10.09.2016

KarrierenGestrandet

Vor wenigen Jahren wirbelten die Piraten das Parteiensystem durcheinander. Heute spielen sie fast keine Rolle mehr. Fünf Geschichten über den Niedergang einer Idee.
Sie hatten sich das anders vorgestellt. Sie wollten in den Bundestag, sie wollten alles anders und besser machen, dem politischen Betrieb beibringen, wie man Menschen erreicht, die sich von den traditionellen Parteien nicht mehr angesprochen fühlen. Sie hatten Erfolg. In Berlin zogen sie 2011 mit neun Prozent der Stimmen ins Abgeordnetenhaus ein. In bundesweiten Umfragen konnte sich zeitweise jeder Fünfte vorstellen, die Piraten zu wählen.
Heute sind die Piraten schon fast wieder Geschichte. In Umfragen laufen sie unter "Sonstige". Viele Führungsleute haben die Partei verlassen. Fünf Piraten und ehemalige Piraten erzählen vom Aufstieg und Scheitern einer Protestpartei.

"Vollkommen surreal"

Es war am Montag nach der Wahl ins Berliner Abgeordnetenhaus. Ich saß beim Arzt im Wartezimmer, als der Anruf kam: "Hier ist die Redaktion von 'Anne Will', wir hätten Sie gern am Mittwoch in unserer Sendung." Zu dem Zeitpunkt hatte ich seit gefühlt zehn Jahren kein Fernsehen mehr geschaut, Nachrichten holte ich mir übers Netz. Ich dachte, bei "Anne Will" schalten vielleicht 200 000 Leute ein oder so. Aber dann saß ich da, zwischen Peter Altmaier und Roger Willemsen, und erst später wurde mir klar, dass das Millionen sehen. Es war vollkommen surreal. Altmaier fing direkt nach der Sendung mit dem Twittern an, damals war das exotisch, heute hat jeder Politiker einen Account.
Ich war 2009 von einem Auslandsjahr aus China zurückgekommen. Die Mischung aus Turbokapitalismus und Diktatur fand ich ziemlich beunruhigend. 2009 war das Jahr, in dem die Piraten Achtungserfolge bei Europa- und Bundestagswahl einfuhren, mein Impuls war: Ja, da geht was, das ergibt Sinn. Wir waren in Berlin eine Gruppe von Leuten, die sich von der Politik nicht repräsentiert fühlten. Wir sahen, wie sich die Gesellschaft durch das Netz massiv verändert, und fanden, dass das von der Politik aufgenommen werden muss. Das Gefühl bei den Berliner Piraten war damals: Wir können die Welt verändern.
Intern war der Bundestagswahlkampf 2009 recht idyllisch, man zog an einem Strang. Gegen Ende begann der Ärger. Es war wie beim Fußball: Jeder dachte, dass er selbst der beste Bundestrainer ist. Viele hofften, in der Partei Fuß zu fassen, in einen Vorstand gewählt zu werden, vielleicht sogar ein Mandat zu erringen. So wurden aus lockeren Leuten sehr schnell "Parteifreunde", die schlimmer sind als Feinde. Wenn ich mal nach vorn ging und etwas umsetzen wollte, hieß es schnell: "Das ist nicht basisdemokratisch!" 2014 dachte ich nur noch: Dann macht euren Kram doch allein.
Ob Politik eine Sucht ist, werde ich manchmal gefragt. Dann denke ich: Was ist das für eine Frage? Mein Kumpel Igor Levit ist ein arschgeiler Konzertpianist. Der wird auch nicht gefragt, ob er klaviersüchtig ist. Er liebt einfach seinen Job, seine Berufung. Zack. So ist es bei mir auch, immer noch.
Christopher Lauer, 32, war politischer Geschäftsführer der Piraten und Vorsitzender der Piratenpartei Berlin. Im September 2014 trat er aus, blieb aber Mitglied der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

"Ich hatte Angst"

Vielleicht sind wir an der Angst gescheitert. Als ich 2011 zur politischen Geschäftsführerin gewählt wurde, habe ich erst mal meine Mutter angerufen und geweint. Ich hatte nicht mit der Wahl gerechnet, und ich dachte, dass mir das zu viel wird. Das Jahr im Amt war ein Schwanken zwischen Euphorie und Panik. Es war vor allem sehr unwirklich.
Ich hätte mir von uns allen weniger Angst gewünscht. Auf dem Parteitag 2013 haben wir über eines der wichtigsten Projekte der Piraten abgestimmt, die verbindliche Nutzung von Liquid Feedback, also die Möglichkeit, die Mitglieder online an der Programmentwicklung zu beteiligen. Wir bekamen die Zweidrittelmehrheit nicht zusammen. Viele fürchteten, dass wir damit vielleicht gegen das Parteiengesetz verstießen. Ein paar Jahre vorher hätten wir gesagt: "Versuchen wir es doch einfach. Sollen sie uns doch verklagen. Dann aktualisieren wir das Gesetz." Aber mit der Macht kam die Angst, sie wieder zu verlieren. Angst ist mächtig.
Das war auch der Grund, warum ich aufgehört habe. Ich hatte Angst, vom Erfolg abhängig zu werden. Ich sah Menschen im Politikbetrieb, die dort Jahrzehnte verbracht haben. Ich dachte: Für die muss sich Aufhören wie Sterben anfühlen. Ich wollte nicht süchtig nach Prominenz und Macht werden.
Obwohl ich nicht mehr dabei bin, hänge ich noch an der Partei. Deshalb bin ich letztes Jahr ganz still ausgetreten, als ich mich für meine Arbeit an Schulen von Parteien unabhängig machen wollte. Ich wollte nicht die Schlagzeile: "Marina Weisband kehrt den Piraten den Rücken". Das haben sie nicht verdient.
Ich stand am Ende meiner politischen Karriere am Anfang meines Lebens, ich war Anfang zwanzig. Das war mein Glück. Ich habe mein Diplom gemacht, ich habe geheiratet. Es hat dennoch ein bisschen gedauert, bis die Piraten nicht mehr zentraler Teil meines Lebens waren. Erst in diesem Frühjahr habe ich nicht mehr an die Partei gedacht, wenn ich das Wort Piraten hörte, sondern an Seeräuber. Ich dachte: Cool, nun bist du wieder ein normaler Mensch.
Marina Weisband, 28, war politische Geschäftsführerin der Partei.

"Sie haben uns kaputtgeschrieben"

Ich bin da so reingeschlittert. 2007 begannen die Piraten gerade, sich zu organisieren, als ich für ein Praktikum nach Berlin zog. Damals konnten alle etwas bewegen, egal wie lange sie dabei waren. 2011 kam ich auf die Liste für die Wahl in Berlin, Platz 14. Niemand dachte ernsthaft, dass wir die Fünfprozenthürde schaffen würden. Am Schluss zog die gesamte Liste ins Berliner Abgeordnetenhaus ein, 15 Piraten.
In den letzten fünf Jahren hatte ich oft das Gefühl, dass wir nicht durchdringen mit unseren Vorschlägen. Wenige wollten ernsthaft mit uns in einen Dialog treten. 2014 hatten wir beispielsweise die Idee, Pferdefuhrwerke in der Innenstadt zu verbieten. Es ist grausam für die Tiere, und die Pferdeäpfel sind eine Gefahr für Radfahrer. Es wurde aber erst darüber geschrieben, als eine Petition aus München das auch forderte. Dafür wurde über Dinge berichtet, die wirklich irrelevant sind, zum Beispiel über mein Privatleben. Ich lebe polyamor. Irgendwann dachte eine Zeitung, fälschlich, daraus einen Skandal produzieren zu können. Ich denke, die Medien haben die Piraten kaputtgeschrieben.
Wenn wir es nicht mehr ins Abgeordnetenhaus schaffen sollten, werde ich schauen, was ich mache. Politik macht mir Spaß. Ich bleibe Pirat. Ich habe mich zwischendurch auch bei anderen Parteien umgesehen, aber das waren nur rauchende Ruinen. Vielleicht müsste ich mich jetzt für einen Job bewerben, vielleicht probiere ich aber erst einmal praktisch was mit bio-veganer Landwirtschaft aus.
Simon Kowalewski, 35, sitzt für die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus. Er ist Sprecher für Verbraucher- und Tierschutz, Sucht-, Drogen- und Frauenpolitik.

"Wie die Kinder gestritten"

Als alles losging, war ich ziemlich naiv. Ich war gerade 25 und kam frisch von der Uni. Als eine der wenigen jungen Frauen bei den Piraten wurde ich in allen Spots gezeigt. Richtig los ging es, als ich ein Interview gab, in dem ich sagte, dass es im Internet keinen Datenschutz und keine Privatsphäre mehr geben kann. Ich wurde auf Twitter und Facebook wie wild beschimpft. Das war mein erster Shitstorm.
Ich bin nicht gerade schüchtern, und im ersten Moment dachte ich: cool. Wenn du so viel Aufmerksamkeit erregen kannst, hast du alles richtig gemacht. Doch dann wurde es zu einer Belastung. Ich hatte keine Mitarbeiter, die die Nachrichten für mich filtern konnten, also las ich alles selbst. Ich las, dass ich eine Schlampe sei, dass ich dumm sei, hässlich. Ich las auch das Gegenteil, dass ich schön sei, eine eiskalte Mossad-Agentin. Am Anfang habe ich versucht, alles zu beantworten, jeden Vorwurf zu kommentieren, aber da wird man verrückt. Man muss sich irgendwann sagen: Das alles hat nichts mit mir zu tun. Sonst wird man zum Menschenfeind. Ich habe gelernt, dass man in der Politik nicht mehr nur sich selbst gehört.
Das Gleiche galt auch für die Partei. Wir haben jeden Streit öffentlich ausgetragen wie die Kinder. Man hat sich einfach via Twitter hin- und herbeleidigt, irgendwann gab es den Joke: Telefoniert doch mal miteinander. Aber man hatte ja meistens nicht mal die Telefonnummern der Leute.
Ich dachte lange, dass man alles mit Reden regeln kann. Da habe ich mich geirrt. Bei konkreten Themen jenseits des Internets, bei Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Verteidigungspolitik, waren wir einfach zu uneins. Wir hatten auch schlicht zu wenig Ahnung. Irgendwann sah ich mir das ganze Gezeter, den internen Streit, das Hin und Her an, und es wurde mir klar: Diese Partei ist tot. Ich schrieb eine Austrittsmail und twitterte, dass ich nicht mehr Mitglied der Piratenpartei sei.
Seit ein paar Monaten bin ich Mitglied bei den Linken. Die sind auch wirklich links. Und zivilisierter.
Julia Schramm, 30, war Beisitzerin im Bundesvorstand.

"Wir haben unseren Hype geglaubt"

Eigentlich war Macht nie unser Ziel. Zumindest nicht meins. Noch im Mai 2011 haben wir gelacht, wenn jemand sagte, dass wir es in Berlin ins Abgeordnetenhaus schaffen. Dass wir dann neun Prozent der Stimmen bekamen, hatte auch damit zu tun, dass wir die Neuen waren. Viele haben uns vielleicht nicht mal politisch unterstützt, sondern uns nur gewählt, weil wir nicht zum Establishment gehörten. Wie heute bei der AfD.
Ich glaube, dass man die Piraten wirklich braucht, noch immer. Wenn ich den bayerischen Innenminister über das Darknet sprechen höre, wird mir schlecht angesichts seiner Ahnungslosigkeit. Deutschland hat Parteien, die mit Konzepten aus dem letzten Jahrhundert versuchen, die Probleme dieses Jahrhunderts zu lösen. Die sprechen über Vollbeschäftigung und "Nine-to-five-Jobs", als wäre gerade Wirtschaftswunderzeit.
Leider haben wir einen Fehler gemacht. Wir haben unseren eigenen Hype geglaubt und nicht gesehen, dass danach viel harte und langweilige Arbeit kommen muss. Leute wie Christopher Lauer oder Julia Schramm waren plötzlich Politik-Popstars. Als intern Gegenwind und Konflikte kamen, schmissen sie hin. Das haben die anderen Parteien uns voraus: Da kann man sich das gar nicht leisten. In der CDU oder der SPD muss man zehn oder zwanzig Jahre hart für seine Prominenz arbeiten, man muss Würstchen am Wahlkampfstand verkaufen, Kassenwart im Ortsverband sein, man muss so lange in der Parteimaschine rackern, dass man nicht wegen jedem Mist einfach aufhört. Vielleicht haben diese alten Systeme auch ihren Sinn.
Das einzig Gute an der Flaute der Piraten ist, dass es vielleicht der AfD auch so gehen wird. Die Piraten und die AfD haben eines gemeinsam: Menschen projizieren Hoffnungen auf sie, denn sie versprechen: Wir machen alles anders. Darunter versteht aber jeder etwas anderes. Protestwähler werden so schnell enttäuscht und wenden sich neuen Hoffnungsträgern zu.
Professor Martin Haase, 53, ist Mitglied im Chaos Computer Club und seit 2009 bei den Piraten. Ein Amt in der Partei hatte er nie inne.
Von Aufgezeichnet von Britta Stuff

DER SPIEGEL 37/2016
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