28.05.2016

ZeitgeschichteVerraten in Moskau

Olga Raue spionierte für die CIA: zuerst in der DDR, dann in der Sowjetunion. Mehr als 50 Jahre danach erzählt sie erstmals von ihrer gefährlichen Mission im Kalten Krieg.
Sie steht in einem Kellerraum in Berlin-Hohenschönhausen, die Fensterscheibe über ihrem Kopf ist aus Milchglas, der Putz an den schäbigen Wänden bröckelt. "Gegenüber waren die Dunkelzellen", sagt Olga Raue und zeigt auf Räume ohne Fenster. "U-Boot" nannten die Häftlinge den unterirdischen Trakt.
Knapp sechs Jahre hat sie in der Haftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit verbracht, heute ist sie zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahrhundert wieder hier. Das Gebäude ist mittlerweile eine Gedenkstätte und Olga Raue eine alte Frau, die lange genug über die aufregendsten Jahre ihres Lebens geschwiegen hat. "Jetzt kann ich über diese Zeit sprechen", sagt die 87-Jährige. "Jetzt sind alle anderen tot."
Zu erzählen hat Olga Raue Geschichten aus den frühen Jahren des Kalten Krieges, aus dem geteilten Berlin vor dem Mauerbau, von toten Briefkästen, Lügendetektoren und Geheimschriften, über Spione und Verräter. Olga Raue war mittendrin damals: Sie arbeitete für die Amerikaner, für den Geheimdienst CIA, erst als Kurierin in Deutschland, dann als Agentin in Moskau. Mit ihrem Mann und ihrem Schwager baute sie in den Fünfzigerjahren einen Spionagering auf – bis die Stasi ihr auf die Spur kam und sie nach Hohenschönhausen in diese Zellen brachte.
Die Fotos, die sie aus ihrer Zeit als Agentin besitzt, zeigen eine hübsche Frau, lebendig und lebenslustig, von Männern umschwärmt. Weit entfernt, in manchem fremd erscheint ihr selbst diese fröhliche, junge Person heute. Sie sei leichtsinnig gewesen, meint sie. Sie habe einiges mitgemacht. "Aber bereuen", sagt sie, "tue ich es nicht."
Präziser als in ihrer Erinnerung sind die Aktivitäten ihres Spionagerings in den mehr als 12 000 Blatt Akten festgehalten, die das Ministerium für Staatssicherheit anlegte. Sie zeigen auch, dass sich gleich zwei deutsche Regierungen mit Olga Raue beschäftigt haben: Die DDR steckte sie ins Gefängnis, die Bundesrepublik kaufte sie später heraus.
Die Distanz, die sie heute zu ihrer Zeit als Spionin hat, dürfte auch daher rühren, dass sie sich so lange verordnet hatte zu schweigen. Oder wie sie sagt: "Man hat es für sich verschluckt." In das einstige Gefängnis in Hohenschönhausen begleitet sie eine Enkelin. Die will endlich mehr erfahren über Omas Geheimnisse, über die in der Familie immer geraunt wurde.
Geboren wurde Olga 1928, die Familie lebte in Greppin bei Bitterfeld. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg war ihr Vater, ein Maurer, der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) beigetreten. Seitdem die Nazis 1933 an die Macht gekommen waren, lebte er gefährlich. "Eines Morgens um sechs kam ein Polizist und holte meinen Vater ab", sagt Olga Raue. Er sei ins KZ Lichtenburg bei Torgau gebracht worden. "Ich war fünf, und ich schrie." Als der Vater nach einem Jahr aus dem Lager kam, sprach er nicht mehr über Politik; er starb noch vor dem Ende des Krieges.
Olga arbeitete von 1946 an als Sprechstundenhilfe bei einem Zahnarzt in Bitterfeld und lernte ihre erste Liebe kennen: Gerhard Raue, einen Zahntechniker. Sein Vater war Ingenieur und Leiter einer Brikettfabrik gewesen, die Russen hielten ihn für einen unverbesserlichen Nazi und degradierten ihn zum Pumpenwärter. Die Familie musste aus der Direktorenvilla in eine Zweizimmerwohnung ziehen.
Kein Wunder, dass Vater und Sohn Raue die Kommunisten hassten, ebenso Gerhards älterer Bruder Heinz, der erst 1949 aus britischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Nachdem Gerhard mit einer anderen Frau angebandelt hatte, wurden Olga und Heinz ein Paar.
Über ihr Leben hat Olga Raue später in Verhören berichten müssen, in einem Protokoll aus dem Jahr 1959 heißt es: "Meine Bereitschaft zur Tätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst, die sich gegen die Arbeiter-und-Bauern-Macht richtete, war das Ergebnis der ständigen ideologischen Beeinflussung durch die Familie Raue und die Sendungen des Rias und anderer westlicher Rundfunkstationen."
Ihrem Freund Heinz Raue reichte es nicht, über die Russen und ihre deutschen Genossen nur zu schimpfen, er wollte etwas tun. Also fuhr er kurz entschlossen nach Ostberlin, stieg in eine S-Bahn nach Westberlin und bot sich dort den britischen Besatzern als Agent an. Die Briten hatten keine Verwendung, doch die Amerikaner, bei denen er anschließend vorsprach, heuerten ihn an.
Heinz Raue schrieb gern und war in der Landesleitung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Halle für Agitation und Propaganda zuständig. Er fotografierte wichtige FDJ-Dokumente und brachte die Filme nach Westberlin zu den Amerikanern. "Heinz hat mich ganz langsam in diesen ganzen Schlamassel geführt", sagt Olga.
Als er einmal krank war, fuhr sie an seiner Stelle nach Westberlin. Bald machte sie diese Reise etwa alle sechs Wochen und überbrachte Aufnahmen, die Heinz und sie von Unterlagen gemacht hatten; Zettel versteckte sie in ihren Strümpfen. Die Treffen mit den CIA-Leuten fanden meist in einem Auto der Amerikaner statt.
Auch ihr Exfreund Gerhard Raue war für den US-Geheimdienst tätig. Er arbeitete inzwischen als Zahnarzt in der Poliklinik des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), zudem war er Mitglied der Ärztekommission beim Politbüro der SED. Dadurch hatte er Zugang zu den Personaldaten der beiden mächtigsten Gremien in der DDR.
Die CIA-Leute logierten in Villen und Wohnungen im Südwesten Berlins, im amerikanischen Sektor, ohne jemals Ostberliner Boden zu betreten. Das Risiko überließen sie ihren Agenten. Kurierin Olga nutzte die S-Bahn, die Ost- und Westberlin miteinander verband. Sie stellte sich auf die Seite des Bahnsteigs, auf der die Züge weiter in den Osten fuhren, und wechselte kurz vor der Abfahrt die Seite, um Richtung Westen zu fahren. Sie trug eine Brille mit Fensterglas, die sie von den Amerikanern bekommen hatte.
Ihr Führungsoffizier war ein deutschstämmiger Jude, der sich ihr als Oberst David Raymond vorgestellt hatte. "Hänschen", wie sie ihn bald nannte, leitete die CIA-Dienststelle in Berlin-Zehlendorf und hieß in Wahrheit wohl David Salisbury. Als sie ihn einmal fragte, was sie tun solle, falls sie auffliege, antwortete er: "Dann können wir nichts mehr für dich tun." Sie könne dann ruhig auspacken.
Nicht zuletzt dank ihres "Klassenhintergrunds" als Tochter eines kommunistischen Arbeiters durfte Olga Medizin studieren, die Leitung der Universität Halle trug ihr an, dafür nach Moskau zu gehen. "Ich will nicht nach Moskau", sagte sie zu ihrem Freund Heinz. "Du musst", sagte er. "Die Amerikaner wollen das auch." Seitdem die beiden Supermächte Atomwaffen, immer stärkere Wasserstoffbomben und Interkontinentalraketen entwickelten, waren auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Erkenntnisse über die Rüstungsindustrie heiß begehrt. Spionage hatte Hochkonjunktur.
Charlotte Raue, die Mutter der beiden CIA-Zuträger, war im Bilde und gar nicht begeistert. "Es reicht mir, dass meine beiden Söhne für die Amerikaner spionieren", habe sie gesagt, erinnert sich Olga. Und dass Charlotte prophezeit habe: "Ihr werdet alle noch im Zuchthaus landen."
Olga sagte schließlich zu, sie war auch neugierig auf das Ausland. Vor der Abreise wurde sie gemeinsam mit Heinz drei Tage lang in einer konspirativen CIA-Villa in Berlin-Zehlendorf geschult, die beiden erlernten zum Beispiel den Gebrauch von Geheimschriften.
Aus Frankfurt am Main kamen zwei CIA-Experten mit einem Lügendetektor angereist. Olga wurden Manschetten an die Handgelenke gelegt, dann wurde sie befragt: "Lieben Sie die Amerikaner?" "Hassen Sie die Russen?" "Haben Sie Verbindung zum Staatssicherheitsdienst der DDR?" Sie beantwortete die erste Frage mit Ja, die weiteren mit Nein. Der Lügenexperte sagte: "Sie haben den Test bestanden."
Im September 1954 begann Olga ihr Studium in der Sowjetunion. "Moskau war eine Enttäuschung", erinnert sie sich. Mit drei anderen Studentinnen war sie in einem kleinen Zimmer in einem Wohnheim einquartiert. "Am ersten Morgen sah ich aus wie ein Streuselkuchen, das ganze Gesicht voll Wanzenstiche. Die Toiletten waren Aborte ohne Klopapier. Keine Tür. Keine Privatsphäre." Sie habe erwartet, dass alles besser sei im Mutterland der Werktätigen. "Die Enttäuschung", sagt sie, "hat mich in meiner Ablehnung des Kommunismus bestärkt."
Olga studierte fleißig – und in ihrer Freizeit spionierte sie fleißig. Sie berichtete über die Stimmung in Moskau, sie legte Listen der deutschen Studenten an. Dafür nutzte sie Geheimschrift auf Spezialpapier, schickte die Briefe an Heinz, der sie zur CIA nach Westberlin brachte. Die beiden hatten ihre Rollen getauscht: Jetzt war sie die Agentin und er der Kurier.
Olga legte "tote Briefkästen" an: Verstecke zur Übergabe von Material an Agenten. Eines an einer Holztreppe in den Lenin-Bergen, zwei weitere auf Friedhöfen. Sie bestückte sie mit goldenen Uhren, Lupen und jeweils 1000 Rubel Bargeld. Für wen, wusste sie nicht
Die amerikanischen Freunde erklärten Olga nicht, warum sie Erd- und Wasserproben von bestimmten Orten in und um Moskau herum haben wollten. Als Medizinstudentin war ihr klar, dass es um Radioaktivität ging: Sie sollte in einem Sperrgebiet den Aufbau eines Werks für Atomwaffen und deren anschließende Produktion ausspähen. Olga schöpfte Wasser aus der Moskwa, füllte es in eine alte Parfümflasche und flog damit nach Ostberlin. Von dort fuhr sie in den Westteil und übergab die Probe ihrem CIA-Mann.
In den Semesterferien kam sie stets nach Deutschland zurück – und ihre amerikanischen Auftraggeber zeigten sich großzügig. Es gab monatliche Einzahlungen auf ein Westberliner Konto, im Sommer 1955 reiste Olga mit ihrem Führungsoffizier "Hänschen" für eine Woche in die Alpen. Sie hatte eine Liebesbeziehung mit ihm, obwohl sie kurz zuvor Heinz Raue geheiratet hatte. Der wiederum vergnügte sich ebenfalls mit einer Geliebten.
Im Sommer darauf unternahm Olga Raue zusammen mit Heinz und Hänschen eine Reise in die Schweiz. Der CIA-Mann schenkte ihr ein goldenes Armband und einen Brillantring. Später sagte sie bei der Stasi aus: "Wir lebten sehr gut, wohnten nur in den besten Hotels, und ich wurde vor allem von dem Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes Raymond in jeder Weise verwöhnt."
Zu den wichtigsten Fähigkeiten von Geheimagenten gehört es, schweigen zu können. Dennoch schaffen es viele nicht, ihren Mund zu halten – das war zunächst Olgas Glück. Ihr Schwager, der in Ostberlin lebende CIA-Spion Gerhard Raue, freundete sich mit einem Ehepaar an, das bei der Stasi arbeitete. Die beiden erzählten ihm, dass seine Schwägerin Olga unter Spionageverdacht stehe. Er konterte geistesgegenwärtig: "Dann müsste ich auch Agent sein." Alle lachten.
Olga fand die Geschichte nicht komisch und legte eine Spionagepause ein. Sie befürchtete, enttarnt zu werden, doch sie wusste nicht, woher ihr Gefahr drohte. Die Stasi hatte einen Operativen Vorgang "Chirurg" gegen sie und die Raue-Brüder eröffnet.
Die ostdeutschen Medizinstudenten in Moskau trafen sich regelmäßig zu Parteiversammlungen. Immer dabei war eine Studentin, die mit Olga Raue im selben Zimmer wohnte und ihre beste Freundin geworden war: Martha J. Die beiden kannten sich bereits aus der DDR. An Martha machte sich Stasihauptmann Stefan Janik heran, in Moskau bei der Spionageabwehr tätig. Olgas Freundin ließ sich als "Geheimer Informator" anwerben und bekam den Decknamen "Petra".
Wenn Olga ins Theater ging, filzte Martha ihre Sachen und schrieb ihre Notizbücher ab. In einem Moskauer Restaurant traf sie ihren Stasimann und berichtete ihm über ihre Mitbewohnerin. Dabei ließ sie keine Klatschgeschichte aus, erzählte auch von einer Party im Studentenwohnheim, auf der sich alle mit 95-prozentigem Spiritus betrunken hätten und Olga mit einem russischen Studenten hinter dem Vorhang verschwunden sei.
Am 11. Juni 1959 war Olga Raue an der Reihe, für ihre Mitbewohner zu kochen, sie musste noch Eier und Zwiebeln einkaufen. Im Geschäft traten zwei Herren auf sie zu, Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes KGB, und nahmen sie fest.
Olga Raue war 30 Jahre alt und hatte neun Jahre lang für die CIA gearbeitet. Die KGB-Männer brachten sie in die Lubjanka, das berüchtigte Gebäude, in dem heute der russische Geheimdienst FSB residiert. In den unteren Etagen des burgartigen Klotzes lagen die Büros, darüber die Zellen. Raue kam in Einzelhaft.
"Ich war so verzweifelt", sagt sie. "Ich wollte mich umbringen." Sie knotete zwei Taschentücher zusammen und versuchte, sich unter der Decke zu erdrosseln, aber das klappte nicht. Daraufhin bestellte sie zwei Schachteln Zigaretten und löste den Tabak aus einer der Schachteln in Wasser auf. Nun fehlte ihr ein Gefäß, um den Tabak herauszufiltern. "Ich habe versucht, den Sud zu schlucken. Aber ich habe es nicht fertiggebracht."
Es dauerte zwei Tage, dann hatte sie den ersten Schock überwunden. Ihr fiel ein, dass "Hänschen" von der CIA ihr geraten hatte auszupacken. KGB-Offiziere verhörten sie fast täglich, und sie erzählte so gut wie alles. Wie sie Gerhard Raue kennengelernt hatte, dann Heinz. Wie und warum sie für die CIA spioniert hatte. Sie berichtete von den toten Briefkästen und den Wasserproben.
Nach zwei Wochen in KGB-Haft flogen Stasioffiziere sie mit einer Sondermaschine des Geheimdienstes von Moskau nach Berlin-Schönefeld. Da die Bewacher ihr im Auto eine Decke über den Kopf geworfen hatten, bemerkte sie nicht, dass sie in das berüchtigte Stasigefängnis in Hohenschönhausen eingeliefert wurde.
Raue wusste auch nicht, dass die Stasi ihre beste Freundin Martha für den Verrat belohnte. Für ihren "Beitrag im Kampf um die Erhaltung des Friedens" erhielt sie eine Prämie von 1000 Mark, später die komplette Einrichtung ihrer Wohnung in der DDR. Heute lebt sie – unter einem anderen Namen – in Sachsen-Anhalt.
Den Stasiknast in Hohenschönhausen fand Raue schlimmer als das KGB-Gefängnis in Moskau. Nachts schalteten die Stasiwärterinnen immer wieder das Licht in ihrer Zelle an, sie konnte nie durchschlafen. Nach einer Weile gab es wenigstens etwas zu lesen. Raue bestellte "Das Kapital" von Karl Marx. "Ab und zu wurde ich vernommen, wobei die Vernehmer mich immer das Gleiche fragten", berichtet sie. "Sonst war nichts. Meine Mutter wurde nicht über mein Schicksal informiert. Ich hatte keinen Kontakt mit meinem Mann und meinem Schwager."
Rund ein Jahr später, im Oktober 1960, traf Raue die Brüder wieder, in Frankfurt (Oder) in einem Gerichtssaal. Sie sahen blass aus, von der Stasihaft gezeichnet. Auf einem Podest saßen die drei Richter. Der Verteidiger, den die Angeklagten am Tag zuvor das erste Mal getroffen hatten, sagte: "Ich kann auch nichts machen."
Ein Staatsanwalt namens Klühsendorf geißelte die drei als "Spionagebrückenkopf" der CIA und verlangte die Todesstrafe. Olga Raue hörte kaum zu, die Reden rauschten an ihr vorbei. Es gab keine Zeugen, es gab kein Publikum. Am zweiten Tag sprachen die Richter ihr Urteil. Lebenslang für die Raue-Brüder, 15 Jahre Zuchthaus für Olga.
Nach sechs Jahren Haft wurde Raue im Juni 1965 entlassen. Was sie lange nicht wusste: Die Regierung der Bundesrepublik hatte sie freigekauft. Sie war 37 Jahre alt und fand Arbeit als Krankenschwester in der Dialyseabteilung im Klinikum Berlin-Buch. Sie trennte sich von Heinz, während der noch im Gefängnis saß, und lernte ihren zweiten Mann kennen. Alles schien sich noch zu einem kleinen Glück in der DDR zu fügen, doch im Mai 1971 starb ihr Mann bei einem Unfall.
Olga Raue stellte einen Ausreiseantrag, verkaufte das Grundstück und fuhr im Dezember 1977 mit einem Zug der Deutschen Reichsbahn von Berlin in die Bundesrepublik, die sie seit 20 Jahren nicht mehr betreten hatte. Ihr dritter Mann wurde ein aus der DDR ausgereister Ingenieur, den sie schon in Ostberlin kennengelernt hatte. Die beiden lebten in Norddeutschland.
Bis vor Kurzem hat sie nicht über ihre Zeit als Spionin gesprochen und kaum mehr daran gedacht. "Ich glaubte, es wäre besser für mich, nicht mehr darüber zu reden." Dann tauchte der Berliner Politikwissenschaftler Stefan Appelius bei ihr auf, mit ihm begann sie, zunächst zögerlich, zu sprechen. Appelius war bei Forschungen auf ihren ersten Mann gestoßen und hatte daraufhin akribisch die Geschichte des "Spionagerings Raue" rekonstruiert.
Heinz Raue wurde 1969 aus dem Gefängnis entlassen, konnte fünf Jahre später aus der DDR ausreisen und bekam in Westberlin einen Job beim Axel-Springer-Inlandsdienst, einer inoffiziellen Sammelstelle für verdiente Antikommunisten. Zudem wurde er mit zwei hohen amerikanischen Orden ausgezeichnet, mit denen er 2013 begraben wurde.
Sein Bruder Gerhard, der Zahnarzt, der ein Jahr nach Olga Raue in die DDR entlassen wurde, flüchtete 1972 gemeinsam mit seiner Frau im Kofferraum eines Mercedes-Benz nach Westberlin. Die CIA hatte die Flucht organisiert. Doch die Stasihaft hatte den einstigen Spion psychisch ruiniert. DDR-Soldaten nahmen ihn später beim Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße fest, als er in die DDR zurückkehren wollte. Nach ein paar Wochen Haft wurde er als "Verrückter" wieder in den Westen geschickt, wo er 1981 an einer Überdosis Tabletten und Alkohol starb.
Wenn Olga Raue heute, mit ihren 87 Jahren, Bilanz zieht, sagt sie: "Schuldgefühle hatte und habe ich keine. Wir wollten etwas Gutes tun. Etwas Gutes für Deutschland." Sie findet, dass die Strafe zu hoch gewesen sei. "Was habe ich denn wirklich angestellt?"
Eine Zeit lang dachte sie, ihr Mann Heinz habe ihr das Leben ruiniert. Aber das sei Unsinn, meint sie heute. "Er war ein unschuldiger Weltverbesserer, er hatte Rosinen im Kopf."
Viele der Fotos von Heinz und Olga Raue aus jener Zeit machte ihr CIA-Führungsoffizier "Hänschen". Die Bilder erhielt sie auf Wegen, die an einen Agentenfilm erinnern: Im April 1978 bekam sie einen Brief. Ein Walter Johnson schrieb ihr, er würde sie gern in der Bahnhofsgaststätte ihres Wohnorts treffen, am Montag zwischen 15.00 und 15.20 Uhr. Falls sie nicht kommen könne, melde er sich bald wieder.
Sie ging zu dem Treff. Walter Johnson sprach mit amerikanischem Akzent und überreichte ihr zwei Umschläge. Einen mit den Fotos. Und einen mit 80 000 D-Mark, ihrem Agentenlohn der CIA.

Im Geschäft traten zwei Herren auf sie zu, Mitarbeiter des KGB, und nahmen sie fest.

"Schuldgefühle habe ich keine. Wir wollten etwas Gutes tun. Etwas Gutes für Deutschland."

Über den Autor

Michael Sontheimer, geboren 1955, war Ende der Siebzigerjahre Mitbegründer und Redakteur der "Tageszeitung" ("taz"), dann Redakteur und Autor bei der "Zeit" sowie Chefredakteur der "taz", bevor er 1995 zum SPIEGEL kam. Als gelernter Historiker schreibt er gern über Geschichtsthemen.
Von Michael Sontheimer

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