03.09.2016

ZeitgeschichteAusgebildet bei der SS

Hildegard Lächert war eine besonders üble KZ-Wächterin. Dennoch arbeitete sie später für die CIA, dann für den BND. Warum?
Am 18. Juli 1974 meldete sich ein Theologiestudent bei den US-Streitkräften in Heidelberg. Es gehöre zu seiner Ausbildung, Häftlingen beizustehen, erzählte er. Er habe auch die einstige KZ-Wächterin Hildegard Lächert besucht, die auf ihren Prozess in Düsseldorf warte. Lächert habe ihr Schicksal beklagt und ihn gebeten, den Amerikanern Folgendes mitzuteilen: Sollten diese ihr nicht helfen, werde sie "die ganze Geschichte erzählen". Sie sei für den US-Geheimdienst aktiv gewesen.
Die Heidelberger US-Militärs gaben die Drohung an Mitarbeiter der Central Intelligence Agency (CIA) weiter, die sie allerdings nicht so recht zu glauben schienen. Die Frau sei "vermutlich geisteskrank", vermerkten sie in ihrem Bericht. Doch am 3. Oktober 1974 bestätigte die CIA-Zentrale, Lächert 1956 angeworben zu haben. So steht es in einem Telegramm, das in einer Akte über Lächert in den National Archives in Washington liegt.
Der SPIEGEL hat die Papiere ausgewertet. Es sind Berichte zur Rekrutierung, zu Treffen von CIA-Leuten mit der ehemaligen KZ-Wärterin, zur Übergabe Lächerts an den BND. Erstmals belegen diese Dokumente, dass Geheimdienste westlicher Demokratien nach 1945 nicht nur männliche NS-Verbrecher, sondern auch Täterinnen des "Dritten Reichs" anwarben.
KZ-Häftlinge fürchteten Lächert als "Blutige Brygida". Die Berlinerin zählte zu den besonders brutalen SS-Aufseherinnen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Lublin/Majdanek im damals besetzten Polen. Sie prügelte Kinder auf Lastwagen, die zu den Gaskammern fuhren, sie stieß Häftlinge in eine Latrinengrube, die dann in den Fäkalien ertranken. Im Majdanek-Prozess (1975 bis 1981), dem aufwendigsten deutschen NS-Prozess, war die schlichte Frau eine Hauptangeklagte, beschuldigt der Mordbeihilfe in knapp 1200 Fällen.
CIA wie BND wussten seinerzeit, mit wem sie sich einließen. Lächert wurde erst angeworben, nachdem sie in Polen eine Haftstrafe für NS-Verbrechen teilweise abgesessen hatte und 1956 abgeschoben worden war. Im Dezember traf sie im Notaufnahmelager Marienfelde im Westteil des geteilten Berlin ein.
Es war die Hochzeit des Kalten Krieges, westliche Sicherheitsbehörden befragten routinemäßig ehemalige Häftlinge aus dem Ostblock. Lächert erzählte, dass der polnische Geheimdienst UB ihr Geld geboten habe, wenn sie nach der Freilassung Informationen über Westdeutschland liefere. Zudem kannte sie Mithäftlinge, die wegen Spionage für die CIA einsaßen, und berichtete von deren Schicksal.
Nach wenigen Tagen unterzog die CIA die KZ-Frau einem Test am Lügendetektor. Ergebnis: "Es gibt keinen Hinweis, dass die Befragte wesentliche Informationen hinsichtlich ihres Verhältnisses zum UB zurückhält." Die CIA mietete dem neuen Schützling ein Zimmer. Im Januar 1957 wurde sie aus Westberlin ausgeflogen.
Wie viel Geld die ungelernte Fabrikarbeiterin von der CIA und später dem BND bekam, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Jedenfalls fiel Lächert im badischen Spätheimkehrerlager Horrenberg auf, weil sie Taxi fuhr und sogar ein Auto besaß.
Die CIA-Leute fanden Lächerts braune Vergangenheit offenbar hilfreich. Ein Berliner CIA-Mitarbeiter notierte, Lächert erfülle die Sicherheitsanforderungen "sehr gut", das liege an ihrer "Ausbildung durch die SS". Die Amerikaner waren besonders an Informationen über einen möglichen Überläufer aus dem polnischen Geheimdienst interessiert, den sie während der Haft kennengelernt hatte.
Die CIA instruierte Lächert, was sie westdeutschen Behörden über die Zeit in Polen erzählen durfte (nichts über den Überläuferkandidaten). Sie musste jeden Monat einen Brief mit ihrer aktuellen Adresse an ein Postfach senden, damit die CIA wusste, dass alles in Ordnung war. Im Notfall würde sich ein CIA-Mann als "Vertreter von Herrn Kappler" vorstellen. Lächert sollte fragen: "Was hat Karin dem Herrn Kappler gegeben?" Korrekte Antwort: "Füchschen".
Doch schon bald meldete sich Lächert unaufgefordert bei US-Stellen und plauderte über ihre CIA-Kontakte. Es gebe da ein "Sicherheits- und Führungsproblem", notierte ein CIA-Mann. Im April 1957 lobte die Agency Lächert weg zum gerade gegründeten BND. Die Deutschen, zunächst von Lächert angetan ("sehr guter Eindruck"), machten bald ähnliche Erfahrungen wie die CIA. Und da der Überläufer nie auftauchte, beendete der BND schließlich die Zusammenarbeit.
Als die Polizei Lächert ein gutes Jahrzehnt später wegen der Verbrechen von Majdanek verhaftete, schlug sie sich als Stehfrau durch, die in einem Bordell für Ordnung sorgte. Sie hoffte, die CIA-Connection werde sie vor Strafe schützen, was nicht passierte. Es habe keine Versuche von Geheimdiensten gegeben, ihn zu beeinflussen, betont heute der pensionierte Staatsanwalt Wolfgang Weber, der die Anklage vertrat und achtmal lebenslänglich forderte. Lächert bekam zwölf Jahre.
Während des Prozesses kandidierte sie für eine rechtsextreme Liste bei den Wahlen zum Europaparlament. Die CIA wird das nicht überrascht haben. Schließlich hatte Lächert einst den Amerikanern anvertraut, welchen Weg sie unverändert für den besten hielt: den "faschistischen Weg".
Von Christoph Franceschini und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 36/2016
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