09.07.2016

TourismusAusweitung der Angstzone

Der Terror ist in die Urlaubsgebiete vorgedrungen, er kam bis an den Strand. Die Deutschen haben aus Furcht ihr Reiseverhalten verändert. Die touristische Welt wird neu eingeteilt – in Gewinner und Verlierer.
Er ist schnell noch mal die Positionen der Videokameras abgefahren, hat sich nach dem Stand der Wartungsarbeiten am Sprengstoffdetektor erkundigt und abermals die künftige Stärke der Wachmannschaft kalkuliert. Jetzt braucht Security-Experte Mohab Bakr nur noch seine Zigaretten, dann ist er bereit für den wichtigsten Termin des Tages, der Woche, sogar der Saison: das Security-Meeting mit der Geschäftsleitung des Resorts Taba Heights in Ägypten. Für dessen Sicherheit ist Bakr zuständig.
Heute wird auch "Mister Jokim" dabei sein, Bakrs oberster Chef: Joachim Schmitt, Deutscher und Vizepräsident für Hotels und Resorts der Orascom-Gruppe, der auch Taba Heights gehört. Der internationale Konzern betreibt zwischen Nil und Rotem Meer 25 Häuser mit fast 15 000 Betten. Das Geschäft lief schon mal besser: Die Unruhen nach dem Sturz Hosni Mubaraks im Jahr 2011 und der Terror der Islamisten haben die Aktien der auch in der Schweiz registrierten Orascom von einst 150 auf unter 10 Franken sinken lassen.
Schmitt, oder "Mister Jokim", wie Bakr ihn nennt, will über die Sicherheitslage sprechen – Sicherheit ist in diesen Zeiten zu einem wertvollen Gut geworden. Oder vielleicht sogar: zu dem wertvollsten Gut.
Bakr ist ein bulliger Mann mit dunklem Schnauzbart, Anfang fünfzig, er trägt eine helle Leinenhose, ein blau-weiß kariertes Hemd; wenn er die Ferienanlage inspiziert, fällt er unter den Gästen kaum auf. Jetzt aber sitzt Bakr in seinem Büro, das über der Zentralwäscherei liegt, am äußersten Rand der Anlage, und erzählt, wie er die Touristen beschützt.
Sie sollen sich wieder sicher fühlen in Ägypten, die Franzosen, die Schweizer, die Deutschen. Sie sollen doch bitte bald wiederkommen, in die Hotels, zu den Korallen, dem tiefblauen Meer, das ist Bakrs größter Wunsch.
Das Terrain, über das er herrscht, ist riesig, weit über vier Millionen Quadratmeter, das entspricht ungefähr einer Fläche von 616 Fußballplätzen. Drei Sicherheitskreise umschließen das Feriendorf mit Golfplatz, Einkaufspassagen und eigener Krankenstation. Die Hauptstraße, die weiter in den ägyptisch-israelischen Grenzort Taba führt, wird von Militärposten gesichert, mit aufgestellten Maschinengewehren hinter Sandsäcken. Die Hauptzufahrt zum Resort untersteht der Polizei und Bakrs Wachleuten. Er hat eine Truppe von etwa hundert Männern. Jeder Wagen wird mit Bodenspiegeln untersucht und von Sprengstoffhunden beschnüffelt, immer und ohne Ausnahmen, auch der alte Peugeot "General Mohabs", wie Bakr genannt wird.
Denn das war er in seinem ersten Leben. Als Verbindungsoffizier hat er auf der Sinaihalbinsel den Kontakt zu Israelis, multinationalen Truppen, aber auch zu den Palästinensern gehalten. Er zeigt Fotos, die ihn am Verhandlungstisch mit israelischen Offizieren zeigen, mit Palästinenserführer Jassir Arafat in dessen Büro in Gaza. Auch für Abdel Fattah el-Sisi hat Bakr gearbeitet, da war der ägyptische Präsident noch Chef des Militärgeheimdienstes.
Nach gut drei Jahrzehnten aber hat sich Bakr dann als Brigadegeneral in den Ruhestand versetzen lassen. Ihm sei der "Stress zu groß geworden", sagt er. Jetzt jedenfalls führt er, vergleichsweise entspannt, das Kommando über seine Wachleute und verdient dabei deutlich mehr Geld. "Der neue Job", sagt er, "ist kinderleicht."
Eine überraschende Aussage. Denn der Sinai gilt als Hochburg des Terrors, und für Ägypten gibt es auf der offiziellen Liste des Auswärtigen Amtes eine "Teilreisewarnung". Und die Deutschen lesen diese Listen gerade besonders aufmerksam. Zum Beispiel die Koslowskis.

Deutschland, Warstein

Die Koslowskis, Sylke und Ulrich, sind nette Leute, sie ist Verkäuferin bei Lidl, er Maschinenschlosser, sie leben in Warstein, geografisch gesehen also ziemlich in der Mitte Deutschlands. Ihre Wohnung liegt im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses, vom Balkon aus sieht man in der Ferne die grünen Hügel und Felder des Sauerlands. Koslowskis gehen gern spazieren, sie lieben ihre Heimat – und doch ist ihre Wohnung dekoriert mit gerahmten Fotos von vielen Reisen, die Koslowskis sind für ihr Leben gern unterwegs gewesen, immer schon.
Ungarn, Bulgarien, Mallorca, Italien, Fuerteventura, Städtetrips nach Amsterdam, London, Brüssel. Sie waren in Abu Dhabi und auf den Malediven. Sie wollten demnächst vielleicht in die Türkei, Istanbul etwa. Oder nach Antalya, wo die Preise verlockend sind und so viele Deutsche hinfahren – die Welt interessiert sie.
Doch dann kam der Terror.
Und mit dem Terror kam die Angst.
In diesem Jahr fahren die Koslowskis nicht in die Türkei oder auf die Malediven, sondern nach Fehmarn, sie bleiben in der Heimat. Auch hierin sind die Koslowskis typisch, Ost- wie Nordsee sind ausgebucht.
So schreiben die Koslowskis dieser Welt, die ganz normalen Deutschen, jetzt Geschichte. Aufgrund ihrer Befindlichkeiten, ihrer Umbuchungen, ihrer Angst gehen in Tunesien Hotels pleite, verliert die Türkei in diesem Jahr einen beträchtlichen Teil ihrer Tourismuseinnahmen.
Sylke Koslowski war auf den Malediven mal in einer Moschee, es sei sehr beeindruckend gewesen. Aber heute, sagt sie, fürchte sie sich – fürchte sich vor dieser Wut, die sie nicht versteht. Sie will nicht das Gefühl haben, in "diesen Ländern zwar akzeptiert zu werden, weil Touristen eben Geld bringen", aber nicht willkommen zu sein.
Urlaub war Globalisierung en miniature und für jedermann. Ganz normale Zeitgenossen, Verkäuferinnen und Maschinenschlosser, flogen in vollgepfropften Billigfliegern über Dubai und Singapur ins thailändische Phuket, der Tauchlehrer dort kam aus Kuala Lumpur und war Muslim, verheiratet mit einer Buddhistin, und abends tranken alle Bier aus Holland und aßen Thai-Suppe und Rippchen mit Sauerkraut. Das war schön und bequem, aber doch kein Konzept auf Ewigkeit. Es war wohl ein gefährlicher Irrtum zu glauben, dass die Komfortzone ewig halten würde, auch wenn man dafür bezahlt hatte. Die Reiseziele waren Länder, deren Gesellschaften unter teilweise irrwitziger Spannung standen, in denen politische Unterdrückung, Armut, Hass gärten.
Wollte man das aber alles so genau wissen, als Tourist? Natürlich nicht.
Der Tourist, so beschreibt es der Krisen- und Kommunikationsexperte Peter Höbel, der Firmen aus der Reisebranche berät, suche Einfachheit. Er will an einen Ort, wo er sicher ist vor psychologischen Herausforderungen, vor dem unverständlichen Zorn. Und er will geliebt werden.
Der Tsunami im Dezember 2004 beispielsweise kostete mehr Menschenleben als alle Terroranschläge seither. Aber es war ein Naturereignis, Schicksal. Der Terror hingegen ist das personifizierte Böse. Er beschädigt unser Selbstverständnis als Reisende, denn wir wollen ja angelächelt werden, als Freunde kommen. Diese Illusion wird gerade zerstört.
Aber ist die Angst vor Anschlägen, rational betrachtet, nicht übertrieben?
Aus der kühlen Perspektive der Statistiker und Risikoforscher: ja. Die Wahrscheinlichkeit, im Ausland einem terroristischen Attentat zum Opfer zu fallen, ist gering. Viel eher erleidet man einen Autounfall auf dem Weg zum Flughafen oder bekommt einen Infarkt, weil die Schlange beim Einchecken so lang ist.
Unfall- und Risikostatistiker haben den Tod in eine Messgröße gezwängt: den Micromort. Die Maßeinheit beziffert die Wahrscheinlichkeit, an einem normalen Tag auf unnormale Weise zu sterben. Ein Micromort entspricht einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, dass ein Mensch zu Tode kommt. Ein Ferienflug zum Beispiel ist vergleichsweise sicher: Man kann von Düsseldorf nach Antalya fliegen und zurück und liegt bei nicht mal einem halben Micromort. Ein Kaiserschnitt hingegen hat eine statistische Wahrscheinlichkeit von 170 Micromort, eine Bypassoperation kommt auf 16 000 Micromort.
Und wenn Ulrich Koslowski mit seiner Harley Davidson von Fehmarn aus heimwärts knattert, eine Strecke von rund 400 Kilometern, erreicht er etwa 40 Micromort – ein geringer Gefahrenwert, der aber höher ist als beispielsweise das Terrorrisiko in Frankreich im gesamten Jahr 2015. Tod durch einen Terrorangriff spielt also in derselben Probabilitätsliga wie das Risiko, von einer fallenden Kokosnuss erschlagen zu werden (150 Tote im Jahr). Oder beim Selfie rückwärts von der Klippe zu fallen (eine neue Art des tödlichen Unfalls).
Doch eine Reise ist eben keine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Eine Reise ist ein Aufbruch in eine Gefühlswelt. Und Angst erzeugt Angst. Der Tourist ist ein Herdentier: Nur wenige Reisende finden es schön, in einem menschenleeren Hotel einsam vor dem Frühstücksei zu hocken, umringt von melancholischen Kellnern.
Bei der Entscheidung der Koslowskis für Fehmarn kam noch etwas hinzu, eine Erfindung aus Norddeutschland, in dieser Saison auf den Markt gebracht: ein Strandkorb, in dem man übernachten kann, eine Art Himmelbett, 1,30 Meter breit, 2,40 Meter lang, verschließbar, mit Bullaugen zum Rauslugen. Man kann die Sterne sehen, das Rauschen der Wellen hören.
Besonders schön erklärt Arne Schultchen den Erfolg dieses Strandkorbs. Er betreibt eine Designagentur in Hamburg, in seiner Firma wurde das Wunderding entwickelt. Und die Philosophie dazu. Der Strandkorb, sagt Schultchen, repräsentiere Schutz, Geborgenheit. "Der Strandkorb meint es gut mit mir, er ist verlässlich – das Gegenteil des Terroristen." So kann man es auch sehen, jedenfalls steht der Strandkorb für eine Wende im Tourismus: Seit 2005 ist die Zahl der Übernachtungsgäste in Deutschland um fast 27 Prozent gestiegen, allein im vergangenen Jahr um 2,9 Prozent auf 436 Millionen.
Die Terrorangst teilt die Welt neu ein, in Gewinner und Verlierer. Spanien, Deutschland, Griechenland und Italien profitieren. In der Türkei, in Ägypten, Tunesien, Marokko gehen kleine Familienunternehmen wie auch große Hotelketten zu Boden.
Das Jahr 2016 könnte entscheidend werden: Die Gewinner erleben gerade eindrucksvoll, welche Macht die Tourismusindustrie hat. Sie ist einer der größten Wirtschaftszweige der Erde, innerhalb der EU arbeiten ebenso viele Menschen in der Reisebranche wie in der Autoindustrie oder in der Landwirtschaft.
Die Verlierer sehen sich wie in einem Krieg: Der Feind ist der Freund von gestern, sein Angriff besteht darin, dass er nicht mehr kommt. Arbeitslose Ägypter, verzweifelte Tunesier – so schafft man auch neue Flüchtlinge oder macht Scharen junger Männer anfällig für die Verführungskünste islamistischer Prediger.

Türkei, Side

Am schönsten war die Arbeit für Hayatli Şimşek, wenn er mit seinen Gästen ins Taurusgebirge fuhr, wo die Frauen das Pide, das Fladenbrot, noch eigenhändig backen und wo Kinder im türkisfarbenen Fluss baden. Für Şimşek, den Touristenführer, waren es besondere Ausflüge: "Ich wollte ihnen zeigen, wie wir leben."
Şimşek ist 50 Jahre alt, ein hagerer Mann mit einer Tätowierung auf dem Unterarm, einem stilisierten Herz. Man könne ihn Hajo nennen, sagt er, so hieß er auch immer in Heilbronn.
Şimşek wuchs auf in einer Gastarbeiterfamilie aus Anatolien. Er spielte Fußball mit den Jungs aus der Nachbarschaft, wurde Steinmetz, heiratete in Deutschland, bekam zwei Töchter. Vor 14 Jahren ließ sich seine Frau von ihm scheiden. Şimşek brauchte einen Neuanfang, er ging zurück in die Türkei. Wo es sich gut anließ, anfangs.
Şimşek sitzt unter einem Granatapfelbaum in seinem Garten in Side, einem Badeort etwa 60 Kilometer von Antalya entfernt. Er blickt auf den Strand, der an sein Grundstück grenzt, erzählt. Er hat sich hier, an der türkischen Riviera, ein zweites Leben aufgebaut, nach mehr als 30 Jahren in Deutschland. Er machte eine Ausbildung zum Reiseleiter, und er überredete seinen Chef, einen weißen Mercedes-Bus zu kaufen. Er malte bunte Wasserfälle und Felsen auf den Bus und bot fortan "Berg-Safaris" an – 50 Plätze, 20 Euro pro Nase.
Das Geschäft lief gut. An manchen Tagen musste er einen zweiten Bus mieten.
Nun aber? Beinahe jede Woche gehen irgendwo im Land Bomben hoch, sprengen sich Terroristen in die Luft. Seit Juni 2015 kamen bei knapp zwei Dutzend Anschlägen des "Islamischen Staats" (IS) oder der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) mehr als 300 Menschen ums Leben. Am Dienstag vor einer Woche töteten drei Selbstmordattentäter am Atatürk-Flughafen in Istanbul 45 Menschen, verletzten mehr als 240 Unbeteiligte. Ankara vermutet den IS hinter dem Anschlag.
In den ersten fünf Monaten 2016 sank die Zahl ausländischer Gäste in Antalya um mehr als 40 Prozent. Wirtschaftsexperten befürchten ein Minus von sieben Milliarden Euro. An der türkischen Riviera haben fast alle Hotels Kredite beantragt.
Die Reiseindustrie erwirtschaftete zuletzt mehr als sechs Prozent des Inlandsprodukts, nahezu jeder zehnte Arbeitsplatz hängt von ihr ab. Die Branche, sagen Beobachter, habe finanzielle Reserven, um ein Jahr, höchstens zwei durchzuhalten – danach müssten 30 bis 40 Prozent der Hotels und Restaurants schließen, es werde Tausende Arbeitslose geben.
Şimşek läuft über die leere Strandpromenade von Side, vorbei an geschlossenen Hotels und Restaurants. Die letzte Fahrt ins Taurusgebirge habe er vor drei Wochen unternommen, sagt er. "Wenn das so weitergeht, bin ich in einem halben Jahr pleite."
Die Türkei ist nicht das einzige Reiseziel, das seine Unschuld verlor.
Die Welt ist, so scheint es, ein gefährlicher Ort geworden. Allein 2015 gab es außerhalb von Syrien und dem Irak Dutzende Anschläge und zahlreiche Entführungen, zu denen sich der IS bekannte. Und Touristen sind besonders "weiche Ziele", ihr Verhalten und ihre Wege sind leicht berechenbar, sie sind arglos, manchmal naiv und ungeschützt. Sie kennen sich nicht aus, sie sind die perfekten Opfer.

Griechenland, Nemea (Peloponnes)

Es ist kurz nach sechs Uhr abends, als der schwarze Wagen vorfährt – eine einzelne Limousine, bescheiden, ohne Polizeieskorte, ohne Absperrung und Sirene, was bemerkenswert ist, denn sonst lassen griechische Politiker sich den großen Auftritt nicht nehmen. Sie steigt aus, schon kommen Leute auf sie zu, sie bleibt stehen, lässt sich vom Organisator die Anlage erklären: Elena Kountoura, Ministerin für Tourismus der Republik Griechenland, 54 Jahre alt, eine schöne Frau, ehemaliges Supermodel, ehemalige Athletin. Außerdem: die wahrscheinlich beliebteste Politikerin Griechenlands.
Der Fremdenverkehr ist die einzige Branche Griechenlands, in der es zurzeit richtig gut läuft, und Kountoura ist die Herrscherin über dieses Reich der Hotels und Strände, der Restaurants, Campingplätze, Bars und Andenkenshops. Heute ist sie nach Nemea gekommen, auf den Peloponnes, hier finden alle vier Jahre die Nemeischen Spiele statt, in Anlehnung an die Antike und an die mythische Figur des Herakles, der erst einen Löwen tötete und dann seinem Vater Zeus einen Tempel stiftete.
Es ist ein wunderbarer Abend, sommerlich warm, und Kountoura ist guter Laune. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 26 Millionen Touristen nach Griechenland, das entspricht einer Steigerung von 18 Prozent im Vergleich zu 2014. Es ist eine Branche, die für das krisengeschüttelte Land ungemein bedeutend ist – sie beschäftigt mehr als eine Million Griechen, ein Fünftel aller Arbeitenden, wenn auch oft nur saisonal.
Ist Griechenland ein Krisengewinnler?
"Nein", sagt Kountoura. Auch Griechenland habe Probleme. "Allein der Ansturm der Flüchtlinge, der uns kalt erwischt hat, machte uns zu einer belagerten Nation. Zunächst. Aber wir haben darauf gut reagiert – mit Gastfreundschaft, Gelassenheit, Humanität." Dieses Bild habe sich der Welt eingeprägt.
Ganz so harmonisch ging es allerdings nicht zu. Auf Kos zum Beispiel, der Ferieninsel, die im vergangenen Jahr auf der Route der Migranten lag, kam es zu Unmut und Unbehagen bei vielen Urlaubern. Man wollte diese Flüchtlinge und ihr Elend einfach nicht im Urlaub sehen, nicht an der Strandpromenade in Badekleidung an ihnen vorbeischlendern müssen.
Das Reisen als vergnüglicher Vorgang ist eine vergleichsweise neue Erfindung. Früher reisten normale Leute nur, wenn es nötig war – außer man war gierig oder gaga, ein Abenteurer, ein Händler, ein Missionar, ein Besessener. Erst im 18. und 19. Jahrhundert verklärten Literaten die Reise zum romantischen Erlebnis, zum Aufbruch zu sich selbst. Im 20. Jahrhundert wurde sie, dank Pauschalreise und Neckermann, demokratisiert, mechanisiert.
Unschuldig ging es dabei nicht zu. Der Tourist aus dem Westen lief knipsend durch abgeschiedene Dörfer, Frauen in Hotpants stapften durch orientalische Basare. Touristen stellten ihr Geld, ihre Kameras, ihren Lebensstil zur Schau, ihre Haut, ihre Sexualität.
Und das 21. Jahrhundert? Erleben wir gerade das Ende der Unbefangenheit?

Tunesien, Port El Kantaoui

Das Royal Kenz Hotel in Port El Kantaoui ist ein ockerfarbener Bau am Strand, mit plätschernden Brunnen und gepflegten Pools, die Leute vom Personal lächeln um die Wette. 950 Betten. Häuser wie dieses gibt es viele hier. Aber dem Royal Kenz kommt eine ganz besondere Symbolik zu.
Denn gleich nebenan, vor dem Nachbarhotel Imperial Marhaba, zog vor einem Jahr der Attentäter Seifeddine Rezgui Yacoubi ein Maschinengewehr der Marke Kalaschnikow aus der Halterung eines Sonnenschirms. Und eröffnete das Feuer, erschoss 38 Menschen, ausschließlich Touristen, die meisten von ihnen Briten, bis man ihn überwältigen konnte.
Seither liegt ein Schatten über diesem Küstenabschnitt. Restaurants und kleine Unternehmer haben aufgegeben. Am Strand verrotten die Sonnenschirme. Das Royal Marhaba ist mit groben Latten umzäunt, obendrauf eine Krone aus Nato-Draht.
Knapp zwei Millionen Tunesier leben vom Tourismus, schon die Wirren der Arabellion schwächten den Fremdenverkehr; aber nach den beiden Anschlägen im vergangenen Jahr, im März vor dem Nationalmuseum Bardo in Tunis, im Juni am Strand von Port El Kantaoui, gingen die Einnahmen um 35 Prozent zurück.
Wer trägt die Schuld an dieser Lage? Die Politiker, sagt Ridha Jegham, weil sie den Menschen Angst machten. Jegham ist 50 Jahre alt, Bürstenhaarschnitt, ein athletischer Typ, er ist der Manager des Royal Kenz.
Jegham führt durch sein leeres Hotel. Vor der verlassenen Theke sitzt nun Mehdi, ein massiger Security-Mann im roten Poloshirt. Er wacht von hier oben über die acht Reihen Liegestühle für die Gäste des Royal Kenz. In der ersten Reihe haben sich drei russische Familien ausgebreitet; sie zerren die Liegen aus dem Schatten in die Sonne, bis ans Wasser. Es sind fast nur noch Russen da. Sie ziehen Tunesien Ägypten vor seit dem Anschlag auf eine russische Chartermaschine über dem Sinai.
Dem Hotelpersonal waren die Engländer lieber; sie seien nicht so unwirsch wie die Russen. Aber die britischen Reiseveranstalter meiden das Land. Genau wie die belgischen und die niederländischen, zumindest größtenteils. Aus Großbritannien kommen nun keine Chartermaschinen mehr.
Die Tragödie des Hotelmanagers Ridha Jegham ist auch ein großes Missverständnis. Jegham dachte, die Touristen seien so etwas wie Freunde, die aus persönlichen Gründen kämen, er glaubte, es gebe so etwas wie Herzlichkeit, Treue in diesem Geschäft.
Sein Land, Tunesien, sagt er, habe den europäischen Idealen nachgeeifert wie kein anderes in der Region. Freiheit, Demokratie. Selbstbestimmung. Eigenverantwortung. Mit der Revolution 2011, mit den freien Wahlen, die dem Arabischen Frühling folgten. Es gibt heute Satiresendungen im Fernsehen, das war zuvor undenkbar. Eine Universität zu besuchen kostet nichts; für tunesische Kinder gilt die Schulpflicht wie für deutsche oder französische.
Jegham zählt all das auf, stolz und bitter zugleich, als wollte er sagen: Das haben wir nicht verdient.
"Wir sind friedlich und liberal. Wir sind modern", sagt Jegham. Er versteht nicht, dass dieses Europa, das sich so gern an seinen Stränden sonnte und vom ewigen nordafrikanischen Sommer profitierte, sich jetzt nicht solidarisch zeigt und seine Touristen schickt.

Spanien, Valencia

Für Víctor Tatay hat der Tag wunderbar begonnen, und er wird wohl noch besser enden – bereits seit Beginn der Urlaubssaison hat Tatay glänzende Laune. Denn er tut, was er am besten kann: seinen Landsleuten einen Job verschaffen.
Tatay ist Direktor für die Region Valencia bei der führenden spanischen Zeitarbeitsfirma Adecco, 35 Jahre alt, gepflegter Bart, dunkler Anzug, Einstecktuch. Er sitzt im Büro eines Jugendstilhauses in der quirligen Innenstadt von Valencia, blickt an die stuckverzierte Decke, erzählt und wirft mit Zahlen um sich.
Seit zwölf Jahren ist er bei Adecco, er mag den Job. 25 Büros unterstehen ihm, von Castellón bis an die Grenze zu Andalusien, 120 Leute arbeiten hier, und in den kommenden drei Monaten der Sommersaison will er einem Großteil der 450 000 Arbeitslosen in der Region zu neuen Jobs verhelfen. Der Bedarf ist da, die Touristenhochburgen Denia, Benidorm, Alicante brauchen dringend Arbeitskräfte. Alle drei Orte liegen in Tatays Gebiet; er ist jetzt eine wichtige Figur zu einem für Spanien wichtigen Zeitpunkt.
Das Land ist, mit deutlichem Abstand, der Sieger des Wandels im Tourismusgewerbe. Im vergangenen Jahr kamen 68 Millionen Menschen ins Land, das sind 22 Millionen mehr, als Spanien Einwohner hat. Bis Mai dieses Jahres reisten über 25 Millionen Menschen an, rund elf Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahrs.
Ein Segen, dieser Ansturm. Als die Finanzkrise Spanien traf, als Sparkassen in die Knie gingen und die Baubranche 2008 einbrach, verloren Millionen ihren Job. Sechs Millionen Frauen und Männer waren auf dem Tiefpunkt der Krise ohne Arbeit, immer noch gibt es fast vier Millionen Arbeitssuchende im Land.
Hier kommt Tatay ins Spiel: Er ist der Mann, der die Maschine füttern muss, die nach Arbeitskräften ruft, der Mann, der aus Arbeitslosen freundliche Hotelrezeptionisten macht oder auch Kellner, Köche Zimmermädchen, Fahrer. Um Bewerber zu testen, die noch nie in ihrem Leben in einem Restaurant bedient haben, halten Tatays Leute stets einen Testkoffer bereit – mit Tablett, Besteck, einer Flasche. "Dann muss der junge Mann zeigen, dass er den Tisch decken kann, dass er weiß, wie man Speisen vorlegt und Wein einschenkt."
Tatay blickt auf die Uhr, er muss los, viel Arbeit heute.

Ägypten, Sinaihalbinsel

Mohab Bakr, der ehemalige General und heutige Security-Experte, schaltet den Computer ein und druckt eine DIN A4 große Militärkarte aus. "Hier", er deutet auf das Blatt, "das ist der Sinai, 61 000 Quadratkilometer groß. Und das hier oben, in der rechten Ecke, an der Grenze zum Gazastreifen, das ist das wirklich gefährliche Gebiet. Es sind maximal 800 Quadratkilometer, hier auf der Karte ist das nur so groß wie mein Daumen. Das sind die Relationen!"
Also ist der Sinai ungefährlich? Und der Terroranschlag im Februar 2014, bei dem vier Menschen starben? Und die Bomben von Dahab, die mehr als 20 Tote forderten, darunter ein Junge aus Deutschland? Und hat der "Islamische Staat" nicht inzwischen einen Ableger "Provinz Sinai"?
"Gewisse Sorgen der Urlauber" könne er verstehen, sagt Bakr. Aber er begreife nicht, dass sein Ägypten, sein Sinai, gleich unter Quarantäne gestellt wurden. Weil die Chartergesellschaften Scharm al-Scheich nicht mehr anfliegen, ist von den sechs Hotels in Taba Heights nur noch ein Haus in Betrieb.
"Hat es nach den Anschlägen in Paris Reisewarnungen des deutschen Außenministeriums gegeben?", fragt Bakr empört. "Rät irgendwer nach dem Massaker in Orlando von Reisen nach Florida ab? Der Westen misst mit zweierlei Maß!"
Und dann trifft endlich Joachim Schmitt ein, der Vizepräsident der Hotelgruppe. Bakr eilt in die Lobby, die Besprechung beginnt. Bakr berichtet von den Verkabelungsarbeiten für die 40 Videokameras, die gerade installiert werden. Soll die Kontrolle weiter ausgebaut werden? Schmitt winkt ab – aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Gäste.
Aber was können wir noch tun? Bakr berichtet von den guten Erfahrungen mit dem kürzlich angeschafften Sprengstoffdetektor. Ein russisches Modell. Teuer, aber effizient. Den Vorschlag, die Suchhunde an den Zufahrten nach und nach zu ersetzen, findet Schmitt gut – nachdem Bakr erklärt, dass Detektoren keine Schnüffelpausen brauchten. Falls eines Tages mehr Gäste kämen, könnte sich die Anschaffung lohnen.
Schmitt schaut auf die Buchungszahlen. Es gibt mehr Reservierungen aus Jordanien, gut. Und irgendwann, glaubt er, kommen die Russen wieder. Dann auch die Deutschen. Er nickt. Taba Heights soll gerüstet sein, wenn es wieder aufwärtsgeht.
Auf der Website des Auswärtigen Amtes mit Reiseempfehlungen für Ägypten steht weiterhin: "Vor Reisen in den Norden der Sinaihalbinsel und das ägyptisch-israelische Grenzgebiet wird dringend gewarnt. Dies gilt auch für den Reiseort Taba."
Koslowskis werden das beherzigen.
Von Dieter Bednarz, Giorgos Christides, Julia Amalia Heyer, Ralf Hoppe, Maximilian Popp, Jan Puhl und Helene Zuber

DER SPIEGEL 28/2016
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