16.07.2016

GroßbritannienDer Schlafwandler

Von David Cameron bleibt nicht viel, außer dem Brexit. Nachruf auf einen Gescheiterten. Von Christoph Scheuermann
Lord North war kein schlechter Regierungschef. Er galt als gewissenhaft und rhetorisch talentiert, beim Volk war er beliebt, im Parlament glänzte er. Leider machte er einen Fehler, der für das britische Empire teuer wurde. Er verlor die amerikanischen Kolonien.
David Cameron ist der Lord North der Gegenwart. Wie sein Vorgänger aus dem 18. Jahrhundert ging er in Eton zur Schule, studierte in Oxford und verspielte als Premier einen historischen Moment. Beide Politiker stolperten in ein Desaster, Lord North als Hauptfigur in einer amerikanischen Tragödie, Cameron in einer europäischen Farce. Das verlorene EU-Referendum wird sein Vermächtnis sein.
Der Mann, der am Dienstag nach sechs Jahren aus 10 Downing Street auszog, war kein Stratege und kein Visionär. Er blieb ein Taktiker, der aus dem Modus der Krisenbewältigung nicht herauskam. Am Ende, an seinem letzten Arbeitstag als Premierminister, war Cameron der fröhlichste Mensch der Insel. Seine Rede im Parlament beendete er selbstironisch mit den Worten: "Ich war einmal die Zukunft." Keiner freut sich wie er, dass seine Nachfolgerin Theresa May das Brexit-Chaos sortieren muss. Cameron schien es nicht zu kümmern, dass er ein ausgehöhltes Land zurücklässt, dessen globaler Einfluss unter seiner Regierung schrumpfte.
Als er vor sechs Jahren mithilfe der Liberaldemokraten an die Macht gelangte, steckte das Land in einer der tiefsten Krisen seit der Nachkriegszeit. Er trat mit drei Ideen an. Erstens wollte er die Wirtschaft ankurbeln und die Schulden reduzieren; zweitens verfolgte er den Plan, die Nation zu einen und Schottland an den Süden zu binden; drittens wollte er das lästige Europathema loswerden und mit dem gewonnenen EU-Referendum in seiner Partei für Ruhe sorgen. All das ist gescheitert oder zumindest in Gefahr. Das Plebiszit hat er verloren, Schottland driftet weg vom Süden, die Wirtschaft taumelt in den Brexit-Wirren, die Staatsschulden werden wohl steigen. Dabei hätte David Cameron ein ordentlicher, unauffälliger Premier werden können. Seine Regierung zwang den Briten einen harten Sparkurs auf und steuerte das Land aus der Finanzkrise. Heute ist die Wirtschaft lebendiger als die vieler anderer europäischer Länder, die Arbeitslosigkeit liegt weit unter dem EU-Durchschnitt – nicht zuletzt wegen billiger Arbeiter aus Osteuropa. Auch deshalb ist der Brexit eine wirtschaftliche Bedrohung für die Insel.
Hätte Cameron das Referendum gewonnen, wäre er in Europa als Sieger und vom liberalen Establishment zu Hause als Held gefeiert worden. Er ging ein gewaltiges und unnötiges Risiko ein, indem er sein politisches Erbe an einen einzigen Volksentscheid knüpfte.
Dabei war er als progressiver Regierungschef gestartet. Er wollte den Ruf der Tories als "nasty party" widerlegen, entschuldigte sich für das "Bloody Sunday"-Massaker der britischen Armee 1972 in Nordirland und hob die Entwicklungshilfe trotz des Sparkurses weiter an. Außerdem setzte er die gleichgeschlechtliche Ehe durch, was bei der konservativen Basis für viel Unmut sorgte. Cameron hat bewiesen, dass er Entscheidungen auch gegen den konservativen Mainstream durchsetzen konnte.
Außerhalb der Hauptstadt blickten viele Tories skeptisch auf seinen Notting-Hill-Konservatismus, benannt nach dem Londoner Stadtteil, in dem Cameron und einige seiner Weggefährten lebten. Die Partei fand sich mit Camerons liberalen Anwandlungen zähneknirschend ab. Denn immerhin machte er aus den Tories wieder eine Regierungspartei, führte sie zweimal hintereinander an die Macht, zuletzt mit einer absoluten Mehrheit, und half dabei, die Liberaldemokraten in die Irrelevanz zu stoßen.
Außenpolitisch waren die Cameron-Jahre von Selbstbespiegelung geprägt, von einem unbritischen Rückzug aus der Welt. Die Verteidigungsausgaben gingen zunächst zurück, in globalen Krisen spielte das Königreich kaum noch eine Rolle, weder im Ukrainekonflikt noch im Nahen Osten. Einen militärischen Einsatz in Syrien lehnte das Parlament vor drei Jahren in einer spektakulären Entscheidung ab. Das lässt sich zwar nicht Cameron allein anlasten, die Episode zeigt aber, wie fahrlässig seine Regierung den Krieg vorbereitet hatte.
Wer in den Jahren vor dem Referendum mit britischen Diplomaten sprach, bekam den Eindruck eines europapolitisch ahnungslosen, desinteressierten Premiers. Auf der Brüsseler Bühne fehlten ihm die Souveränität und das strategische Geschick, die nötig sind, um 27 Kollegen zu überzeugen. Es bleibt das Bild eines jovialen Gentlemans, der seinen Hotdog mit Messer und Gabel isst und der seinen gesamten Einsatz verloren hat. Im Herbst wird er 50, für den Ruhestand ist er zu jung. Schwer vorstellbar, dass er wie Tony Blair in die internationale Beraterszene einsteigt. Wer möchte von Cameron Ratschläge haben? Er will sich nun angeblich um arme Briten kümmern und dem Unterhaus treu bleiben, anders als Blair, der am Tag seines Rücktritts das Parlament mit den Sätzen verließ: "Das war's. The end."
Von Cameron dagegen wird die Melodie in Erinnerung bleiben, die er am Montag nach seinem Rücktritt summte, "Dub-duu-du-duu". Er wirkte unbeschwert, fast gleichgültig, als er ein letztes Mal durch die Eingangstür von Downing Street ging. Ein Junge aus der Oberschicht, der versehentlich sein Land in die Luft jagte.
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Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 29/2016
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