter. Bevor wir zur Sache kommen, erlebe ich einen Alexander Schalck, wie ich ihn bisher nie gesehen habe. Bei allen Schwierigkeiten strahlte er stets Optimismus aus. Ihm fiel auch in aussichtslosen Situationen immer eine Lösung ein. Nun sitzt er vor uns, ist verzweifelt und weint. Vor seinem Privathaus finden Demonstrationen statt.
Nach der Sitzung spreche ich mit einer Delegation aus dem Bezirk Potsdam. Sie wird von Heinz Vietze geführt, der nun statt Günther Jahn 1. Sekretär der SED des Bezirks Potsdam ist. Auch Vietze war unter meiner Leitung als 1. Sekretär der FDJ Jugendfunktionär. Nun kommt er und will, dass ich von meiner Funktion zurücktrete. Er schildert mir in Einzelheiten die deso-
* Am 2. Dezember 1989 vor dem ZK-Gebäude.
late Lage der Partei und die zornige Stimmung unter Parteimitgliedern.
Es werden immer neue Fälle von Wahlfälschung bekannt. Er fordert mich auf, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ich sage, dass ich die politische Verantwortung bereits übernommen habe. Mehr kann ich nicht, weil es die Unwahrheit wäre. Ich habe weder Wahlen gefälscht noch dazu aufgerufen.
2. Dezember. Am nächsten Morgen erfahre ich, dass am Abend vor dem Gebäude des ZK eine Kundgebung der SED-Basis gegen das Zentralkomitee und sein Politbüro stattfinden wird. Warum, frage ich mich, habe ich nicht erfahren, dass so eine Kundgebung geplant ist? Wieso hinter meinem Rücken?
Als sich die Genossen abends vor dem ZK zur Erneuerungskundgebung versammeln, stelle ich mich auf die Treppe vor dem ZK-Gebäude. Einigen der Organisatoren scheint dies peinlich zu sein. Sie haben nicht mit meiner Teilnahme gerechnet. Ich höre mir die Reden an. Ich melde mich auch zu Wort. Ich habe keine Chance mehr.
Mir ist klar: Wir müssen morgen den Weg freimachen.
3. Dezember. Nach der 13. Tagung der Volkskammer und dem dort erstatteten Bericht über Amtsmissbrauch und Korruption haben sich Hass, Wut und Aggressivität gegen die SED und ihre Funktionäre gesteigert. Aus den Informationen über die Kreisdelegiertenkonferenzen geht hervor: Das Politbüro und der Generalsekretär sollen zurücktreten.
Wir diskutieren darüber. Eine Mehrheit der Mitglieder des Politbüros spricht sich dafür aus. Einige der 1. Bezirkssekretäre fordern den Rücktritt des gesamten Zentralkomitees. Ich setze mich zur Wehr. Der Rücktritt des ZK wäre das Ende der SED.
Es kann nicht sein, sage ich, dass die unvollständige Aufdeckung von Amtsmissbrauch und Korruption einiger führender SED-Funktionäre zum Zusammenbruch der SED führt. Es geht um mehr. Es geht um die Existenz der DDR. Wer dies nicht sieht, macht sich etwas vor. Meine Argumentation überzeugt nicht.
Um 13.10 Uhr beginnt die ZK-Tagung. Ich eröffne sie mit den Worten: "Wir sind in einer außergewöhnlichen Zeit zu dieser Tagung zusammengekommen. Die Existenz der Partei steht auf dem Spiel. Die Deutsche Demokratische Republik ist in Gefahr. Unser internationales Ansehen ist geschädigt wie nie zuvor."
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in meinem Leben geweint habe. Bei diesen Worten stehen mir die Tränen in den Augen, und ich habe das Gefühl, meine Stimme versagt. Es schmerzt mich, dass ich am Sterbebett der Partei stehe. Ich fürchte, dies ist der erste Schritt auch für das Ende der DDR.
Es folgt eine bewegte Sitzung. Schließlich wird der Rücktritt des ZK und die Bildung eines Arbeitsausschusses zur Vorbereitung des Außerordentlichen Parteitages beschlossen.
Kurz vor 15.00 Uhr geht die letzte Tagung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei zu Ende. Ich bin erschüttert. Dieses würdelose Auseinanderlaufen eines vom Parteitag gewählten Gremiums ist der bisher bitterste Punkt in meinem Leben.
5. Dezember. Als ich am Morgen ins ZK fahren will, um meine Sachen zu ordnen, werde ich am Eingangstor zum Hof gestoppt. Ein Angehöriger des Wachregiments sagt mir verlegen: "Genosse Krenz, ich darf Sie nicht reinlassen."
Einen Moment überlege ich. Es hat keinen Sinn, auf den Einlass zu drängen. Schließlich kann der Genosse nichts dafür, er hat seine Befehle.
Doch was berechtigt einen Arbeitsausschuss, der legitimiert ist, den Außerordentlichen Parteitag vorzubereiten, mich daran zu hindern, meine Unterlagen aus dem ZK zu holen? Ich nehme meinen Ausweis als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates. Ich frage den diensttuenden Genossen: "Kennen Sie diesen Ausweis?"
"Ja, Genosse Vorsitzender."
"Lassen Sie mich auf diesen Ausweis rein?"
Er antwortet: "Natürlich!"
Ich darf passieren. Als ich in der zweiten Etage ankomme und in mein Arbeitszimmer will, ist es versiegelt. Dies, obwohl ich noch Vorsitzender des Staatsrates bin. Ich halte es für verfassungswidrig. Jene, die für das Versiegeln zuständig sind, wissen genau, dass ich in meinem Arbeitszimmer nicht nur meine Parteiunterlagen, sondern auch meine Akten als Vorsitzender des Staatsrates habe.
* Bei der Demonstration zum 80. Todestag von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 10. Januar 1999.
Nach meinem Protest wird mir der Zutritt zu meinem Arbeitszimmer gestattet.
Unter Aufsicht darf ich zwei Koffer mit Materialien packen, deren Durchsicht mir erlaubt wird. Als ich zu Hause eintreffe, ruft einer der Stellvertreter des Generalstaatsanwalts an. "Herr Krenz", sagt er, "Sie wurden beobachtet, dass Sie aus dem Haus des Zentralkomitees zwei Koffer mit Akten mitgenommen haben. Ich schicke zwei Herren vorbei, die die Koffer abholen."
Ich denke, ich höre nicht richtig. Es ist ja kein einfacher Wachsoldat, der mir das sagt, sondern ein Vertreter des Generalstaatsanwalts. Jetzt werde ich prinzipiell: "Nach der Verfassung der DDR ist der Generalstaatsanwalt dem Staatsrat der DDR gegenüber verantwortlich. Sie reden jetzt mit dem Vorsitzenden des Staatsrates, genügt Ihnen das?" Der amtierende Generalstaatsanwalt entschuldigt sich.
Am Abend berät Hans Modrow mit den Vorsitzenden der CDU, der DBD, der LDPD und der NDPD über den Rücktritt des Vorsitzenden des Staatsrates. Darauf bin ich, wie ich es schon Gorbatschow mitgeteilt hatte, eingestellt. Ich schreibe mein Rücktrittsgesuch.
50 Tage liegen zwischen jenem 18. Oktober, an dem ich zum Generalsekretär des ZK der SED gewählt wurde, und dem 6. Dezember, als ich von der Funktion des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR zurücktrat. Meinem Land und meiner Partei konnte ich nur das geben, was mir möglich war. Wie viel es gewesen sein mag, kann allein die Zeit beantworten.
Mich werden bis zu meinem Lebensende Fragen nach meiner Verantwortung für den Niedergang der DDR quälen. Warum habe ich das Steuer nicht früher herumgerissen? Waren in diesem Herbst sozialistische Reformen noch möglich? Gab es Alternativen?
Ich halte an meinen Idealen des Sozialismus auch weiterhin fest, weil ich sein Scheitern nicht darauf zurückführe, dass die Idee falsch ist, sondern darauf, dass ihre Verwirklichung fehlerhaft verlief.
* Militärparade am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin. © Verlag Neues Leben, Berlin. * Die Außenminister Alois Mock und Gyula Horn durchschneiden am 27. Juni 1989 den Eisernen Vorhang. * Bei Stophs 75. Geburtstag am 9. Juli 1989. ** WTsch: Abkürzung für ein sowjetisches Telefonsystem für geheime Regierungsverbindungen. * Am 7. Oktober 1989 vor dem Palast der Republik. * Am 9. November 1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße. * Am 2. Dezember 1989 vor dem ZK-Gebäude. * Bei der Demonstration zum 80. Todestag von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 10. Januar 1999.
Von egon Krenz

DER SPIEGEL 35/1999
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