13.08.2016

InternetDer große Digital-Sprung

Auf der Suche nach neuen Märkten kämpfen Facebook, Google und Microsoft darum, 1,3 Milliarden Inder digital zu vernetzen. Dabei stoßen sie auch auf Widerstand.
Das Skype-Gespräch zwischen dem Neuntklässler der indischen Dorfschule und dem Microsoft-Boss im fernen Silicon Valley ist Monate her. Doch Sira Sankar erinnert sich an jeden einzelnen Satz. "Satya Nadella fragte mich, was ich werden wolle", sagt er. "Ich antwortete: Softwareentwickler. Und da hat Nadella mir gesagt: 'Wenn du fleißig arbeitest, kannst du Firmenchef werden.'"
Sira und seine Mitschüler hocken auf dem Fußboden ihres kargen Klassenzimmers in Srikakulam, einem Distrikt im Bundesstaat Andhra Pradesh. Auf einer Leinwand wird gerade eine Mathematik-lektion übertragen – online. Dass sie hier Anschluss ans Internet und an neue Computer haben, verdanken sie ihrem Vorbild, dem indischstämmigen Microsoft-Boss. Wie Sira wollen hier fast alle Nadella nacheifern, der seit über zwei Jahren den amerikanischen IT-Riesen lenkt.
Da treffen offenbar zwei Träume aufeinander. Denn umgekehrt hat der Microsoft-Boss Großes mit Indien vor: Ähnlich wie in Srikakulam, wo Nadella als Kind gelebt hat, will er rund eine halbe Million Dörfer in seiner Heimat für das Internet erschließen.
"White Spaces" heißt die Technologie, mit deren Hilfe Microsoft den bislang ungenutzten Frequenzbereich zwischen Fernsehkanälen aktiviert, um Daten zu übertragen. Mit dieser relativ billigen Methode will das Unternehmen so die letzten zehn Kilometer überbrücken, die das ländliche Indien von größeren Zentren trennen, die der Staat bereits mit Breitband vernetzt hat.
Zehn Kilometer klingt nach einer kurzen Strecke. Doch die Mehrheit der Inder lebt auf dem Land – und dort sind zehn Kilometer unendlich weit. Zehn Kilometer sind hier der große digitale Sprung, sie machen den Unterschied zwischen Mittelalter und Moderne aus.
Aus Sicht des amerikanischen Giganten warten im ländlichen Indien Millionen potenzielle neue Nutzer, Menschen, die Dienstleistungen vom Werbevideo bis zum Onlinehandel in Anspruch nehmen könnten – wenn sie denn einen Anschluss hätten.
Daher haben sich nicht nur die Microsoft-Bosse aufgemacht, Indien zu erobern. Auch Wettbewerber wie Facebook und Google sind dabei, einen der letzten großen Wachstumsmärkte zu erschließen. Aus ihrer Sicht locken fast grenzenlose Geschäfte: Nur rund ein Drittel des 1,3-Milliarden-Volks surft heute im Internet. In China ist schon die Hälfte der Menschen online.
Doch die Zahl der Inder, die Zugang zum Internet, vor allem per Smartphone, haben, steigt. Bis Ende dieses Jahres dürften es fast eine viertel Milliarde Nutzer sein. Gerade auf die Neukunden haben es Google & Co. abgesehen, frühzeitig wollen sie diese auf firmeneigene Apps lotsen. Denn den Internetgiganten dient Indien mit seiner Vielfalt an Sprachen und Kulturen auch als Experimentierlabor: In dem Schwellenland, so die Hoffnung, könne man die Pläne für die digitale Beglückung der Menschheit ungehemmter umsetzen, als das im datensensiblen Europa oder im diktatorischen China möglich wäre.
Den Internetbossen kommt dabei auch zugute, dass Indiens Premier Narendra Modi sein Land unter der Parole "Digital India" in die Moderne katapultieren will. Mithilfe biometrisch lesbarer Daten will er den Alltag umfassend digitalisieren – von der papierlosen Geburtsurkunde bis zum Grundstücksregister ( SPIEGEL 23/2016).
Dazu aber braucht der Premier die US-Konzerne. Als Modi im vergangenen Herbst das Silicon Valley besuchte, ließ er sich von Microsoft-Chef Nadella dessen Pläne zur Vernetzung der Dörfer erläutern. Und mit Mark Zuckerberg, dem Facebook-Gründer, umarmte er sich gar auf offener Bühne.
Das Treffen mit den Internetpionieren weckte gewaltige Hoffnungen. Ein Teil davon ist inzwischen allerdings verflogen – und das hat die Branche ausgerechnet Facebook zu verdanken. Der Zuckerberg-Konzern preschte in Indien allzu arrogant vor.
Ashish Shakya sieht nicht aus wie einer, der einen Datenkraken bremsen könnte, der weltweit über 1,6 Milliarden Nutzer verwaltet. Der 31-jährige Komiker mit der auffälligen Hornbrille hat sich in einer alten Villa der Millionenstadt Mumbai verabredet. Von hier aus haben seine Kollegen vom beliebten Komikerkollektiv All India Bakchod (AIB) und er mit dafür gesorgt, dass Facebook seine Indien-Strategie derzeit überdenken muss.
Mit YouTube-Sketchen warnte AIB Millionen Landsleute unterhaltsam vor "Free Basics": So nennt sich eine App, mit der Facebook Indien erobern wollte, wie zuvor Sambia und über drei Dutzend weitere Entwicklungsländer. Das Angebot zielte auf die Ärmsten: Ihnen versprach Facebook im Bündnis mit einem lokalen Telekombetreiber kostenlosen Zugang zu seiner eigenen Website und einigen ausgewählten Diensten wie Wikipedia.
"Facebook tat, als wäre jeder willkommen bei ,Free Basics'", sagt Ashish, "aber am Ende hätte Facebook das Recht gehabt, Partner auszuschließen." Darin sahen die AIB-Komiker eine Gefahr für die Freiheit: Sie klärten ihre Landsleute deshalb über "Netzneutralität" auf – und wie "Free Basics" diesen Gleichheitsgrundsatz bedrohe. Ihre Botschaft: Wer Facebooks Pläne stoppen wolle, solle online bei der Regierung in Neu-Delhi protestieren.
Dieser Aufforderung kamen Massen von Indern nach – mit Erfolg: Im Februar stoppte die heimische Telekomaufsicht de facto "Free Basics". "Facebook tat so, als wollte es Indien aus der Armut erlösen", sagt Ashish. "Aber natürlich geht es Facebook nicht um Wohltätigkeit, es geht ums Geld."
Wie sehr der indische Rückschlag die Bosse im Silicon Valley frustriert hat, offenbarte anschließend der Internetinvestor Marc Andreessen, der dem Vorstand von Facebook angehört: "Antikolonialismus hat sich über Jahrzehnte als ökonomisch katastrophal für die Inder erwiesen", höhnte er auf Twitter, "warum jetzt damit aufhören?"
Mit seinem Ausbruch bestärkte Andreessen viele Inder in ihrem Misstrauen gegen den Internetkonzern, ein Shitstorm im heimischen Internet folgte. Facebook-Boss Zuckerberg musste sich von dem Tweet distanzieren: Er finde ihn "zutiefst erschütternd".
Wie viele westliche Bosse vor ihnen lernen die Strategen aus dem Silicon Valley nun indische Realitäten kennen, selbst Microsoft: Noch immer wartet der Konzern auf die Genehmigung, den Pilotversuch "White Spaces" aus Srikakulam auf andere Regionen ausdehnen zu dürfen. Dass die Regierung den Konzern in Eigenregie eine halbe Million Dörfer vernetzen lässt, ist mehr als unwahrscheinlich.
Telekom-Minister Ravi Shankar Prasad hat möglichen Monopolbestrebungen bereits eine grundsätzliche Absage erteilt: "Instinktiv schätzen wir es, wenn das Internet offen, vielfältig und umfassend ist", sagte er unlängst, "und beim Zugang sollte niemand diskriminiert werden."
Auch bei der Besteuerung – einem Thema, vor dem sich europäische Regierungen gern drücken – fordert die Regierung in Neu-Delhi die Internetkolosse indirekt heraus: Wenn heimische Kunden bei ausländischen Webdiensten wie Google oder Facebook Werbung schalten, müssen sie seit 1. Juni sechs Prozent der gezahlten Gebühren an den Staat entrichten.
Trotz der Widrigkeiten kämpfen die Technologieunternehmer aus dem Silicon Valley weiter um Indien, selbst die Facebook-Leute, wenn auch weniger laut und kontrovers: Mit lokalen Providern vernetzt der Konzern ländliche Marktplätze mit "Express Wifi", einem Service, bei dem Nutzer stundenweise Datenmengen kaufen können. Um entlegene Gegenden zu vernetzen, experimentiert Facebook überdies mit Riesendrohnen, die mit Solarbatterien betrieben werden. Eine ähnliche Strategie verfolgt Google: Der Suchmaschinenriese will große Ballons testen, die das ländliche Indien aus der Luft mit Internet versorgen.
Am Boden ist Google schon weiter: Gemeinsam mit RailTel, einer Tochter des Eisenbahnministeriums, vernetzt das Unternehmen hundert Bahnhöfe im ganzen Land mit Wifi. Und mit Tata Trust, einer Stiftung des gleichnamigen indischen Mischkonzerns, hat Google Tausende Frauen aus unterschiedlichen Dörfern geschult, die ihre Mitmenschen mit dem Internet vertraut machen sollen.
Durgawati Marandi stellt ihr blaues Fahrrad in Nawadih ab, einer Gemeinde im Bundesstaat Jharkhand. Gegen die glühende Sonne spannt sie einen großen Schirm mit den Emblemen von Google und Tata auf. Umringt von Schaulustigen öffnet sie dann eine weiße Box, die hinten auf dem Gepäckträger befestigt ist. "Anfangs hielten mich viele Leute für eine Eisverkäuferin", sagt die 27-jährige Ehefrau eines Bauern und Mutter von drei Kindern. Jetzt reißen sich die Menschen darum, die Smartphones und Tablets auszuprobieren, die sie aus ihrem Kasten holt.
Bis vor Kurzem lebten die meisten Dörfler hier, etwa sechs Autostunden nordwestlich von Kalkutta, fast ohne Internet. Auch von Google hatte kaum jemand gehört. Nur ein paar Männer surften über ihre Smartphones. "Wir Frauen waren fast abgeschnitten von der Welt", sagt Durgawati Marandi.
Nun sucht sie mit ihren Nachbarinnen eigenständig nach Informationen für ihren Alltag, zu Kindererziehung, Krankenhäusern und religiösen Dingen – online. Früher hätten die Menschen hier oft den Dorfältesten um Rat gefragt, sagt Durgawati Marandi. "Jetzt googeln wir."
Das Fahrradprojekt ist zeitlich befristet, aber die Sehnsüchte, die Google weckt, könnten dem Konzern langfristig nutzen. Viele Dorfbewohner denken bereits darüber nach, ein eigenes Smartphone zu kaufen, das auch in Indien immer billiger wird.
Was den IT-Multis dabei auch in die Hände spielt: Ohne Hightech von Google & Co. kann die Regierung ihre Vision von "Digital India" kaum realisieren, erst recht nicht in ländlichen Gebieten.
Das sieht auch C. P. Gurnani so, der Chef von Tech Mahindra, dem weltweit tätigen indischen Softwaredienstleister. Gurnani empfängt in den Firmenräumen in Noida, einem Industriegebiet bei Delhi. Sein Wort hat Gewicht, auch bei der eigenen Regierung: Seit April leitet er den Branchenverband Nasscom. Sowohl sein Unternehmen als auch Nasscom arbeiten eng mit den US-Konzernen zusammen. Dabei haben sie es oft mit Landsleuten zu tun, denn nicht nur der Micosoft-Boss, auch viele andere Internetmanager stammen vom Subkontinent. "Eigentlich gehört das Silicon Valley längst zu Indien", scherzt Gurnani.
Dann aber wird er ernst: "Was für Facebook gut ist, kann auch gut für Indien sein." Nur gemeinsam mit den Internetunternehmen könne das Riesenland seine Wirtschaft digitalisieren. Gerade in ländlichen Gebieten könne das Internet helfen, die Bevölkerung aus Armut, Hunger, mangelnder Hygiene und fehlender Bildung zu befreien.
Als ein Beispiel verweist Gurnani auf Apps, an denen auch seine Softwareentwickler bereits tüfteln: Mit deren Hilfe können dürregeplagte Bauern erfahren, welche Getreidesorten sie wann und wo anbauen sollten. Sensoren auf den Feldern signalisieren, wann gewässert werden sollte. "Letztlich können wir jeden Bereich des Alltags mithilfe digitaler Technologien modernisieren", sagt Gurnani.
Nur: Ganz so schnell, wie Facebook oder Google sich das vorstellen, lässt sich Indien nicht umkrempeln. Wenn das Bündnis mit dem Silicon Valley funktionieren soll, müssen die Internetbosse nicht nur die Bedürfnisse der neuen Nutzer ernst, sondern auch deren Realitäten zur Kenntnis nehmen.
Wie die von Sira etwa, dem Schüler in Srikakulam, der es einmal so weit bringen möchte wie der Boss von Microsoft. Zwar hat seine Schule jetzt Zugang zum weltweiten Netz. Nur wissen Siras Lehrer noch nicht, von welchem Geld sie auf Dauer den Strom bezahlen sollen, der die von Microsoft gespendete Technologie antreibt.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 33/2016
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