03.09.2016

USASucht und Demütigung

Die öffentliche Selbstzerstörung des Expolitikers Anthony Weiner ist die Geschichte einer krankhaften Obsession. Und eine Erzählung über moderne Politik. Von Philipp Oehmke
In einer Nacht im Januar 2015 schickte Anthony Weiner wieder ein Foto an eine Frau im Internet. Er hätte wissen müssen, dass auch sie sich an die Boulevardpresse wenden würde, wie die anderen vor ihr. Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon fast alles verloren, doch er tat es wieder, es muss so etwas gewesen sein wie eine menschliche Implosion.
Als Kongressabgeordneter für den Wahlkreis New York hatte Weiner 2011 zurücktreten müssen, sein Comeback, zwei Jahre später, als Anwärter auf den New Yorker Bürgermeisterposten war desaströs gescheitert, seine Frau hätte ihn beinahe verlassen. Schuld war jedes Mal Weiners Neigung gewesen, Frauen, die er im Internet kennengelernt hatte, Fotos seines verdeckten, häufig erigierten Genitals zu schicken. Das amerikanische Englisch kennt ein Wort für Weiners Problem: "Sexting", die Kombination aus Sex und Texting.
Am Montag war es wieder so weit. Auf einem der Bilder, die auf der Titelseite der "New York Post" zu sehen waren und die Weiner seit Januar 2015 an eine "vollbusige Brünette" versendet hatte, drückt sich sein Genital durch weiße Boxershorts, neben ihm ist sein schlafender vierjähriger Sohn zu sehen.
In einem Statement gab Huma Abedin, seine Frau, noch am selben Tag bekannt, dass sie ihren Mann "nach langer und schmerzhafter Überlegung sowie viel Arbeit an ihrer Ehe" verlassen werde. Alles, was Anthony Weiner nun noch bleibt, ist sein unglücklicher Name. Es ist ein dummer Zufall, dass "Wiener", selbe Aussprache, im Amerikanischen umgangssprachlich auch Penis bedeutet.
Dies wäre nur die tragische Geschichte der krankhaften Obsession eines charismatischen und hochtalentierten Expolitikers sowie seiner gescheiterten Ehe, wenn Huma Abedin nicht eine sehr einflussreiche Frau im Washingtoner Politikbetrieb wäre.
Sie ist die langjährige und enge Vertraute Hillary Clintons, eine der führenden Strateginnen des Wahlkampfteams. Abedin, 40 Jahre alt, eine in Saudi-Arabien aufgewachsene Tochter indischer Muslime, galt als Wunderkind der US-Politik. Seit Jahrzehnten arbeitet sie an der Seite Clintons, ist für ihre Chefin eine Art Ziehtochter und für viele moderne Frauen ein Vorbild. Die amerikanische "Vogue" widmet ihr in der Septemberausgabe ein zehnseitiges Porträt. Innerhalb des Clinton-Teams wirkte Abedin stets wie die Unantastbare.
Doch Weiners "dick pics" sind nun ein Politikum. Clintons Widersacher Donald Trump verbreitet, Abedin stelle ein Sicherheitsrisiko dar, da sie mit einem schmierigen Perversen verheiratet sei und möglicherweise Staatsgeheimnisse mit ihm teile. Und Donald Trump Junior, ein merkwürdiger Sprechautomat seines Vaters, steht im Fernsehen und erklärt, das Problem sei nicht Weiners unbezwingbare Sexting-Sucht, sondern seine Frau, Abedin, die in ihrer Partnerwahl eine so verheerende Entscheidung getroffen habe.
Niemand muss jenseits des nicht einmal körperlich vollzogenen Ehebetrugs, der nicht unsere Sache ist, moralisch empört sein über Weiners Selfies, auch die stets hysteriebereiten Amerikaner nicht. Die Fotos mögen lächerlich sein, aber auch harmlos. Sie zeigen keine Pornografie, sondern eine narzisstisch bedenkliche Fixierung auf den eigenen Penis. Außerdem hat Weiner, worauf er offenbar Wert legt, einen interessant austrainierten Oberkörper für einen 51-jährigen Mann. Die Texte, die er mit den Bildchen schickte, sind dagegen eher erbärmlich.
Er beschwert sich hauptsächlich, dass er superhorny sei, aber kaum Sex bekomme. Sein damals vierjähriger Sohn allerdings sei auf dem Spielplatz ein "Chick Magnet", er ziehe die Frauen an. Angesichts seiner pulverisierten Karriere hatte sich Weiner um den gemeinsamen Sohn gekümmert, während Huma mit Clinton im Wahlkampf unterwegs war. Nach der Veröffentlichung der jüngsten Bilder soll sich nun das Jugendamt eingeschaltet haben.
Schon viele Politiker sind in Amerika über Sexskandale gestürzt, doch kaum einer hat sich so öffentlich selbst zerstört wie Anthony Weiner. Seine Selfies, die in dieser Woche tagelang auf den Titelseiten der Boulevardblätter zu sehen waren, fallen in eine Zeit, in der in den amerikanischen Kinos ein spektakulärer Dokumentarfilm namens "Weiner" läuft.
Er zeigt den Politiker 2013 bei seinem Wahlkampf für das New Yorker Bürgermeisteramt und seinem Versuch einer öffentlichen Rehabilitation, bis kurz vor der Wahl die Bombe platzt, dass Weiner trotz aller Beteuerungen rückfällig geworden ist. Die Kamera ist immer dabei, sie zeigt das Glück der ersten Tage, als Weiner unerwartet die Umfragen anführt, sie fängt den Schock im Wahlkampfteam ein, als der erneute Skandal über ihn hereinbricht. Und sie zeigt so intime wie verstörende Szenen zwischen den Eheleuten, in denen trotz des immensen Vertrauensbruchs nie über Gefühle, sondern stets nur über Schadenskontrolle gesprochen wird.
In einer dieser Szenen von 2013 tritt Abedin vor die Fernsehkameras, 20 Minuten nachdem sie von den neuen Fotos und Frauen erfahren hat. Sie lächelt, als wäre dies ein glücklicher Tag, und sagt, sie liebe ihren Mann, sie habe ihm vergeben und stehe zu ihm.
Dieser Moment wurde damals auf allen Sendern übertragen. Darin war ein Maß an Demütigung zu erkennen, das selbst in Zeiten des Reality-Fernsehens und der sozialen Netzwerke bemerkenswert war. Huma Abedin tat einfach, was sie gelernt hatte, worin ihr Job bestand, in dem kaum einer so gut ist wie sie: Sie schaltete auf Krisenmanagement-Modus. Abwiegeln, alles nicht schlimm, durchkommen, shape the message.
In ihren Augen waren dagegen Schock und Demütigung zu sehen. Das moderne politische Regelbuch hielt keine Handlungsanweisung mehr für sie parat, ein Systemabsturz. Solche Entblößungen sind nicht vorgesehen in der modernen Politik, in der jede Aussage, jede Antwort auf eine Frage und jede Gefühlsregung von Beratern und Spindoktoren – Leuten wie Huma Abedin also – mehrfach geplant, geprobt und getunt werden.
Abedin verkörpert wie kaum jemand anderer den modernen unangreifbaren Typus des Politikbetriebs – und damit das Gegenteil ihres Mannes. Sie steht dafür, wie Politik heute oft gemacht wird: still, hinter verschlossenen Türen, mithilfe von Algorithmen, die Statistiken auswerten.
In jener Clinton-Welt, in der Abedin politisch sozialisiert wurde, bedeutet Politik Manipulation. Es gibt wenig, was nicht durch Umformulierung oder den richtigen Spin umgedeutet werden könnte. Den Wählern setzt man sich nur kontrolliert aus: lieber in sozialen Netzwerken als in der unberechenbaren Situation vor einer Kamera. Debatten und Interviews werden wieder und wieder geprobt.
Im Film bittet Weiner am Tag nach dem erneuten Skandal seine Frau, ihn zu einer Veranstaltung zu begleiten. Sie lehnt ab – mit dem Hinweis, sie sei nicht "prepped", also vorbereitet. Er erklärt ihr, sie müsse nur sagen, sie unterstütze ihn und freue sich, hier zu sein. Ihr ist das zu wenig kalkulierbar. In ihrer Welt stellt ihr Mann eine Anomalie dar, die die modernen Politikstrategien nicht eindämmen können.
Das Clinton-Wahlkampfteam soll, so heißt es nun, Huma Abedin schon länger nahegelegt haben, ihren Gatten zu verlassen: der Präsidentschaftswahlkampf oder Anthony, sie solle sich entscheiden. Das ist insofern interessant, als Clinton selbst einmal vor einer ähnlichen Entscheidung stand, als ihr Ehemann sie ebenfalls zum wiederholten Mal durch einen Sexskandal vor der Welt bloßgestellt hatte. Sie selbst hielt es damals für ratsamer, die Erniedrigung als Ehefrau über sich ergehen zu lassen.
Anthony Weiner, obwohl erst 51 Jahre alt, steht für einen Politikertypus alter Schule, ein Alphamann und Macher, testosterongeladen und schlagfertig, ein echter New Yorker. Vor zehn Jahren, während der Bush-Jahre, war Weiner ein aufstrebender Star, einer der wenigen Demokraten, die den aggressiven Republikanern im Repräsentantenhaus rhetorisch etwas entgegenzusetzen hatten. Er war aber auch einer, der unermüdlich durch seinen Wahlbezirk lief und bei den Menschen an der Tür klingelte und sich auf fast kindliche Art nach Aufmerksamkeit und Belohnung sehnte, ein klassischer Narziss.
Als es im Jahr 2013 hoffnungslos vorbei war mit seiner Bürgermeisterbewerbung und die Nation sich lustig machte über "Carlos Danger" (so hatte er sich in seinen Sextings genannt, wahrscheinlich, wie ein Talkmaster mutmaßte, weil "Anthony Weiner" einfach zu lächerlich geklungen hätte) – als also alles vorbei war, setzte sich Weiner, der nur die Vorwärtsverteidigung kennt, in ein Fernsehstudio und wurde ausfallend gegenüber dem Moderator. Die Situation eskalierte. Später, zu Hause – und das ist das wahre Wesen des Narziss –, schaut er sich seine Entgleisung immer wieder im Internet an; während die Kamera ihn filmt, fragt er Huma, ob sie finde, er komme schlecht rüber. Natürlich findet sie das. Als Huma mit blankem Horror im Gesicht den Raum verlässt, lächelt Weiner sein sich selbst zerstörendes Fernseh-Ich auf dem Bildschirm selbstverliebt an.
"Irgendwie", sagt er an anderer Stelle, "sind wir Politiker so gepolt, dass wir die Aufmerksamkeit brauchen."
Mit Blick auf den aktuellen Wahlkampf könnte man die umgekehrte Frage stellen: Haben wir eine Bühne für Politik geschaffen mit so gleißenden Scheinwerfern und so viel Rund-um-die Uhr-Aufmerksamkeit, dass sie immer häufiger beschädigte Narzissten wie Trump oder Weiner anzieht? Obwohl beide Männer im Kern altmodisch sind, hat Weiner genauso wie später Trump fatalerweise das Smartphone als ein Hauptinstrument zur Gestaltung von Politik entdeckt.
An einer Stelle sinniert Weiner im Film, dass ausgerechnet jene Technologie ihn erledigt habe, die ihm vorher so gute Dienste geleistet habe, seine Wähler zu erreichen. Weiners erste Sexting-Bilder, die zu seinem Rücktritt als Abgeordneter führten, waren 2011 nur herausgekommen, weil er ein Foto seines Gemächts nicht als Privatnachricht schickte, sondern versehentlich seinen 45 000 Followern auf Twitter präsentierte.
Die "New York Times" zitiert Freunde, die sagen, Anthony Weiner habe zum ersten Mal in seinem Leben aufgegeben. Für einen Social-Network-Narziss wie ihn kommt seine jüngste Handlung einem Selbstmord nah: Am Montag hat Anthony Weiner seinen Twitter-Account gelöscht. Twitter: @oehmke

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Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 36/2016
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