02.07.2016

NetzwerkeHeimliche Botschafter

Eine Redaktion lockt junge Reporter an – und verschweigt enge Verbindungen zu erzkatholischen Gruppen wie Opus Dei.
Eva(*) wollte raus aus Bayern, über die Welt berichten. Das Onlinemagazin Firstlife kam wie gerufen. Die Kollegen waren nett, engagiert und im Netz präsent. Die jungen Redakteure schrieben über alles, was sie beschäftigt: Liebeskummer, Heuschnupfen, die Armenien-Resolution. Mehr als 200 Autoren vor allem aus Deutschland listet die Kölner Redaktion derzeit auf.
Der Studentin gefiel, was man ihr anbot: ein regelmäßiges Honorar und die Möglichkeit, sich als Autorin bekannt zu machen. Auf der Website fand sich ihr Profil samt Foto. Das Magazin schien das Versprechen einzulösen, das es den Reportern gab: den Weg in den Job zu ebnen. "Firstlife stellt die Plattform zur Verfügung, um den Einstieg in den Traumberuf Journalismus zu erleichtern."
Eva arbeitete sich schnell ein, bald lud man sie zu Netzwerktreffen und Fortbildungen mit Themen wie "Beichte", "formalisierte Psychoanalyse" oder "Katholischsein". Die junge Journalistin wurde misstrauisch, zu Recht.
Denn Firstlife, getragen von einem Verein mit Sitz in Bonn, unterhält enge Verbindungen zu umstrittenen erzkatholischen Organisationen, insbesondere zu Opus Dei. Doch darüber schweigt der Verein, kein Wort auf der Website. Bei der Gründung wurde das Projekt als "konfessionell neutral" dargestellt. Nur wer sehr genau hinschaut, in Vereinsakten, Protokolle und interne Papiere, entdeckt zahlreiche Bezüge zwischen dem Jugendportal und dem "Werk Gottes", Opus Dei.
Vorsitzender der Firstlife Stiftung e. V. ist Rüdiger von Stengel, ein Immobilienunternehmer. Seine Firma residiert im selben Gebäude wie die Jugendredaktion, im Kölnturm. 2011 hielt Stengel einen Vortrag in einer bekannten Opus-Dei-Tagungsstätte: Haus Hardtberg in Euskirchen. Dort schwärmte er von der "Begegnung mit werteorientierten Unternehmern und Managern". Broschüren preisen Einkehrstunden und Besinnungstage, alles geprägt durch "die Spiritualität der katholischen Personalprälatur Opus Dei". Und Stengel freute sich "schon auf das nächste Mal". Auch auf Facebook umgibt er sich mit Freunden aus diesen erzkonservativen Kreisen, insbesondere der Jugendszene.
Im Firstlife-Gründungsprotokoll tauchen weitere Namen aus diesem Umfeld auf. Schriftführer Andreas Schwaderlapp war ebenfalls schon Gast im Haus Hardtberg. Er sprach unter anderem über "Reden, Beten, Zuhören" – nachzulesen im Bericht des Opus Dei. Schwaderlapp war auch schon für den "Jugendclub Linie 15" tätig. Der gehört offiziell zu Opus Dei.
Ein weiterer Förderer von Firstlife heißt Patrick Gruhn. Er steuerte zur Gründung 7200 Euro bei. Der Name findet sich auf der deutschen Website des Opus Dei als technischer Betreuer. Das Gotteswerk untersteht direkt dem Papst und strebt ein streng christliches Leben an. Aussteiger berichten von Praktiken wie Schlafentzug und psychischem Druck, ähnlich denen einer Sekte. Opus Dei bestreitet das.
Auf Firstlife finden sich, zwischen vielen Artikeln, auch Beschreibungen von Projekten des Opus Dei wie "Schule statt Straße". Von den Firstlife-Vorständen reagierte auf Anfrage des spiegel nur Rüdiger von Stengel: Er sei auf Dienstreise und habe keine Zeit, ehrenamtliche Tätigkeiten zu erklären. Das Opus Dei ließ ausrichten, es gebe keine finanzielle oder institutionelle Verbindung zu Firstlife.
In mittlerweile gelöschten Äußerungen offenbaren mehrere Firstlife-Gründer indes ihren religiösen Antrieb: "Wir können es uns als Christen nicht leisten, nicht auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Wenn wir im Internet keine gute Plattform aufbauen können, verlieren wir den Anschluss an die Jugend." Oder: "Wir müssen uns dort mit unseren Werten einbringen, sonst nehmen andere diesen Raum ein." Lange hieß der Firstlife-Slogan: "Triff die Richtigen!"
In einer frühen Satzungsversion heißt es, Firstlife suche Jugendliche, die "die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts aufbauen". Man fördere "Persönlichkeitsentwicklung" und spende "notwendige Orientierung" – auf Akademien wie "Excellence and Leadership", zu denen auch Eva kommen sollte, die aber nie hinging. Dort werden Netzwerke geknüpft. Die Referenten sind sorgsam ausgewählt, wie der Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli: Er kritisiert den "Kontrollzwang über das eigene Leben" und fühlt sich Opus Dei "freundschaftlich verbunden".
Bei solchen Vorträgen sitzt Chefredakteur Timo Gadde, 24, meist vorn, in Anzug und Krawatte. Er sprach auch schon bei den "Legionären Christi" und ist gemeldet unter einer Adresse im Kölner Westen – ein Studentenheim des Opus Dei. Gadde ist dort auf vielen Fotos zu sehen, auch Rüdiger von Stengel machte hier schon Station. Timo schrieb dem "lieben Rüdiger" zuletzt auf Facebook: "Vielen Dank für Dein großartiges Engagement, das mir viel bedeutet."
Firstlife plant nun einen weiteren Standort. Nach eigenen Angaben lagen die laufenden Kosten schon 2014 bei 12 000 Euro – pro Monat. Ein "Dienstnehmerkonzept" soll neue Erlöse generieren. Es richte sich an jene, "die einen Draht in die Jugendszene suchen und die mit den von Firstlife vertretenen Werten kompatibel sind".
Eva ist nicht mehr dabei. Sie wolle nicht mit dem Opus Dei in Verbindung gebracht werden, mailte sie Chefredakteur Timo Gadde. "Schade", schrieb er zurück.
* Name geändert.
Von Christian Schweppe

DER SPIEGEL 27/2016
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