23.04.2016

BildungLieber Mathe als Rockband

Peter Scholze ist 28 und Professor in Bonn. Nun hat er den Leibniz-Preis bekommen. Angefangen hat alles mit einer Löwenjagd in der Wüste.
Es gibt Probleme, die hätte wohl jeder gern: zweieinhalb Millionen Euro zum Beispiel.
"Gar nicht so einfach, das Geld sinnvoll auszugeben", sagt Peter Scholze nachdenklich und schweigt.
Mit dieser Summe ist der Leibniz-Preis dotiert, von dem der Mathematiker mit der schulterlangen Mähne im Dezember erfuhr, einen Tag vor seinem 28. Geburtstag. Er ist damit der jüngste Empfänger in der 30-jährigen Geschichte der Ehrung.
Physikern oder Medizinern fällt es leicht, Millionensummen in Forschungsgeräte zu investieren. "Aber als Mathematiker zähle ich wohl eher zu den Geisteswissenschaftlern", sagt Scholze. Und schweigt.
Sein Arbeitsgerät: Stift, Zettel, Köpfchen. "Vielleicht veranstalte ich einfach die eine oder andere Konferenz, am liebsten hier in Bonn." Er hat in Harvard und Paris studiert, ansonsten ist Reisen nicht so sein Ding. Reden auch nicht.
Lieber durchwandert er die Welt der Zahlen: Expeditionen in euklidische Räume, mentale Trekkingtouren zu den Gipfeln des Langlands-Programms.
Wie bitte? Kaum jemand kapiert, woran Peter Scholze genau arbeitet. Grob vereinfacht gesagt: Er tüftelt an einem Zahlen-Esperanto, um Übersetzungsbrücken zu bauen zwischen bislang getrennten Rechenmethoden. Dort, wo heute ein Lösungsansatz fehlt, will er Kniffe aus anderen Spezialgebieten importieren.
Scholze findet dieses Bild völlig unbefriedigend, hat aber kein besseres: "Meine Frau ist auch Mathematikerin, die hat sich damit abgefunden", sagt Scholze. "Aber mein Opa, der ist Ingenieur, der will nicht akzeptieren, dass ich nicht erklären kann, woran ich arbeite."
Scholzes Arbeitsplatz ist in Bonn, wo sonst, im Mekka der deutschen Mathematik, mit dem einzigen Exzellenzcluster dieses Fachs in Deutschland, mit 79 Professoren. In den internationalen Charts des "Shanghai Ranking" steht Bonn auf Platz 29, weit vor der Humboldt-Universität in Berlin und der RWTH in Aachen.
Herrschaftlich thront das Hauptgebäude in der Endenicher Allee, ein Prunkbau im Stil des wilhelminischen Barock, mit einer geschwungenen Freitreppe, Marmor und Jugendstil-Interieur. Gebaut wurde es 1915 für die Landwirtschaftskammer Rheinland, seit 2009 dient es der Zahlenwissenschaft. Mathe wird hier als Wirtschaftsmotor verstanden, als Grundlagenwissenschaft, deren Modelle Wettervorhersagen, Geldflüsse und Computerchips verbessern können.
Rund 60 000 Studenten büffeln in Deutschland Mathematik, etwa 1200 davon in Bonn. Das Studium gilt als anspruchsvoll, 50 Prozent brechen hier den Bachelor ab, viele schon nach dem ersten Semester.
Für Scholze dagegen begann alles als kindliche Knobelei, mit einem Löwen inmitten einer riesigen Wüste.
Wie kreist man ihn am schnellsten ein? Indem man die Fläche halbiert und schaut, in welcher Hälfte das Raubtier steckt. Dann noch einmal halbiert, dann wieder und wieder. Klappe zu, Approximation gelungen, Problem gebändigt. Diese Denksportaufgabe fand Peter, der in Berlin aufwuchs, einst in einem Sowjet-Kinderbuch mit dem Titel "Fregattenkapitän Eins".
Seine Liebe zu Zahlen entdeckte er, als Wissenschaftler 1994 die berühmte Fermatsche Vermutung bewiesen. Über 350 Jahre lang hatte sie den klügsten Denkern der Welt Kopfzerbrechen bereitet. Peter war sofort Feuer und Flamme. Zwischenzeitlich spielte er zwar Bassgitarre in einer Rockband, aber eigentlich brannte er für die Theorie. Dann meldete er sich zur Mathematik-Olympiade an: viel spannender, als Rockstar zu werden.
Beim globalen Zahlenwettkampf gewann er dreimal Gold und einmal Silber, dann zog er nach Bonn. Besonders gefallen ihm dort die Überschaubarkeit und Ruhe, die Spaziergänge in der Rheinaue. Berlin sei ihm viel zu stressig, sagt Scholze.
Zuweilen brütet er tagelang über einem Problem und kommt nicht weiter. Dann muss er warten, bis ihn die Mathe-Muse küsst: "Einmal hatte ich zwischen Mittagessen und Seminar eine Viertelstunde Zeit, saß am Rechner und surfte sinnlos im Internet herum – plötzlich hatte ich die Lösung."
Die vergangenen fünf Jahre konnte er dank eines Stipendiums fast ungestört grübeln. Nebenher staubte er einige der renommiertesten internationalen Preise ab. Ab dem Herbstsemester wird er dann vermehrt unterrichten.
Werden Rechner in 50 Jahren den Menschen verdrängen und die besseren Mathematiker sein, wie der Cambridge-Professor Timothy Gowers prophezeit? Scholze bezweifelt das. Als Teenager hat er programmiert, heute benutzt er Computer nur noch für das Allernötigste: Mails, Web, Aufsätze tippen: "Ich bin voll lowtech."
Für ihn ist Mathe mehr als herumzurechnen. Die Welt der Zahlen gehorche den Gesetzen der Schönheit, glaubt er. "Ich bin Platoniker, auch wenn das heute nicht mehr in Mode ist", sagt Scholze. "Wenn ich eine neue Theorie aufstelle, habe ich nicht das Gefühl, etwas zu erfinden. Sondern etwas zu entdecken."
Dann schweigt er wieder. Und grübelt. Und wartet, bis ihn die Mathe-Muse küsst, ganz platonisch.
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Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 17/2016
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