24.09.2016

KriminalitätDer Spielmacher

Hunderte Mitglieder der Mafia leben in Deutschland, meist unbehelligt von der Justiz. Vito Zampani zählen die Ermittler dazu. Bislang konnte der Pate von Münster entkommen.
Der Padrino lebt nicht so, wie man es von einem erwartet, der Millionengeschäfte macht. Ein Einfamilienhaus in rotem Klinker, nebenan eine Kirche. Ein Hollandfahrrad mit Einkaufskorb vor der Tür, ein SUV vor der Garage. Nur der Zaun fällt auf, schwarz lackierte Stäbe mit goldenen Spitzen, ein wenig zu mächtig für diese Gegend.
Seit 2001 lebt der Padrino hier, in einem Wohngebiet von Münster, eine Änderungsschneiderei an der Ecke, ein Fotoatelier, für den Kredit des Hauses kam die Sparkasse auf. Das bemerkten die Ermittler vom Polizeipräsidium Münster, Abteilung Organisierte Kriminalität (OK), erst, als sie die Immobilie beschlagnahmen wollten. Sie durften es nicht. Keine Geldwäsche nachweisbar, kein Schwarzgeld, es war wie so oft: Vito Zampani war nicht zu fassen.
Beim Bundeskriminalamt (BKA) gibt es eine Liste, auf der 548 Namen notiert sind. Es sind die Namen derjenigen, die die Fahnder als maßgebliche Mitglieder der italienischen Mafia in Deutschland sehen. Sie sollen der kalabrischen 'Ndrangheta angehören, der Camorra aus Kampanien, der sizilianischen Cosa Nostra, der Sacra Corona Unita aus Apulien. Auf dieser Liste ist auch Vito Zampani eingetragen, der Padrino, wie ihn Eingeweihte nennen. Oder, wie es auf Deutsch heißen würde: der Pate.
Seit 30 Jahren soll er in Deutschland in kriminelle Geschäfte verwickelt sein, so steht es in seiner Akte. Er wurde verdächtigt, an einer großen Kokainlieferung aus Südamerika beteiligt gewesen zu sein, er soll von Münster aus Betrügereien koordiniert, Steuern hinterzogen und Geld gewaschen haben.
Auch in Italien wird seit Jahren gegen ihn ermittelt. Demnächst steht er dort in zweiter Instanz in einem großen Anti-Mafia-Prozess vor Gericht, als einziger Angeklagter aus Deutschland. Im Turiner Verfahren "San Michele" geht es um Erpressung, Wucher, Betrug auf nationaler und internationaler Ebene, um Korruption und um Mitgliedschaft in der 'Ndrangheta. Die 26 Angeklagten sollen unter anderem versucht haben, die Auftragsvergabe beim Bau der Hochgeschwindigkeitsbahntrasse bei Turin zu manipulieren.
Es sind nur Verdächtigungen, denn rechtskräftig verurteilt wurde der Padrino bis heute nur wegen relativ kleiner Delikte: Veruntreuung von Arbeitsentgelt, falsche Deklarierung von Lebensmitteln auf der Speisekarte seines Restaurants, Verstöße gegen die Regeln der Buchhaltung. Das ist der Grund, warum Vito Zampani nur in diesem Artikel so heißt.
Sein Beispiel zeigt, dass die Bundesrepublik beim Kampf gegen die Mafia versagt. Deutschland, so sagte in der vergangenen Woche der Buchautor Roberto Saviano ("Gomorrha") auf einer Veranstaltung in Berlin, sei für Mafiosi "ein Eldorado". Um zu verstehen, was er meint, muss man sich die Statistik ansehen.
Hierzulande werden nicht nur 548 Mafiosi gezählt. Das BKA führt auch eine Liste über 520 islamistische Gefährder. Es gibt demnach mehr Mafiosi als gewaltbereite Islamisten.
Blickt man auf die Zahlen der Strafverfolgung, ist das Verhältnis umgekehrt. Im Jahr 2014, dem jüngsten Zeitraum, in dem die Zahlen ausgewertet wurden, strengten die Staatsanwälte in Bund und Ländern knapp 400 Ermittlungsverfahren gegen Islamisten an. Gegen italienische Mafiosi waren es im selben Zeitraum 13. Man sieht, wo die Priorität liegt.
Ermittlungen gegen die Mafia sind undankbar und aufwendig. Geldströme müssen nachvollzogen, komplexe Firmenstrukturen aufgedeckt werden. Die Mafia von heute ist anders als das, was man aus dem Film "Der Pate" kennt. Keine opulenten Feste, keine Morde der "Ehre" wegen, keine Verfolgungsjagden in malerischen Bergdörfern. Stattdessen nüchterne Wirtschaftskriminalität, organisiert in einem streng hierarchischen System, das bieder wirkt, weil es so gewöhnlich ist.
In Köln sind es Baufirmen, die unterwandert werden, in anderen Regionen der Lebensmittelgroßhandel oder die Gastronomie. Einer Pizzeria sieht man nicht an, ob sie ihrem örtlichen Padrino Schutzgeld zahlt. Bei einem italienischen Feinkosthandel erkennt man nicht, ob dort mit Geld aus Drogengeschäften oder Steuerbetrug Parmesan eingekauft wird.
Anders als Islamisten sind Mafiosi in Deutschland weitgehend unsichtbar. Sie haben es nicht auf Menschenleben abgesehen, aber auf eine Unterwanderung der Gesellschaft. "Die Mafia gefährdet die freiheitlich-demokratische Ordnung deshalb genauso wie der Islamismus", sagt Oliver Huth, OK-Ermittler und stellvertretender Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Nordrhein-Westfalen. Und sie wächst rasant: 2008 zählte das BKA noch rund 250 Mafiosi, nicht einmal halb so viele wie heute.
Polizei und Justiz haben vieles versucht. Allein in Münster ermittelte die Staatsanwaltschaft fünfmal gegen Vito Zampani, in Nürnberg saß er mehrere Monate in Untersuchungshaft und wurde kürzlich verurteilt, allerdings nicht rechtskräftig. Vor allem italienische Ermittler strengten immer wieder Verfahren gegen ihn an, doch am Ende fehlten meist Beweise.
Polizisten und Staatsanwälte wissen auch vieles über die Rolle, die der Padrino innerhalb der 'Ndrangheta mutmaßlich einnimmt, über seine Kontakte zu Clans aus Kalabrien, über seine Strohmänner, die ihm halfen, ein verzweigtes Firmenimperium aufzubauen. Die Ermittler nennen ihn "die Spinne im Netz".
Vito Zampani soll seit den Neunzigerjahren auf Betrug spezialisiert sein. Die vermutete Masche: Zampani findet einen Strohmann, der für ihn eine Firma gründet, meist im Gastro- oder Lebensmittelbereich. Diese Firma bestellt massenhaft Waren aus Italien, zahlt einen Teil an, der Rest soll auf Rechnung beglichen werden. Nachdem die Waren angekommen sind, meldet die Firma Insolvenz an. Der Strohmann verschwindet nach Italien, die Versicherung der Firma entschädigt den Lieferanten. Und Zampani übernimmt die von der Versicherung bezahlten Waren oder kauft die Konkursmasse zum Spottpreis auf.
Kamen ihm die Fahnder bei diesen Geschäften zu nahe, setzte sich Zampani im letzten Moment nach Italien ab und kehrte erst wieder zurück, als seine Taten in Deutschland verjährt waren. "Mafiosi haben die besten Anwälte", sagen mit dem Fall befasste Ermittler, "sie nutzen jede Lücke, sie führen uns an der Nase herum."
Vito Zampani ist mit acht Geschwistern in Crotone aufgewachsen, einer Provinzstadt im Osten Kalabriens. Als er 15 Jahre alt war, nahmen ihn seine Eltern mit nach Deutschland, wo der Vater Gastarbeiter war. Zampani machte eine Ausbildung zum Hotelkaufmann, dann stieg er in den Lebensmittelgroßhandel ein. Vor zehn Jahren heiratete er, er hat zwei Söhne, eine Tochter und pflegt ein bürgerliches Leben in Münster.
Auf dem Send, der großen Kirmes im Münsterland, lässt sich die Familie gern blicken. Vito Zampani fällt auf, weil er so gut gekleidet ist. Nur wenige Vertraute wissen von seiner Vorliebe für teure Autos und guten Wein. In seiner Küche hat er sich eine Glasplatte in den Boden legen lassen, durch die er auf seinen Weinkeller blicken kann.
Als die Ermittler zum ersten Mal dachten, sie könnten den Paten endlich fassen, ging es um eine Menge Holzkohle. Sie stammte aus der Ladung eines Schiffes aus Paraguay, das im Hamburger Hafen festmachte, und tauchte in mehreren Unternehmen Zampanis auf. Da er normalerweise nicht mit Kohle handelte, vermuteten die Beamten eine Tarnlieferung für Kokain. Sie stellten fest, dass einer seiner Geschäftspartner mit Führungskadern eines Drogenrings in Italien kommunizierte, und überwachten die Gespräche. Das Codewort für Kokain war "Barolo", ein Rotwein aus dem Piemont.
Die Polizisten ermittelten, dass der Holzkohlelieferant viele Immobilien und einen luxuriösen Fuhrpark besaß. Sie erfuhren, dass er von Zampani 600 000 Euro forderte, eine ungewöhnlich hohe Summe für zwei Männer, die offiziell nur einen Lebensmittelladen betrieben. Sie verfolgten viele Spuren, doch das Kokain war nicht aufzufinden. Die Ermittlungen gegen Zampani wurden, wie so oft, eingestellt.
Ein anderes Mal erfuhr die italienische Polizei erneut von einer dubiosen Schiffslieferung. Als die MS "Alkman" Anfang 2005 in Rostock festmachte, verwandelten 200 Polizisten den Hafen in eine Hochsicherheitszone. Spezialkräfte gingen in Stellung. Taucher fanden im Zugang zur Motorkühlung drei wasserdichte Säcke, mit Muscheln besetzt und Bleigewichten beschwert. Darin waren 130 Kilogramm Kokain mit einem Reinheitsgehalt von bis zu 89,2 Prozent und einem Wert von zehn Millionen Euro. Doch wem gehörten sie?
Niemand der Verdächtigen ließ sich anmerken, dass der Deal geplatzt war. Auch Vito Zampani ging in seinem Lebensmittelgroßhandel seinen Geschäften nach, als wäre nichts gewesen.
Am 12. Dezember 2006 nahm ihn die Polizei in Münster auf Ersuchen Italiens dennoch fest. In dem 176 Seiten umfassenden Haftbefehl warfen ihm die Ermittler vor, Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein. Ihr Verdacht: Die Truppe führte große Mengen Kokain ein und verkaufte es in Europa; Zampani kümmerte sich dabei um die Geldwäsche. Mit anderen Tätern soll er zu diesem Zweck mehrere Firmen gegründet und mehr als zwölf Millionen Euro erwirtschaftet haben. Weltweit wurden im Rahmen des Verfahrens "Tiro Grosso" ("Großer Wurf") 120 Beschuldigte festgenommen.
Die deutschen Behörden lieferten Zampani nach Italien aus. Doch er kam glimpflich davon und wurde nur mit einem Hausarrest in seiner Heimat Crotone belegt. Es war das alte Problem: Eine Beteiligung an dem Drogengeschäft ließ sich nicht nachweisen. Wenig später war Zampani wieder in Deutschland.
Obschon nicht jede Ermittlung erfolgreich ist, sind die italienischen Behörden wesentlich aktiver als die deutschen, wenn es um die Verfolgung der Mafia in Deutschland geht. Es mag daran liegen, dass das Thema weder in der deutschen Öffentlichkeit noch in der Politik eine große Rolle spielt.
Das Babylon-Kino in Berlin. Der Saal ist gut gefüllt, vor allem Italiener sind gekommen. Der Dokumentarfilm "In un altro paese" ("In einem anderen Land") wird gezeigt. Regisseur Marco Turco erzählt darin, wie die Cosa Nostra Gesellschaft und Staat unterwanderte.
Mitveranstalter des Filmnachmittags ist "Mafia? – Nein Danke!", eine Initiative, die Laura Garavini mit anderen italienischen Auswanderern gegründet hat. Garavini lebt in Berlin, sitzt aber für die Demokratische Partei im römischen Parlament und vertritt sie im Anti-Mafia-Ausschuss. Garavini findet, Deutschland begegne der Mafia noch immer ignorant. "Mich erinnert das an Norditalien vor 30 Jahren", sagt Garavini, "da hieß es auch: Mafia, das ist doch nur der unterentwickelte Süden, hier ist das kein Problem."
In Wahrheit hatten in jener Zeit die süditalienischen Mafiaclans längst ihre Stützpunkte in Mailand oder Turin aufgebaut, meist versteckt hinter einer bürgerlichen Fassade: kleine Speditionen, Baufirmen, Restaurants sowie die eine oder andere Anwaltskanzlei oder Finanzgesellschaft.
Bald wurde Deutschland zu einem wichtigen Rückzugsort der italienischen Mafia. Spätestens 2007 wurde das der deutschen Öffentlichkeit bewusst, nachdem vor einem italienischen Restaurant in Duisburg sechs Menschen erschossen worden waren. Es war eine Blutfehde zweier 'Ndrangheta-Familien. Doch Folgen hatte die Erkenntnis kaum.
2012 veröffentlichte die Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Mailand eine Magisterarbeit zur 'Ndrangheta in der Bundesrepublik. "Ein Expansionsmodell" lautete der Titel, die Bilanz war eindeutig: Deutschland sei einer der "fruchtbarsten Böden" für die Aktivitäten der 'Ndrangheta in Europa, weil die Bedrohung von "Teilen der Zivilgesellschaft komplett unterschätzt" werde und die politische Klasse sie ignoriere.
Der Berliner Rechtsanwalt Klaus Uwe Benneter saß bis 2009 für die SPD im Bundestag und verbringt seine Mittagspause gern in der urigen Osteria Numero Uno in Berlin-Kreuzberg. Benneter war der letzte Politiker, der sich im Bundestag das Thema Mafia zu eigen gemacht hat.
Der Sozialdemokrat organisierte Abgeordnetenreisen zu Anti-Mafia-Staatsanwälten in Kalabrien, Sizilien und Kampanien. Von den italienischen Ermittlern hörten die deutschen Parlamentarier, wie verankert die Mafiaclans bereits in der Bundesrepublik sind. "Da waren meine Kollegen ganz erschrocken", sagt Benneter beim Gespräch in der Osteria. Trotzdem: Der Kampf gegen die Mafia blieb in Deutschland zaghaft.
Erst jetzt plant die Bundesregierung schärfere Maßnahmen. Ein neues Gesetz soll es Richtern erleichtern, Vermögen aus kriminellen Geschäften einzuziehen. Der Nachweis, dass das Geld aus einer konkreten Straftat stammt, soll dann nicht mehr unbedingt nötig sein. Der Entwurf wird im Herbst im Bundestag diskutiert.
Seit Monaten arbeitet die Regierung zudem an einer Gesetzesnovelle, die Geldwäsche in Deutschland erschweren soll. Geld ist die Machtbasis der italienischen Mafia: Mehr als 200 Milliarden Euro setzt sie im Jahr um, schätzt das italienische Außenministerium – doppelt so viel wie BMW.
Die rechtlichen Schritte sind nach Meinung von Experten wie Oliver Huth vom BDK überfällig, doch sie reichen nicht aus. Der Kriminalbeamte fordert ein Gesetz, wie Italien es schon lange hat. Dort macht sich strafbar, wer nur Mitglied in einem Mafiaclan ist, ähnlich wie in Deutschland ein Islamist, der angeklagt werden kann, wenn er zum Beispiel Mitglied des "Islamischen Staates" ist. Erst mit radikalen Veränderungen, glaubt Huth, könne man mächtiger Männer wie Vito Zampani habhaft werden.
Fazio, der nicht Fazio heißt, betreibt ein kleines Café in der Nähe von Münster und kommt aus dem Süden Italiens. Vito Zampani? Klar kenne er ihn, aber – Fazio macht mit der Hand eine typische Omertà-Geste – "darüber spricht man nicht, wer will schon unnötigen Ärger haben".
Wer sich durch die italienische Gastronomie im Münsterland bewegt, stößt immer wieder auf Verwandte von Zampani. Sie betreiben meist Lokale mit italienischer Alltagsküche. Die Restaurantchefs sind verankert in der besseren Gesellschaft. Die einen posieren mit dem örtlichen Sparkassendirektor für die Lokalpresse, die anderen mit dem Tourismuschef.
Italienische Gastronomen ohne Verbindung zu Zampani sehen darin allerdings nur bürgerliche Fassade. Es sei ein "offenes Geheimnis" in der Restaurantszene, sagt einer, dass das Geld für diese Restaurants "von der Mafia aus Kalabrien kommt". Auch die OK-Ermittler der Polizei vermuten das, beweisen konnten sie es bislang noch nicht.
Gegen Vito Zampani allerdings war die Polizei 2012 endlich erfolgreich. Sie erwirkte einen Haftbefehl, Zampani saß fortan in Untersuchungshaft in Amberg. Er hatte einen Fehler gemacht und Menschen vertraut, die ihn verrieten.
Der Prozess vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth begann am 7. Oktober 2013. Die Staatsanwälte warfen Zampani Steuerhinterziehung in 40 und Betrug in fünf Fällen vor. Der Schaden: mindestens zwei Millionen Euro. Die Initiative für die Ermittlungen kam nicht von deutschen Behörden, sondern, wie so oft, von italienischen. Die Polizei aus Alessandria hatte eine EU-weite Betrugsserie aufgedeckt, es ging um Steuerhinterziehung bei alkoholischen Getränken.
14 Mafiosi wurden in Italien angeklagt, Zampani und mehrere seiner Unterstützer in Deutschland. Das Wort Mafia allerdings taucht in der deutschen Anklage nicht ein einziges Mal auf.
Die "Bande" um Zampani, wie sie im Urteil aus Nürnberg genannt wurde, schickte den Feststellungen der Richter zufolge massenweise Lkw mit Wein, Grappa, Amaro oder Wodka von einem Lager in Italien zu einem deutschen Lager in der Nähe von Nürnberg. Dort soll die Ware unversteuert verkauft worden sein.
Zampani, so erzählten es Zeugen der Polizei, sei für die Logistik zuständig gewesen. Manchmal sei er selbst an einem der Lager aufgetaucht, in der Hand einen Stempel, mit dem er die Frachtpapiere manipuliert haben soll. Pro Lkw habe Zampani eine Provision von 18 000 bis 25 000 Euro erhalten. Die überwachten Telefonate, heißt es in dem Urteil weiter, hätten gezeigt, "wie sehr er in die Abläufe involviert war und diese sogar bestimmte". Zampani sei es gewesen, der die Kontakte zu korrupten Zollbeamten hergestellt habe. Die anderen Mafiosi nannten ihn in den Telefonaten deshalb nur "Nr. 10". Beim Fußball ist das oft die Nummer des Spielmachers.
Der Padrino wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er legte Revision ein und musste die Strafe noch nicht antreten.
Der SPIEGEL schickte an Zampanis Anwälte 16 detaillierte Fragen. Weder die Anwälte noch ihr Mandant nahmen zu den Vorwürfen Stellung.
Möglicherweise konnte Zampani bislang auch deshalb der Gefängnisstrafe entgehen, weil den Ermittlern das richtige Werkzeug fehlt. Davon ist OK-Ermittler Huth überzeugt. Neben einer Art Mafiaparagraf im Strafgesetzbuch fordert er, die Beweislast bei der Geldwäsche umzudrehen: Kann ein Verdächtiger die Herkunft seines Vermögens nicht schlüssig darlegen, muss die Justiz es einziehen dürfen. Der Vorschlag der Bundesregierung gehe in die richtige Richtung, aber nicht weit genug.
Vor allem aber müsse die Zusammenarbeit in Europa besser funktionieren, sagt Huth. "Wir brauchen eine europäische Polizeibehörde, die operativ arbeitet und nicht nur koordiniert. Und wir müssen Strafprozessrecht und Strafrecht innerhalb der EU vereinheitlichen."
In Turin, wo im Frühjahr der Anti-Mafia-Prozess "San Michele" begann, erschien Zampani erst gar nicht vor Gericht. Die Staatsanwälte hatten keinen europäischen Haftbefehl beantragt. Sie dachten, der Mann säße nach dem Verfahren in Nürnberg ohnehin in Haft. Am Ende sprachen ihn die italienischen Richter frei, die Indizien für die Mitgliedschaft in der 'Ndrangheta reichten ihnen nicht. Die Staatsanwälte legten Berufung ein, der Prozess geht demnächst in die zweite Instanz.
Der Padrino lebt nun wieder in Münster in seinem roten Backsteinhaus. Das Fahrrad mit dem Korb steht vor der Tür. Ab und an sieht man, wie er in seinen SUV steigt und zum Tanken fährt.

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Von Jörg Diehl, Nadine Jansen, Martin Knobbe und Andreas Wassermann

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