02.07.2016

GesundheitGrün ist die Hoffnung

Die Bundesregierung will den Anbau von Cannabis für Schmerzpatienten vom nächsten Jahr an auch in Deutschland zulassen. Unternehmer wittern das große Geschäft.
Die Reifen knirschen auf dem Schotter, als Jürgen Scholz vor dem verlassenen Hof hält, der einmal seine Zukunft werden soll. "Muckelig hier, oder?", ruft er und springt aus dem Auto, läuft durch die Scheune, an der alten Steinmauer vorbei und bleibt schließlich zwischen Wacholderbüschen und Disteln auf einem breiten Acker stehen. "Das ist es also", sagt Scholz, atmet tief ein und breitet die Arme aus.
Es ist ein perfekter, ein abgeschiedener Ort. Auf dem Feld zur Rechten hat ein Bauer Kohl angepflanzt, zur Linken säumen Kiefern den Weg. Und wenn alles so kommt, wie es kommen soll, dann wird in einem Glashaus in der Mitte bald etwas wachsen, was in diesem Land ganz legal noch auf keinem Feld wuchs: Marihuana.
Auf diesem Acker, irgendwo im Umland von Hannover, plant Scholz eine Cannabisplantage. Bei dieser ungefähren Ortsangabe muss es erst einmal bleiben. Scholz hat darum gebeten. Man wisse ja nie, sagt er. Wie die Nachbarn so ticken. Und wie der Heimatverein reagiert. An Cannabisbauern muss man sich hierzulande noch gewöhnen.
Vom nächsten Jahr an könnte in der Bundesrepublik erstmals legal Marihuana angebaut werden. Ein neues Gesetz soll dafür sorgen, am nächsten Donnerstag wird es im Parlament beraten. Es geht dabei nicht um Haschkonsum für jedermann, es geht um Medizin und ein Stück Hoffnung für Schwerstkranke und Patienten, denen sonst nichts mehr hilft. Sie sollen in der Apotheke Gras und Cannabisarzneien kaufen können – ganz legal und auf Kassenrezept. Glaubt man den Experten, könnte die Nachfrage gewaltig sein. Die Vorsichtigen rechnen mit Zehntausenden potenziellen Patienten, die Visionäre mit Hunderttausenden.
Das Interesse sei "total breit", wie Hanflobbyisten sagen, und das gilt vor allem für die Unternehmer. Agrarexperten und Ärztekooperativen, Pharmaunternehmen und Legalisierungsaktivisten wollen in den Cannabisanbau einsteigen. Im Bundesgesundheitsministerium häufen sich die Anrufe ambitionierter Hobbyzüchter, die wissen wollen, wie viel sie denn nun für ihr Grünzeug aus liebevollem Heimanbau verlangen dürfen und wo sie die Ware abliefern können. Selten hat ein Gesetz so viele Fantasien geweckt.
Tatsächlich klingt die Sache paradox: Vom nächsten Jahr an tritt der Staat als Dealer auf. Er will eine Cannabisagentur einrichten, die dafür sorgen soll, dass zwischen Rostock und Rosenheim genug Medizinalhanf gepflanzt wird, um alle Schwerkranken mit heimischem Gras zu versorgen. Dafür soll die Agentur Lizenzen vergeben, und schon jetzt ist abzusehen, dass die Erlaubnis begehrt sein wird. Allein an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn, das die neue Agentur aufbauen soll, haben mehr als ein Dutzend Unternehmen Bewerbungen geschickt. Vor allem Obst- und Gemüsebauern sind darunter.
Allerdings gibt es Märkte, die sich einfacher erschließen lassen. Die angehenden Marihuanabauern bereiten sich auf ein Gesetz vor, das noch gar nicht verabschiedet ist. Sie stellen sich auf Sicherheitsauflagen ein, die längst nicht feststehen. Sie können sich auf persönliche Expertise nur dann berufen, wenn diese ihnen keinen Besuch vom Staatsanwalt einhandelt. Und nichts läge der Bundesregierung ferner, als es den Interessenten allzu leicht zu machen.
Jürgen Scholz kann viel davon erzählen. In einer Branche, in der niemand der Letzte sein will, ist er einer der Ersten. Im April 2015 hat der Rechtsanwalt mit vier Partnern das Unternehmen Medweed gegründet. "Zweck der Gesellschaft ist der Anbau, die Verarbeitung und der Vertrieb von Cannabisprodukten zu medizinischen Zwecken", so steht es im Vertrag.
Ginge es nach Scholz, dann wäre die Sache einfach: Er hat ein Grundstück und eine Geschäftsidee, er hat ein Sicherheitskonzept und einen Apotheker im Team. Was er nicht hat, ist die staatliche Genehmigung. Scholz hätte die Sache daher gern etwas beschleunigt.
Schon im September 2015 stellte Medweed beim BfArM einen Anbauantrag für Medizinalhanf. Das geplante Gesetz war da noch kaum mehr als ein Gerücht – und die Behörde ließ sich mit ihrer Antwort Zeit. Zu viel Zeit, befand Scholz. Im Dezember bat er erneut um eine Entscheidung. Im Januar schrieb er: "Gehen beim Amt so viele Anträge ein, dass eine zeitnahe Bearbeitung nicht möglich ist?" Im April reichte er vor dem Kölner Verwaltungsgericht eine Untätigkeitsklage ein – "gegen die Bundesrepublik Deutschland".
Das BfArM verwies in seiner Stellungnahme für die Richter darauf, dass das Gesetz noch gar nicht verabschiedet sei. Daher könne es nichts entscheiden. Scholz aber geht es um das Prinzip: Seinen Antrag hat er mit dem "öffentlichen Interesse" an der Produktion von Medizinalhanf begründet. Ohne das würde es schließlich auch den neuen Gesetzentwurf nicht geben, schrieb er Ende Juni an die Richter.
Mit beengten Sichtweisen hatte Scholz schon immer ein Problem, nicht nur wenn es um Marihuana geht. Dass die Kicker von Arminia Hannover Werbung auf dem Hintern tragen dürfen, hat auch mit ihm zu tun. Als Werbefläche war die Hosenrückseite auch für Amateure über Jahre verboten. Zumindest so lange, bis Scholz das Amt als Arminia-Präsident übernahm und gegen den Deutschen Fußball-Bund und dessen Landesfunktionäre vor Gericht zog. Am Ende gewann der kleine Verein. Scholz ging dafür durch vier Instanzen.
Auch dieses Mal will er weit gehen. Warum etwa sollte der Staat Schwerstkranken vorschreiben, ob sie Cannabis einnehmen dürfen oder nicht? Für Scholz geht es auch "um eine Art Menschenrecht", das Recht auf lebenswertes Leben.
Inzwischen glauben viele Wissenschaftler, dass Cannabis Schwerstkranken helfen kann. Seine Inhaltsstoffe können epileptische Anfälle dämpfen, die Nebenwirkungen der Chemotherapie lindern, Depressive Schlaf finden lassen. Valide Studien sind zwar selten, doch konstatiert selbst die Deutsche Schmerzgesellschaft, dass Cannabis für viele Patienten mit Multipler Sklerose oder Querschnittslähmung ein echter Fortschritt sei, wenn andere Medikamente versagten.
Allerdings ist es bislang fast unmöglich, sich therapieren zu lassen. Der Besitz von Marihuana ist in Deutschland genau wie der Anbau verboten. Nur in Ausnahmefällen dürfen Ärzte den Patienten Hanfblüten oder Medikamente auf Cannabisbasis verschreiben. Mitte Juni hatten genau 779 Patienten die Erlaubnis des BfArM, Cannabis in der Apotheke zu kaufen, wie die Bundesregierung jetzt in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion einräumt. 62 Prozent von ihnen litten unter Schmerzen oder Spastiken wie etwa bei Multipler Sklerose, 12 Prozent verwiesen auf das ADHS-Syndrom.
Doch die Kosten der Therapie sind hoch. Sie reichen oft an die 600 Euro im Monat, die Kassen tragen sie nur selten. Viele Patienten flüchten sich daher in die Illegalität und topfen Marihuana im heimischen Wohnzimmer ein. Eine Genehmigung hat das BfArM dafür noch nie erteilt.
Ein aktuelles Gerichtsurteil hat die Behörde jedoch verpflichtet, diesen Selbstanbau zuzulassen. So sah sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe zu dem neuen Gesetz gezwungen. Nur vordergründig geht es darin um einen Liberalisierungsschritt für Patienten. Vor allem soll die Cannabisagentur dafür sorgen, Eigenanbau zu verhindern. Dieser Hinweis findet sich auch im Gesetz.
"Nicht jeder Patient mit Fußpilz wird Cannabis erhalten", so sagt es BfArM-Experte Peter Cremer-Schaeffer. Die Liste der Vorgaben ist lang: Wer Hanf auf Rezept erhalten will, muss "schwerwiegend erkrankt" sein und mindestens ein Jahr lang behandelt worden sein. Um wirklich ganz sicherzugehen, schrieben die Beamten: Die Verschreibung von Cannabis "durch Tierärzte ist nicht zulässig". Die durch Zahnärzte übrigens auch nicht.
Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe ist skeptisch, ob es der Regierung wirklich ernst ist. Der Gesetzentwurf lege den Patienten "unnötig Steine in den Weg". Vor allem sei nicht einzusehen, warum Patienten an einer Begleitforschung teilnehmen müssten. Terpe hält das für "Schikane".
Die Euphorie der Branche konnte das nicht bremsen. Schon im vergangenen Herbst hatte der Deutsche Hanfverband Interessenten in ein Hotel im Odenwald eingeladen, auch aus den Niederlanden reiste ein Marihuanahersteller an. Die Runde fühlte sich durch erstaunliche Entwicklungen aufgeputscht: In Kanada sind die Produzenten von Medizinalhanf inzwischen an die Börse gegangen. "Die Cannabis-Millionäre", schrieb das Branchenorgan "Hanfjournal". Es sah aus wie ein Blick in die Zukunft.
Georg Wurth hatte das Treffen organisiert. Er glaubt, dass es beim Medizinalhanf nicht bleiben wird – und "dass in einigen Jahren die ganz große Legalisierungswelle auch in Deutschland bevorsteht". Dafür arbeitet er seit Jahren.
Im Jahr 2002 hat Wurth den Hanfverband mitgegründet, der auch für die völlige Freigabe des Cannabiskonsums kämpft. Wobei der Verband potenzielle Spender selbst darauf hinweist, dass es sich nicht etwa um einen gemeinnützigen Verein, sondern um eine "Lobbyfirma" handelt – und der drahtige Herr mit der randlosen Brille ist hier der Chef. Den Habitus der Szene hat er nie angenommen. Er sieht noch immer aus wie der Finanzbeamte, der er einmal war, bis er sein altes Leben hinwarf.
Vor zwei Jahren gewann er eine Million Euro bei der "Millionärswahl" bei ProSieben, das Geld investierte er auch in Kinospots für die Liberalisierung. Seither ist seine Fangemeinde im Internet groß. Die Zahl seiner Unterstützer ist noch gewachsen, seit die Gerüchte um die neue Cannabisagentur in der Welt sind. Wurth bringt Unternehmer zusammen, die sich für neue Lizenzen interessieren.
Ob er selbst kifft? Wurth lächelt, es ist ein breites Grinsen. "Ich rate jedem, auf diese Frage nicht zu antworten", sagt er.
Auch Dirk Rehahn hält sich daran. Die Frage tue ohnehin nichts zur Sache, findet er. Im Berliner Szenekiez Friedrichshain betreibt er einen Großhandel für Gewächshaustechnik. Unter der Pflanzenlampe in seinem Büro blühen nur die Tagetes, Pflanzen, die legal sind. Rehahn legt Wert darauf. "Mein Partner war mal Polizist", sagt er und nickt dem Kollegen auf der anderen Schreibtischseite zu. Das Betäubungsmittelgesetz steht auf dem Sideboard zum Nachschlagen bereit.
In diesem Altbau, wenige Schritte hinter einem Lokal, das von den Nachbarn nur "der Schnitzelpuff" genannt wird, organisiert Rehahn den Verkauf von Stofftöpfen, Aktivkohlefiltern oder Düngecomputern. Er beliefert Lifestyle-Versandhändler, Veterinärämter und Gärtnereien. Bei Rehahn ordern aber auch Growshops – jene Rauchwarenspezialgeschäfte, die sich an eine besonders genussfreudige Klientel richten.
Vielleicht ist es einfacher zu beschreiben, was man bei Rehahn nicht kaufen kann. "Keine Papers, keine Bongs", so sagt es der Chef selbst. Nichts also, was sich zum illegalen Cannabiskonsum nutzen ließe. Nichts, was Freizeitkiffer anlocken könnte. Aber dennoch ist es höchst denkbar, dass einige Kunden Töpfe oder Dünger nicht nur zur Aufzucht von Tomatenpflänzchen nutzen. "Wir bewegen uns immer legal", sagt Rehahn. Auf indirekte Beihilfe zum Cannabisanbau droht keine Strafe. "Aber manchmal kann einem die Branche leicht schizophren vorkommen."
Schizophren ist auch das, was Rehahn jetzt angehen will: die Anbaulizenz von der Cannabisagentur. Seine Expertise ist offensichtlich. Er kann auf 20 Jahre Erfahrung in der Branche verweisen. Niemand muss ihm sagen, dass eine White Widow keine Trauer trägt. Keiner muss ihm erklären, wie man Hanf zieht. Rehahn hält Kontakt zu Züchtern, die Pflanzen mit passender Genetik anbieten; in Kreuzberg ist er als politischer Berater für die Cannabisproduktion gefragt. "Ich bin mit der Thematik verwurzelt", sagt er. "Das ist doch die entscheidende Voraussetzung."
Allerdings hegt die etablierte Wirtschaft an seinen Gewerbeplänen grundsätzliche Zweifel. Als Rehahn die Gründung seines neuen Unternehmens bei der Industrie- und Handelskammer prüfen lassen wollte, waren die Berater erst einmal ratlos. Den Geschäftszweck seiner GmbH wollten sie nicht akzeptieren. Wie könne man etwas anbauen wollen, das noch verboten ist? Vor allem: Wie stellt man sicher, dass das Produkt nicht in falsche Hände gerät?
Bernhard Föger musste auf diese Fragen schon vor Jahren eine Antwort finden. In Wien organisiert er jenes Geschäft, in das die deutschen Unternehmer nun erst einsteigen wollen: Er pflanzt im öffentlichen Auftrag Cannabis an.
Ein Gesetz hat das in Österreich bereits im Jahr 2008 möglich gemacht: Seither ist die staatliche Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) für den Marihuanaanbau zu medizinischen Zwecken zuständig. Auf einem Gelände am Rande der Hauptstadt leitet Föger das Institut für Nachhaltige Pflanzenproduktion, seit Wochen wird er mit Anfragen aus Deutschland überhäuft. Besuch ist normalerweise nicht gestattet. Es ist eine geheimnisvolle, verschlossene Welt – der österreichische "Standard" schrieb einmal, es sei leichter, an "den Standort von angereichertem Uran" zu gelangen als in die Cannabisplantage der Ages.
An diesem Junimorgen schließt Föger die schwere Eisentür auf, die zum abgeriegelten Geländetrakt führt. In den Ecken surren Überwachungskameras. Sobald sie verdächtige Bewegungen bemerken, geht eine Meldung direkt an die Polizei. In den vergangenen sechs Jahren entdeckten die Beamten jedoch nur einen einzigen ungebetenen Eindringling: eine Katze. Das Sicherheitskonzept lässt keine Lücken.
Sechs Mitarbeiter kümmern sich um die empfindlichen Pflanzen. Bevor sie die Gewächshäuser betreten, schlüpfen sie in weiße Schutzanzüge ohne Taschen. Niemand darf sich allein bei blühenden Stauden aufhalten, es gilt das Vieraugenprinzip. Jede Pflanze wird protokolliert, jeder abgestorbene Setzling an das Gesundheitsministerium gemeldet. Vor allem: Vertrocknete Blätter werden nicht dem Lauf der Natur überlassen, sondern aufwendig vernichtet. "Sonst hätten wir hier den beliebtesten Komposthaufen Wiens", sagt Föger.
Abgesehen von diesen Sicherheitsvorkehrungen handle es sich um "ganz normale Glashausgärtnerei", findet er, "allerdings stecken dahinter Hightech und Know-how über den optimalen Zeitpunkt für die Blüte". Die Zahl der Sonnenstunden sollte stimmen – und natürlich ist alles bio. "Wir erfüllen nur den Auftrag des Gesetzgebers", sagt Föger. Seine Mitarbeiter halten sich etwas bedeckter. Ihre Namen möchten sie nicht nennen. Die Kinder sollen in der Schule keine Nachteile haben.
Die erste Ernte des Jahres liegt nur ein paar Tage zurück. Noch immer durchzieht ein schwerer, süßlicher Duft die Glashäuser. Die kostbaren Blütenteile sind in großen Papiersäcken längst auf dem Weg zum Auftraggeber. Ihre Reise führt nach Neumarkt in die Oberpfalz.
Seit 2010 lässt die Bionorica SE eigens gezüchtete Cannabis-Hochleistungsklone bei der Ages großziehen, um die Blüten mit dem Wirkstoff THC dann nach Deutschland zu importieren. Auf das neue Gesetz hofft nun auch das Pharmaunternehmen. Die Auftragsproduktion in Wien hat es deshalb vorab verfünffachen lassen.
Bionorica-Chef Michael Popp setzt auf pflanzliche Arzneien, zu seinen Blockbustern zählen die Erkältungsmittel Sinupret und Bronchipret. Der elegante Herr, der auf Fotos stets mit Einstecktuch posiert, hat wenig Hemmungen, auch Medikamente auf Marihuanabasis zu einem massentauglichen Produkt zu machen. "Ich finde es richtig, ein Arzneimittel, das es schon im Jahr 5000 vor Christus gab, Schwerkranken zur Verfügung zu stellen", sagt er. "Auch Cannabis ist ein Naturprodukt."
14 Jahre lang hat Popp in die Drogenhanfforschung investiert, er selbst spricht von einem "zweistelligen Millionenbetrag". Den Aufsichtsrat trieb er damit zur Verzweiflung. Alljährlich rieten ihm seine Kontrolleure, das Projekt einzustellen. Von einem Verlustbringer müsse man sich auch trennen können. Nun würde er mit dem Nischenprodukt gern auch mal verdienen. Er ist derzeit einer von lediglich zwei Anbietern, die Produkte auf Cannabisbasis in Deutschland herstellen. Bionorica verkauft den Wirkstoff Dronabinol, der in Apotheken zu einer Rezepturarznei zusammengerührt wird. Außerdem hat es die Zulassung für ein Fertigmedikament beantragt, eine Kapsel. Im Gegensatz zu Blüten und Joints habe das einen großen Vorteil, sagt Popp: "Man kann nicht falsch dosieren."
Bislang sind es an die 5000 Patienten, die mit Dronabinol behandelt werden. Auch sie tragen die Kosten meist selbst. Mit dem neuen Gesetz sollen die Kassen diese Ausgaben auf Antrag erstatten. Das Marktpotenzial schätzt Popp auf "mehrere Hunderttausend Patienten, die heute noch nicht optimal therapiert werden".
Dafür braucht er mehr Cannabis, sehr viel mehr Cannabis. Auch der Anbau in Deutschland könnte für Bionorica interessant sein. "Ich schließe nicht aus, dass auch wir uns um eine Anbaulizenz bei der Cannabisagentur bewerben", sagt Popp.
Im Ausland ist das Interesse längst geweckt. Cannabisexperten aus liberaleren Ländern wie den Niederlanden oder den USA liebäugeln damit, mit Partnern in den deutschen Markt einzusteigen. Es entsteht eine ganz neue Art des Krautfunding.
Auch Jürgen Scholz setzt auf internationale Unterstützung. Neulich war er in Colorado Springs, dem Mekka der amerikanischen Cannabisbewegung. An seinem Handgelenk trägt er noch immer das weiße Bändchen mit der Aufschrift "#fight for access", dem Slogan der Hanflobby.
In den USA traf er Unternehmer, die Cannabis für Schwerkranke anbauen. Er besichtigte Plantagen, Labore und Grow-Stores. Ein internationaler Partner könne ja nicht schaden, findet Scholz. "Selbst wenn überall in Deutschland Plantagen aus dem Boden gestampft werden, wird es nicht möglich sein, die Nachfrage zu bedienen", sagt er. Es klingt wie die Hoffnung auf einen ganz großen Deal.
Als er in diesem Frühjahr die Berge von Colorado Springs hinauffuhr, da fühlte er sich wie Felix, der Held aus T. C. Boyles Kifferroman "Grün ist die Hoffnung". Drei Jungs machen sich darin auf, in den Hügeln oberhalb des Meeres eine Marihuanaplantage hochzuziehen. Allerdings gibt es dabei einen Haken: Der Großteil der Ernte fällt der Hitze, einem Bären und dem Mehltau zum Opfer. Am Ende verdienen sie so gut wie nichts.
Und wenn die Sache mit dem Medizinalhanf auch bei Scholz schiefgeht?
Er macht sich da wenig Sorgen. Vielleicht wird aus seinem Acker am Rande von Hannover irgendwann ja auch etwas vollkommen anderes.
Bauland vielleicht.
Von Cornelia Schmergal

DER SPIEGEL 27/2016
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