23.07.2016

ChileSpalten statt versöhnen

Die Reise von Bundespräsident Gauck sollte eine Verneigung vor den Opfern der „Colonia Dignidad“ sein. Übrig blieb ein peinlicher Eklat.
Florian Gallenberger hätte an diesem Abend mit vielem gerechnet. Über 10 000 Kilometer weit war der Regisseur geflogen, um das Land zu besuchen, in dem sein jüngster Film spielt. Er beschreibt das Schreckensregime des deutschen Sektenführers Paul Schäfer, der in der Colonia Dignidad mutmaßlich Hunderte Kinder missbrauchte und Gegner des Pinochet-Regimes foltern ließ.
Von der Gründung der Siedlung 1961 bis in die Achtzigerjahre hinein hatte die deutsche Botschaft in Santiago de Chile dem Treiben Schäfers zugesehen. Auch deshalb hatte sich Bundespräsident Joachim Gauck entschieden, Gallenberger einzuladen, als er sich vor zwei Wochen auf den Weg nach Südamerika machte. Es war, nach all den Jahren der Kumpanei mit dem Verbrecher, wenigstens ein zaghaftes Zeichen der Reue.
Aber als Gallenberger am vorvergangenen Mittwochabend die Residenz der Deutschen Botschaft verlassen wollte, in der Gauck zum Empfang gebeten hatte, fuhr ihn ein Mann an. "Das sind dreckige Lügen, die Sie da in Ihrem Film verbreiten", zischte er. "Selbstschussanlagen wie bei Ihnen im Film gab es gar nicht." Vielmehr hätten die Mitglieder der Kolonie "wie in einer großen Familie" gelebt. Und im Übrigen: "Ich war auch Missbrauchsopfer!"
Gallenberger kann auch Tage später noch nicht glauben, was ihm da in der Botschaft widerfahren ist. Denn der Mann mit dem rüden Ton war Reinhard Zeitner, er gehörte zum Sicherheitspersonal von Sektenführer Schäfer. "Der hörte nicht auf zu schlagen, selbst wenn man bewusstlos war", berichten Colonia-Opfer noch heute über Zeitner. 2013 wurde Zeitner in einem Sammelverfahren gegen zahlreiche Sektenmitglieder wegen Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und -entziehung in Santiago zu drei Jahren Haft verurteilt, ausgesetzt auf vier Jahre zur Bewährung.
Doch nicht nur Zeitner war zum Empfang geladen. Am Buffet stand auch Hans Schreiber, Anwalt der Kolonie und heute – gemeinsam mit Zeitner – Mitglied ihrer Führungsriege. Diese versucht, das ehemalige Sektengelände als "Villa Baviera" Touristen schmackhaft zu machen. Den verbliebenen rund 140 Siedlern bot Schreiber vor einigen Monaten Teile des riesengroßen Geländes zur Selbstnutzung an – unter der vertraglich fixierten Bedingung, über die Vergangenheit zu schweigen.
Prompt meldeten sich nach dem Gauck-Empfang auch Colonia-Opfer bei der Botschaft, voller Zorn über die Auswahl der Gäste. "Ist es nicht eine Zumutung, mich zu meinen Peinigern zum Anstoßen einzuladen?", fragte einer. "War ich als Pflanze oder Dekoration eingeladen?"
So endete die Reise Gaucks, die ein Versöhnungsangebot an die Colonia-Opfer hätte sein sollen, in einem peinlichen Eklat – der nun in Berlin ein Nachspiel hat.
Als Gauck am Morgen nach seinem Empfang von den dubiosen Gästen erfuhr, war er erzürnt. "Das kann doch nicht wahr sein", entfuhr es dem Präsidenten, "eigentlich hatten wir doch eine gute Reise. Das hätte nicht sein dürfen." Seine Leute sahen die Verantwortung für die Panne umgehend beim Auswärtigen Amt. "Wir hatten bei der Erstellung der Einladungsliste besondere Sorgfalt angemahnt", sagt eine Sprecherin.
Im Auswärtigen Amt ist man irritiert über die Reaktion des Bundespräsidialamts. Es sei eigenartig, dass das Präsidialamt nun auf das Außenamt zeige. Immerhin sei es Letzteres gewesen, das dem Staatsoberhaupt nahegelegt habe, sich in Chile persönlich mit Colonia-Opfern zu treffen. Der Bundespräsident aber habe das ausdrücklich abgelehnt.
Allerdings gibt man sich im Auswärtigen Amt auch reumütig. Erst im April hatte Außenminister Frank-Walter Steinmeier kritisiert, dass deutsche Diplomaten über Jahrzehnte die Machenschaften des Sektenführers gedeckt hatten. Umso weniger Verständnis hatte man am Werderschen Markt dafür, dass sich Botschafter Rolf Schulze und Botschaftsrat Jens Lütkenherm so unsensibel verhalten hatten. Immerhin waren Vertreter der Botschaft schon im April von Margarita Romero, Anwältin eines Opferverbands, über die besondere Rolle von Hans Schreiber und dessen Bemühungen, die Colonia-Geschichte vergessen zu machen, unterrichtet worden.
Trotzdem hatten die Diplomaten vor Ort offenbar wenig Interesse, dem dunklen Kapitel während des Gauck-Besuchs besondere Aufmerksamkeit zu widmen. "Das hängen wir möglichst tief", verkündete der Botschafter offenherzig vor Vertretern deutscher Stiftungen, "aber ganz vermeiden lässt sich das Thema ja nun nicht." Gallenbergs Film wurde denn auch nicht von der Botschaft präsentiert, sondern im Goethe-Institut der Hauptstadt.
In Steinmeiers Umgebung ist man erzürnt, nicht nur weil Botschafter Schulze nach dem Eklat bei dem Empfang für die Zentrale zwischenzeitlich nicht erreichbar war. Sondern auch, weil Steinmeier nun wie ein Politiker aussieht, der nur Sonntagsreden hält. Noch Ende April hatte er erklärt, deutsche Diplomaten hätten beim Thema Colonia Dignidad "bestenfalls weggeschaut", jedenfalls lange "eindeutig zu wenig getan".
Drei Monate später ist Steinmeiers Botschaft offenbar noch immer nicht hinter den chilenischen Anden angekommen.
* Mit seiner chilenischen Amtskollegin Michelle Bachelet in Santiago de Chile.
Von Horand Knaup und Christoph Schult

DER SPIEGEL 30/2016
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