24.09.2016

GlosseHaltet den Roboter!

Weshalb wir uns so gern von technischen Tricks narren lassen
Schon wieder hat er etwas ausgefressen. Diesmal nahm er an einer Demonstration teil. Die Polizei versuchte angeblich, ihn festzunehmen, sogar mit Handschellen – was nicht so leicht ist bei einem Roboter. Gebaut wurde "Promobot", ein Humanoide mit großen Kindchenschema-Augen, von einer Firma im russischen Perm. Eigentlich soll er ja nur als eine Art rollende Litfaßsäule dienen.
Doch der renitente Werberoboter verfügt angeblich über künstliche Intelligenz und fühlt sich daher zu Höherem berufen: Immer wieder tauchen im Netz Videos auf, die seinen Freiheitsdrang belegen sollen. Im Juni büxte er aus dem Labor aus und sorgte für Verkehrschaos, im Juli rollte er durch die Straßen und spielte "Pokémon Go". Im August begann er, seinen Entwicklern Bibelverse zu predigen. Wo soll das enden? Wird Promobot versuchen, in die USA auszuwandern, um amerikanischer Präsident zu werden? Wahrscheinlicher scheint ein anderes Szenario: Im Oktober soll eine neue Version Promobots auf den Markt kommen – und passenderweise sorgen all die netten Anekdoten für kostenlose Werbung.
Die Gaukelei funktioniert, weil wir nicht nur Tiere vermenschlichen, sondern sogar Maschinen. Wir geben unseren Autos Namen und fallen deshalb auch gern auf die immer neuen Geschichten vom anarchischen Roboter herein, der sich selbstständig macht. Promobot steht folglich weniger für künstliche Intelligenz als für menschliche Naivität.
Der technische Taschenspielertrick hat Tradition. Schon vor knapp 250 Jahren zog im Innern des "Mechanischen Türken", eines angeblichen Schachautomaten, ein Mensch die Strippen. Wir lieben solche Geschichten, und zwischen Fakt und Fiktion liegen ja oft auch nur ein paar Generationen. Heutige Schachcomputer sind dem Menschen tatsächlich haushoch überlegen.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 39/2016
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