02.07.2016

GESTORBENGÖTZ GEORGE, 77

Er gab ihn Deutschland zurück, endlich, nach all den Jahren, in denen er aus dem Kino, dem Fernsehen und den Köpfen der Deutschen verbannt worden war: den echten Kerl, der nach dem Zweiten Weltkrieg für lange Zeit unerwünscht war. Als der gebürtige Berliner Anfang der Achtzigerjahre die Rolle des "Tatort"-Kommissars Horst Schimanski übernahm, der mit schwellenden Muskeln um sich schlug, war das eine längst überfällige Feier der Männlichkeit. Doch aus all den Schieß- und Prügelorgien ließ George seine Zuschauer mit einem schweren Kater erwachen. Er spielte Männer, die vor Kraft kaum gehen konnten und an ihrem inneren Druck fast zu zerbersten schienen, die nie mit sich im Reinen waren. Vermutlich lag das an seinem Vater Heinrich George, der wie er selbst Schauspieler und ein Mannsbild gewesen war, doch eines, das sich von den Nazis verbiegen ließ und in ihren übelsten Propagandafilmen wie "Jud Süß" mitspielte. Götz George nahm Maß an seinem Vater, vielleicht sein Leben lang, er spielte gern und unglaublich gut Männer, denen alles zuzutrauen war, vor allem das Schlimmste: den KZ-Kommandanten Rudolf Höß (in "Aus einem deutschen Leben", 1977) oder den Serienmörder Fritz Haarmann (in "Der Totmacher", 1995). George gab diesen Figuren eine furchterregend monströse Menschlichkeit.
Als junger Schauspieler sprang George in den Winnetou-Filmen der Sechzigerjahre aus vollem Lauf auf Pferde, als älterer Star stürzte er sich kopfüber in die Abgründe der Seele. Den Mut, den dies vom ihm verlangte, fühlte er zu wenig gewürdigt. Als er 1998 bei Thomas Gottschalk in "Wetten, dass ..?" auf dem Sofa saß, um Werbung für seinen düsteren Thriller "Solo für Klarinette" zu machen, wirkte er angewidert von der Spaßkultur. Völlig zu Recht bezeichnete er die Sätze Gottschalks als "blödsinnig" und "dumm", und beleidigte letztlich auch das Publikum, es war ein heldenhaft selbstzerstörerischer Auftritt. Wie viele seiner Figuren wirkte George in der Öffentlichkeit oft wie ein Getriebener, wenn man ihm ein Kompliment machte, witterte er selbst darin einen Widerhaken. Er war bis in die letzte Faser mit Energie geladen, ständig suchte sie sich ein Ventil, möglicherweise sogar gegen seinen eigenen Willen. Vor der Kamera führte dies dazu, dass George sehr schnell spielen konnte, er brachte die Filme auf Tempo und war nicht zuletzt aus diesem Grund ein begnadeter Komödiant. In der Satire "Schtonk!" (1992) zeichnete er das ebenso scharfe wie amüsante Porträt eines Mannes, der von seinem eigenen Ehrgeiz zerfressen wird. Es war ein Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, denn er hatte keine Angst vor der Schmiere. Er war ein deutscher Volksschauspieler, einer der größten. Götz George starb am 19. Juni in Hamburg.
Von Lob

DER SPIEGEL 27/2016
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