10.09.2016

AnalyseSchlachtfeld der Regionalmächte

Warum die Lage in Afghanistan so aussichtslos ist
Es war eine perfide Falle. Erst explodierte am Montag vor dem Verteidigungsministerium in Kabul eine Bombe, woraufhin Dutzende Polizisten und Geheimdienstleute zum Tatort liefen. Dort erwartete sie ein Selbstmordattentäter – insgesamt starben 41 Menschen. So erlebte Kabul seinen 25. Anschlag seit Beginn des Jahres, seither gab es allein dort 1285 Tote und Verwundete. Provinzhauptstädte wie Tarinkot in der Mitte des Landes und Kunduz im Norden stehen vor dem Fall, andernorts überrennen die Taliban Dorf um Dorf. Die meisten Afghanen sind nach dem Abzug der Isaf-Truppen Ende 2014 ohne Hoffnung, dass aus ihrem Land je werden kann, was ihnen vor 15 Jahren zugesichert wurde: eine stabile Demokratie. Selbst die engagiertesten Experten sind ratlos: "Auch wenn Jesus und der Dalai-Lama als Regierungschefs gewählt würden – auch sie würden wohl scheitern", sagt Thomas Ruttig, der Exdiplomat und heutige Kodirektor des Afghanistan Analysts Network. Die Korruption im Regierungsapparat, der Mangel an Jobs wie auch die verheerende Sicherheitslage führen dazu, dass immer mehr Menschen nach Europa fliehen wollen. Wie konnte das geschehen? Die Ursünde des Westens bestand darin, den Bodenkrieg gegen die Taliban mit der alten Warlordgarde zu führen statt mit eigenen Streitkräften. Und statt die Konflikte politisch zu lösen, griff man zu den Waffen. Die Regionalmächte nutzen Afghanistan als Schlachtfeld – voran Pakistan, das die Taliban in Afghanistan als eine Art fünfte Kolonne einsetzt. Zuletzt bot sich nun China als Ordnungsmacht an. Der direkte Nachbar ist mit Pakistan verbündet und hat ein Interesse an Stabilität, auch wegen der islamistischen Terroristen in der angrenzenden Region Xinjiang. China könnte auf Pakistan Druck ausüben und lud die Taliban zu Gesprächen nach Peking. Bisher aber ohne Erfolg. Es wird weiterhin gebombt.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 37/2016
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