07.05.2016

SPIEGEL-GesprächWer, ich?

Die digitale Revolution erlaubt es uns, fremde Identitäten anzunehmen. Wo führt das hin? Bis zum Verlust des Ichs? Der Philosoph Thomas Metzinger sagt: Möglich ist fast alles. Sogar Roboter, die wirklich leiden.
SPIEGEL: Herr Metzinger, für einen Bewusstseinsforscher muss diese Zeit eine spannende sein. Ich bin viele, die digitale Revolution macht es möglich: Ich kann Elfe sein, wenn ich will, oder Cyberpunk oder Gladiator oder Zwerg ...
Metzinger: ... ich kann völlig eintauchen in eine virtuelle Realität, ich kann eine Datenbrille aufsetzen und erleben, wie sich mein Ichgefühl verändert – und auch das, was ich für "bewusstes Erleben", für "wirklich" oder "authentisch" halte. In diesem Jahr wird es vermutlich den Durchbruch auf dem Massenmarkt geben.
SPIEGEL: Sie haben es ausprobiert.
Metzinger: Ich war als Ethiker während der letzten fünf Jahre an einem EU-Projekt beteiligt, bei dem es darum ging, das Ichgefühl in Avatare zu übertragen.
SPIEGEL: Und das ist ernst gemeint?
Metzinger: Natürlich. Entstanden sind dort sehr gute Körperbilder in der virtuellen Realität, im Grunde schon die ersten Modelle eines künstlichen Selbst. Das letzte Mal, als ich im Labor war, bin ich in eine Frau inkarniert worden, die so groß war wie ein 14-jähriges Kind. Ich habe aus ihren Augen geschaut, dann wurde sie unerwartet von einem anderen Avatar angegriffen.
SPIEGEL: Das klingt unangenehm.
Metzinger: Ein Moment war tatsächlich erschreckend: Ich habe diese VR-Brille auf, ich sitze in der virtuellen Realität in einem Zimmer, im Fernseher läuft ein Musikvideo, da ist ein Kamin, in dem das Feuer flackert, dann schaue ich an mir hinunter und sehe, die haben meinen Avatar noch nicht dazugeschaltet. Ich hatte ein sitzendes Gefühl, schaute nach unten und sah einen leeren Stuhl.
SPIEGEL: Da fehlte was.
Metzinger: Ja. Mein Körper. Gruselig.
SPIEGEL: Was sollen diese Versuche?
Metzinger: Da geht es um durchaus Sinnvolles. Zum Beispiel wird es viele klinische Anwendungen geben, etwa in der Psychotherapie, oder völlig neue Lernumgebungen. Man kann sich Höhenangst abtrainieren, Magersüchtige können ihren Körper neu erleben, es gibt Versuche, gelähmte Menschen einen Avatar über Gehirn-Computer-Schnittstellen steuern zu lassen. Die VR-Technik kann dazu benutzt werden, Empathie zu schaffen – oder sie zu zerstören. Diese Methode ist ein machtvolles Mittel der psychologischen Manipulation. Wichtig ist, dass wir jetzt ethische Standards entwickeln – für die Forschung, aber auch für den Alltag, für den Umgang der Menschen mit der virtuellen Realität.
SPIEGEL: Sie als Philosoph, als Grenzgänger zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, sagen Sie uns: Was macht die virtuelle Realität mit uns? Wie verändert die digitale Revolution das, was wir unter "Ich" verstehen?
Metzinger: Ganz genau weiß das niemand. Was jetzt gerade läuft, ist wie ein gigantischer Massenversuch. Denn es kann sein, dass das völlige Eintauchen und die Identifikation mit Avataren das Ichgefühl verändert, vielleicht zunächst unbemerkt. Es könnte etwa sein, dass Menschen, wenn sie länger in virtuellen Realitäten sind, hinterher Depersonalisierungsstörungen bekommen – das chronische Gefühl, dass ihr eigener Körper in der normalen Welt nicht wirklich ist. Dass sie sich als Automaten erleben oder das, was um sie herum ist, wie einen Traum.
SPIEGEL: Ja? Was neu ist, gilt ja immer als bedrohlich. Im 18. Jahrhundert fürchtete man, dass der Aufstieg des Romans eine "Lesewuth" bei jungen Menschen auslösen könnte. Später war das Fernsehen gefährlich, dann das Internet.
Metzinger: Und Platon hat schon im "Phaidros" die Erfindung der Schrift kritisiert, weil sie unser Gedächtnis schwäche und nicht zur Vermittlung von Weisheit tauge. Die virtuelle Realität, die wir erforscht haben, ist aber anders als ein Film oder ein Chatroom. Der Nutzer erlebt es anders, denn alles, was ihn umgibt, ist designt worden von den Schöpfern dieser virtuellen Realität. Darin bewegt er sich, diese Technik verschafft ihm die Illusion, einen Körper zu besitzen und zu kontrollieren, der nicht der eigene ist. Diese Technik verändert unser Verhältnis zu uns selbst.
SPIEGEL: Der virtuelle oder eigentlich der gesamte digitale Raum ist ein Meer der Möglichkeiten – und das muss doch gar nicht schlecht sein. Bei Facebook gibt es 60 Geschlechter. Ich kann mich frei entscheiden, ob ich Mann, Frau oder Transgender bin, schwarz oder weiß. Diese ewige Frage: Wer bin ich, wer will ich sein – ist es nicht verlockend, sie endlich selbst zu entscheiden?
Metzinger: Wenn man dabei die geistige Autonomie nicht verliert, dann ja. Mit dem Klicken im Internet haben wir einen unendlichen Optionsraum, das stimmt. Damit steigt aber das Risiko, nicht die beste Möglichkeit anzuklicken, enorm an. Das verunsichert – und eigentlich mögen wir Unsicherheit nicht. Ein brillanter britischer Wissenschaftler, Karl Friston, hat ein neues mathematisches Modell entwickelt, das Grundideen von Kant und Helmholtz präzisiert und erklärt, was unser Gehirn eigentlich macht, und sehr vereinfacht, sagt er, mache es immer das: Unsicherheit vermindern, hässliche Überraschungen vermeiden.
SPIEGEL: Sind wir so ängstlich?
Metzinger: Wir Menschen mit unserem Gehirn sind Systeme, die versuchen, Beweise dafür zu finden, dass sie existieren. Wir wollen ständig wissen, dass wir noch leben, dass wir keinen Vorhersagefehler machen. Wir brauchen Signale, die sagen: Ich bin nicht tot, mir geht's gut. Leben und Selbstbewusstsein sind sozusagen eine selbsterfüllende Prophezeiung.
SPIEGEL: So wie der manische Twitterer oder der Selfie-Jäger, die ihre Erlebnisse in alle Welt posten müssen: Schaut her, da bin ich. Mich gibt es.
Metzinger: Ja. Permanente Selbstvermarktung, die hysterische Ausdehnung des Selbstmodells in die Medienwelt.
SPIEGEL: Herr Metzinger, das Ich, von dem wir dauernd reden ...
Metzinger: Sie tun das, ich nicht.
SPIEGEL: Also, dieses Ich ...
Metzinger: ... Sie meinen: dieses Ichgefühl. Dieses Selbstmodell. Die Evolution hat uns dahin geführt, dass wir uns als ein "Selbst" begreifen, und das ist tatsächlich sehr interessant. Das bewusste Selbstmodell des Menschen ist die beste Erfindung von Mutter Natur, es ermöglicht zum Beispiel soziale Kooperation und die Entstehung von Großgesellschaften.
SPIEGEL: Sie machen es etwas kompliziert, aber egal: Hier sitzen nun zwei Ichs vom SPIEGEL, so sehen wir das jedenfalls, und wir fragen Sie: Wie entsteht denn nun dieses Bewusstsein?
Metzinger: Es ist so: Der gesamte Inhalt unseres bewussten Erlebens wird durch interne Eigenschaften in unserem Kopf festgelegt. Unser Gehirn erschafft ein Modell der Welt, die uns umgibt. Ich glaube, dass all Ihre Erlebnisqualitäten, die Farben, wie der Tisch hier für Sie aussieht, die Bauchgefühle, die Sie jetzt haben, dass die lokal festgelegt werden in Ihrem Gehirn. Wenn alle Eigenschaften Ihres Gehirns feststehen, dann stehen auch alle Eigenschaften Ihres bewussten Erlebens fest. Aber Vorsicht: Erleben und Wissen sind nicht dasselbe!
SPIEGEL: Ich sage: Dieser Tisch ist braun.
Metzinger: Wovon ist das eine Eigenschaft? Das ist keine Eigenschaft von dem Ding da, das vor uns steht. Sie denken vielleicht an Lichtstrahlen, elektromagnetische Wellen, die vom Gegenstand ausgehend auf Ihr Auge treffen und dort etwas auslösen. Aber weder sind Lichtstrahlen braun, noch sind es die Erregungsmuster auf Ihrer Netzhaut. Und wenn wir ins Gehirn schauen, sehen wir nirgends dieses Braun. Wenn Sie diese Flasche sehen, und wenn Sie eine identische Halluzination von genau der gleichen Flasche haben und die Flasche ist nicht da, dann geschieht in Ihrem Gehirn genau dasselbe.
SPIEGEL: Ich fasse die Flasche an.
Metzinger: Das kann man auch halluzinieren. Schwer Geisteskranke mit komplexen Halluzinationen oder Süchtige im Entzug haben realistische Tastempfindungen. In der virtuellen Realität gibt es auch haptisches Feedback.
SPIEGEL: Ist das Ihre Diagnose: Der Mensch schafft sich auch ohne digitale Technik seine eigene virtuelle Realität?
Metzinger: So ist es.
SPIEGEL: Sie wollen uns doch nicht erzählen, wir bilden uns alles nur ein? Wir schaffen uns ein Modell der Welt im Kopf, und da draußen ist – was auch immer, wir haben keine Ahnung, was es ist?
Metzinger: Natürlich existiert eine Außenwelt, und Wissen und Handeln verbinden uns mit dieser Außenwelt – aber das bewusste Erleben des Wissens, des Handelns und des Verbundenseins selbst ist eine ausschließlich innere Angelegenheit. Metaphorisch gesprochen sind wir Teil eines fortwährenden Bilderstroms, es ist wie Online-Träumen. Und die von uns selbst erzeugte Innenwelt hat uns geholfen, in dieser Außenwelt zu überleben. Selbstbewusstsein hat viel mit dem Überlebenswillen des Menschen zu tun. Mit dem, was die Buddhisten den "Durst nach Dasein" genannt haben: diesem unglaublich starken Streben, weiterhin zu existieren. Nicht nur, sich gut zu fühlen, sondern da zu bleiben. Wir sind ja Überlebensmaschinen, die aus der Evolution kommen. Das Ichgefühl ist der bewusste Ausdruck dieses Millionen Jahre andauernden Vorgangs.
SPIEGEL: "Ich denke, also bin ich", sagte Descartes. "Wie man wird, was man ist", ergründete Nietzsche. Und nun kommen Sie, als Philosoph, und bringen immer wieder die Hirnforschung ins Spiel – diese Neuronenzählerei, die den Geist naturwissenschaftlich erklären will.
Metzinger: Als Philosoph stehe ich ganz hinter dem klassischen Ideal der Selbsterkenntnis. Heute trägt die Hirnforschung viel dazu bei. Und wenn meine Theorie stimmt, dann ist das subjektive Erleben des "Ich denke" selbst eine besondere Art von Gedanke, ein inneres Bild, das wir nicht mehr als Teil einer virtuellen Realität erkennen. Übrigens: Wenn man genau hinschaut, lautet in den allermeisten Fällen die richtige Beschreibung: "Gedanken sind da." Und ist es nicht eigentlich so, dass man, wie Nietzsche sagt, in Wirklichkeit genau in den kurzen Momenten, in denen man gar keine Gedanken hat, "der wird, der man schon immer war"?
SPIEGEL: Schwer zu sagen. Sie kennen jedenfalls die Angst, die die Hirnforschung auslöst.
Metzinger: Ja, da ist diese Angst und auch das rein weltanschauliche Ressentiment: Die Neurowissenschaft macht mein Selbst kaputt! Manche Geisteswissenschaftler haben 30 Jahre zu spät auf die Erkenntnisse der Hirnforscher reagiert. Viele fürchteten, dass etwas zerstört wird von ihrem traditionellen Begriff des Geistes, des rationalen Subjekts, dass sie am Ende ihre Seele verlieren. Wie Leute in der Straßenbahn, die angestrengt weggucken, wenn jemand angegriffen wird. Ich denke, das tiefere Motiv dahinter ist Sterblichkeitsverleugnung.
SPIEGEL: Das, was Sie heute machen ...
Metzinger: ... hätten wir als Studenten begeistert als "protofaschistisch" gebrandmarkt. Das war ein wichtiges Wort, für uns war jede Form von "Biologismus" eine Vorstufe zum Faschismus. Ich bin im linksalternativen Milieu der Siebzigerjahre sozialisiert worden und habe am Institut der Frankfurter Schule promoviert, kam aus dem Widerstand gegen die Startbahn West und habe schon als Schüler den Häuserkampf im Westend mitbekommen. Ich habe aber auch die selbstgefällige Empörungskultur wahrgenommen, unsere Selbstgerechtigkeit. Und ich habe mich gefragt: Was ist das beste Argument, das die Gegenseite zu bieten hat? Die rechten Philosophen sagten immer: Die Anthropologie des Marxismus sei grundfalsch. Mir geht es um die Argumente – was genau war falsch am Menschenbild der Linken? Wo funktioniert das menschliche Denken und Fühlen in Wirklichkeit anders, als sie es erklären? Daher rührt mein Interesse an den modernen Theorien des Geistes.
SPIEGEL: Und für Kritiker sind Sie nun ein Reduktionist. Einer, der das menschliche Sein unbedingt naturwissenschaftlich erklären will.
Metzinger: Ich bin jemand, der Geist und Selbst-Bewusstsein mit den Mitteln der modernen, interdisziplinär arbeitenden Philosophie verstehen will, soweit es eben geht. Biologist bin ich nie gewesen, und weltanschauliche Debatten sind was fürs Feuilleton und für Leute, die sich selbst gern als "Intellektuelle" bezeichnen. Im Moment sieht es so aus: Da sitzt kein kleines Männchen im Gehirn, das "Ich" ist. Und auch keine unsterbliche Seele. Aber ich bin ganz bestimmt kein ideologischer Reduktionist – wenn mir jemand zeigt, was am Selbst prinzipiell nicht naturwissenschaftlich erklärt werden kann, dann bin ich darüber sehr froh. Ich will es dann nur ganz genau wissen.
SPIEGEL: Sie hoffen, widerlegt zu werden?
Metzinger: Das muss man doch, oder? Ich halte viele Dinge philosophisch für richtig, die ich emotional unattraktiv finde. Ich habe eine Position, und die gefällt mir nicht, das erlebe ich häufig. Zum Beispiel glaube ich, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, und das finde ich nicht schön.
SPIEGEL: Niemand wird ihm ein Denkmal setzen – das ist die Kränkung des Peer Gynt in Ibsens Stück, das zurzeit wieder oft gespielt wird. Da ist ein Mann auf der Bühne, der sich selbst sucht, der alles ausprobiert und beinah untergeht im Meer der Möglichkeiten. Ein Getriebener, der schließlich die Zwiebel schält und sich darin wiedererkennt. Er pellt Schale um Schale – und zurück bleibt: nichts. So ähnlich wie bei der Hirnforschung.
Metzinger: Ja, die macht das im Moment. Die schält die Zwiebel. Meditierende machen das seit Jahrtausenden.
SPIEGEL: Schwierige Zeiten. Die digitale Revolution sagt: Dein Ich hat alle Möglichkeiten. Die Hirnforschung sagt: Bist du sicher, dass es dein Ich wirklich gibt?
Metzinger: Dazu dann noch die politische Verschärfung der Situation in der Außenwelt, die Ahnung, dass wir die Kontrolle über den Planeten bereits verloren haben. Ich glaube, dass die Mechanismen, die das menschliche Selbstmodell aufbauen und stabilisieren, im Moment unter großem Druck stehen. Die Menschheit muss in den kommenden Jahrzehnten durch einen historischen Flaschenhals. Im Prinzip bräuchten wir dazu so etwas wie eine neue Bewusstseinsethik. Ich denke, letztlich brauchen wir auch eine intellektuell redliche und vollständig säkularisierte Form von Spiritualität.
SPIEGEL: Neue Bewusstseinsformen erzeugt auch die virtuelle Realität. Sie haben dazu gerade einen ethischen Verhaltenskodex vorgelegt.
Metzinger: Ja, denn es gibt vieles, das wir klären müssen: Braucht der Mensch ein "Recht am eigenen Avatar", so wie er das Recht am eigenen Bild besitzt? Man kann bald Tote virtuell wiederauferstehen lassen, als Avatar. Was macht das mit denjenigen, die überleben – ist es gut für die Trauerarbeit oder schlecht? Was sind die psychosozialen Folgekosten der Entwicklung – werden noch mehr Jugendliche süchtig? Sehr bald wird man etwa in einen Pornofilm viel tiefer und interaktiver "eintauchen" können, mit einem Ganzkörperanzug für den Tastsinn, dadurch möglicherweise auch sehr direkt an vorher aufgezeichneten strafbaren Handlungen teilnehmen können. Was macht all das mit uns? Muss die Pornoindustrie jetzt stärker reguliert werden?
SPIEGEL: Bis dahin können wir Ihnen folgen – neue Entwicklungen bringen neue Fragen. Anders ist das in Ihrem Buch "Der Ego-Tunnel" und in einem weiteren Papier, das Sie kürzlich vorgelegt haben, in dem Sie unter anderem vor der Erschaffung von künstlichem Bewusstsein warnen. Mit einer merkwürdigen Begründung.
Metzinger: Ich vertrete die These, dass wir vorerst keine künstlichen Subjekte erzeugen sollten, weil wir damit eine sehr große Menge an bewusstem Leiden erzeugen könnten. Ohne Notwendigkeit.
SPIEGEL: Leidende Roboter?
Metzinger: Ja, das ist vorstellbar.
SPIEGEL: Wirklich, leidende Roboter? Das sind ja keine Menschen, keine Tiere, nicht mal Pflanzen. Einfach Maschinen.
Metzinger: Hardware spielt keine Rolle. Innerhalb der KI, der Künstlichen-Intelligenz-Forschung, gibt es tatsächlich eine Debatte über künstliche phänomenale Subjekte ...
SPIEGEL: ... also solche, die über ein Bewusstsein verfügen.
Metzinger: Ja. Leiden, das ist meine Überzeugung, gibt es nur mit Bewusstsein plus Ichgefühl. Wenn es künstliches Bewusstsein gibt, gibt es dann möglicherweise auch künstliches Leiden? Wir können heute Roboter bauen, die Schmerzverhalten prima simulieren, die Sensoren haben und vielleicht sogar schreien, und niemand glaubt, dass es denen wirklich wehtut. Aber irgendwann wird es dieses Leiden vielleicht doch geben. Die Biorobotik schafft Roboter mit biologischer Hardware. Es gibt Forscher, die Roboter mit Neugier, Hunger, Durst, Ärger, Wut ausstatten – das sind noch keine bewussten Wesen, aber es kann irgendwann dazu kommen.
SPIEGEL: Wirklich?
Metzinger: Ich sage: Wenn wir eine künstliche Evolution des Bewusstseins in Gang setzen würden – das wird bestimmt nicht morgen oder übermorgen geschehen, aber später vielleicht schon – dann wäre das Risiko sehr hoch. Wir könnten Kaskaden auslösen, über das Internet viele Kopien bewusster Selbstmodelle erzeugen – die möglicherweise unter ihrer eigenen Existenz leiden.
SPIEGEL: Das ist Science-Fiction.
Metzinger: Aber ich denke, wir müssen uns auch damit beschäftigen. Bei großen zu erwartenden Schäden ist das nämlich auch bei einer niedrigen Eintretenswahrscheinlichkeit vernünftig. Die ersten Maschinen, die Bewusstsein haben werden, verfügen über keinen Vertreter in einer Ethikkommission, geschweige denn in Parlamenten. Übrigens genau wie die vielen Milliarden Menschen und empfindungsfähigen Tiere, die in der Zukunft unter dem Klimawandel leiden werden.
SPIEGEL: Will denn jemand diese Maschinen bauen?
Metzinger: Es gibt Forscher in Japan, in England, die sagen: Künstliche Intelligenz war gestern, ich will mit "synthetischer Phänomenologie" berühmt werden, mit Künstlichem Bewusstsein. Dieser deutsche Philosoph da sagt, wir sollen kein bewusstes Selbstmodell riskieren – los, bauen wir ein bewusstes Selbstmodell!
SPIEGEL: Was machbar ist, glauben Sie, wird gemacht?
Metzinger: Ich hoffe nicht. Aber man kann sich nicht darauf verlassen. Unsere globale Gesellschaft ist in keinem guten Zustand, und ich meine: Die Verhältnisse, die in unserer Gesellschaft entstehen, sind letztlich der äußere Ausdruck der funktionalen Architektur unserer Gehirne. Das größte Problem der Menschheit ist in Wirklichkeit die Struktur unseres eigenen Geistes. Die Unfähigkeit, empathisch und solidarisch zu sein. Terrorismus, Raubtierkapitalismus und Klimawandel – das sind nur Oberflächenphänomene.
SPIEGEL: Der Mensch hat neue Mittel bekommen, um den anderen auszulöschen.
Metzinger: Ja. Es gibt ja immer einen militärischen Nutzen dessen, was neu erforscht wird. Es gab eine Evolution der Distanzwaffen, die bedeutete, dass man Menschen besser denn je töten kann, ohne sie sterben zu sehen.
SPIEGEL: Sie reden von Drohnen.
Metzinger: Zum Beispiel. Man kann sich jetzt vorstellen, sozusagen hineinzuschlüpfen in eine Drohne, deren Körperbild zu übernehmen, an das eigene Selbstmodell zu koppeln, sich an das Opfer zu schleichen, sich in die Luft zu jagen – das wären virtuelle Selbstmordattentate. Auch Folter in der virtuellen Realität wird jetzt denkbar. Keine schöne Vorstellung.
SPIEGEL: Was folgt für Sie daraus? Es wird böse enden?
Metzinger: Es endet sowieso, für uns alle. Ich selbst glaube nicht, dass es irgendwelche tollen philosophischen Theorien gibt, die uns auf dem Sterbebett wirklich helfen können. Man kann nur klar und ehrlich zu sich selbst sein und den Tatsachen so weit in die Augen schauen, wie es einem eben im Moment jeweils möglich ist. Weder die Philosophie noch die anderen Geisteswissenschaften sollten Beihilfe zur Sterblichkeitsverleugnung leisten, wie subtil und raffiniert auch immer. Eine bessere Frage ist: In welchem Bewusstseinszustand möchte ich selbst einmal sterben?
SPIEGEL: Herr Metzinger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Thomas Metzinger betreibt Philosophie auf zeitgemäße Art. Er besucht Labors, in denen die Effekte der "Virtual Reality" auf Versuchspersonen erforscht werden, er setzt sich intensiv mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaft auseinander und sucht Antworten auf die neuen ethischen Fragen, die sich durch den digitalen Fortschritt stellen. Der 58-Jährige leitet den Arbeitsbereich Theoretische Philosophie an der Universität Mainz und ist international der meistzitierte Philosoph seiner Generation in Deutschland. Als Mitherausgeber des Onlineprojekts "Open Mind" hat er eine Sammlung aktueller wissenschaftlicher Texte zum Themenkomplex "Geist und Bewusstsein" frei zugänglich gemacht (open-mind.net). In seinem zuerst 2009 erschienenen Buch "Der Ego-Tunnel" gibt er einen Überblick über die moderne Bewusstseinsforschung und erläutert seine These, dass ein "Selbst" als innerer Kern des Menschen nicht existiert.

"Wir könnten über das Internet viele Kopien bewusster Selbstmodelle erzeugen – die möglicherweise unter ihrer eigenen Existenz leiden."

Das Gespräch führten die Redakteure Dietmar Pieper und Barbara Supp.
Von Dietmar Pieper und Barbara Supp

DER SPIEGEL 19/2016
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