07.05.2016

ChinaVäter und Söhne

Vor 50 Jahren glitt das Land in das blutige Chaos der Kulturrevolution. Mittendrin zwei gute Kameraden: der Vater des heutigen Präsidenten Xi Jinping – und der des Dissidenten Ai Weiwei.
Zwei Fotografien, zwei Familien, zwei Väter und zwei Söhne: Das eine Bild, schwarz-weiß, zeigt vier Personen. Rechts steht ein Mann Anfang sechzig, links ein Junge, der neugierig und etwas skeptisch in die Kamera schaut. Der Junge ist der heute weltberühmte Künstler Ai Weiwei, damals knapp 15 Jahre alt, nun Chinas bekanntester Dissident.
Das andere Bild, in Farbe, zeigt eine große Familie. Die Hauptperson, ein älterer Herr, sitzt mit drei Kindern auf einem Sessel, sie verdecken ihn fast. Ganz links auch hier ein junger Mann mit vollem Haar, er lacht. Das ist Xi Jinping, damals Anfang zwanzig, heute der Präsident Chinas.
Und die Väter der beiden berühmtesten Chinesen unserer Zeit kannten sich gut – was selbst in China nur wenige wissen. Die beiden begegneten sich in den Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal und trafen einander immer wieder, zuletzt vor dem Aufstand auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989.
Mehr als ein Jahrzehnt ihres Lebens aber verbrachten der Dichter Ai Qing und der Politiker Xi Zhongxun ohne Kontakt zueinander – und fast ohne Kontakt zur Außenwelt. Es war das Jahrzehnt der chinesischen Kulturrevolution, deren Beginn sich in diesen Tagen zum 50. Mal jährt. Die Väter Ai und Xi, beide überzeugte Kommunisten, wurden in jener Zeit deportiert, weggesperrt, erniedrigt, gefoltert. "Beide sind ein großes Stück des Weges miteinander gegangen", so Ai Weiwei zum SPIEGEL. "Beide wurden während der Kulturrevolution verfolgt. Vielleicht können wir Söhne ja ein paar Erfahrungen austauschen."
Die beiden Söhne Ai und Xi erlebten jene Jahre als Heranwachsende, das Chaos und die Gewalt prägen sie bis heute. Diese Erfahrung teilen sie mit vielen, die heute Chinas Politik, Wirtschaft, Militär und Kultur dominieren. Was die Menschen dieser Generation erlebt, verdrängt oder überwunden haben und welche Lehren sie daraus ziehen, ist für das Verständnis der Weltmacht China mindestens so wichtig wie deren Industrie- oder Handelsdaten.
Auch die frühen Erfahrungen der seit 2012 regierenden, von Xi Jinping geführten "fünften Generation" chinesischer Politiker werden darüber entscheiden, welches das China der Zukunft ist: ein zunehmend autoritäres und repressives – oder ein sich vorsichtig öffnendes, der Welt zugewandtes China.
Ai Weiwei, 58, und Xi Jinping, 62, sind aufgewachsen in einem blutigen Chaos, das Anfang 1966 beginnt.
Kommunistenführer Mao Zedong reist in jenen Monaten rastlos in der chinesischen Provinz herum. Er meidet Peking, wo seine Gegner zu viel Einfluss haben. Sie machen ihn für die Tragödie des "Großen Sprungs nach vorn" verantwortlich, einer Industrialisierungskampagne, in deren Folge von 1958 bis 1962 schätzungsweise 45 Millionen Menschen verhungerten. Mao fürchtet nun um seine Macht und seine Utopie eines revolutionären Musterstaates. Mit der Kulturrevolution will er seine Rivalen stürzen und die gebildete Elite, die er mit ihnen im Bunde sieht.
Eine Gruppe von Radikalen unter Führung von Maos Frau und einem Vertrauten soll den Sturm anzetteln, an den Schulen soll er losbrechen. 1949 wurde die Volksrepublik gegründet – 1966 ist das erste Jahr, in dem nur noch Kinder zur Schule gehen, die im Mao-System aufgewachsen sind. Sie kennen nichts anderes, sie sind verführbar. Am 16. Mai beschließt das Politbüro den Beginn der "Großen Proletarischen Kulturrevolution". Am 1. Juni wird der Unterricht ausgesetzt. Die "Volkszeitung" ruft das Volk auf, die "Monster und Dämonen" zu verjagen.
Der heutige Präsident Xi Jinping ist damals 13 Jahre alt und besucht ein Internat im Nordwesten Pekings, auf das viele hohe Parteikader ihre Kinder schicken. Vor allem diese Schüler folgen dem Ruf der Radikalen. Sie kommen in den Armeeuniformen ihrer Eltern zur Schule, deklamieren Mao-Texte und schauen sich nach "bourgeoisen Elementen" im Lehrkörper um. Sie nennen sich "Rotgardisten" und schwören, "brutal" zu sein und Maos Gegner zu "zertrampeln".
Xi Jinping wäre prädestiniert, selbst Rotgardist zu werden. Sein Vater, Jahrgang 1913, war ein Revolutionär der ersten Stunde. In den Vierzigerjahren trifft er wohl zum ersten Mal einen anderen Kommunisten namens Ai Qing, den späteren Vater Ai Weiweis. Ein Foto aus der Zeit zeigt die beiden mit drei anderen, einer davon war ein wichtiger General der Mao-Truppen. Doch später fiel Vater Xi einer Intrige zum Opfer und wurde entmachtet. Als Sohn eines "Reaktionärs" taugt der junge Xi nicht zum Rotgardisten.
In einer ersten Welle der Gewalt töten die jungen Fanatiker 1800 Menschen allein in Peking. Mao bestärkt sie in ihrer blinden Wut gegen ihre Lehrer. Die Gewalt folgt dem Prinzip der Sippenhaft. Xi Jinpings Mutter, eine Parteifunktionärin, wird aufs Land deportiert, seine Halbschwester Xi Heping kommt ums Leben.
Der junge Xi, privilegiert geboren, doch plötzlich zu einem Outcast erklärt, streunt orientierungslos durch Peking und gerät in die Fänge einer militanten Gruppe: "Sie hielten mich für einen Rädelsführer", erzählte er später in einem Interview. "Sie fragten mich: ,Was glaubst du, wie schwer deine Verbrechen sind?' Ich sagte: ,Schätzt doch selbst ein, ob ich schuldig genug für eine Hinrichtung bin.' Sie antworteten: ,Du bist schuldig genug, um hundertmal exekutiert zu werden.' Ich fand, es macht keinen Unterschied, ein- oder hundertmal erschossen zu werden."
Xi soll zunächst in eine Strafanstalt gesteckt werden, doch das Chaos jener Tage rettet ihn: Der Jugendknast ist überfüllt, es sind nicht genug Plätze frei.
Ai Weiwei ist neun Jahre alt, als Peking in Gewalt versinkt. 1949 war sein Vater Ai Qing noch mit Maos Truppen in Peking eingezogen und pries deren Sieg in einem Gedicht, das ihn berühmt machte. Aber auch Ai Qing fiel einer Säuberung zum Opfer, 1957, im Geburtsjahr seines Sohnes Weiwei. Seit 1959 lebt er mit seiner Familie in der Verbannung im tiefen Westen Chinas und wird zum Arbeitseinsatz gezwungen. Er fühlt sich "wie in einem Sarg". Doch die Bestrafung ist harmlos im Vergleich zu dem, was mit dem Beginn der Kulturrevolution über die Familie hereinbricht.
"Bis 1966 hatte sich unser Vater gekränkt und verletzt gefühlt", sagt Ai Weiweis Bruder, der Schriftsteller Ai Dan, 53. "Nun aber setzte die körperliche und seelische Folter ein." Wenn sein Vater über die Straße ging, "dann warfen sie ihm Steine nach. Einmal sah ich, wie Kinder ihn mit einer Schaufel schlugen, einfach so, zur Unterhaltung. Wie habe ich diese Kinder gehasst".
Ende 1966 stürmen Männer Ai Qings Wohnung und verfrachten ihn mit Frau und Kindern in ein Arbeitslager am Rande der Wüste Gobi. Dort lebt die Familie nun jahrelang in einem Erdloch und ernährt sich von den Abfällen der Lagerküche. Der einst gefeierte Dichter muss Latrinen leeren. Im Winter zerhackt er die gefrorenen Exkremente mit einem Eispickel, bevor er sie entsorgt.
Mehrfach wird Vater Ai öffentlich vorgeführt und muss unter Prügeln Selbstkritik üben. "Wer als Kind solche Dinge erlebt, hat später im Leben nur zwei Möglichkeiten", sagt Ai Dan. "Er kann sich selbst verleugnen oder seinen Zorn herausschreien. Ich war damals erst fünf Jahre alt und lernte, mich anzupassen. Mein Bruder Ai Weiwei war zehn, er war empfindsamer und ist intelligenter als ich. Er hat sich für das Gegenteil entschieden."
Der Terror jener Tage, sagt der in Hongkong lehrende Historiker Frank Dikötter, der gerade eine große Studie zur Kulturrevolution vorgelegt hat, "zerstörte den letzten Rest von Vertrauen, Freundschaft und Beziehungsfähigkeit, die in Maos China damals noch übrig waren"**. Das gilt gerade für Familien von überzeugten Kommunisten wie Ai Qing und Xi Zhongxun, die im Kern an Maos Lehre glauben, sich aber ein Maß von Unabhängigkeit bewahrt haben.
Xi Jinpings Vater kannte Mao Zedong seit den Dreißigerjahren. Als Kommandeur einer Guerillatruppe hatte er dessen bedrängter Armee während des Bürgerkriegs Obdach gewährt.
Da Xi als geschickter Verhandler galt, wurde er nach der Gründung der Volksrepublik in die soeben unterworfenen tibetischen Gebiete geschickt, um sich mit buddhistischen Notabeln zu beraten. Der Dalai Lama bezeichnete Xi Zhongxun später als "sehr freundlich und vergleichsweise aufgeschlossen". Er habe Xi damals eine Omega-Armbanduhr geschenkt, die dieser lange getragen habe.
Die Kulturrevolution aber bricht über den einstigen Guerillakämpfer Xi mit der gleichen Brutalität herein wie über den "Rechtsabweichler" und Literaten Ai Qing. Im Winter 1966 wird Xi verschleppt, als "Reaktionär" auf einem Lastwagen vorgeführt, mit einem Schild um den Hals, und scharfen Verhören unterzogen. Das Militär lässt ihn nach Peking fliegen, wo er die Zeit bis zu Maos Tod unter Hausarrest verbringt. Als er 1972 seine Familie nach sieben Jahren zum ersten Mal wiedersieht, erkennt er seine Söhne nicht: "Bist du Jinping oder Yuanping?", fragt er den Jüngeren der beiden.
Die Familie von Ai Qing muss noch mehrere Jahre in der Verbannung leben. Anfang der Siebzigerjahre darf der Vater, auf einem Auge erblindet, für eine Untersuchung nach Peking reisen, seine Söhne begleiten ihn. Erst nach Maos Tod 1976 kehrt Ai Weiwei mit den Eltern in seine Geburtsstadt zurück. Zwei Jahre später schreibt er sich an der Filmhochschule ein. 1981, als sein Vater bereits rehabilitiert ist und China sich langsam öffnet, hält es ihn nicht länger dort. Er geht nach New York, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und Design studiert.
Spätestens in diesen Jahren treffen sich auch die Väter Ai und Xi wieder. Wie oft genau, ist nicht bekannt. Aber Ai Weiweis Bruder hat Fotos, die sie zeigen. Es spricht Vertrautheit aus diesen Bildern: Vater Ai fasst Vater Xi am Arm, Vater Ai – das blinde rechte Auge seltsam verdreht – steht dicht neben Vater Xi, sie versuchen zu lächeln.
Die frühen Arbeiten Ai Weiweis beeindrucken derweil Kritiker im Westen durch die radikale Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur: Ai zerstört eine antike Vase und andere Symbole chinesischer Kultur, er zerlegt Antiquitäten, um sie ganz anders wieder zusammenzubauen, er fotografiert sich mit ausgestrecktem Mittelfinger vor dem Tor des Himmlischen Friedens. Man muss kein Kunstkritiker sein, um den biografischen Hintergrund seiner Radikalität zu verstehen.
Der junge Xi Jinping geht den entgegengesetzten Weg. Als das Chaos der Kulturrevolution seinen Höhepunkt erreicht, folgt er der Anweisung Mao Zedongs, die Jugend der Städte solle aufs Land hinausziehen, um von den Bauern zu lernen. Er landet auf einer Staatsfarm in der Heimatprovinz seines Vaters, wo er in einer Höhle hausen und schwer arbeiten muss. Doch er findet schnell Anschluss und steigt später zum Sekretär seiner Arbeitsgruppe auf. 1971 wird er Mitglied im Kommunistischen Jugendverband, 1974 wird er in die Partei aufgenommen.
Ein Jahr darauf, noch vor Maos Tod, geht Xi nach Peking zurück. Hier fängt er an, das Netzwerk zu flechten, das ihn über zunehmend einflussreiche Posten ins Zentrum der Macht führt. 2012 wird er zum Generalsekretär der Partei, 2013 zum Präsidenten gewählt.
Warum gehen zwei Männer, die während der Kulturrevolution ein so vergleichbares und bitteres Schicksal erlitten haben, so verschiedene Wege?
Der Weg des Dissidenten Ai Weiwei erscheint folgerichtig. Warum aber versöhnt sich der junge Xi Jinping mit diesem Regime, das ihn und seinen Vater so erniedrigt hat? Warum verschärft er, wie im vierten Jahr seiner Präsidentschaft längst klar ist, dieses Regime nun noch – in der Justiz, bei der Zensur, in allen Fragen der nationalen Sicherheit? Warum übernimmt er sogar Muster der Kulturrevolution, etwa indem er einen Kult um seine Person fördert oder Regimekritiker mit Scheingeständnissen im Fernsehen vorführen lässt?
Der Historiker Wu Di gibt ein Onlinejournal heraus, in dem Opfer und Täter, soweit es die Zensur erlaubt, über ihre Erfahrungen während der Kulturrevolution berichten. "Unser System", sagt er, "hat schwere Fehler offenbart, ein besonders schwerer war die Kulturrevolution. Fehler aber kann man korrigieren." So sehe das eine große Mehrheit der Chinesen. "Man darf nicht nur sehen, was unsere Eliten damals erlitten haben. Ihr müsst auch sehen, wie reich sie inzwischen geworden sind."
Die Politologin Patricia Thornton, die in Oxford über die Folgen der Kulturrevolution lehrt, sagt: "Präsident Xi gehört einer kleinen Gruppe an, die sich als ,rot geboren' empfindet." Für jemanden seiner Herkunft sei es logisch gewesen, sich trotz des Chaos der Sechzigerjahre der Partei anzuschließen. "Es war die einzige Ordnung, die nach der Kulturrevolution überhaupt noch übrig war." Heute sei China so autoritär wie seit Jahren nicht mehr, weil die Ordnung erneut in Gefahr sei: "Das Wachstum sinkt, das Land hat kein soziales Netz geknüpft. Die Führung empfindet diese Lage als absolut explosiv."
Im Juni 1981, fünf Jahre nach Maos Tod, verabschiedete das Zentralkomitee der chinesischen KP eine "Resolution über gewisse Fragen in unserer Parteigeschichte seit der Gründung der Volksrepublik". Die "Kulturrevolution", heißt es darin, sei "für die schwersten Verluste verantwortlich, welche die Partei, der Staat und das Volk" erlitten hätten. Es steht da in dieser Reihenfolge.
Drei Jahre später sprach Xi Jinpings Vater Zhongxun vor einer kleinen Runde von Parteifreunden in Shanghai. "Der Vorsitzende Mao", sagte er, "hat uns einst aufgefordert, die Kulturrevolution zu 30 Prozent als schlecht und zu 70 Prozent als gut zu bewerten. Wo sind die 70 Prozent des Guten? Es war nicht ein Stück von Gutem in der Kulturrevolution. Es war ein falscher Glaube. Es war eine falsche Bewegung."

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* Oben: mit seinem Vater und Verwandten um 1972 in Peking; unten: mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder Ai Dan um 1972 in Peking. ** Frank Dikötter: "The Cultural Revolution. A People's History 1962–1976". Verlag Bloomsbury, London und New York; 432 Seiten.
Von Bernhard Zand

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