30.04.2016

HandelDer Feind im eigenen Haus

Die Nachfahren des Discount-Königs Theo Albrecht streiten sich um Geld und Macht im Konzern. Der Konflikt offenbart vor allem eines: wie schwer sich der engste Kreis der Gründerfamilie tut, in der Gegenwart anzukommen.
"Wie weit meine Schwägerin geht, um mir und meiner Mutter wehzutun, wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass sie meiner Mutter und mir bis zum heutigen Tag jede Auskunft über den Verbleib der Urne mit Bertholds sterblichen Überresten verweigert. Meine Mutter und ich haben daher keinen 'Ort der Trauer'! Gerade für meine Mutter, aber auch für mich ist dies kaum erträglich."
Theo Albrecht junior, Erbe des Aldi-Nord-Imperiums, am 19. August 2015 über Babette Albrecht, die Witwe seines Bruders Berthold
"Dass Theo Albrecht junior sich darüber beklagt, nicht zu wissen, wo die Urne meines Mannes sei, ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Wer meinen Mann so übel beschimpft und behandelt hat, wie Theo Albrecht junior dies zu Lebzeiten getan hat, und wer wie Cilly Albrecht noch nicht einmal zur Trauerfeier erscheint, sondern stattdessen im Golfklub Bridge spielt ... hat an der letzten Ruhestätte meines Mannes nichts zu suchen!"
Babette Albrecht am 4. Januar 2016 über ihren Schwager Theo und ihre Schwiegermutter Cilly

Im Golfklub zu sitzen und eine Partie Bridge zu spielen, dürfte eine interessante Form der Trauer sein. Sich dem Kartenspiel zu widmen, während woanders die Totenfeier für den eigenen Sohn stattfindet, das wäre zumindest ungewöhnlich. Um nicht zu sagen: ungehörig.
Ungewöhnlich ist aber auch, dass man als Mutter nicht weiß, wo die Urne des eigenen Sohns begraben ist. Obwohl es dafür eigentlich ein Familiengrab gibt. Und die Familie des Sohns auch nur ein paar Hundert Meter vom eigenen Haus entfernt wohnt.
Aber ein paar Hundert Meter können sehr weit sein, wenn man sich voneinander entfernt hat.
All das spielt sich gerade in Bredeney ab, einem gediegenen Stadtteil im Süden von Essen. Hier wohnen zwei Frauen, deren Namen kaum jemand kennt, denen aber eines der bekanntesten deutschen Unternehmen gehört, der Discounter Aldi-Nord. Auf der einen Seite steht Cäcilie, genannt Cilly, auf der anderen Babette Albrecht. Schwiegermutter, Schwiegertochter, beide Witwen. Die eine, Cilly, von Gründer Theo, die andere, Babette, von Sohn Berthold.
Diese beiden Frauen waren sich vielleicht nie besonders nah. Aber sie gehören derselben Familie an, einer Familie, die wie keine andere bekannt dafür ist, Geiz und Geschäftssinn in Geld zu verwandeln.
Jahrelang galt der alte Theo mit einem geschätzten Vermögen von rund 16 Milliarden Euro als der zweitreichste Mann Deutschlands – hinter seinem Bruder Karl, dem Gründer von Aldi-Süd. Nun gehört das Geld den Erben der Discount-Könige – im Norden sind das unter anderem Cilly und Babette.
Vor allem aber gehört ihnen das Unternehmen. Und um genau das ist ein hässlicher Streit entbrannt, den beide Seiten mit aller Härte führen. Ein Streit, der einen zweifeln lässt, ob christliche Nächstenliebe in der streng katholischen Familie tatsächlich gelebt wird.
Die Fehde erschüttert einen Mythos. Vertrauliche Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, geben einen tiefen Einblick in das paranoide Innenleben eines Clans, dessen Erfolgsgeheimnis bisher auch die Geheimhaltung war – nicht nur der Geschäftspraktiken, sondern mehr noch aller persönlichen Dinge. Nun, im Zwist, werden die Phantome zu Personen, verschwinden die Sichtblenden und geben den Blick frei auf eine Familie, die im Machtkampf keine Verwandten mehr kennt. Es wird gelogen und beleidigt, getrickst und geklagt, misstraut und unterstellt. Ob das also tatsächlich so war mit der Bridge-Partie im Golfklub – natürlich nicht, lässt Cilly Albrecht wissen. Nun, zumindest "zeitnah zur Trauerfeier" habe sich das so zugetragen, heißt es von Babettes Seite. Sicher ist nur: Inzwischen gibt es kaum noch etwas, das nicht umstritten wäre. Und das in einem Unternehmen, das Milliarden verdient, in dem also eigentlich genug für alle da ist – aber anscheinend nicht genug, um alle offenen Wunden zuzupflastern.
Vordergründig geht es um eine simple Frage: ob eine Satzungsänderung der Jakobus-Stiftung Ende 2010 zulässig war oder nicht. Die Jakobus-Stiftung ist einer von drei Gesellschaftern von Aldi-Nord. In ihr sind 19,5 Prozent des deutschen Discount-Riesen gebündelt, außerdem 50 Prozent des Auslandsgeschäfts, wozu etwa die US-Tochter Trader Joe's gehört. Jakobus, das war, vereinfacht gesagt, das Reich von Berthold, dem jüngeren Sohn der Albrechts, der 2012 starb. Es gibt daneben noch mit 19,5 Prozent der Anteile die Lukas-Stiftung, das Reich von Theo junior, dem anderen Sohn des Gründers. Und die Markus-Stiftung, bei der 61 Prozent der Aldi-Nord-Anteile liegen, beherrscht von Mutter Cilly.
Jede der drei Stiftungen ist milliardenschwer. Ihre Satzungen regeln daher genau, wie sich ihre Vorstände zusammensetzen, neben den Vertretern der Familie sollen immer auch Manager des Unternehmens sitzen. Bei der Jakobus-Stiftung ist der Stiftungszweck zwar unmissverständlich die "Förderung der Destinatäre u. a. für die Sicherung eines angemessenen Lebensunterhaltes". Geld für die Familie also. Aber Geld für den Clan gibt es natürlich nur, wenn der Laden Geld verdient, es muss also auch der Firma gut gehen.
Bei Aldi muss man außerdem wissen, dass der Konzern von jeher ungern mit Banken zusammengearbeitet hat. Kredite sind verpönt, Geld für Investitionen oder das laufende Geschäft holt man sich fast immer aus der eigenen Kasse. Und das sind die Stiftungen. Hier liegen die Milliardengewinne, die das Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte gemacht hat. Die Stiftungsvorstände entscheiden darüber, ob etwa Geld in die Filialen gesteckt oder eine Sanierung doch lieber noch hinausgeschoben wird.
Bis zum Tod Bertholds saßen in den Vorständen auch die richtigen Leute – zumindest in den Augen des kleinen, eingeschworenen Zirkels aus Familienmitgliedern und engen Vertrauten, der den Konzern seit Jahrzehnten leitet. Die 88-jährige Cilly gehört dazu. Außerdem der Anwalt Emil Huber, 72, der Aldi-Nord seit über 40 Jahren dient und als einer der engsten Vertrauten Theos galt. Dazu Theo junior, auch schon 65 – und eben Berthold, der heute 61 Jahre alt wäre.
Eine Viererbande quasi, die das Unternehmen beherrschte. Und die sich spätestens seit dem Tod des Firmengründers Theo im Jahr 2010 als Lordsiegelbewahrer verstand, als Hüter der reinen Aldi-Lehre.
Mit dem Tod Berthold Albrechts aber hat sich die Viererbande erledigt. In den Vorstand der Jakobus-Stiftung rückten zwei seiner Töchter nach – und genau die sind das Problem für die alte Garde, die weiter nach den Prinzipien "Geiz und Geheimhaltung" regieren will.
Die Kinder sollen, wenn es nach dem Willen der Dreierbande geht, nicht das Sagen haben. Weil sie nach dem sehr eigenen Geschmack der Alten offenbar zu viel Geld aus der Firma herausziehen wollen. Weil sie angeblich das Wohl des Konzerns nicht im Auge haben. Vor allem aber, weil sich damit augenscheinlich die Macht im Jakobus-Vorstand verschiebt – und damit auch die Diktatur der Alten im Aldi-Reich zerbricht. Denn was auch immer der Konzern an wichtigen strategischen Dingen plant: Alle drei Stiftungen müssen mitziehen. Ohne die Kontrolle über Jakobus droht der Seniorenriege der Verlust ihrer Allmacht.
Deshalb brach nur kurze Zeit nach dem Tod Bertholds im November 2012 der unversöhnliche Streit aus, bei dem auf der einen Seite die Dreierbande, auf der anderen Seite Bertholds Witwe Babette und ihre fünf erwachsenen Kinder stehen.
Schon im Dezember präsentierte Anwalt Huber, der nach Bertholds Letztem Willen Testamentsvollstrecker werden sollte, den Hinterbliebenen ein von ihm verfasstes Memorandum of Understanding – mit "Grundaussagen zur Testamentsvollstreckung und zur Ausschüttungspolitik der Jakobus-Stiftung". Darin war zum großen Erstaunen der Berthold-Erben nicht nur eine gepfefferte Honorarforderung enthalten: nach ihrer Rechnung 10,5 Millionen Euro für Huber, obwohl im Testament noch von einer "unentgeltlichen Übernahme des Amtes" die Rede gewesen war.
Darüber hinaus sollten die Erben Verhaltensregeln unterschreiben, die selbst bei wohlwollenden Lesern zu gewisser Irritation führen würden: Aldi stehe für das Leistungsprinzip, heißt es da. Die Albrecht-Familienmitglieder müssten sich in der Öffentlichkeit deshalb alles verkneifen, was sich mit diesem Leistungsgedanken nicht vereinbaren lasse.
Einen teuren Lebensstil zum Beispiel. Sie müssten untereinander dafür sorgen, dass diese Kriterien von jedem beachtet würden. Und falls nicht: Dann müssten Fehlentwicklungen sofort untereinander angesprochen und in gemeinsamer Anstrengung abgestellt werden.
Außerdem findet sich in dem Schreiben der Satz, dass der Testamentsvollstrecker einem eventuell "zu großzügig erscheinenden Ausgabegebaren seitens der Erben und ihrer Mutter entgegentreten und einen mäßigenden Einfluss ausüben" müsse.
Doch die Erben taten etwas, was in der Vorstellung der alten Aldi-Garde nicht vorkommt: Sie spurten nicht. Im Gegenteil: Sie entrüsteten sich über die Honorarforderungen, nahmen sich einen eigenen Anwalt und ließen in das Memorandum of Understanding einen Absatz einfügen, der ihnen das Recht gab, im Privatleben zu tun und zu lassen, was sie wollen. Im Gegenzug erklärten sie sich dazu bereit, Anwalt Huber bei einem Jahresgehalt von 750 000 Euro noch zwei weitere Jahre als Vorstand der Stiftung zu akzeptieren, wollten ihn dann aber mit 70 in Rente schicken.
Doch kann man jemanden in Rente schicken, der offenbar davon überzeugt ist, ohne ihn würde die Seele des Unternehmens verloren gehen? Der über Jahrzehnte neben dem Gründer Theo die graue Eminenz der Firma war, die Strippen gezogen hat, die Stiftungskonstruktion genauso erdacht hat wie die komplizierte Konzernstruktur mit ihren vielen Einzelgesellschaften?
So einer lässt sich nicht einfach entmachten – schon gar nicht von ein paar jungen Frauen Mitte zwanzig, die noch keinen Milliardenkonzern aus dem Boden gestampft haben, dafür aber so neumodische Dinge wie Transparenz und Nachhaltigkeit einfordern. Hinzu kommt als Persona non grata die Mutter Babette, die von den anderen inzwischen quasi als Feind im eigenen Haus gesehen wird. Und deren Lebensstil in den Augen von Cilly, Theo junior und Huber so gar nicht geht: "Du bist eine Belastung für unser Unternehmen und für alles, wofür unser Unternehmen steht", beklagte sich Theo junior in einem Brief bei seiner Schwägerin.
Warum? Weil Babette gemeinsam mit ihrem Mann vielleicht ein bisschen mehr Lebenslust gezeigt hat, als in der Aldi-Welt erlaubt ist? Berthold hatte in seinen letzten Jahren Millionen für seine Oldtimer- und Kunstsammlung ausgegeben – sich dabei aber vom inzwischen verurteilten Kunsthändler Helge Achenbach übers Ohr hauen lassen. Dann und wann tauchte auch mal ein Foto von Babette oder gar Berthold in der Klatschpresse auf – ein Sakrileg in der Aldi-Welt mit ihrer Paranoia vor der Welt da draußen. Der Welt ihrer Kunden.
Dass sich Cilly, Theo junior und Huber offenbar längst auf das nahende Ende Bertholds vorbereitet hatten, wurde seiner Frau und den Kindern allerdings erst Wochen nach Bertholds Tod so richtig klar. Huber hatte gemeinsam mit dem schon sehr kranken und, was strittig ist, womöglich nicht mehr geschäftsfähigen Berthold am 23. Dezember 2010 eine Satzungsänderung für die Jakobus-Stiftung beschlossen. Sie sollte den Einfluss von Bertholds Familie im Vorstand beschränken. Für die Familie waren nur noch zwei Plätze im Vorstand vorgesehen, zwei weitere für einen Manager aus dem Aldi-Verwaltungsrat und einen Juristen aus dem Kreis "der die Aldi Unternehmensgruppe beratenden Anwälte". Faktisch bedeutete das: Der Stuhl war für Emil Huber oder einen Kollegen seiner Kanzlei Schmidt, von der Osten & Huber reserviert. Damit hätte es 2:2 gestanden, der Jakobus-Vorstand wäre blockiert gewesen und hätte den beiden anderen Stiftungen bei Entscheidungen im Konzern nicht mehr in die Quere kommen können.
Diese Satzungsänderung unterzeichnete der kranke Berthold und unterschrieb auch gleich für Hartmuth Wiesemann mit, den Gesamtverantwortlichen im Verwaltungsrat, der damals nach einer schweren Operation im Koma lag.
Als Bertholds Kinder merkten, wie weitsichtig Huber dafür gesorgt hatte, dass sie in ihrer eigenen Stiftung nichts mehr durchsetzen konnten, beschlossen sie seinen Rauswurf aus dem Stiftungsvorstand. Gleichzeitig klagten sie gegen die Satzungsänderung vom 23. Dezember 2010 – und gewannen aus formalen Gründen jetzt im Februar vor dem Verwaltungsgericht in Schleswig. Wiesemanns Unterschrift hätte nicht ersetzt werden dürfen. Die Gegenseite, in diesem Fall die Stiftungsaufsicht und Huber als Beigeladener, haben Antrag auf Berufung gestellt.
Doch selbst wenn der Streit vor Gericht entschieden wäre, zu Ende wäre der Familienkrach damit noch lange nicht. Schon seit mehr als drei Jahren gehen böse Briefe hin und her. Von Theo junior an Babette, die Kinder, deren Anwalt – und umgekehrt. Auch Huber schreibt oft, lang und giftig, und was die Patriarchin Cilly verfasst, klingt auch nicht gerade altersmilde. Selbst an die zuständige Stiftungsaufsicht hat Briefe bekommen, in denen das krude Weltbild vor allem der alten Aldi-Garde sichtbar wird. Und außerdem all die Verletzungen, die sich die Familienmitglieder im Lauf der Jahre und Jahrzehnte gegenseitig zugefügt haben.
Es gibt da beispielsweise eine eidesstattliche Versicherung Cillys aus dem Juni 2014, in der die Patriarchin den Enkeln "groben Undank" vorwirft. "Die Tatsache, dass jedes der fünf Kinder im vergangenen Jahr jeweils Beträge von fünf Millionen Euro ausgezahlt bekommen hat, lässt mir keine Ruhe." Und weiter: "Ich habe jetzt fast eineinhalb Jahre miterleben müssen, wie die Ehefrau und die Kinder meines verstorbenen Sohnes mithilfe eines Anwaltes versuchen, sich der Jakobus-Stiftung geradezu zu bemächtigen." "Hemmungslos" seien die Kinder bereit, sich über die Anordnungen ihres Vaters Berthold hinwegzusetzen.
Gerade weil er seine Sprösslinge gekannt habe, stehe in Bertholds Testament, dass seine Kinder erst mit dem 32. Lebensjahr der jüngsten Tochter an größere Summen herankommen dürften. Ihr Vater habe gewollt, dass sie "erst einmal selbst ins Erwerbsleben eintreten und durch eigene Leistung etwas zustande bringen" könnten. Dieser Wunsch werde nun mit juristischen Kniffen hintergangen.
Theo junior sieht das genauso, Bertholds Clan natürlich ganz anders – immerhin macht Aldi Jahr für Jahr Milliardengewinne, was sind da schon ein paar Millionen, die man sich als Eigentümer auszahlt? Nein, man verprasse das Geld auch nicht; die Behauptungen Cillys seien an "Böswilligkeit nicht zu überbieten", und Theo junior gehe es in Wahrheit doch nur "um die Machtergreifung im Unternehmen und Ausbootung der Familie seines Bruders".
Auch um das Testament gab es viel Gerangel. Etwa einen Monat vor seinem Tod – Berthold Albrecht machte gerade eine Kur in der Schweiz – rief er Anwalt Huber an. Der bekam den Auftrag, mit Technikern in die Essener Villa von Albrecht zu gehen und den Safe aufzubrechen. Das Testament, das dort lag, sollte Huber ihm dann in die Schweiz bringen.
Wofür? Er habe seine Kinder in einem neuen Testament schlechterstellen wollen – sagen Cilly, Theo junior und Huber. Unsinn, das Gegenteil sei der Fall gewesen, behaupten Bertholds Erben: Babette sei in der Schweiz an der Seite ihres Mannes gewesen, nur deshalb sei man auf Hubers Hilfe angewiesen gewesen. Berthold habe das Testament zugunsten der Kinder ändern wollen – sei dann aber vorher gestorben. So sei das alte Testament gültig geblieben.
Strittig ist auch, welches Verhältnis Berthold zu Cilly und Theo junior hatte. Babette spricht von einem "intensiven Zerwürfnis": "Tatsache ist, dass das Verhältnis zwischen Berthold und seinem Bruder und auch leider seiner Mutter Cilly, die sich mit Theo verbündete und Theo als 'Erstgeborenen' immer seinem Bruder vorzog, leider denkbar schlecht war", schreibt Babette. Einmal soll Theo seinen Bruder, der im Büro hilflos auf dem Boden gelegen habe, sogar wüst beschimpft haben, statt sich um ihn zu kümmern. Stimmt gar nicht, hält Theo junior energisch dagegen.
Ein anderes Mal habe Bertholds gesamte Familie in der Kirche vorn rechts gesessen, links daneben seien noch viele Plätze frei gewesen. Cilly und Theo junior aber stolzierten angeblich "bewusst an der Familie Berthold Albrecht vorbei und setzten sich in die linke Kirchenreihe".
Seit über 15 Jahren habe es "keinerlei persönlichen Kontakt" zwischen Theo und der Familie mehr gegeben.
An so eine Episode in der Kirche könne man sich nicht erinnern, richten Theo junior und seine Mutter dagegen auf Anfrage aus. Und Bertholds Familie habe man auch nie gemieden. Das Verhältnis zu seinem Bruder sei alles andere als schlecht gewesen, beteuert Theo junior, so habe er ihm aus freien Stücken vorgeschlagen, ihn statt seiner zum Vorsitzenden des Verwaltungsrats zu bestimmen. Außerdem legt er eine SMS vor, in der Berthold den "lieben Theo" um einen Gefallen bat. Darüber hinaus brüstet sich Theo damit, er habe für seinen kranken Bruder extra "eine Auswahl an Süßigkeiten aus dem Aldi-Markt zusammengestellt", eine ganze Tüte, die er Huber in die Schweiz mitgegeben habe. Nur mit seiner Schwägerin Babette will sich Theo junior nicht gut verstanden haben. Wegen ihr habe es Spannungen gegeben, auch mit Berthold.
Theo hält Babette außerdem vor, dass sie nach Bertholds Tod Strafanzeige gegen den betrügerischen Kunsthändler Achenbach gestellt hatte. Damit habe sie erneut den Beweis dafür geliefert, "dass Dir unser Unternehmen und seine Reputation vollkommen gleichgültig sind". Sie handele "ganz im Sinne unserer Konkurrenten, die tagtäglich versuchen, uns nachhaltig zu schwächen".
Der Konter von Babette ließ nicht lange auf sich warten: "Als seinerzeit Paps entführt worden ist, wurde schließlich auch das Lösegeld von den Tätern zurückverlangt ... Paps hat sogar gegen das Finanzamt prozessiert, um die steuerliche Abzugsfähigkeit des Lösegeldes zu erreichen, was zum Teil in der Öffentlichkeit nicht gut angekommen ist." Paps, das war der alte Theo Albrecht, und was der Gründer tat, das kann, so die Logik der Familie, auf keinen Fall falsch gewesen sein.
So führt jeder Angriff zum Gegenangriff, jede Verletzung zu einer noch größeren Wunde beim Gegenschlag.
Auch an seinen Nichten und dem Neffen lässt Theo kein gutes Haar. Seine Eltern und die beiden Brüder seien sich immer einig gewesen, "dass unser Unternehmen in unserer Familie an ,Position 1' steht und alles andere dieser ,Position 1' unterzuordnen ist." Diese Sichtweise werde nach dem Tod des Vaters und des Bruders "nur noch von meiner Mutter und mir gelebt". Die Schwägerin und ihre Kinder sähen sich stattdessen aber selbst an "Position 1". Das empöre ihn, schrieb Theo. Umgekehrt empört die Berthold-Seite, dass sich Theo bei solchen Sprüchen angeblich selbst eine ziemlich große Villa im Nobelort Kampen auf Sylt gönnte. Bescheiden ginge anders.
Es ist ein bisschen Denver-Clan in Essen. Wie in der US-Serie über eine Öldynastie geht es um Macht, verletzte Eitelkeiten und um wahnsinnig viel Geld.
Fast schon rührend ist da ein Schreiben des Anwalts von Babettes Kindern, in dem er sie als ernsthafte, junge Menschen schildert, die ihre "Kleidung in Kettenläden wie Hennes & Mauritz oder Zara" kauften und "unauffällige Autos" führen. Von wegen Luxus. Die Kinder hätten bisher auch nicht eine Entscheidung des Managements mit der Macht der Jakobus-Stiftung blockiert – das laufe doch alles einvernehmlich. Und: Mindestens zwei von ihnen würden sogar gern im Unternehmen mitarbeiten – wenn Onkel Theo sie nur ließe.
Der bestreitet zwar immer wieder, die Brut des Bruders aus dem Konzern heraushalten zu wollen. "Unfug" sei das. Genauso wenig habe er verhindert, dass Bertholds Kinder in die Firma einsteigen. Aber dass er die Berthold-Erben wohl doch am liebsten los wäre, daraus machte er in zwei Briefen an Babette keinen Hehl. "Wenn Du Deine ,rein persönlichen Motive' nicht den Interessen unseres Unternehmens unterzuordnen bereit bist, müssen wir uns trennen", heißt es da etwa, oder: "Ein von Aldi völlig losgelöstes Leben ist Dir und Deinen Kindern nur möglich, wenn Ihr Eure Verbindung zu Aldi durch Kündigung der Gesellschafterverträge seitens der Jakobus-Stiftung beendet."
Sogar über die Konditionen der Trennung soll schon gesprochen worden sein. Glaubt man dem Anwalt der Berthold-Erben, wollen sie aber sowieso nicht verkaufen – weil sie tatsächlich Interesse am Unternehmen haben. Weil sie bei der Zukunft Aldis ernsthaft mitreden, mitgestalten wollen, auch wenn das von der anderen Seite als Anmaßung empfunden wird.
Vor allem die alte Garde täte deshalb gut daran, sich an ihren verstorbenen Mann, Vater und Chef zu erinnern, den Gründer des Discount-Imperiums. Theo Albrecht war schon vor 25 Jahren von der Angst getrieben, dass ein Familienstreit eines Tages seine Firma zerreißen könnte. Damals, im April 1991, schrieb er beiden Söhnen einen Brief, ein Vermächtnis. "Das Wichtigste und Entscheidendste wird sein, dass Ihr immer zusammenhaltet", heißt es da, und: "Gemeinsam seid Ihr stark ... keiner darf versuchen zu dominieren." Wenn es also um Geld gehe, sollten sie untereinander "nie kleinlich" sein, denn "Kleinlichkeit zerstört das Denken, ebenso wie Neid". Und zum Schluss gibt Theo seinen Söhnen dann noch mit auf den Weg: "Das Leben ist wertvoller oder nur wertvoll, wenn man sich gut versteht."
Der Mann scheint seine Sippe gut gekannt zu haben.
Mail: susanne.amann@spiegel.de

Kontakt

* Rechts: Theo und Cilly Albrecht (r.); hinten verdeckt: Theos Bruder Karl Albrecht.
Von Susanne Amann und Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 18/2016
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