07.05.2016

KommentarVernarrt ins Restrisiko

Abstinenzfanatiker reden die beste Alternative zur Zigarette kaputt.
Eine gute Nachricht für alle Tabaksüchtigen: Das britische Royal College of Physicians empfiehlt ihnen ohne Umschweife den Umstieg auf E-Zigaretten. Diese Flüssigkeitsverdampfer seien eindeutig die bessere Wahl für jeden Raucher, schrieben die Mediziner unlängst in einem großen Report: Viel geringer falle der Schaden für die Gesundheit aus – vielleicht fünf Prozent, höchstens, im Vergleich zu den herkömmlichen Sargnägeln mit ihrem giftigen Verbrennungsteer.
Und unsere deutschen Experten? Sie mauern und mahnen. Denn fünf Prozent, das ist ja nicht nichts. Womöglich sind es sogar sechseinhalb Prozent! Mit einem Wort: Die E-Zigarette ist nicht perfekt. Vor allem das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, tonangebend in der Debatte, redet die weniger schädliche Alternative deshalb unentwegt schlecht. Das jüngste "Memorandum" des DKFZ steckt voller Einschüchterungsvokabeln: "gesundheitlich bedenklich", "Atemwegsirritationen", "mehr Schadenspotential als Nutzen", "kein anerkanntes Mittel zum Rauchstopp".
Seit Jahren geht das so dahin. Immerfort wird hierzulande gewarnt, zerpflückt und zur Vorsicht geraten. Die kleinste Spur eines Risikos wird mikroskopisch beäugt, bis es furchterregend erscheint. Droht nicht gar ein Reizhüsteln von den verdampften Lebensmittelaromen? Schlimmer noch, ein allergisches Jucken im Schlund? Und natürlich: Krebsgefahr nicht vollständig ausgeschlossen! Solide Belege dafür gibt es nicht. Aber für die Fetischisten des Restrisikos genügt der Verdacht auf die Eventualität eines Potenzials.
Nichts gegen eine vernünftige Regulierung des Dampfens. Am 20. Mai tritt das neue Tabakerzeugnisgesetz in Kraft. Es beschränkt den Nikotingehalt der Nachfüllbehälter. Werbung für die E-Zigaretten ist dann weitgehend verboten – alles vertretbar. Aber was macht das DKFZ? Es fordert, das Dampfen müsse nun auch so hart besteuert werden wie die nun wahrlich lebensgefährlichen Tabakzigaretten. Fast möchte man meinen, es solle den Leuten das weitaus geringere Übel mit aller Macht verleidet werden. Die Hundertprozentigen dulden nur die totale Abkehr, den perfekten Ausstieg, die reine Wiedergeburt des verworfenen Sünders in der Abstinenz.
Ginge es aber nach den Regeln der Vernunft, müsste der Staat das Dampfzeug an umstiegswillige Raucher gratis verteilen.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 19/2016
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