02.07.2016

FinanzenGeliehener Luxus

Das Hamburger Edel-Pfandhaus Lombardium entpuppt sich als Geldvernichtungsmaschine für Kleinanleger. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Tennislegende Michael Stich könnte dieses Jahr bei den German Open am Hamburger Rothenbaum eine böse Überraschung erleben. Teil des Turniers sind die "Lombardium Classics", ein Showmatch, das Turnierdirektor Stich gegen seinen ehemaligen Gegner Henri Leconte bestreiten soll.
Wütende Anleger allerdings liebäugeln damit, die Partie aufzumischen – mit Flyern und T-Shirts mit der Aufschrift "alles von geklautem Geld finanziert". Denn Sponsor des "Legendenmatches" ist das Luxus-Pfandhaus Lombardium, bei dem gut betuchte Kunden Schmuck, Jachten, Kunst oder auch, wie einmal geschehen, ein Grundstück mit einer Kiesgrube verpfänden können. Die Pfandkredite werden über geschlossene Fonds finanziert. Doch ein großer Teil des Geldes ist offenbar verschwunden.
Lombardium-Geschäftsführer Patrick Ebeling und elf Komplizen sollen die Anleger um eine dreistellige Millionensumme betrogen haben. Das jedenfalls vermutet die Staatsanwaltschaft Hamburg, die unter anderem wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs ermittelt und vor Kurzem deswegen 20 Razzien in ganz Deutschland durchführen ließ.
Nach einer anonymen Strafanzeige im Jahr 2014 entdeckten die Ermittler rund um das Pfandleihhaus ein "kaum überschaubares Firmengeflecht" mit weit über einem Dutzend Beteiligungs- und Vermögensverwaltungsgesellschaften, wie es in internen Unterlagen heißt. Es bestehe der Verdacht, dass Anlegergelder in erheblichem Umfang aus den Lombardium- beziehungsweise Fondsgesellschaften herausgezogen wurden, statt ins Pfandleihgeschäft zu fließen. Dabei sei es teils darum gegangen, die Ansprüche aus älteren Fonds zu befriedigen.
Zentraler Kopf der Unternehmensgruppe sei Ebeling, heißt es in den Akten, er könne an jeder Stelle des Firmengeflechts "faktisch problemlos agieren". Unter anderem über seine Mutter, die in etlichen der Firmen Gesellschafterin ist.
Der eher bodenständig auftretende Hamburger wurde lange als genialer Unternehmer gefeiert. Die Idee, das Pfandgeschäft mit den Reichen von Privat- und Kleinanlegern finanzieren zu lassen und diese dafür an den Zins- und Gebühreneinnahmen zu beteiligen, wurde 2011 mit dem Finanzpreis "Goldener Bulle" ausgezeichnet.
Die als seriös bekannte "Börsenzeitung" schrieb ein Jahr später, das Unternehmen sei für die Zukunft "gut aufgestellt" und die Anlage "vergleichsweise rentabel und liquide". Nur 20 bis 50 Prozent des Marktwertes der Pfänder werde als Kredit ausgegeben, die Laufzeit der Fonds betrug darüber hinaus lediglich drei Jahre.
Lombardium selbst warb in Flyern für "ein Beteiligungsangebot als Festgeldersatz". Bis Ende 2015 konnten so über insgesamt fünf Anlegerfonds geschätzt zwischen 150 und 200 Millionen Euro eingesammelt werden.
Die Nachfrage nach Pfandkrediten sei noch sehr viel höher, erklärte Ebeling oft. "Sie können viele Mietshäuser und Unternehmen besitzen, aber plötzlich wollen Sie ein Bild für 150 000 Euro kaufen, und niemand gibt Ihnen das Geld dafür", prahlte er 2012 in einem Fachmagazin. Um die Professionalität des Pfandgeschäfts zu sichern, habe man "hochkarätige Kunstspezialisten" im Haus und sei auch mit Ermittlungsbehörden "prima vernetzt".
Tatsächlich allerdings ging es hinter den Kulissen alles andere als geordnet zu, wie aus den Akten hervorgeht. Eine Keksunternehmerin etwa verpfändete wohl 2010 eine Studie Gustav Klimts für sein Bild "Die Jungfrau", die ihr anscheinend gar nicht gehörte. Insgesamt bekam sie dafür eine Viertelmillion Euro Kredit. Allerdings wurde das Bild Lombardium nie ausgehändigt – sondern 2011, noch vor Auszahlung der dritten Kredittranche, bei Sotheby's in London versteigert, wie Lombardium irgendwann feststellte. Für ein Sechstel des angegebenen Wertes und "aus einer privaten österreichischen Sammlung", wie Sotheby's angab.
Auch Robin M., einer der Verdächtigen sowie Geschäftsführer einer Fonds- und einer Vertriebsgesellschaft aus dem Lombardium-Universum, berichtet in einem Geständnis von haarsträubenden Zuständen und "fadenscheinigen" Erklärungen. Als Pfandakten fehlten, habe es geheißen, sie würden nachgereicht; Pfandgegenstände, die sich nicht im Tresor befanden, seien "auf Reisen". Und immer wieder sollte M. "Zwischenkredite" genehmigen mit zweifelhaftem Verwendungszweck.
Wie aus Akten hervorgeht, wurden Millionen Euro zwischen etlichen Gesellschaften mit Namen wie PSS Beteiligungen GmbH oder Camaflobe Vermögensverwaltungs GmbH hin- und herüberwiesen. Schon 2010 erstatteten deshalb Banken Anzeige wegen Geldwäscheverdachts, doch viele dieser Ermittlungen wurden offenbar wieder eingestellt.
Erst als die Sparkasse Holstein für den Januar 2015 verdächtige Bewegungen auf einem Konto meldete, stellten die Staatsanwälte fest: Den rund drei Millionen Euro an Anlegergeldern, die dort allein in diesem Monat generiert und weiterüberwiesen wurden, standen anscheinend lediglich 59 000 Euro an realem Pfandgeschäft gegenüber. Allein eine Million Euro der fraglichen Summe wurde den Ermittlungen zufolge stattdessen verwendet, um Ansprüche aus Altfonds zu bedienen.
Das deutet auf ein Schneeballsystem hin, es stand allerdings zu diesem Zeitpunkt schon vor dem Zusammenbruch. Im Dezember hatte die BaFin den Lombardium-Gesellschaften bestimmte Geschäfte untersagt, und als 2015 beim Fonds LombardiumClassic 2 die Rückzahlung der stillen Beteiligungen anstand, stimmte das Unternehmen die Anleger auf eine Verzögerung ein.
Der Grund, so hieß es in einem Schreiben, sei, dass Pfandkredite nicht "in dem Maße zurückgeführt" worden seien wie erwartet, und die Auktionen zögen sich hin. "Bei Kunst kann es dann auch noch sein, dass es gewisse Schwankungen in der Wertschätzung einzelner Künstler gibt."
Wenige Wochen später folgten weitere Brandbriefe. Neue Gutachten von Wirtschaftsprüfern hätten zu einem "ernüchternden Ergebnis" geführt. Die Pfänder, die sich derzeit bei Lombardium für die letzten Fonds befänden, seien insgesamt nur 14 bis 19 Millionen Euro wert. In Pfandlisten und Schreiben aus dem Vorjahr war noch vom mindestens Zehnfachen die Rede. "Das lässt meines Erachtens nur den Schluss zu, dass das Pfandleihgeschäft von Anfang an ein Anlagebetrugssystem war", sagt die Münchner Rechtsanwältin Katja Fohrer, die für ihre Mandanten Schadensersatz einklagen will.
Lombardium dagegen schrieb zuletzt an etliche Anleger, die Gründe für die aktuellen Probleme seien "vielfältig, schuldhaftes Verhalten gehört nicht dazu". Im Bereich der Kunst etwa habe sich die "Käuferschaft und damit die Nachfrage aus den Schwellenländern sowie Russland im Zuge des Verfalls der Rohstoffpreise erheblich reduziert". Ungewöhnlicher Schmuck wiederum benötige "in der Verwertung erfahrungsgemäß Geduld, um Käufer zu angemessenen Preisen zu finden".
Demnächst, hieß es, werde man einen Vorschlag für ein Sanierungsszenario unterbreiten. Wenige Wochen später rückte die Staatsanwaltschaft an.

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Von Anne Seith

DER SPIEGEL 27/2016
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