30.04.2016

KommentarVorsicht, große Füße!

Der Sammeleifer der Datengläubigen bringt vor allem Unsinn zutage.
Die Zahl der Amerikaner, die sich versehentlich mit ihrem Bettlaken strangulieren, steigt und fällt häufig mit dem Pro-Kopf-Verbrauch von Mozzarella. Das ist eine Tatsache, die Statistik lässt da keinen Zweifel. Überhaupt erstaunlich, was so eine Statistik alles hergibt. Zum Beispiel die Liste der Oscarpreisträger: Je älter der gekürte Hauptdarsteller, desto höher die Scheidungsrate in Alaska – verblüffend ähnlich verlaufen die Kurven über Jahre hinweg. Hoch signifikant, würden Experten sagen. Natürlich trotzdem Unsinn.
Wer ausreichend viele Daten in einen Topf wirft, wird darin immer auch verräterische Muster und surreale Parallelen finden. Zwei angesehene Mathematiker, Cristian Calude und Giuseppe Longo, haben kürzlich den streng logischen Beweis erbracht: Je größer der Topf mit den Daten, desto mehr solcher irreführender Korrelationen sind darin zu erwarten. Die möglichen echten Befunde bleiben dagegen weit in der Unterzahl.
Diese Regel gilt selbst für völlig sinnfrei zusammengewürfelte Zahlen: Ist die Datenbank nur groß genug, werden vielsagende Muster hervortreten. Psychisch gesehen handelt es sich dabei um Halluzinationen.
Das ist ein empfindlicher Schlag für die technikbegeisterten Visionäre, die an die Macht der Daten glauben. Die glühendsten Verfechter von Big Data haben bereits das Ende der Wissenschaft ausgerufen. Künftig, so sagen sie, sprächen die Zahlen für sich selbst. Der Mensch müsse nur noch seine Computer mit Abermengen von Daten füllen – und die Maschine entdeckt darin den Börsenkurs von übermorgen und Krankheiten, noch bevor sie entstehen. Gewiss wird auch ein Geheimdienst bald herausfinden, dass sich die Wege von Terroristen oft mit Menschen kreuzen, die große Füße haben und an einem Donnerstag geboren sind. Die beiden Mathematiker jedenfalls haben uns beizeiten gewarnt: Mit zu vielen Daten, so schreiben sie, stehe man oft genauso dumm da, als hätte man nur sehr wenige. Machen wir uns also auf lustige Zeiten gefasst. Denn all die datenversessenen Meisterschnüffler in Wirtschaft und Politik dürften sich von mathematischen Beweisen kaum bremsen lassen. Für die Mitbürger mit den großen Füßen ist das natürlich nicht so lustig.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 18/2016
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