09.07.2016

Umwelt„Aus der Hose schlugen Flammen“

Sven Koschinski, 50, ist Meeresbiologe; zur Strandkorblektüre taugt das Buch "Gefährliche Strandfunde" (Wachholtz Verlag), das er gemeinsam mit Kollegen geschrieben hat.
SPIEGEL: Worauf sollten Spaziergänger und Steinesammler an den Stränden von Nord- und Ostsee achten?
Koschinski: In Sand und Spülsaum können sich gefährliche Überbleibsel aus den Weltkriegen verstecken. Munition wurde zum Teil nah an der Küste abgeworfen oder versenkt. Mehr als 1,6 Millionen Tonnen liegen noch in deutschen Meeresgewässern.
SPIEGEL: Gab es denn Unfälle?
Koschinski: An der Hohwachter Bucht steckte sich vor einiger Zeit ein Fossiliensammler vermeintlich einen kleinen braunen Stein in die Hosentasche. Plötzlich schlugen gelbe Flammen aus der Hose. Er lief ins Wasser und riss sich die brennende Kleidung vom Leib. Er wurde 36 Tage auf einer Station für schwer Brandverletzte behandelt.
SPIEGEL: Was war da los?
Koschinski: Der Mann hatte ein Stück weißen Phosphor gefunden. Das hochgiftige Material kann fatalerweise wie Bernstein aussehen – aber es entzündet sich durch die Körperwärme des Menschen, wird 1300 Grad heiß, schmilzt und läuft über die Haut. Auf Usedom werden jedes Jahr ein, zwei Zwischenfälle mit Phosphor bekannt, Reste britischer Brandbomben. Aber das Risiko besteht prinzipiell an jedem Strand.
SPIEGEL: Welche Verwechslungen drohen noch?
Koschinski: Verwitterte Treibladungspulverstangen können aussehen wie Fossilien. Ein früher häufiger Marinesprengstoff, Schießwolle 39, kann wie Konglomerat, ein natürliches Gestein, aussehen. Schießwolle enthält unter anderem hochgiftiges und krebserregendes Trinitrotoluol. Es führt zu gelben Verfärbungen, kann die Haut ablösen und explodieren.
SPIEGEL: Also sollte man nicht mehr mit den Kindern Muscheln sammeln gehen?
Koschinski: Das wäre übertrieben, aber Munition gibt es auch im Binnenland, in fast jedem Weiher. Man sollte tatsächlich nicht alles anfassen, was einem interessant erscheint; vermeintliche Bernsteine gehören in eine Blechdose. Finden Sie etwas Verdächtiges, rufen Sie am besten die Polizei. Und Kurverwaltungen sollten deutlicher als bisher auf die Gefahr durch Munitionsreste hinweisen.
Von Ble,

DER SPIEGEL 28/2016
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