24.09.2016

Verbrechen„Er hat sich isoliert“

Vor seiner Bluttat führte Piraten-Politiker Gerwald Claus-Brunner ein Doppelleben. Weggefährten sprechen von Verfolgungswahn und Stalking.
In der Woche vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl steht Gerwald Claus-Brunner noch einmal im Rampenlicht. An einer Schule im Bezirk Steglitz-Zehlendorf diskutiert er auf einem Podium über Politik, danach wird er von einem Pulk Achtklässler umringt.
Der Ruhm seiner Partei, der Piraten, ist zwar längst verblasst, doch ihn, den Zweimetermann mit Latzhose und Kopftuch, erkennen die Teenager noch. Claus-Brunner guckt gutmütig in die Smartphone-Kameras. Für Selfies muss er sich herunterbeugen, die Schüler kichern.
Sieben Tage später wird Claus-Brunner tot aufgefunden.
Der Alarmruf erreicht die Berliner Polizei am Montag um 13.50 Uhr. Im Wahlkreisbüro des Politikers sei ein Abschiedsschreiben eingegangen. Sofort fahren Beamte zu Claus-Brunners Wohnung, wo sie den Leichnam des Politikers entdecken. In einem Nebenzimmer finden sie einen weiteren Mann, der schon mehrere Tage tot ist. Nur mit Mühe kann ihn die Mordkommission als Jan Mirko L., 29, identifizieren – einen ehemaligen Wahlkreismitarbeiter Claus-Brunners. Vor seinem Suizid verschickte der Politiker einen zweiten Brief, in dem er die Tötung von L. gestand.
Seither rätseln die Piraten über ihren Parteifreund. Wie es scheint, führte der Politaufsteiger (Spitzname: "Faxe") ein mitunter düsteres Doppelleben.
Zwei Wesenszüge hätten Claus-Brunner geprägt, sagen politische Weggefährten. Einerseits sei er engagiert und idealistisch, fast schon naiv gewesen. Andererseits galt Claus-Brunner als aufbrausend und unzugänglich. Bei einer Listenaufstellung der Piratenpartei 2015 etwa giftete er per Twitter gegen Parteikollegen und nannte sie "Vollhonks" und "Sackgesichter".
Regelmäßig soll er Abgeordnete und Angestellte verbal angegriffen und "aufs Übelste beschimpft" haben, sagen ehemalige Piraten. "Er hat sich selbst isoliert, war in Opposition zu jedem und allem", erinnert sich einer. Die Situation eskaliert, als im Januar Teile der Piraten-Fraktion beantragen, Claus-Brunner aus ihren Reihen auszuschließen. Der Vorwurf: Eine professionelle Zusammenarbeit sei nicht mehr möglich, Beteiligte sprechen von "Paranoia" und "Verfolgungswahn". Am Ende fehlt eine Stimme für den Ausschluss. Faxe bleibt.
Ab diesem Zeitpunkt wird der Streit öffentlich ausgetragen. Claus-Brunner "mobbt mal wieder neue Leute", schreibt Fraktionsmitglied Heiko Herberg im März über den Politiker. Sein Kollege Alexander Morlang ruft Claus-Brunner im Plenum zu: "Geh mal zum Arzt."
In den letzten Monaten vor seinem Tod scheinen beide Wesenszüge des Abgeordneten immer weniger zusammenzupassen. Er ist an Wahlkampfständen präsent, organisiert ein schwul-lesbisches Straßenfest und steckt privates Geld in die Partei. "Er war wie immer", sagt ein Mitglied, "Faxe halt." Auch der Grüne Benedikt Lux, der Claus-Brunner aus dem gemeinsamen Wahlkreis kennt, sagt: "Wir hatten bis zuletzt respektvollen Kontakt." Trotz seines aussichtslosen Listenplatzes sei der Pirat "guter Hoffnung" gewesen.
Ein ganz anderer Claus-Brunner tritt am 23. Juni im Abgeordnetenhaus auf. An diesem Tag hält der Pirat eine düstere Rede, die viele im Nachhinein als Ankündigung seines eigenen Todes verstehen. Das Parlament, sagt Claus-Brunner, werde "für mich am Anfang irgendeiner Plenarsitzung mal aufstehen dürfen und eine Minute stillschweigen". Dann verlässt er das Gebäude rasch. Abgeordnete und Senatoren erkundigen sich nach seiner Situation, ein Fraktionsmitglied informiert den sozialpsychiatrischen Dienst. Doch anscheinend erkennt niemand den Ernst der Situation – oder Claus-Brunner nimmt die Hilfe gar nicht erst an.
Nach Überzeugung mehrerer Weggefährten besteht ein Zusammenhang zwischen dem unberechenbaren Auftreten und der Bluttat. Jahrelang bezeichnete Claus-Brunner den jungen Mann, den er später tötete, in sozialen Netzwerken als "Wuschelkopf". Am 16. September, kurz vor seinem Suizid, veröffentlichte Claus-Brunner ein Foto von L. auf Twitter. "Meine Liebe, mein Leben, für dich lieber Wuschelkopf, für immer und ewig!", schrieb er dazu. Es sollte Claus-Brunners letzte Twitter-Nachricht sein.
Nach Erkenntnissen der Mordkommission hatte der Politiker bereits am Abend zuvor Jan Mirko L. in dessen Wohnung in Berlin-Gesundbrunnen getötet und den Leichnam 15 Kilometer durch die Stadt transportiert, zu seiner eigenen Wohnung.
Zur Beziehung der beiden Männer gibt es unterschiedliche Hinweise. "Jedem Freund ist klar gewesen, dass sein Wuschelkopf für Faxe die große Liebe seines Lebens ist!", twitterte die Bezirksverordnete Jessica Miriam Zinn diese Woche. Frühere Fraktionsmitarbeiter zeichnen dagegen ein anderes Bild. Jan Mirko L. "wollte nie was von Faxe", sagt einer, "es war immer eine unerwiderte Liebe".
Fest steht, dass L. am 27. Juni bei der Berliner Polizei Strafanzeige gegen Claus-Brunner erstattete, wegen "Stalkings/ Nachstellens". Die "Sachverhaltsprüfung" der Vorwürfe sei noch nicht abgeschlossen gewesen, erklärte ein Polizeisprecher nun auf Anfrage. Der Fall sei noch nicht der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Die hätte vor Eröffnung eines förmlichen Ermittlungsverfahrens zudem die Aufhebung von Claus-Brunners Immunität beantragen müssen. Als Mitglied des Abgeordnetenhauses war der Politiker vor Strafverfolgung geschützt.
Dabei soll L. nicht sein einziges Stalking-Opfer gewesen sein. Auch einen anderen Mitarbeiter habe Claus-Brunner gegen dessen Willen mit Liebesbriefen und Pralinen bedrängt, heißt es in der Piraten-Fraktion. "Er stalkte immer mal wieder verschiedene Leute", erzählt ein ehemaliger Pirat.
Am Ende täuschte Claus-Brunner offenbar sogar die Leute, die bis zuletzt zu ihm gehalten hatten. Unheilbar krank sei Faxe gewesen, teilte der Berliner Landesverband nach Claus-Brunners Tod mit. Bei der Obduktion wurden jedoch keine Hinweise auf gravierende, organische Erkrankungen gefunden. Krank muss der andere Claus-Brunner gewesen sein.
Von Annett Meiritz und Sven Röbel

DER SPIEGEL 39/2016
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