27.08.2016

Nils Minkmar Zur ZeitRentrée

In diesen Wochen machen sich unsere westlichen Nachbarn Gedanken, die sich hierzulande niemand macht. Sie betreffen die fünfte französische Jahreszeit, die sogenannte Rentrée. In Deutschland ist das einfach der Schulbeginn, der in fast jedem Bundesland an einem anderen Tag stattfindet und landesweit als banales Datum gilt. In Frankreich ist es alljährlich ein liminaler Moment, wie der Ethnologe Victor Turner solche schicksalhaften Phasen des Übergangs nannte. Bald werden die Abendnachrichten Berichte zeigen, in denen entnervte Mütter vor Schulbedarfsregalen stehen und klagen, die Schulen hätten abermals zu spät mitgeteilt, dass die Kinder neue Hefte brauchen. Dass alles zu teuer sei. Es wird Interviews mit Schulleitern geben: Ist die Republik bereit für die Rentrée? Auch Länder haben so ihre Zwangsvorstellungen. Das französische Publikum fragt sich Ende August, ob die Schulen noch stehen und noch Kreide da ist. Die Franzosen fragen sich hingegen nicht, was Nicolas Sarkozy so macht.
Der Grund ist einfach: Sarkozy teilt es jedermann ungefragt mit, und das schon seit Jahrzehnten. Beliebter wird er dadurch nicht, denn er macht immer denselben Fehler: Der ehemalige Präsident beschwört das ewige, katholisch geprägte, ländliche Frankreich mit traditionellen Wertvorstellungen, dazu pflegt er eine autoritäre Rhetorik. Das ist legitim, aber jemand sollte ihm einmal schonend beibringen, dass er der denkbar schlechteste Vertreter solch einer Politik ist. Woody Allen kann ja auch nicht tönen wie Donald Trump. Sarkos vollständiger Nachname lautet Sarközy de Nagy-Bocsa – jene ländlichen Reaktionäre, deren Herz er gewinnen möchte, denken da bestenfalls an eine Witzfigur aus dem "Tim und Struppi"-Album "König Ottokars Zepter". Sarkozys Vater ist ein Flüchtling aus Ungarn, der Großvater mütterlicherseits ein Jude aus Thessaloniki. Er selbst hat stets nur in Paris gelebt und gearbeitet, er hat vier Kinder von drei Frauen. Seine jetzige Ehefrau ist der Inbegriff all dessen, was die von ihm umworbene Zielgruppe verabscheut: Carla Bruni ist links, mondän, reich und auf Fotos manchmal nackt. Kaum jemand erträgt noch weitere Episoden von und mit Sarkozy, seine Umfragewerte sind schlecht – aber die Medien berichten immer weiter. Sie berichten allerdings auch allwöchentlich über den 1978 verstorbenen Chansonsänger Claude François, französische Medien sind treu.
Unterdessen hat auch der im Amt verschollene Präsident François Hollande an einem Buch mitgewirkt, das gerade unter dem Titel "Private Gespräche mit dem Präsidenten" erschienen ist. Dort geht Hollande unter anderem der für Frankreichs Zukunft brennenden Frage nach, ob Sarkozy-treue Angestellte des Élysée-Palasts daran mitgewirkt haben, dass ein Paparazzo Bilder von ihm und seiner Geliebten, der Schauspielerin Julie Gayet, im Garten des Palastes machen konnte. Hollandes Antwort ist, dass er das vermute, aber nicht beweisen könne. Man versteht nun, warum sich die Franzosen lieber um die Anspitzer ihrer Kinder kümmern.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 35/2016
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