30.04.2016

IdoleDie Königin

Beyoncé und der Rapper Jay-Z sind das Fürstenpaar des US-Showgeschäfts. Jetzt rechnet die Sängerin öffentlich mit ihrem untreuen Mann ab und macht daraus eine Anklage gegen Rassismus und Chauvinismus.
Am vergangenen Samstagabend, um kurz nach zehn amerikanischer Ostküstenzeit, begann eine weltweite Jagd. Auf dem Bezahlsender HBO war gerade der seit Tagen geheimnisvoll angekündigte Film "Lemonade" der Sängerin Beyoncé gelaufen, und er hatte ein Millionenpublikum erstarrt zurückgelassen. Beyoncé, die ihr Privatleben stets geschützt hatte wie kaum ein anderer Popstar, hat in dem einstündigen Film ihren Ehemann, den Hip-Hop-Mogul Jay-Z, wütend, leidenschaftlich und verzweifelt des Ehebetrugs angeklagt.
"Man kann die Unaufrichtigkeit riechen, sie ist überall in deinem Atem": Mit diesen Zeilen beginnt der Film, sie stammen aus dem Song "Pray You Catch Me". Wenig später, in dem Lied "Sorry", wird Beyoncé konkreter: "He only want me when I'm not there. He better call Becky with the good hair". Er wolle sie nur, wenn sie nicht da sei. Aber er solle doch dann besser Becky anrufen, die mit den schönen Haaren. Becky also. Wer war Becky?
Die Fahndung ging los, Millionen Beyoncé-Fans suchten nach Hinweisen. Auch CNN und die "New York Times" befassten sich mit Beyoncés Leid, dem Zustand der Ehe und ihrem künstlerischen Umgang damit. Oder war das alles schon nicht mehr voneinander zu trennen?
Popmusik beschäftigt sich seit je mit den Motiven von Liebe, Leid, Betrug und dem Verlassenwerden. Und natürlich ist Kunst in unterschiedlichen Graden immer autobiografisch motiviert. Doch was Beyoncé in "Lemonade" präsentierte, war ein Paradigmenwechsel: ein Popstar, dazu eine schwarze Frau, die ihr Leid mit einer anderen, ebenfalls sehr öffentlichen Person, ihrem Ehemann, derart konkret und unverstellt in Wort und Bild ausstellt.
"Becky" ist im Amerikanischen ein Slangwort für eine weiße Vorstadtbratze. Auch die "schönen Haare" sind ein unter Schwarzen verbreitetes Klischee über weiße Frauen. Diese Hinweise führen damit, neben der weiblichen Selbstermächtigung, das zweite Thema des Films ein: die Verortung der schwarzen Frau im amerikanischen Gesellschafts- und Familiengefüge. Es tauchen die echten Mütter auf, deren Söhne von der Polizei erschossen wurden, Beyoncé hat sie gekleidet wie Königinnen, und Serena Williams, die große schwarze Athletin, kommt dazu und tanzt.
Der Film hat auch deshalb eine solche Wirkungsmacht, weil beides, die Fragen von Geschlecht und von Rasse, die Themen sind, mit denen sich eine Generation junger Popkonsumenten in den USA beschäftigt. Musiker wie Kanye West oder Kendrick Lamar, Schriftsteller wie Ta-Nehisi Coates, Junot Díaz oder Chimamanda Ngozi Adichie hatten in ihren jüngsten Werken ebenfalls nach autobiografischen Zugängen zu diesen Themen gesucht.
Der Film "Lemonade" ist in elf Kapitel aufgeteilt, die sich an verschiedenen Phasen der Trauer orientieren, vom Nicht-wahrhaben-Wollen über Wut, Apathie bis zu Heilung und Hoffnung. Beyoncé erzählt ihre Geschichte mit Bildern, die sie neu inszeniert hat, mit Aufnahmen ihrer Familie und ihres Ehemanns, mit ihren Songs sowie einem gesprochenen Text, der auf Gedichten der 27-jährigen englisch-somalischen Dichterin Warsan Shire basiert. Die erste Hälfte des Films besteht aus der Wut einer ungeschönten, verletzten Beyoncé, die einen Baseballschläger schwingt und große amerikanische Autos damit zertrümmert, die Symbole männlicher Macht und Potenz. "Are you cheating on me?" – Betrügst du mich? –, fragt Beyoncé und springt von einem Gebäude. Ihr Schmerz setzt in Bildern, Worten und Musik eine solche Kraft frei, dass ihr Betrogensein nicht mehr als Schwäche erscheint. Traditionell galten Frauen als gedemütigt, wenn ihre Männer sie betrogen, deswegen haben sie es verheimlicht. Beyoncé tut das Gegenteil. Sie erzählt es der ganzen Welt, erzählt von sich, einem Menschen, der sich vor der Zuneigung von Millionen Fans nicht retten kann, dem es aber nicht gelingt, sich die Liebe des Menschen zu sichern, den sie am meisten will.
Lange Zeit hatte die Ehe von Jay-Z und Beyoncé aus der Ferne wie die ideale Vermählung von Macht, Schönheit, Glamour und Freude gewirkt. Die beiden luden die Obamas zum Dinner ein und kamen dem nahe, wonach sich die amerikanische Seele ja schon immer gesehnt hat, einem Königspaar. Doch in Wahrheit wusste man wenig über sie. Und dann gab es Gerüchte. Die Ehe sei nicht in Ordnung. Im Mai 2014 tauchte ein Video aus einem Fahrstuhl auf, in dem zu sehen war, wie Beyoncés Schwester Solange Knowles in einem spektakulären Gewaltausbruch nach einem Ballbesuch auf Jay-Z einschlägt. Das Interessante an den Bildern war, dass Beyoncé vollkommen unbeteiligt danebensteht. Seitdem hat sie geschwiegen.
Nach Sichtung des Films versteht man, warum. Es geht ihr nicht vordergründig um ihre Ehe, es geht ihr noch nicht mal um Jay-Z, wahrscheinlich hat sie ihn längst aufgegeben. Beyoncé will größere Zusammenhänge zeigen, und dafür stellt sie zwei Zitate ins Zentrum des Werks. Das eine ist relativ naheliegend und stammt von Malcolm X, der feststellte, dass schwarze Frauen die am wenigsten respektierten sowie am meisten vernachlässigten und ungeschütztesten Menschen in Amerika sind. Beyoncé lässt also bald mit ihrer Wut von ihrem Ehemann ab und spricht über ihre Eltern, über ihren Vater, der sie zwar vor Typen wie Jay-Z gewarnt habe, aber zu viel trank und offenbar auch kein perfekter Ehemann war.
Der Fehler liegt also nicht nur in der Unaufrichtigkeit von Jay-Z, er liegt in den Traditionen, in einem Generationstrauma schwarzer Frauen, er ist systemisch. Hier legt Beyoncé die Schnittstelle frei zwischen den Fragen des Rassismus und des Chauvinismus, den beiden großen Themen, die Beyoncé in den vergangenen Jahren für sich entdeckt hat. Schon in der Halbzeitshow des diesjährigen Superbowl-Finales hatte sie im Februar den Hauptact Coldplay regelrecht alt aussehen lassen, als sie mit dem von der schwarzen Kultur des Südens und vom Rassismus handelnden Song "Formation" den mittelalten weißen Rockmusikern zeigte, wie es möglich ist, provokante politische Anliegen mit den Anforderungen absoluter Mainstream-Superstarpower zu vereinen. Beyoncés Backgroundsängerinnen trugen zwar Uniformen, die an die der Black Panther erinnerten, doch gleichzeitig wurde der Auftritt mit solcher Wucht, Professionalität und Mainstream-Unterhaltungsqualität vorgetragen, dass sich seine Subversion leicht übersehen ließ. Das Gleiche gilt in verstärktem Maße für "Lemonade", dessen perfekte, fast kitschige Ästhetik Beyoncés schockierende Befunde leicht übertünchen könnte.
Es ist diese Fähigkeit, die Beyoncé unterscheidet von der lediglich lasziven Rihanna, der streberhaften Taylor Swift oder der konservativen Adele – und selbst von Kanye West, dessen Äußerungen für die Masse zu egozentrisch und damit unnachvollziehbar bleiben.
Das zweite Zitat im Film stammt ausgerechnet von Jay-Zs Großmutter. Wir sehen sie an ihrem 90. Geburtstag vor einer Menge schwarzer Freunde und Familienmitglieder, wie sie ihr Leben resümiert. Sie habe ihre Aufs und Abs gehabt, aber immer die innere Stärke gefunden, sich wieder aufzurichten. Und dann spricht sie die so schönen wie zunächst rätselhaften titelgebenden Worte: "I was served lemons, but I made lemonade." Man habe ihr Zitronen hingestellt, aber sie habe Limonade daraus gemacht, was vermutlich bedeuten soll, dass das Leben Saures austeilt, aus dem Süßes gemacht werden muss.
Ihre eigene Großmutter, teilt Beyoncé des Weiteren mit, habe den Fluch gebrochen, jene Traurigkeit und Apathie, die Generationen schwarzer Frauen umweht haben, die sich alles gefallen ließen, aber dann verziehen haben. Die Botschaft von "Lemonade" besteht in der Umkehrung dieser Verhältnisse: nichts gefallen lassen, aber irgendwann: verzeihen.
Und so taucht der Beschuldigte in dem Film erstmals kurz nach der Hälfte auf. Wut und Apathie sind verflogen, und man sieht Jay-Zs Hinterkopf, offenbar streicht er über Beyoncés Schenkel, vielleicht küsst er sogar ihre Füße. Die Liebe scheint nicht gespielt und wird doch zerbrechen.
In diesem Moment fällt einem ein, dass es ja Jay-Z ist, der dieses Projekt so erst ermöglicht hat, er präsentiert Film und Album auf seiner Streaming-Plattform Tidal, er hat die Filmaufnahmen freigegeben.
Doch dass er, seine Frau und die Tochter Blue Ivy nun einträchtig in ihrem Loft in Tribeca sitzen und sich totlachen über das Rätselraten da draußen in der Welt (und Texte wie diesen), ist leider fast ausgeschlossen. Dafür ist Jay-Z durch das Werk seiner Frau zu stark beschädigt. Allenfalls toleriert er diese Invasion in seine Intimsphäre, vielleicht lässt sie ihm auch keine Wahl. Möglicherweise fragt Jay-Z sich auch nur, ob denn jetzt alle verrückt geworden sind. Erst sein Freund Kanye mit seinem durchgedrehten und sehr privaten Album "The Life of Pablo", nun seine Frau, die dafür gesorgt hat, dass die Welt auf ihn, den großen Entrepreneur Jay-Z, in Zukunft vor allem als Ehebrecher blicken wird (was vielen anderen berühmten Männern vor ihm allerdings auch nicht geschadet hat). War das nicht einmal anders, wird er sich fragen, damals, zu seiner großen Zeit als Rapper, als man einfach mal "I got 99 problems, but a bitch ain't one" singen konnte, ohne es nun wirklich so zu meinen? Vielleicht wird er begreifen, dass seine Frau, freilich auf seine Kosten, der Popmusik 2016 zu einer neuen Dringlichkeit verholfen hat.
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Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 18/2016
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