30.04.2016

Global VillageDer Duft von Sesam

Ein Team von Wissenschaftlern will das zerstörte Aleppo wieder aufbauen – schöner, als es je war.
Keine Stadt sei wie Aleppo, sagt der Syrer mit leiser Stimme. Aleppo, die Wilde, Betörende, Raue. Sie duftete im Zentrum, beim alten Suk, nach geröstetem Sesam, Seife, nach Thymian und Minze. Sie offenbarte ihre Schönheit in den Mosaiken auf den Böden der Moscheen. Oben auf der Zitadelle stehend, sah man ihre ausufernde Größe: Mehr als zwei Millionen Menschen wohnten in ihr. An den Rändern: Düsternis, Slums, Ruinen.
Wie eine Dame sei sie gewesen, sagt AlHakam Shaar – kapriziös, doch eine Freundin auch. Sie wies dich nie ab, wenn du in ihren Gassen verloren gingst. Die himmlischsten Süßigkeiten des Orients buken in ihren Öfen.
AlHakam Shaar spricht von einer zerbrochenen Liebe, denn weite Teile seiner Stadt sind heute, fünf Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien, zerstört. Baschar al-Assads Soldaten sollen Teile der Zitadelle aus dem 13. Jahrhundert gesprengt haben, der Basar brannte. Das Minarett der Omajjaden-Moschee: in Trümmern. Jeden Tag sterben Menschen, Blut klebt an den Steinen. Die wenigen Bewohner, die geblieben sind, leben in Ruinen.
Shaar, 30 Jahre alt, Vollbart, Jeanshemd, Turnschuhe, hat sich ein Strudelrestaurant im Zentrum der ungarischen Hauptstadt Budapest ausgesucht, um von seinem Aleppo zu erzählen. Er lebt jetzt hier, weil er zu einem einzigartigen Vorhaben beitragen will. Er will Aleppo nach dem Ende des Kriegs wieder aufbauen.
Shaar ist Mitarbeiter am Institut für Friedens- und Konfliktforschung an der Central European University, einem altehrwürdigen Gebäude im Stadtteil Pest, fußläufig zur Donau. Hier arbeitet er beim "Aleppo-Projekt" mit, an der Seite von Konfliktforschern, Politologen, Stadtplanern, Aleppinern im Exil. Sie sammeln Daten, Informationen, Erinnerungen und veröffentlichen ihr Material im Netz, sodass Experten in Syrien darauf zugreifen können, sobald es eines Tages Frieden gibt.
"Wir müssen etwas tun", sagt Shaar. "Zuschauen ist das Schlimmste."
Shaar hat in Aleppo gelebt, bis er 25 war. Wie jeder Mensch hatte er eine Landkarte seiner Stadt im Kopf, sie wandelte sich von einer Topografie der Sicherheit zu einer des Terrors. Er wuchs im Westen der Stadt auf, den jetzt die Truppen des Regimes besetzen. Er hatte Freunde im Osten, den nun größtenteils Rebellen halten. Er ging durch die Straßen im Zentrum, auf die in diesen Tagen trotz der vereinbarten Waffenruhe wieder Fassbomben fallen. Alle Orte, die Shaar vertraut waren, sind umkämpft.
Shaar ging kurz nach dem Ausbruch des Krieges als Englischlehrer nach Istanbul, das Leben war gut, doch Sinn bekam seine Flucht erst, als er vom "Aleppo-Projekt" hörte. Zu Hause war er Mitglied bei der "Aleppo Citadel Friends Society" gewesen. Er hat mit seinem Vater ein Haus renoviert. Er kann das gut: etwas erschaffen, aus nichts.
Für das Projekt hat sein Team mehr als tausend Aleppiner zum Stadtbild ihrer Heimat befragt, sie haben eine Karte im Netz erstellt, in der Bewohner eintragen können, an welches Gebäude, welche Mauer, welchen Hügel oder welches Café sie sich erinnern. Die Forscher schauten auf Dresden, Kabul, Bagdad und Warschau, wo Gemälde aus dem 18. Jahrhundert als Vorlage für den Wiederaufbau dienten. Sie sprachen über den Brand, der große Teile Chicagos vernichtete, und die Erdbeben, die Aleppo trafen. Und sie analysierten Fehler.
Sie reisten nach Beirut in den Libanon, wo das Zentrum jetzt einem Disneyland gleiche, einem Klub für Reiche. "Die Einkaufszentren sind voller internationaler Marken", sagt Shaar. Nirgendwo spielten Kinder, alles wirke steril. Regel Nummer eins also: "Eine Stadt muss für all ihre Bürger da sein. Ihr Zentrum sollte harmonisch wiederaufgebaut werden, ohne zu viele kommerzielle Inseln."
Die Forscher haben auch Sarajevo in Bosnien untersucht. Dort habe Saudi-Arabien nach dem Krieg eine Menge Geld in den Wiederaufbau gesteckt. Heute seien viele Moscheen in Sarajevo streng wahhabitisch geprägt. "Mit dem bosnischen Islam haben sie wenig zu tun." Regel Nummer zwei also: "Die Politik soll die Bürger beteiligen und Geldgeber aus dem Ausland unter Kontrolle halten."
Shaar läuft jetzt zu seinem Arbeitszimmer in der Universität, unterwegs sprudeln seine Ideen. Am besten wäre es, wenn alle Aleppiner nach dem Ende des Krieges ein Jahr Zeit hätten, zurückzukommen und Anspruch auf ihre Häuser zu erheben. Es müsste einen neutralen Fonds mit Geldern zum Wiederaufbau geben. Und: "Ganz wichtig ist der Schutt: Wo kann er hingebracht werden? Wie können darunterliegende Bomben entschärft werden? Wie gewinnt man Investoren für dieses wenig prestigeträchtige Aufräumen?"
Noch sind nicht alle Fragen für Shaar und seine Kollegen beantwortet. Aber er sagt, das Wichtigste sei, dass die Aleppiner verstünden, dass der Wiederaufbau eine Chance sei. Shaar hat Fragebögen bekommen, auf denen die Aleppiner geschrieben haben, welche Gebäude nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut werden sollten: der Luftwaffenstützpunkt, die Gefängnisse, die Gebäude von Assads Baath-Partei.
AlHakam Shaar blickt auf den Stapel Papier vor sich und sagt: "Ich habe alles notiert." Er weiß nicht, ob seine Arbeit Früchte tragen wird. Er fürchtet, dass es in naher Zukunft keinen Frieden geben wird. Aber er arbeitet, als ob es bald so weit wäre. Seine Liebe zu Aleppo ist jetzt ein Versprechen.

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Twitter: @katrinkuntz
Von Katrin Kuntz

DER SPIEGEL 18/2016
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