21.05.2016

WhistleblowerEin Mann schert aus

Barack Obama wirft Edward Snowden vor, dass er an die Öffentlichkeit ging, statt den Dienstweg einzuhalten. Nun offenbart ein hoher US-Beamter, wie die Regierung interne Kritiker abstrafte.
John Crane wohnt nicht weit entfernt von der Zentrale der CIA auf der Südseite des Potomac, wo der Wald sattgrün ist und die Landschaft hügelig. Ein paar Meilen den Fluss hinab liegt das Pentagon. Crane fühlt sich hier zu Hause, er ist ein Kind des militärisch-nachrichtendienstlichen Komplexes der USA. Er war 25 Jahre lang Teil dieses Systems, er glaubt immer noch daran, auch wenn es ihn inzwischen zum Feind erklärt hat.
Crane sitzt in der Küche seines Bungalows, vor ihm liegt eine Ledermappe mit dem Siegelwappen der USA. Er ist 60 Jahre alt, sieht aber jünger aus. Die Haare sind zurückgeföhnt, das Barthaar ist akkurat getrimmt. Er trägt noch immer die Uniform des Washingtoner Regierungsgeschäfts: ein Hemd mit eingestickten Initialen, Manschettenknöpfe, dazu ein Jackett mit goldenen Knöpfen.
So ist er ein Vierteljahrhundert zum Dienst erschienen, hat der Wache seinen Hausausweis gezeigt, um dann in sein Büro in der zehnten Etage hinaufzufahren, in seinem Dienstgebäude im Army Navy Drive in Arlington, Virginia. Aus dem Fenster konnte man auf das amerikanische Verteidigungsministerium blicken, das markante Gebäude, das nach seiner Form benannt ist: Pentagon, griechisch für Fünfeck.
Später zogen sie um, etwas weiter raus, in einen anonymen Büroturm, aber Crane und seine Leute blieben ein wichtiger Teil des Ministeriums. Über die Jahre machte er Karriere und brachte es bis zum "Assistant Inspector General". Etwa 1600 Staatsbedienstete arbeiten für den Generalinspekteur, rund 90 davon bis zu dessen Ausscheiden für Crane. Ihre Aufgabe ist es, Schlamperei, Korruption und anderen Gesetzesverstößen im Apparat nachzugehen. In einer modernen Demokratie ist der Generalinspekteur eine Art Ausputzer, der dafür sorgen soll, dass Militär und Behörden nach den Leitlinien des Rechtsstaats funktionieren.
Cranes Job im Ministerium war heikel. Er befasste sich mit Missständen, von kleineren Querelen bis hin zu großen Skandalen im Militär. Er war für die Beziehungen zum Kongress zuständig, und vor allem für das Whistleblowing-Programm des US-Verteidigungsapparats – eine Art Kummerkasten für rund zwei Millionen zivile und militärische Mitarbeiter des Pentagons sowie der NSA, die dem Pentagon untersteht. Bis Crane den Verdacht schöpfte, dass seine Vorgesetzten die Regeln brachen, um einen unliebsamen Whistleblower fertigzumachen.
Für Crane hat dieser Konflikt vieles infrage gestellt, woran er geglaubt und wofür er gearbeitet hatte. Der Mann, der in seiner Karriere Dutzende Whistleblower-Fälle begleitet hatte, entschied sich, selbst zum Whistleblower zu werden. In einem Buch und in mehreren Gesprächen mit dem SPIEGEL, SPIEGEL TV und dem britischen "Guardian" erzählt er erstmals seine Geschichte(*). Sie umfasst weit mehr als nur das Schicksal eines höherrangigen Pentagon-Mitarbeiters, der 2013 im Streit ausgeschieden ist.
Denn Crane widerspricht einer Behauptung, die sowohl der amerikanische Präsident Barack Obama als auch die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton bis heute ins Feld führen, wenn es um Edward Snowden geht, den prominentesten Whistleblower unserer Zeit. Snowden hätte 2013 nicht abtauchen müssen, nicht den Weg an die Öffentlichkeit wählen. Das System funktioniere, der Fehler liege bei Snowden, das ist Obamas Subtext.
Jemandem wie Snowden, der "in Gewissensnöten steckt und meint, dass staatliche Vorgehensweisen hinterfragt werden müssten", hätten andere Wege offen gestanden, sagt Obama. Ähnlich äußert sich Hillary Clinton im Vorwahlkampf. Snowden "hätte als Whistleblower agieren können", sagt sie – innerhalb des Regierungsapparats. "Er hätte jeden Schutz eines Whistleblowers für sich in Anspruch nehmen und sämtliche aufgeworfenen Probleme ansprechen können. Und ich meine, die Reaktion darauf wäre positiv ausgefallen."
Crane sitzt in seinem Bungalow in Virginia, sein Blick schweift Richtung Pentagon. Er weiß, dass die Dinge anders liegen, dass es nicht so einfach ist, wie Obama und Clinton es darstellen. Wie hätte Snowden denn den Dienstweg einhalten sollen? Er war ja kein Beamter, sondern nur Angestellter einer Privatfirma, die für die NSA arbeitete. Deshalb war unklar, ob Snowden denselben rechtlichen Schutz genoss wie beamtete Whistleblower. Und selbst wenn: Crane hat heute Zweifel daran, dass ihn die Behörden korrekt behandelt hätten.
Crane seufzt, er sucht nach den richtigen Worten, um seine Zweifel zu erklären: "Ich habe anhand eines drastischen Beispiels gesehen, was einem Whistleblower widerfahren ist, wenn er sich verhält wie gefordert und sich der offiziellen Wege bedient." Dabei schien alles gut durchdacht, als die Regierung in den Siebzigerjahren einen Ansprechpartner für Whistleblower im Militär und in der NSA ernannte.
Nach der Universität arbeitete Crane bei einem republikanischen Kongressabgeordneten namens Bill Dickinson, einem führenden Mitglied des Verteidigungsausschusses. Dickinson war ein Befürworter der Idee, im Verteidigungsministerium das Amt eines Generalinspekteurs einzurichten. Als die Position geschaffen wurde, war Crane einer der ersten Angestellten im Büro des Inspekteurs – er arbeitete in seiner Ministerialkarriere rund einem Dutzend Generalinspekteuren zu und baute die "Hotlines" für Whistleblower mit auf. Für Crane sind Whistleblower eine Säule des demokratischen Systems, er ist überzeugt davon, dass sie die Arbeit der Regierung verbessern.
Als Chelsea Manning Hunderttausende Tagesberichte über die US-Kriege in Afghanistan und dem Irak sowie diplomatische Depeschen aus US-Botschaften weltweit an WikiLeaks weiterreichte, setzte sich Crane dafür ein, neue vertrauliche Beschwerdewege für Eingaben über geheime und streng geheime Vorgänge einzurichten – was auch geschah. Während seiner Zeit im Pentagon, erzählt Crane, habe er das Whistleblower-Schutzgesetz von 1978 als Broschüre drucken lassen, "damit die Mitarbeiter im Büro des Generalinspekteurs das Gesetz, das sie durchsetzen sollen, im Wortlaut lesen können". Er habe "dafür zu sorgen versucht, dass es einen Edward Snowden niemals geben würde", behauptet Crane.
Er lässt sich bis heute nicht dazu hinreißen, das, was Chelsea Manning oder Snowden getan haben, öffentlich gutzuheißen. Snowdens Flucht und sein Exil in Russland hält er für eine Tragödie, die vermeidbar gewesen wäre. Er glaubt weiterhin, dass der interne Weg der bessere wäre. Die Fehler, die Crane anprangert, liegen seiner Ansicht nach bei den Amtsinhabern, die Vorgaben und Gesetze nicht ordentlich umsetzten.
Die ersten Zweifel kommen John Crane 2004. Kurz zuvor ist er zum Assistierenden Generalinspekteur aufgestiegen und damit Teil der Führungsebene geworden. Es sind die Jahre nach dem 11. September 2001. Die Anschläge auf das World Trade Center und auf das Pentagon verändern die Arbeit in den US-Sicherheitsbehörden fundamental. Die Bush-Regierung erweitert ihre Budgets und Befugnisse massiv.
Eine kleine Gruppe von NSA-Mitarbeitern sieht das mit wachsender Besorgnis. Die Geheimdienstler erkennen, dass die Überwachung mit Programmen wie Trail Blazer US-Staatsbürger erfasst, was nach ihrer Meinung gegen die US-Verfassung verstößt. Sie registrieren, dass knapp vier Milliarden Dollar allein in dieses Programm und damit in die Kassen der damit beauftragten Unternehmen fließen, was sie für eine Verschwendung von Steuergeldern halten. Sie argumentieren, dass eine interne Lösung namens "ThinThread" besser geeignet sei und Milliarden sparen würde.
Der Gruppe gehören drei ehemalige NSA-Mitarbeiter, eine frühere Mitarbeiterin des Geheimdienstausschusses des Kongresses sowie der damals noch aktive NSA-Mann Thomas Drake an, der eine leitende Position bei den Überwachungsprogrammen der NSA innehat.
Zunächst wendet sich die Gruppe mit ihrer Beschwerde an den damaligen NSA-Generalinspekteur. Als dieser ihre Bedenken verwirft, kontaktieren die Whistleblower die nächsthöhere Ebene – das Büro des Generalinspekteurs des Pentagons, Cranes Arbeitsplatz. Dessen Leute haben ein eigenes Büro auf dem Gelände der NSA-Zentrale in Fort Meade, Maryland. Auf den Fluren und in den Fahrstühlen haben sie Plakate aufgehängt, die die NSA-Mitarbeiter ermuntern, sich bei Problemen an sie zu wenden. Im September 2002 geht eine offizielle Beschwerde bei Crane ein.
Seine Ermittler treffen sich mit Drake, von Januar 2003 an befragen sie ihn, wieder und wieder, mehrere Jahre lang. Drake übergibt ihnen NSA-Dokumente, die seine Vorwürfe belegen sollen. Jedes Mal, wenn er das Büro des Generalinspekteurs betritt, registriert ihn ein Sicherheitsbeamter. Drake fühlt sich beobachtet.
Cranes Leute widersprechen dem Befund der NSA-Offiziellen. Sie halten die Bedenken nach ausführlicher Prüfung für im Wesentlichen berechtigt – eine Ohrfeige für die Verantwortlichen um den damaligen NSA-Chef Michael Hayden. 2006 stoppt der US-Kongress das umstrittene Überwachungsprojekt, auf das die Kritiker hingewiesen hatten.
Die Geschichte der NSA-Whistleblower hätte eine Erfolgsgeschichte werden können. Allerdings hatten die fünf Kritiker von Beginn an Repressalien gefürchtet. Während vier von ihnen mit ihrem Namen geradestehen, taucht Thomas Drake in der Beschwerde nur als "höherrangiger Mitarbeiter aus dem Management" auf, ohne Namen, aus Angst. Crane sagt, er habe diese Furcht vor Vergeltung als Warnsignal betrachtet und als "ausgesprochen ungewöhnlich" empfunden und darauf gedrängt, ihr nachzugehen. Sein Vorgesetzter habe das abgelehnt. Crane war empört. Aus seiner Sicht lief das den Regeln für den Generalinspekteur zuwider. "Man würde meinen, ein solches Verhalten sei genau das, was wir untersuchen sollen", sagt Crane.
Die Angst war begründet, wie sich 2007 erweisen sollte. An einem Julimorgen stürmten bewaffnete Beamte der Bundespolizei FBI die Wohnungen und Häuser der vier in dem Bericht genannten Whistleblower. Vier Monate später standen sie auch bei dem Mann vor der Tür, der bei der internen Beschwerde hatte anonym bleiben wollen: Thomas Drake.
Drake war ein altgedienter Geheimdienstler. Für den Nachrichtendienst der Air Force hatte er einst vom deutschen Luftraum aus Funksprüche der Nationalen Volksarmee und der Stasi mitgeschnitten. Später arbeitete er frei für die NSA. Sein erster Arbeitstag als fester Angestellter bei der Behörde war der 11. September 2001 ( SPIEGEL 20/2013).
Nun wurde er unter Androhung von Waffengewalt festgenommen, nach dem Spionagegesetz von 1917 angeklagt und mit 35 Jahren Haft bedroht. Zudem verlor er seine Sicherheitsfreigabe und damit seine berufliche Existenz – alles für seine Rolle als interner Mahner, als Whistleblower, der auf die offiziellen Kanäle gesetzt und auf sie vertraut hatte. Unter anderem wurde Drake vorgeworfen, geheim eingestufte Informationen an eine Journalistin der "Baltimore Sun" weitergegeben zu haben, was er bestritt. Zudem habe er NSA-Dokumente auf seinem privaten Computer gespeichert.
Kurz vor dem Prozess ließen die Staatsanwälte alle ursprünglichen Anklagepunkte fallen. Drake wurde zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und gemeinnütziger Arbeit verurteilt wegen missbräuchlicher Nutzung von NSA-Rechnern. Der Richter rügte die Staatsanwaltschaft ungewöhnlich harsch: Das Vorgehen der Ankläger sei "unverschämt" gewesen. Drake verlor dennoch seinen Job, seinen Pensionsanspruch und viele Freunde.
Was Drake damals nicht wusste: Sein Fall war es, der im Verteidigungsministerium aus einem Mann des Systems einen Systemkritiker machte. John Crane fühlte sich bestätigt in seinem damaligen Vorhaben, der Angst der NSA-Whistleblower vor Repressalien nachzugehen. Er hatte zudem einen beunruhigenden Verdacht.
2005 hatte die "New York Times" über die Inlandsüberwachung der NSA berichtet, die Recherche erregte weltweit Aufsehen. Der damalige Vizepräsident Dick Cheney gab Order, nach den Quellen zu suchen – unter anderem gerieten schnell die fünf NSA-Whistleblower unter Verdacht, immerhin hatten sie die Überwachungsprogramme ebenfalls kritisiert.
John Crane erinnert sich, dass sein Vorgesetzter in einer Besprechung die Idee vorgetragen habe, die Namen der Whistleblower an das ermittelnde Justizministerium weiterzugeben. Er, Crane, habe damals widersprochen und darauf hingewiesen, dass dies gegen die gesetzlich garantierte Wahrung der Anonymität von Whistleblowern verstoßen würde. Der Streit sei auf dem Flur weitergegangen, er habe schließlich seine Broschüre mit dem Gesetz gezückt. Sein Vorgesetzter habe darauf verwiesen, für die Beziehung zum Justizministerium zuständig zu sein, und gedroht, er werde das auf seine Weise regeln, so Crane.
Weder der Betroffene noch das Pentagon noch das Büro des Generalinspekteurs wollten dem SPIEGEL bis zum Redaktionsschluss zu dem Vorgang Fragen beantworten. Cranes damaliger Vorgesetzter verwies auf seine Verschwiegenheitspflicht. Er sei zuversichtlich, dass eine Untersuchung des Vorfalls ergeben werde, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen.
Cranes Verdacht verstärkte sich in der Folge noch – insbesondere, als plötzlich im Büro des Generalinspekteurs wichtige Dokumente zum Fall Drake verschwanden. Drakes Anwältin Jesselyn Radack hatte das Gericht gebeten, die Dokumente anzufordern. Sie sollten beweisen, dass Drake die NSA-Materialien, die auf seinem Privatcomputer gefunden wurden, nur deshalb besessen hatte, um sie dem Generalinspekteur zu übergeben. Damit hätte Drake Quellenschutz genossen und wäre in diesem zentralen Punkt straffrei geblieben.
Doch im Büro des Generalinspekteurs gab es angeblich keine Akten mehr – sie seien geschreddert worden. Mitarbeiter hätten versehentlich "Mist gebaut", sagte ein Vorgesetzter nach Cranes Erinnerung, verbunden mit der Forderung, Crane müsse jetzt ein "Teamplayer" sein. Gegenüber dem Richter begründeten Cranes Vorgesetzte den Aktenschwund mit einem Fehler bei einer routinemäßigen Aktenreduzierung. Crane glaubte kein Wort. Er war überzeugt davon, dass die Dokumente gezielt vernichtet worden waren. "Einen Richter in einem Strafverfahren anzulügen ist eine Straftat", sagt er.
Crane entschied sich, kein "Teamplayer" zu sein. Er scherte aus, widersprach, beschwerte sich. Signalisierte, er werde nicht schweigen. Wie für Drake hatte das für ihn schmerzhafte persönliche Konsequenzen. 2013 bestellte ihn die damalige Generalinspekteurin in ihr Büro und schob ihm seine Entlassungspapiere über den Tisch. Vor dem Büro nahm ihm ein Sicherheitsbeamter seinen Dienstausweis ab.
Warum hat Crane nach einem Vierteljahrhundert als treuer Staatsdiener aufbegehrt? Warum setzte er seine Karriere aufs Spiel, seinen Ruf als untadeliger Beamter, Freundschaften, Pensionsanspruch?
Er schlendert durch den Lady Bird Johnson Park in der Nähe des Pentagons. Crane hat viel Zeit, seit er nicht mehr jeden Morgen ins Büro muss. Er verschränkt beim Gehen die Hände hinter dem Rücken. Als er noch im Dienst war, hielt er den Kontakt zu Senatoren und Abgeordneten, er verstand seinen Job als Bindeglied zwischen Exekutive und Legislative. Er dachte, Politiker wie Obama wollten wie er die Demokratie verbessern. "Ich musste das Richtige tun", sagt Crane. "So wie damals mein deutscher Großvater."
Cranes Großvater war Günther Rüdel, ein Generaloberst der deutschen Flugabwehr, der schon im Ersten Weltkrieg gedient hatte. Am 8. November 1923, als Adolf Hitler mit seinen Gefolgsleuten den Versuch unternahm, die Macht an sich zu reißen, war Rüdel mit mehreren Militärs im Münchner Bürgerbräukeller. Als Hitler seine Pistole auf einen von Rüdels Freunden richtete, trat Rüdel dazwischen und sagte: "Herr Hitler, so werden Sie Deutschland nie befreien."
Hitler senkte daraufhin die Waffe und ging weiter. Rüdel hatte die Situation entschärft. Er selbst hat die Szene in einem achtseitigen Gedächtnisprotokoll beschrieben, ein Augenzeuge bestätigte sie. Rüdel wurde im folgenden Prozess gegen Hitler als Zeuge benannt, aber nicht vorgeladen.
Crane bewundert den Mut seines Großvaters, er sagt, die Szene aus dem Jahr 1923 habe ihn inspiriert. Dass die Geschichte von Günther Rüdel auch dunkle Töne hat, weiß er – immerhin entschied sich sein Großvater später, unter Hitler in der Wehrmacht zu bleiben und dessen Befehle auszuführen. Er war entscheidend an der Entwicklung der Flugabwehr beteiligt und wurde zum General befördert. Erst 1942 wurde er von seinem Kommando entbunden. Rüdel zog mit seiner Familie in ein katholisches Pfarrhaus in Bayern.
Im Jahr 2000 wurde Rüdels Rolle aufgearbeitet, als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping eine nach Rüdel benannte Kaserne des Heeres umtaufte. Zuvor war bekannt geworden, dass Rüdel Schöffe am Volksgerichtshof gewesen war, der massenhaft Gegner des NS-Regimes zum Tod verurteilt hatte. Nachforschungen ergaben allerdings, dass Rüdel nur einer Verhandlung beigewohnt hatte und sich dabei für die Freilassung des Angeklagten eingesetzt hatte. In der umgetauften Kaserne wurde daraufhin das Offizierskasino nach Rüdel benannt, zu der Zeremonie reisten John Crane und seine Mutter an.
"Ich habe von meinem Großvater gelernt, dass es eine moralische Verantwortung gibt zu handeln, wenn die Regierung sich gegen das Recht verhält", sagt er. Crane ist akkurat bis an die Schmerzgrenze und durchdrungen von einem hohen Moralverständnis. "Für mich ist die Arbeit mit Whistleblowern kein Beruf, sondern eine Berufung", sagt er. Er zieht einen Zettel aus seiner Sakkotasche, darauf ist eine Version des berühmten Zitats des deutschen Theologen und Widerstandskämpfers Martin Niemöller notiert, Crane liest vor: "Als sie die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, denn ich war kein Kommunist. Als sie die Sozialisten und die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, denn ich war kein Sozialist und kein Gewerkschafter. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, denn ich war kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestierte." Danach schweigt Crane lange.
Crane sei zum "Whistleblower geworden, der darüber Zeugnis ablegt, dass das System des Whistleblowings nicht funktioniert", sagt Thomas Drake. "Er hat seinen Kopf für mich hingehalten." Drake und Crane haben sich erst persönlich getroffen, nachdem beide ihre Posten verloren hatten. Die beiden eint die Hoffnung auf Rehabilitation. Drake hätte gern seinen Pensionsanspruch zurück, er schlägt sich heute als Verkäufer in einem Apple-Laden durch.
Crane hat mehrere eidesstattliche Versicherungen abgegeben, die den Amtsmissbrauch aus seiner Sicht beschreiben. Sein Anwalt hat Beschwerde bei der zuständigen Behörde, dem Office of Special Counsel, eingereicht und seinen ehemaligen Kollegen schwerste Verfehlungen im Amt vorgeworfen – es handle sich um eine "systematische Kampagne", die Rechte von Whistleblowern zu beschneiden und ihre Angaben zu unterminieren.
Edward Snowden hat Drakes Schicksal in der Vergangenheit als Begründung dafür angeführt, warum er sich nicht den Behörden anvertraut, sondern den Weg an die Öffentlichkeit gewählt habe. Drake habe auf das System vertraut und "absolut alles richtig gemacht", sagte Snowden. "Aber anstatt ihn zu schützen, gingen sie mit Vergeltungsmaßnahmen gegen ihn vor."
Crane sagt, er finde es "traurig, dass jemand ins Exil gehen muss, weil er das Gefühl hat, die verschiedenen Kanäle, die ihm zur Verfügung stehen, nicht nutzen zu können. Jemand wie Snowden hätte nicht die Notwendigkeit empfinden sollen, sich selbst zu schaden – und zwar nur, um das Richtige tun zu können". Der Topbeamte von einst wirft seinen Exkollegen vor, durch ihr Verhalten gegenüber Drake den Fall Snowden zu dem gemacht zu haben, was er geworden ist – ein Fiasko für die Nachrichtendienste der USA und ein Problem für deren Außenpolitik.
"Snowden hat den Fall Drake gesehen. Es war der Umgang mit Drake, der ihn dazu brachte, nicht innerhalb des Systems zu bleiben." Man merkt Crane an, wie schwer es ihm fällt, diese Vorwürfe zu erheben. Dass es ihn immer noch Überwindung kostet. Er spricht langsam, vorsichtig, wägt jedes Wort ab. Immerhin ist es auch ein persönliches Scheitern, über das er spricht, denn Crane hat sein Berufsleben lang dafür gearbeitet, dass es besser läuft.
Der Aussteiger will, nachdem er über Stunden seine Geschichte erzählt hat, noch einmal zeigen, wo er sein Arbeitsleben verbracht hat. Mit seinem weinroten alten Volvo geht es zu einem Jachthafen am Potomac. Von hier aus ist das Pentagon gut zu sehen, auf der anderen Seite liegen das Washington Monument und das Weiße Haus, all die Wahrzeichen, die für die Macht der Vereinigten Staaten stehen. Über den Köpfen donnern die startenden Passagiermaschinen vom nahe gelegenen Ronald Reagan Airport. Crane blickt zum Pentagon hinüber, er könnte voller Groll sein, aber er ist es nicht.
Das Office of Special Counsel hat seine Beschwerde geprüft und sie für so relevant erachtet, dass es sie an das Justizministerium weitergeleitet hat, das nun über mögliche Konsequenzen befinden muss; das Ergebnis wird in etwa einem Jahr erwartet. Womöglich gewinnt Crane tatsächlich. Bis dahin wird er den Rasen stutzen und sich um seine Kinder kümmern.
Ob er hoffe, eines Tages in sein altes Büro zurückkehren zu können? "Ja, natürlich", sagt Crane und schaut verwundert, wie man so etwas fragen könne. "Meine Rückkehr würde zeigen, dass das System doch funktioniert."
Das System funktioniere, der Fehler liege
bei Snowden, das ist Obamas Subtext.
Thomas Drake hatte Angst vor Repressalien,
er wollte deshalb anonym bleiben.
* Mark Hertsgaard: "Die Aufrechten – Whistleblowing in der Ära Snowden". Hanser Verlag, München; 224 Seiten; 15 Euro. Erscheint am 30. Mai.
Von Mark Hertsgaard, Felix Kasten, Marcel Rosenbach und Holger Stark

DER SPIEGEL 21/2016
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