27.08.2016

SPIEGEL-Gespräch„Wir feiern dieses Leben“

Benki Piyãko, Sprecher des Urwaldvolks der Ashaninka, erzählt von den Bedrohungen durch die Zivilisation und der Rettung durch das Internet.
Im brasilianischen Bundesstaat Acre leben rund 800 Indigene vom Stamm der "Ashaninka vom Fluss Amônia". Fremde dürfen ihr Territorium nur mit Genehmigung betreten. Die Ashaninka gelten als exzellente Botaniker; die Rezepte für ihre Pflanzenmedikamente, die "Piripiri", hüten sie wie einen Schatz. Piyãko, 42, gehört zum Führungsteam des Stamms. Für sein Umweltengagement wurde er mehrfach ausgezeichnet.

SPIEGEL: Herr Piyãko, Ihr Volk sieht sich als Hüter des Regenwaldes. Leben Sie immer noch davon, Wild zu jagen und Früchte zu sammeln?
Piyãko: Ja, klar. Wir geben nicht unsere Lebensweise auf. Wir sorgen für die Welt, in der wir leben – und sie sorgt für uns.
SPIEGEL: Erst 1992 bekam Ihr Volk nach jahrhundertelangem Terror durch die Kolonisatoren sein eigenes Territorium. Es hat etwa die Größe Berlins. Wie bewirtschaften Sie es?
Piyãko: Wir haben einen Umweltmanagementplan entwickelt. Er legt zum Beispiel fest, wo gejagt werden darf. Der größte Teil unseres Landes ist Schutzzone, in der sich das Wild ungestört regenerieren kann. Die Jagd mit Hunden ist bei uns verboten; sie vertreiben das Wild. Wir jagen heute auch mit Gewehren, ziehen aber Pfeile vor – weil sie leise sind. Ein anhaltendes Problem bleiben Wilderer von außerhalb.
SPIEGEL: Einst waren die Ashaninka Nomaden, die weiterzogen, wenn ein Fleck Erde erschöpft war. Ist damit jetzt Schluss?
Piyãko: Diese Ballung an einem Ort schützt uns vor Räubern. Und sie schützt die Umwelt, weil anderswo Fauna und Flora ungestört bleiben. Jede Familie darf Maniok, Bananen und Kartoffeln nur zum eigenen Bedarf anbauen, auf wechselnden Feldern, sodass die Böden sich regenerieren können. Wir haben unser Dorf Apiwtxa auf einer früher von einem Weißen geführten Rinderfarm angelegt. Das Gelände haben wir aufgeforstet.
SPIEGEL: Wie geht das im Regenwald, mit der hier typischen dünnen Humusschicht?
Piyãko: Es ist sehr mühsam. Man muss jahrelang jäten und viele Schatten werfende Arten pflanzen, um das Brachiara-Gras zu verdrängen, das ursprünglich aus Afrika stammt und in ganz Brasilien für Vieh angepflanzt wurde. Als Erste schaffen es der Ingá- und der Balsabaum. Das sind sogenannte Pionierpflanzen, ihre Samen sammeln wir in unserer Samenbank. Später ersetzen wir diese Pflanzen mit edleren Arten: Obstbäumen und Mahagoni.
SPIEGEL: Was tun Sie gegen Fraß?
Piyãko: Viele verschiedene Pflanzen nebeneinander setzen, damit die Nager die Leckereien nicht riechen! Etwa ein Viertel aller Triebe schafft es trotzdem nicht.
SPIEGEL: Die Ashaninka erhalten für diese Arbeit über eine französische Organisation auch Unterstützung durch globale Kosmetik- oder Modekonzerne ...
Piyãko: ... das Geld hilft uns, teure Werkzeuge wie Elektrosensen zu kaufen. Es reicht aber nicht, um unsere Arbeit zu bezahlen.
SPIEGEL: Die Ashaninka sind berühmt geworden durch ihren Kampf gegen illegale Holzfäller. Ist diese Gefahr gebannt?
Piyãko: Weitgehend schon. Aber damals wie heute müssen wir immer wieder allen klarmachen, uns und unseren Nachbarn, dass kein Geld der Welt den Wert von Bäumen oder Tieren aufwiegen kann.
SPIEGEL: Gerettet hat Sie das Internet ...
Piyãko: Das stimmt. Noch am selben Tag, an dem das Center for Digital Inclusion, eine Nichtregierungsorganisation aus Rio de Janeiro, unser Urwalddorf via Satellitenschüssel ans Netz anschloss, haben wir eine Mail an den Präsidenten in Brasilia geschickt. Wir haben angekündigt, gegen die drogenschmuggelnden Holzfäller aus Peru in den Krieg zu ziehen. Wir waren verzweifelt.
SPIEGEL: Was geschah dann?
Piyãko: Die Mails erreichten nicht nur unsere Regierung, auch Journalisten und Umweltschützer auf der ganzen Welt wurden so auf uns aufmerksam. Für mein Volk war und ist das Internet ein Segen.
SPIEGEL: Ihr Dorf hat immer noch Internetanschluss, betreibt die Computer aber nur noch mit Solarstrom. Warum lehnen die Ashaninka eine Elektrifizierung ab?
Piyãko: Die Regierung hat uns früher einmal ans Stromnetz angeschlossen, und was passierte? Die Jugend wurde süchtig nach Telenovelas! Sie hörte nicht mehr zu, wenn die Alten abends unsere Geschichte erzählten. Der Fernsehkonsum gefährdete den Fortbestand unserer tausendjährigen Kultur. Deshalb beschlossen wir, den Strom wieder abzubestellen.
SPIEGEL: Wer beschließt so etwas?
Piyãko: Es gibt eine gewählte Gruppe von Anführern, die entscheidet, was gut für das Volk ist, was unser Überleben sichert.
SPIEGEL: Die Ashaninka haben vor Kurzem ein Projekt auf die Beine gestellt, das im gesamten Distrikt die Entwaldung stoppen soll. Dafür zahlt der internationale Amazonienfonds umgerechnet 1,8 Millionen Euro an Ihren Stamm. Versuchen Sie als Indigene, den Weißen den richtigen Umgang mit dem Regenwald beizubringen?
Piyãko: Das Projekt dient auch der Integration von uns Indigenen. Entgegen dem in Brasilien herrschenden Vorurteil sind wir eben doch klug und fleißig. Und die ernsten Umweltprobleme müssen wir gemeinsam bekämpfen. Die Rodungen, die mit der Viehhaltung einhergehen, sind nicht nur schlecht für das Weltklima. Die Entwaldung bewirkt auch weniger Niederschlag bei uns vor Ort. Der Erntekalender ist durcheinander. Und die Flüsse, die ja unsere Straßen sind, fallen im Sommer nun oft trocken und werden unbefahrbar. Eine Katastrophe!
SPIEGEL: Was genau tun Sie dagegen?
Piyãko: Wir bringen vor allem die Anführer aller Gemeinden zusammen. Der Distrikt Marechal Thaumaturgo ist insgesamt neunmal so groß wie unser Land. Ich persönlich setze aber auf den Nachwuchs. So gewinnen die Jugendlichen eine Perspektive außerhalb staatlicher Fürsorgeprogramme. Ihre Urgroßeltern kamen einst zur Kautschukernte in dieses Gebiet. In den Achtzigerjahren verdrängten Viehzüchter und Holzfäller die Kautschukzapfer. Viele Familien leben seitdem in bitterer Armut.
SPIEGEL: Und wie bringen Sie den Jugendlichen Ihr botanisches Wissen bei?
Piyãko: Der Anfang war schwierig. Niemand glaubte, dass wir in der Lage seien, neuen Wald anzulegen, wo verödetes Farmland im Distrikt brach lag. Wir haben hart gearbeitet, trotz vieler Rückschläge. Einmal wurden 80 000 Setzlinge durch einen Sturzregen weggeschwemmt! Damals haben viele Jugendliche aufgegeben. Aber wir haben es geschafft und sogar wertvolle Anpflanzungen großgezogen, mit hoher Biodiversität, vielen Obstbäumen und Tieren. Wir tragen damit auch zum Gewässerschutz bei, denn die Entwaldung führt zur Erosion der Flussufer.
SPIEGEL: Der Amazonienfonds finanziert auch Aquakulturprojekte. Die Ashaninka legen neuerdings Fischteiche an. Wird die Nahrung knapp?
Piyãko: Im Stamm leben heute viermal so viele Menschen wie noch vor 25 Jahren. Deshalb brauchen wir Techniken, um unsere Ernährung sicherzustellen. Wenn wir Fische für unseren Konsum züchten, können wir die natürlichen Bestände in unseren Flüssen und Seen schonen.
SPIEGEL: Woher stammt das Fischfutter?
Piyãko: Wir sind dabei, unsere eigene Obstindustrie aufzubauen. Damit wollen wir vor allem die Schulessen bestücken. Bisher werden die aus Südbrasilien importiert. Die Schalen und Obstreste werden an die Fische verfüttert.
SPIEGEL: Verändern moderne Techniken die Kultur der Ashaninka?
Piyãko: Höchstens die Außenborder an unseren Kanus. Alle paddeln zwar noch, aber für längere Distanzen benutzen sie den Motor. Der Benzinverbrauch und der Kohlendioxidausstoß bereiten uns Kopfschmerzen ...
SPIEGEL: Sie reisen viel, halten Vorträge überall auf der Welt. Kommt man da in Versuchung, in die Zivilisation zu ziehen?
Piyãko: Wir brauchen die Welt zur Unterstützung bei unserem Kampf, und die Welt braucht uns zur Erhaltung der Natur. Doch dieser Wald bleibt unsere Heimat. Wir leben autark, bauen sogar unsere Häuser selbst. Wir lieben dieses Leben, und wir feiern es auch, in unseren Festen, mit unseren Ritualen. Keiner von uns verlässt freiwillig den Stamm.
SPIEGEL: Sie müssen viel Widerstand aushalten. Unbekannte haben Ihre Pflanzungen abgefackelt, Sie wurden von einem Messerstecher auf der Straße angegriffen, in Ihr Haus wurde eingebrochen. Woher kommt diese Wut?
Piyãko: Ich bin gegen den Drogenschmuggel. Ich wehre mich dagegen, wenn Jugendliche zu Junkies werden. Ich nenne Lügner Lügner. Ich verachte Leute, die öffentliche Gelder unterschlagen. Ich bekomme Morddrohungen seit der Zeit, als wir uns gegen die Holzfäller wehrten. Ich kämpfe gegen die Korruption und die Desinformation.
SPIEGEL: Sie sind nicht nur indianischer Anführer, Forstwirt, Musiker und Maler, sondern auch Schamane. Die Ashaninka glauben daran, das Heil in halluzinierten Träumen sehen zu können. Was sehen Sie?
Piyãko: Wenn ich meditiere, sehe ich alles, was ich tue, was ich pflanze, ob es gut ist oder nicht. Aber diese Welt, diese Gesellschaft zu ändern ist schwierig. Wir können nicht zurück und die Erde wiederherstellen. Doch wir können Vorbilder sein für viele Menschen, ihnen zeigen, wie man Dinge besser macht. Die Welt steht am Abgrund. Unser Geist verschwindet, unsere Liebe. Wir werden uns alle gegenseitig umbringen, wenn wir so weitermachen.
SPIEGEL: Wie halten Sie das aus?
Piyãko: Mit Unbekümmertheit. Ich muss spielen, ich muss mich gut ernähren, ich muss frei sein. Die Welt braucht Freude!
SPIEGEL: Herr Piyãko, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte die Redakteurin Annette Bruhns in Yorenka Ãtame, einem Forst- und Ausbildungszentrum der Ashaninka in Marechal Thaumaturgo. Die Fotos entstanden mit dem Einverständnis der Ashaninka und der Fundação Nacional do Índio (Funai).

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Von Annette Bruhns

DER SPIEGEL 35/2016
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