04.06.2016

LiteraturMitschreiben ist alles

Wie sich der Schriftsteller Ilija Trojanow in vier Jahren in 80 olympischen Einzeldisziplinen auf Wettkampfformat brachte und dabei seinen Körper wie ein Buch zu lesen lernte
Er saß so vor dem Fernseher, vor vier Jahren, als so viele vor dem Fernseher saßen, ließ kaum einen Wettkampf der Olympischen Spiele in London aus, fand die eine Sportart zu einfach, die andere zu schwer. Er mäkelte, er staunte, er saß da, rund und faul, Sportler im Geiste, kluger Betrachter, innerlich ein Sieger.
Irgendwann hat er dann beschlossen, ein echter Sieger zu werden. Der Schriftsteller Ilija Trojanow, 50, in Bulgarien geboren, als Junge mit seiner Familie über Jugoslawien und Italien nach Deutschland geflohen, dann in Kenia aufgewachsen, zog im Sommer 2012 sein altes Lauftrikot über, es spannte etwas über dem Leib, egal, und beschloss, Olympionike zu werden. Und zwar ein echter, ein Maximal-Olympionike, einer, der alle Sportarten beherrscht. Oder, wenn nicht beherrscht, so doch wenigstens auf Wettkampfniveau praktiziert. Nur die Mannschaftssportarten ließ er aus praktischen Gründen aus. Sein Ziel: in jeder Sportart wenigstens halb so gut zu sein wie der aktuelle Olympiasieger.
Das Vorhaben war gigantisch, einschüchternd, geradezu unmöglich. 23 Sportarten, 80 Disziplinen, bis zu den diesjährigen Olympischen Spielen in Rio de Janeiro wollte er nicht nur damit fertig sein, sondern auch das Buch dazu geschrieben haben: "Meine Olympiade"(*). Er hat es geschafft.
Es ist ein Buch des Scheiterns und der Selbstüberwindung. Eines, von dem man als Hobbysportler ganz konkret profitieren kann, weil Trojanow die technischen Details einiger Sportarten wie Turmspringen, Kugelstoßen, auch Kraulen mit großem Staunen über die erlernten Details präzise beschreibt. Es ist auch ein etwas angeberischer Weltroman. Natürlich lernt er Judo in Japan, Gewichtheben in Bulgarien, Ringen in Iran, Boxen in Brooklyn, zum Lauftraining flog er nach Kenia, Kraulen lernt er auf Sri Lanka und in Mumbai. Sodass man sich unwillkürlich fragt, was das wohl gekostet hat. So viele Bücher kann er eigentlich gar nicht verkaufen, dass sich eine solche vierjährige Weltsporttournee refinanzieren könnte. Er sagt, dass er den Vorschuss in die Recherche investiert habe. "Buchprojekte", sagt er, "sind nicht dazu da, damit der Autor reich wird."
Es ist eine Parallelwelt, in die Trojanow uns entführt. Und sie beginnt schon bei seiner Recherche in einem Buchladen. Etwas verschämt will der Dichter einen Fitnessratgeber erstehen. Er entscheidet sich schließlich für "Sixpack in 66 Tagen" und nicht für "Sixpack in 6 Wochen", "Die Sixpack-Strategie" oder "Sixpack in 90 Tagen". Von der Buchhändlerin erfährt er, dass sie "ohne die Sixpack-Bücher" den Laden längst hätte dichtmachen müssen. Grauzonen des Marktes, direkt vor unseren Augen.
Außerdem stellte er seine Ernährung um. Zum Frühstück Sauerkraut, Linsen, Ei und Hüttenkäse, indisch gewürzt. Sein Training beginnt und auch die Lektüre eines ganz anderen Buches: "Schon nach wenigen Wochen realisierte ich, dass mein Körper ein Buch war, in das ich bislang kaum hineingelesen hatte. Ein erstaunliches, sich selbst fortschreibendes Buch, das immer wieder neue Kapitel auftat."
Und der Leser ist live dabei, beim schüchternen Beginn und der Frage, wie dieses verdammte Kraulen jetzt wirklich funktioniert, bis zu den Momenten, die Trojanow als "flow" bezeichnet. Wenn es fast von selbst geht, der Körper und der Geist selbstständig an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. An einer neuen Sportart.
Die Idee des Buches ist es, den Gegensatz zwischen Körper und Geist zu versöhnen. Lässig lässt er bei jeder neuen Sportart eine unaufdringliche Kulturgeschichte einfließen, erzählt von Lord Byrons Schwimmkeller, "dort, wo einst Mönche Leichen einbalsamiert hatten". Oder von seiner Durchquerung des Hellespont: "Ich brüste mich mit dieser Leistung mehr als mit jeder anderen Art von Ruhm, ob politisch, poetisch oder rhetorisch." Und den todessüchtigen Nachtschwimmer Jack London zitiert er mit den Worten, er gewinne lieber einen Schwimmwettbewerb, als "the Great American novel" zu schreiben.
Man hat den Eindruck, Trojanow kann das nachvollziehen. Er ist ehrgeizig, manchmal auch größenwahnsinnig. Er scheitert ständig und lacht darüber. Das Buch beginnt mit der Schilderung eines Triathlons in Südafrika, bei dem dem blutigen Anfänger ungefähr jede lächerliche Panne unterläuft, die man sich denken kann. Stolz und unbeholfen hatte er sich gerade rechtzeitig zum Start in den neuen Neoprenanzug gequetscht, wunderte sich schon, warum der so schlecht saß. Egal, jetzt ging es los, und er wollte so richtig angreifen. Drängte sich also zwischen die anderen Triathleten, unauffällig, als gehörte er wie selbstverständlich immer schon dazu, bis ihn einer fragte: "Sag mal, wieso hast du den Neopren falsch rum an?"
So etwas passiert ihm am Ende des Buches nicht mehr. Er lernt ständig, Seite für Seite. Es ist ein klassischer Bildungsroman. Ein Mann lernt sich kennen. Am Ende ist er zum Beispiel ein Zehnkämpfer, auch wenn er sein Ziel, halb so gut zu sein wie der Olympiasieger, natürlich nicht erreicht. Er schafft nur ein Achtel der Punkte, aber er absolviert einen kompletten Zehnkampf, inklusive Stabhochsprung, Kugelstoßen, und erlebt hier vor allem, was er sonst in all seinen Einzelsportarten nicht erlebt hat: das Gemeinschaftsding. Das Soziale, das ja auch ein zentrales Glück des Sports ist. Die Ermutigung der Zehnkämpfer untereinander, das Lob noch für die schwächste Leistung, die ehrliche Unterstützung füreinander, weil jeder weiß, wie schwer das ist. Wie viel Mühe, Schweiß und Selbstüberwindung nötig waren, um hierhinzukommen. Weil alle vielleicht irgendwann mal vom Sofa aufgestanden sind und sich in ein zu enges Trikot gezwängt haben. Weil sie Sportler sind.
Trojanow erzählt in diesem Buch ganz nebenbei auch die Geschichte seiner Familie, seine Herkunftsgeschichte. Er erzählt vom Scheitern seines Vaters, der auf dem Weg, bulgarischer Jugendmeister im 110-Meter-Hürdenlauf zu werden, an der letzten Hürde scheiterte. Wie dieses Scheitern zu einem Familienmythos wurde, Fotoalben von Flüchtlingsfamilien sind dünn, und wie die Familiengeschichte verlaufen wäre, wenn der Vater die letzte Hürde genommen hätte. Natürlich lässt er sich nun von seinem Vater zum Hürdenläufer ausbilden. Ohne die Last, eine frühe Familienniederlage wiedergutzumachen. Aber doch mit dem Ur-Scheitern kurz vor dem Ziel im Kopf.
Das Kapitel über das Turnen beginnt so: "Ich bin traumatisiert. Als wir 1977 von Kenia nach Deutschland umsiedelten, konnte ich weder Deutsch noch Turnen. Meine Integration erfolgte mit Höhen (Sprache) und Tiefen (das Turnen)." Diese frühe Aversion zu überwinden ist eine der größten Herausforderungen, denen sich der Autor stellt. Verzagt sein gilt nicht. Sein Trainer "akzeptiert kein vorauseilendes Scheitern". Es wird dann ein belegtes, ein praktiziertes Scheitern. Eines, das nicht mal mehr Komik hervorbringt: "Es ist kein Zufall, dass die Beschreibungen von nun an kürzer werden. Zwar ist Misserfolg ein literarisch ergiebiges Thema, aber nur wenn eine realistische Möglichkeit auf Erfolg besteht. Unser Interesse gilt demjenigen, der weit hinauffliegt, bis er an der Sonne verglüht, nicht aber demjenigen, der auf einer Liege einen Sonnenbrand erleidet."
Jenseits dieser Turnhalle ist Ilija Trojanow immer wieder weit hinaufgeflogen, hat alles versucht, viel erreicht und ist immer wieder großartig gescheitert. Ein Beachvolleyballer in Rio erklärt es ihm: "Wir sollten keinen Ball verloren geben. Aber wenn doch, dann fliegen wir dem verlorenen Ball wenigstens schön hinterher."
* Ilija Trojanow: "Meine Olympiade. Ein Amateur. Vier Jahre. Achtzig Disziplinen". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 336 Seiten; 22 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 23/2016
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