11.06.2016

LiteraturKleines Buch, jetzt groß

Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“ wurde beim Erscheinen im Jahr 1932 um 100 Seiten gekürzt. Jetzt erscheint erstmals das ganze Werk. Von Volker Weidermann
Hans Fallada war ein biegsamer Mann. Kompromissbereit, weich, vorsichtig, ängstlich. Wenn fern am Horizont irgendeine Schwierigkeit aufzutauchen schien, bog er schon ab. In seinem Leben führte das zu Alkohol- und Morphiumsucht, in der Literatur zu ganz erstaunlichen Konzessionen, die er gegenüber politischen Machthabern und seinen Verlegern machte.
Wie groß diese Konzessionen waren, kann man in der ungekürzten Ausgabe seines berühmtesten Romans "Kleiner Mann – was nun?" sehen, der in diesen Tagen im Aufbau Verlag erscheint und auch davon erzählt, dass Fallada ziemlich genau das Gegenteil dessen ist, was wir uns unter einem großen Autor vorstellen, der kompromisslos sein Werk gegen alle Widerstände verteidigt. Wir haben das Bild von radikalen Kunstmaschinen im Kopf. Weil große Kunst ja keine Kompromisse kennt.
Fallada hätte das lächerlich gefunden. Er war geradezu kompromissbegeistert. Das Leben ist ein Slalomlauf, mal rechts rum, mal links rum.
Es ist wahrscheinlich ein einmaliger Fall, dass ein Verleger seinen Autor während des Schreibens beschwört, keine Kompromisse zu machen. So wie es Ernst Rowohlt am 1. Dezember 1931 tat, als er Fallada, der mit echtem Namen Rudolf Ditzen hieß, schrieb: "Lieber Meister Ditzen! Ich beschwöre Sie, lieber Freund, nehmen Sie keinerlei Rücksicht bei der Abfassung Ihres Buches auf den Umstand, daß eventl. eine Buchgemeinschaft oder die 'Berliner Illustrirte' oder sonst überhaupt eine Zeitung Ihren neuen Roman in Lizenz oder für den Vorabdruck erwirbt. Schreiben Sie, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist."
Fallada schrieb damals an dem Roman "Kleiner Mann – was nun?", dem Buch, das seinen Weltruhm begründen sollte. Einem der besten Bücher, das über die Weimarer Republik geschrieben wurde. Die Geschichte des Buchhalters Johannes Pinneberg, seiner Frau Lämmchen und vom Murkel, ihrem kleinen, frisch auf die Welt gekommenen Sohn. Es ist eine Idylle in schwerer Zeit, Pinneberg ein kleiner Angestellter, der von Entlassung zu Entlassung taumelt und sich weigert, ein schlechter Mensch zu werden. Der zwar erkennt, dass es sinnvoll wäre, sich zu organisieren, gemeinsam zu kämpfen. Der es aber nicht vermag.
Er ist ein Familienmensch, kein Kämpfer, er sieht das Gute und hofft, dass es irgendwie von allein siegen wird. Er hat so viel mit sich selbst zu tun, mit den Schwierigkeiten des Lebens, dass er sich nicht auch noch um Politik kümmern kann. Außerdem: Wer weiß, wie das beim Arbeitgeber ankäme, wenn er sich politisch organisierte. Die wahre Heldin des Buches ist Lämmchen. Stark, lebensklug, links und unendlich nachsichtig mit ihrem Ehemännchen. Diese Mischung aus Rührseligkeit und Sachlichkeit, Illusionsfreude und Ausweglosigkeit, Schonungslosigkeit und Idylle macht den Erfolg und den Charme des Buches bis heute aus.
Fallada schrieb damals seinem beunruhigten Verleger zurück: "Lieber Vater Rowohlt, haben Sie nur keine Sorge! Kummer mache ich mir nur um mein trocken Brot, wenn ich nicht schreibe, sitze ich vor dem Papier, dann können mir sämtliche Buchgemeinschaften etc. ... na ja, in diesem Sinne. Später, beim Umarbeiten, beim Zurechtschustern, da mach ich Konzessionen für das liebe Vieh, so viel Sie wollen, oder, Verzeihung, so viel die wollen, aber beim Schreiben. Nein, es wird weiter geschrieben, ganz wie es mir kommt, und ich hoffe, es wird gut."
Jetzt, 84 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches, erscheint Falladas Roman in der Version, wie der Autor sie geschrieben hat vor dem "Zurechtschustern", vor den Konzessionen, der "Director's Cut" sozusagen(*). Denn derselbe Verleger, den wir eben gegen Schreibkompromisse wettern hörten, ließ das Buch vor Erscheinen radikal zusammenschnurren. Die Kompromisse machte der Verleger selbst.
Es ist fünf Jahre her, dass der Aufbau Verlag schon einmal mit der ungekürzten Neuauflage eines Fallada-Buches große Erfolge feierte. Damals ging es um "Jeder stirbt für sich allein", das kurz zuvor in Frankreich, England und Amerika entdeckt worden war und sich nun in Deutschland noch einmal 300 000-mal verkaufte. Das wird mit dem "Kleinen Mann" vielleicht nicht noch mal gelingen. Aber was wir hier in der Originalversion lesen, ist schon ziemlich verrückt. Es wurden damals 100 Seiten, also ein Viertel des Romans, "weggeschustert". Episoden wurden gestrichen, ein ausgiebiger Ausflug ins Berliner Nachtleben, längere Szenen aus dem Verein für Freikörperkultur, vor allem Anzügliches und Politisches. An einer Stelle wird durch eine kleine Streichung eine freundliche Bemerkung Pinnebergs über Juden einfach in ihr Gegenteil verkehrt: "Na, das sind doch hier noch olle richtige Juden. Feine Kerls sind das, kann ich dir nur sagen, richtige anständige Kerls, die sind noch stolz drauf, dass sie Juden sind." Einfach den Mittelteil raus, und schon steht da: "Na, das sind doch hier noch olle richtige Juden, die sind noch stolz drauf, dass sie Juden sind." Deutsches Lektorat 1932.
An anderer Stelle sehen wir Pinneberg plötzlich als Tatmenschen im Geiste: Nachdem ihm eine jüdische Hausiererin die Feindseligkeit der Leute – "Sie olle Judensau, hat gestern einer zu mir gesagt" – geschildert hatte, reagierte er in der damaligen Version nur mit der Bemerkung: "So ein Schwein". Ursprünglich stand dort: "So einer gehört verdroschen." Und den Lesern enthielt man auch lieber folgenden Satz vor: "Ist man etwas dumm, dann geht man zu den Nazis und glaubt, irgendwas würde dadurch anders, wenn man die Juden totschlägt."
Wenn man sich alle Kürzungen genau ansieht, kann man aber nicht sagen, dass ein politisches Lektorat dem Roman gezielt eine nazifreundliche und tendenziell antisemitische Richtung geben wollte. Es wurden auch dezidiert antisemitische Ausdrücke wie "jüdische Dreckbutike" gestrichen. Dem Lektor und dem nur scheinbar kompromissfeindlichen Verleger ging es offenbar um etwas anderes: um Verharmlosung, Verflachung, Verstärkung des Idyllischen, Anpassung an den vermuteten Volksgeschmack. Der Rowohlt-Verlag hatte damals, 1931, Insolvenz anmelden müssen, war mehrheitlich von Ullstein übernommen worden und stand unter Druck. In diesem Roman Falladas erkannte der Verleger Rowohlt enormes Potenzial, um es zu einem Superbestseller zu machen.
Wir wissen nicht, ob das wirklich der Grund für dieses Brutalolektorat war. Es gibt keine konkreten Aufzeichnungen, und auch der Germanist Carsten Gansel kann in seinem Nachwort nur Mutmaßungen anstellen. Aber die Streichungen lassen eigentlich nur diesen Schluss zu. Vieles liest sich wie ein vorauseilendes Lektorat. Man ließ all die Stellen weg, die Leser verstören könnten. Und das waren neben den vulgärpolitischen Passagen vor allem die ungeschönt sexuellen beziehungsweise solche, die ungeschönt ältere Damen im Nacktklub beschreiben. Die Verführbarkeit des reinen Helden Pinneberg. Fragen der Jungfräulichkeit Lämmchens vor der Ehe. Plötzliche Erektionen, schöne Brüste, hässliche Brüste, große Brüste. Allzu wirkliche Wirklichkeit wurde aus dem Buch gestrichen. Ein Kapitel fiel komplett weg: Der Ausflug des Ehepaars Pinneberg in Berliner Nachtklubs mit Tischtelefonen und käuflichen Damen. Das hat der Lektor mit der Axt einfach getilgt.
Fallada machte das alles mit. Später, nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, ging das Team Rowohlt/Fallada noch weiter. Aus dem "Nazi Lauterbach" wurde der "Torwart Lauterbach". "Zu den Nazis war Lauterbach auch nur aus Langeweile gegangen" wurde zu "Torwart war Lauterbach auch nur aus Langeweile geworden".
Im begleitenden Brief an Rowohlt hatte der umsichtige Autor sogar geschrieben, er habe die Änderungen in allen Fällen durch Auszählen der Buchstaben so eingerichtet, dass der Setzer nur den betroffenen Absatz zu ändern habe. Wohl auch zur Selbstberuhigung fügte er hinzu, die Änderungen täten niemandem weh. "Nur eben die Anrempelung der SA ist gefallen. Und das ist ja auch nur richtig."
Diese politischen Änderungen während der Nazizeit waren lange schon bekannt und nach dem Krieg, als "Kleiner Mann – was nun?" als Band eins der rororo-Reihe neu erschien, wurden sie wieder rückgängig gemacht. Aber die ersten, weitflächigen Streichungen der Erstauflage nicht.
Es ist gut, dass wir nun die Urversion kennen, gleichzeitig staunt man aber, wie viel einem Buch weggenommen werden kann, ohne die Substanz zu beschädigen. Eine Lehre auch für unsere Zeit, in der jeder mittlere Kleinerfolgsautor mit Verlagswechsel droht, wenn ihm sein Lektor mal eine halbe Seite wegstreichen will, und Leser deshalb mit all den 80o-Seiten-Romanen belästigt werden. Ein großes Kunstwerk kann durch Striche nicht getötet werden. Aber doch kleiner gemacht. Der Vorwurf eines etwas überstarken Hanges zu Idylle und Harmlosigkeit, den man dem Werk in der bisher bekannten Version machen konnte, ist nun nicht mehr haltbar.
Aber dieses Buch und seine schwankende Publikationsgeschichte erzählt viel über diesen weichen, unheroischen, aber gleichwohl hellhörigen Autor. Der 1893 in Greifswald geboren worden war, der im Alter von 18 Jahren nach einem Dichterwettstreit mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker Doppelselbstmord begehen wollte, dabei den Freund erschoss und sich selbst schwer verletzte. Der sich gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig meldete, aber aufgrund seiner psychischen Labilität abgewiesen wurde. Der schon im März 1933 von der SA nach einer Denunziation verhaftet wurde. Nach elf Tagen kam er wieder frei. Seine Bücher wurden nicht verboten und verbrannt, aber er galt als verdächtig. Nach dem "Kleinen Mann" schrieb er den Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" über seine Jahre, die er während der Weimarer Republik wegen Unterschlagung im Gefängnis verbringen musste. Damit das Buch auch unter dem neuen Regime ein Erfolg wurde, fügte er ein Vorwort hinzu, das er selbst "einen Knix" vor den Nazis nannte, in dem er den laschen Strafvollzug der Weimarer Republik kritisierte. Auch da schrieb ihm der Verleger: "Ganz offen und ehrlich gesagt, scheint mir Ihre Fassung doch etwas zu entgegenkommend."
Aber Fallada wollte im Land bleiben, um jeden Preis. Er schrieb nur noch Idyllen, in Windeseile Buch auf Buch, zwischen 1933 und 1944 entstehen 18 zum Teil voluminöse Bücher, für einige brauchte er nur wenige Tage. Er schrieb, er trank, er hatte Angst. Plötzlich gelang ihm noch einmal mit dem Inflationsroman "Wolf unter Wölfen" ein großes Buch, das auch Goebbels lobte. Doch Falladas Situation blieb unsicher. Er versuchte, zur Sicherheit, den Roman der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland zu schreiben, womit er scheiterte. 1944 schoss er im Suff auf seine Frau Suse, Vorbild für Lämmchen. Sie blieb unverletzt, die Anklage wegen Mordversuchs wurde wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit fallen gelassen. Er kam zur Beobachtung in eine Heilanstalt. Hier schrieb er seinen phänomenalen Saufroman "Der Trinker".
Am Ende des Krieges war er plötzlich eine Art Günstling des Systems, durfte als "Reichsarbeitsdienst-Sonderführer Ditzen" sogenannte Studienreisen nach Frankreich und in die Tschechoslowakei unternehmen. Was ihm nach dem Krieg auch nicht weiter schadete: Die einrückende Rote Armee machte ihn zum Bürgermeister der kleinen Stadt Feldberg, wo er sogleich eine wodkaselige Antrittsrede hielt. Inzwischen hatte er die 29 Jahre jüngere Morphinistin und Alkoholikerin Ursula Losch geheiratet. Der Dichter und kommunistische Funktionär Johannes R. Becher wollte ihn zum Staatsdichter eines neuen Deutschland machen, gab ihm Geld, ließ ihn und seine Frau in einem der Häuser in der Funktionärsidylle Ostberlins am späteren Majakowskiweg wohnen. Der Dichter beschrieb ihr Leben in dem Not leidenden Land so: "Bis um zehn Uhr tagtäglich haben wir bereits eine Flasche Schnaps und zwanzig amerikanische Zigaretten hinter uns, und wenn Sie nun das noch hinzurechnen, was Butter, Honig, Vollmilchpulver auf dem Schwarzen Markt kosten, dann haben wir bis um zehn Uhr jeden Tages bereits so viel Geld verbraucht, wie ein Durchschnittsangestellter im ganzen Monat verdient."
Ende 1946 kam Fallada in die Nervenklinik der Charité, der Kommunist Becher, der die Nazizeit im Moskauer Exil verbracht hatte, hoffte immer noch auf Falladas großen Roman aus Nazideutschland. Innerhalb eines knappen Monats schrieb Fallada schließlich "Jeder stirbt für sich allein". Am 5. Februar 1947 verstarb er.

Über den Autor

Volker Weidermann, geboren 1969, schrieb zunächst für die "taz", wechselte dann 2001 zur neu gegründeten "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", deren Feuilleton er bis 2015 leitete. Seit Mai vergangenen Jahres ist er Autor beim SPIEGEL. Außerdem ist er Gastgeber der ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett".
* Hans Fallada: "Kleiner Mann – was nun?". Aufbau Verlag, Berlin; 558 Seiten; 22,95 Euro.
Von Volker Weidermann

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