06.09.1999

Metropole

Labor der Zukunft

Von Leinemann, Jürgen und Schumacher, Hajo

Bonn ist in Berlin angekommen. Noch wissen die Zuzügler nicht recht, wie sie mit der quirligen, unberechenbaren Metropole leben sollen. Sicher aber ist: Die neue alte Hauptstadt ist die Werkstatt, in der schon heftig am Deutschland des 21. Jahrhunderts gebastelt wird.

Weit nach Mitternacht ist es plötzlich so weit: Berlin ist im Netz. Musik, aufgelegt von DJs im Club "Maria am Ostbahnhof", ist samt Bildern weltweit im Internet zu hören und zu sehen.

Vielleicht lauscht und guckt jetzt gerade ein Team von Aktien-Analysten an der Wall Street, eine Horde neureicher indischer Kids aus Bangalore oder ein einsamer australischer Surfer auf der Homepage "betalounge.com", was in dem Berliner Club abgeht.

Die Tüftler der Nacht heißen Ian Raikow, 32, und Ole Lütjens, 32. Dank einer von ihnen entwickelten Hard-and-Software-Technik können nun Freaks in aller Welt, wenn sie denn wollen, den Klängen vom "Ostbahnhof" lauschen. Solche Neuerungen sind es, die Berlin zu einer der aufregendsten Städte der Welt machen werden. In der alten, neuen deutschen Hauptstadt versammelt sich, was man bislang nur in den USA vermutete: Ideen, Hightech, Tempo und manchmal sogar Geld.

Da "basteln Gründer an Entwürfen für die Märkte von morgen und die Techniken von übermorgen", schwärmt Bundeskanzler Gerhard Schröder über die Helden der Hinterhöfe. So wünschen sich Wirtschaft und Regierungschef den deutschen Nachwuchs: kreativ, international und immer vorn - Symbolfiguren der Berliner Republik.

Raikow und Lütjens haben eine Firma mit Sitz in Hamburg und San Francisco. Aber nirgendwo finden sie so gute Voraussetzungen für ihre Kreativität wie im quirligen Berlin. Hier, sagt Lütjens, "triffst du im Moment die meisten verrückten Kreativen". Und darauf sind seine Bekannten aus dem Silicon Valley neidisch. Sie halten Berlin für den "hippsten" Ort der Welt.

Das neue Berlin. Der große Ideologienkampf des 20. Jahrhunderts, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, der hier so schroff und direkt wie nirgends sonst ausgetragen wurde, ist vorbei. Die Stadt ist so plötzlich aus der lähmenden Vergangenheit erwacht, als hätte sie ein Medien-Prinz geküsst. Überall wird an der Zukunft gebastelt. Neue Hauptstadt, neue Regierung, neues Jahrtausend und jeden Tag eine neue Umleitung - in einem Kreis von fünf Kilometern rund ums Brandenburger Tor sucht man vergebens nach Deutschlands trübstem Markenzeichen, dem Stillstand.

Wo sonst Skepsis herrscht, ist hier Aufbruch, wo sonst Lähmung lastet, blüht der Spaß am Neuen, vor allem aber die Lust am Tempo.

Die 669 Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die sich in dieser Woche zur ersten regulären Arbeitssitzung in Berlin versammeln, mögen sich noch ängstigen über den Umzug ins Ungewohnte, den Verlust der Bonner Heimeligkeit. Unsicher und ungewiss gucken sie sich um, was das Neue wohl bringt.

Eine klare Richtung hat die neue Zentrale nicht, aber gewiss ist: Hier beginnt eine Zukunft. Veränderung ist vorerst die einzige Konstante. Vielleicht ergreift die positive Stimmung der Hauptstadt, aus der nach Meinung Restdeutschlands bislang nie Gutes kam, noch die ganze Republik.

Die Neugier auf das Neue ist da - dieses ganz andere Deutschlandgefühl. Als wollten sich die Bürger im Spiegel ihrer Metropole ein Bild verschaffen von sich selbst, strömen sie in diesem Sommer in Scharen herbei und inspizieren ihre Kanzleramtsbaustelle, ihr Bundespräsidenten-Oval und das Sonntagsshopping am Potsdamer Platz. Ist das auch wirklich alles echt, was zu Hause über ihre Bildschirme flimmert?

Täglich bis zu 60 000 Bundesbürger standen in der vorvergangenen Woche geduldig vor dem Reichstag Schlange, um das Parlament zu besichtigen. Bis spät in die Nacht schraubte sich, kilo meterweit sichtbar, eine endlose Prozession aufwärts durch die strahlend helle Kuppel des Reichstagsgebäudes, das seit der Erbauung 1894 "Dem Deutschen Volke" gewidmet ist. Immer ringsherum um den gewaltigen bespiegelten Zapfen zog es die Menschen in die Spitze der Macht, bis ganz oben.

In Berlin können die Deutschen ihren Volksvertretern aufs Dach steigen. Das und der Blick auf die historischen Stätten und die gigantischen Baustellen in der Umgebung verdichten sich zu einem unbestimmten Gefühl von Aufbruch und Stolz.

Schon jetzt ist die Kuppel im Spreebogen zum Symbol der Berliner Republik geworden. Wenn die ach so stabile Deutsche Mark der Inbegriff des Wirtschaftswunderlandes war, dann könnte die transparente Aufwärtsspirale der neuen Hauptstadt Signal sein für das vereinigte Deutschland und seine Suche nach Zukunft.

Wer vom Reichstag über Berlin blickt, bekommt die volle Dosis Metropole. Vor ihm breitet sich - vom Pariser Platz am Brandenburger Tor, dem künftigen Holocaust-Mahnmal und dem Ehrenmal des russischen Soldaten bis zur Siegessäule und der fernen Gedächtniskirche - nicht nur das Panorama der unheilvollen deutschen Geschichte aus. Der Berlin-Besucher sieht auch - vom Potsdamer und Leipziger Platz im Süden, auf dem Areal des Lehrter Bahnhofs in nördlicher Nachbarschaft, am Alexanderplatz im Osten und am Bahnhof Zoo im Westen - eine neue Skyline heranwachsen. Nahezu wöchentlich verändert sich derzeit die Silhouette der Stadt.

Die Nachbarn aus Warschau und Prag werden dieses Berlin, das natürlich immer auch Synonym für Preußen, Hitler, Ulbricht und den Kalten Krieg bleibt, kaum wieder erkennen. Die Stadt, vom deutschen Dogma der Planbarkeit scheinbar wundersam emanzipiert, erzeugt pausenlos neue und außerordentliche Gefühlswallungen.

Nicht, dass der alte Glanz zurückgekehrt wäre, wie es sich die Berliner seit Jahr und Tag von ihren Leierkastenspielern vordudeln lassen. Die einst größte Industriestadt Deutschlands ist nahezu vollständig geschleift. Die Banken bleiben in Frankfurt. Fast jeder sechste Berliner ist arbeitslos. Der Haushalt ist ruiniert und das politische Personal ohne Flair. Und trotzdem: "Berlin liebt dich!", singt das örtliche Trio "Surrogat".

Das neue Berlin ist vor allem ein Lebensgefühl. Die deutsche Demokratie drückt sich ausgerechnet in jenem Spreebogen als Architektur aus, wo Hitlers Baumeister Albert Speer den triumphalen Mittelpunkt seiner Nazi-Hochburg "Germania" gestalten wollte.

Vorhersehbar war das nicht. Der Reichstag, der nach der Machtübernahme der Nazis 1933 abgefackelte Parlamentspalast,

* Interview mit Wolfgang Thierse für das ZDF-"Morgenmagazin".

war nie ein populäres Gebäude, nicht im preußischen und nicht im Weimarer Berlin. Zwar galt die Ruine der Roten Armee 1945 noch als die eigentliche Siegestrophäe bei der Niederringung des Hitler-Regimes, doch im geteilten Berlin der Nachkriegszeit staubte der in den sechziger Jahren rigoros renovierte Bau unmittelbar westlich der Mauer vor sich hin.

Bis Christo und Jeanne-Claude kamen. Wenn es - nach dem Fall der Mauer - einen Moment gab, an dem sich das träge alte, in seine Vergangenheit verstrickte Berlin in eine Stätte der Hoffnung verwandelte, dann waren es diese Sommerwochen 1995. Gegen den Willen von Bundeskanzler Helmut Kohl, aber mit Zustimmung der Mehrheit des Bonner Bundestages verwandelten die Aktionskünstler den zum Umbau vorbereiteten Reichstag mit 100 000 Quadratmetern Silberstoff in ein riesiges Überraschungspaket.

Insgesamt fünf Millionen Besucher feierten Tag und Nacht das glänzende Raumschiff im Spreebogen. Was hernach ausgepackt wurde, das spürten sogar die anfangs skeptischen Berliner, war nicht mehr Ruine, sondern Bauplatz, leere Stelle im Herzen der Stadt, die darauf wartete, mit Sinn aufgeladen zu werden.

Dass Helmut Kohl die Christo-Aktion verteufelte, konnte wohl nicht anders sein. Das war nicht mehr sein Berlin. Dieser aufgekratzten Stadt gehörte die Zukunft, einer Generation, die er nicht verstand und die in ihm weniger einen Politiker als einen altmodischen Onkel sah.

Tränenden Auges hatte der mächtige CDU-Kanzler in der Nacht zum 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag die Deutsche Einheit gefeiert, ein pfälzischer Bismarck, sentimental und ambitioniert. Ihn faszinierte mehr die gebaute Ordnung der alten Preußen-Herrlichkeit, die mit ihrer Säulenpracht wenigstens ein bisschen an London, Paris und vor allem Washington erinnert, als die Aussicht auf eine unfertige, widersprüchliche, laute Metropole, die Berlin jetzt zu werden verspricht.

Helmut Kohl wollte keine "Berliner Republik". Er wollte eine vergrößerte Festspiel-Version des Bonner Alltags, an den sich die Deutschen so gewöhnt hatten.

In Bonn warf sich die Macht im geduckten braunen Kanzleramt aus den Zeiten von Helmut Schmidt den trügerischen Gestus der Bescheidenheit über, dort stand jede Antwort fest, bevor die Frage überhaupt gestellt war, dort versicherte sich das Land, dass alles schon fertig sei.

Alles Vergangenheit. Der historische Zufall, dass sich mit dem Umzug auch ein Generationenwechsel in der politischen Führung vollzogen hat, macht den Aufbruch leichter. "Wir wissen um das, was war", sagt der Bundeskanzler. Aber es hemmt nicht mehr (siehe Seite 44).

"Wenn die Medien künftig von Berlin sprechen, dann ist nicht mehr nur die Stadt gemeint", sagt Schröder ganz unbefangen, "der Name wird eine Kurzformel für die deutsche Politik, so wie es in Bonn war."

So nett wie am Rhein wird es freilich nie wieder. In Bonn bedurfte es schon eines besonderen Geschicks, um nicht an jeder

* Links: am 23. August bei Fischers Amtsantritt in Berlin, mit einem von den dortigen Grünen geschenkten Präsentkorb; rechts: auf dem Weg zur ersten Kabinettssitzung im neuen Kanzleramt, dem mit Arbeiterkampf-Szenarien geschmückten ehemaligen Staatsratsgebäude.

Ecke auf Abgeordnete, Minister und Spitzenbeamte zu stoßen. Im Hauptstadtgewusel gehen die Politiker im Publikum auf. Die Menschen sind nicht mehr "draußen im Lande", sondern gleich nebenan. Das könnte viele an Abstand gewöhnte Regierende verschrecken und verleiten, sich im Spreebogen und den neuen ministeriellen Herrschaftsburgen gegen Leben und Medienneugier zu verschanzen.

Neben den überregionalen Blättern werden täglich zehn lokale Zeitungen, mehr als ein Dutzend Rundfunkstationen und sieben Fernsehsender auf Jagd nach der exklusiven Topstory sein, werden Nebensätze zu Staatsaffären hochpusten.

Schon wird in Parteien, Ministerien und Fraktionen beratschlagt, wie der medialen Hyperfunktion zu begegnen sei. Sicher scheint, dass es jene Transparenz des Politischen, die Architekt Axel Schultes mit seinem durchsichtigen Kanzleramt suggerieren will, in der Hauptstadt nicht geben wird. Wie die Regierenden in Paris, London oder Washington werden auch die Berliner Amtsinhaber weiter nichts sagende Soundbites fallen lassen, noch mehr Events für noch weniger Informationen kreieren und sich zurückziehen hinter elektronische Wachanlagen und gebaute Schlupfwinkel.

Die Hauptstadt-Architektur ermöglicht der Politik auch Flucht vor dem Wähler. Im Reichstag, sagt der Pariser Politologe Alfred Grosser, haben "die Abgeordneten durch Übergänge, durch Untergänge, durch Zwischengänge die Möglichkeit, sich zu bewegen, ohne dem Bürger zu begegnen".

Und auch die zu Bundesministerien umfunktionierten Hitler-Bauten bieten sich als Trutzburgen an. Hinter den dicken Mauern des vormaligen Propagandaministeriums Joseph Goebbels'', das nun zum Arbeitsministerium Walter Riesters wird, in Hermann Görings ehemaligem Reichsluftfahrtministerium - jetzt Sitz des Hans Eichel - lauert die Versuchung, sich den Realitäten zu entziehen.

Doch sobald die neuen Berliner Herren etwa die gemauerte "Gigantomanie" (Eichel) des Göring-Bauwerks an der Wilhelmstraße verlassen, stoßen sie wieder auf das richtige Leben.

Zu laut, zu krass und zu eng drängt sich in Berlin die Großstadt an die Politik heran. Während in Bonn Blumenkübel und Zierhecken das Bild bestimmten, guckt in Berlin die Bildungsministerin Edelgard Bulmahn auf die Straßenhuren an der Oranienburger Straße. Innenminister Otto Schily teilt sich die Einfahrt zu seinem Dienstsitz mit den Einkäufern des benachbarten Supermarkts.

Extreme Erfahrungen allenthalben. Für den ostdeutschen SPD-Abgeordneten Markus Meckel ist sein Gang vom Abgeordnetenbüro Unter den Linden zum Plenum im Reichstag, auch zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, noch täglich mehrmals ein "staunenswerter Übergang von Ost nach West". Drei Minuten zwischen zwei Welten, immer noch.

Die grüne Abgeordnete Margareta Wolf war "tief berührt", als sie am Bahnhof Friedrichstraße von einem freundlichen älteren Herrn angesprochen wurde, der sich als Jude zu erkennen gab und seinen Stolz bekundete über die moderne, lebendige, offene Stadt. Seit 30 Jahren fühle er sich, wie es John F. Kennedy damals formuliert hatte: "Ich bin ein Berliner."

Wenn sich Bürger und Staatsmacht in Berlin näher kommen, ist das eine Chance für die ganze Republik. Denn die Abgeordneten, die sich freuen, noch abends im Kulturkaufhaus an der Friedrichstraße Bücher kaufen zu können, kriegen zugleich eine Ahnung von jener umwälzenden Neuordnung des Lebens, wie sie dem ganzen Land bevorsteht.

Schätzungsweise gerade mal die Hälfte aller Berliner Arbeitsverhältnisse entspricht noch der Legende vom unbefristeten Vollerwerbsjob, den Gewerkschaften und traditionelle Sozialdemokraten aus einer fernen Zeit ins nächste Jahrtausend hinüberretten wollen. Von den vielen anderen, die sich durchschlagen mit zwei, drei, vier Jobs, sind die Politiker mit ihrem 14-Stunden-Tag so weit entfernt wie selten zuvor.

Das aufkommende pulsierende, quirlige Neu-Berlin ist von der alten Tristesse der restlichen Republik nicht minder weit weg. Wen trifft schon das Sparpaket, die Renten- und Steuerreform? Die meisten Mitglieder jener Computerszenen, von deren Pioniergeist Kanzler Schröder schwadroniert, haben in ihrem Leben bislang weder viel Steuern noch Sozialbeiträge bezahlt. Von der staatlichen Wohlfahrt verlangten sie auch kaum etwas. Sparen mussten sie schon immer. "Soziale Gerechtigkeit" halten sie für eine schöne, aber wirklichkeitsfremde Idee.

So tickt die "Generation Berlin", die der Soziologe Heinz Bude in den dynamischen Labors der Postmodernen entdeckt hat. Der "schicksalsfreie Wohlstand" der Bonner Ära werde von einer Phase des "unberechenbaren Schicksals" abgelöst, die Ähnlichkeiten hat mit den zwanziger Jahren. Budes Fazit: "Es wird härter als früher, aber auch spannender."

Damit wird die Bestimmung dessen, was das Neue sein soll, zu einer der Hauptaufgaben der Regierung Schröder. Statt einer "kritischen wird sie eine definitorische Haltung einnehmen müssen", glaubt Forscher Bude. Was heißt soziale Gerechtigkeit, was individuelle Freiheit, was sind Pflichten des Staates und welche fallen dem Bürger zu?

Vom Dogma der Unfehlbarkeit staatlichen Entscheidens wird man Abschied nehmen müssen. Bude erwartet "vermehrtes Denken in Optionen und Experimenten unter bewusster Inkaufnahme gelegentlichen Scheiterns". Das wäre der wahre Ruck, den Ex-Präsident Roman Herzog immer gefordert hatte.

Und der Staat? Welcher Staat überhaupt? In das Leben der meisten Menschen mischt er sich im Übermaß. Aus dem anderer klinkt er sich aus.

Es gehört zu den zahllosen Paradoxien der Stadt, dass der lebendigste Flecken der Republik immer noch den Status quo verteidigt und vom grauesten Personal verwaltet wird. Der antiquierte Wahlkampf zwischen den Beharrungskünstlern Eberhard Diepgen (CDU) und Walter Momper (SPD) gibt sich zwar poppig als Show-Wettlauf zwischen Ebi, dem Jogger, und der Glatze - diesmal ohne roten Schal.

Doch die Wiederauflage der Rivalität aus der grauen Vorzeit, als noch die Mauer stand, ist bizarr. Im Berliner Wahlkreis Mitte/Prenzlauer Berg, in dem das Regierungsviertel liegt, gaben bei der Bundestagswahl 27,5 Prozent dem SED-Erben Gregor Gysi und seiner PDS die Stimme.

Das globalisierte Berlin, viel zu unordentlich für eine deutsche Stadt, beherbergt heute eine große, zufällige Zahl von Stämmen, die ziemlich friedlich nebeneinander an den Baugruben vorbei balancieren. Der Mix entfaltet eine anregende Kraft, doch gute Nerven braucht man auch.

Nicht nur zwei deutsche Gesellschaften muss die 3,4-Millionen-Stadt aushalten, die sich zehn Jahre nach der Einigung gewiss nicht herzlicher zugetan sind als davor. Eine dritte Gesellschaft von fast einer halben Million nichtdeutscher Bürger kommt dazu.

Am 30. Juni dieses Jahres waren laut Statistischem Landesamt in Berlin 132 306 Türken, 27 970 Polen, 10 059 Amerikaner, 6895 Iraner, 7035 Libanesen, 8111 Vietnamesen, 67 683 Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, 14 289 Russen und Ukrainer, 14 518 Afrikaner, 18 Turkmenen und 11 012 Menschen ungeklärter Herkunft gemeldet.

Die Illegalen mitgerechnet, dürften es noch mal so viele sein. Zuweilen liest sich der Polizeibericht wie eine Multi-Kulti-Parodie: "Wedding - Durch die Aufmerksamkeit eines Iraners konnten zwei Algerier gestellt werden. Diese hatten einer Mongolin unbemerkt die Geldbörse gestohlen."

Politisch klingen die Floskeln von der "Menschenwerkstatt" Berlin und der Drehscheibe zwischen Ost und West sehr

* Mit Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen.

gefällig. Aber in der neuen Hauptstadt kreuzen sich eben auch die Wege der Geheimdienste, der Drogen- und Waffenschieber, hier schlagen sich die Schwarzarbeiter aus Osteuropa durch - und jeder hat seine eigene kleine Welt.

Toleranz, auf Kirchentagen oft eingefordert, wird in Berlin überlebensnotwendige Praxis. Zwei maßgebliche Strömungen der Postmoderne, die Angst vor den Fremden und die Lust am Fremden, wechseln in der Hauptstadt derart schnell, dass sich Hass bisher nicht zur politischen Haltung verfestigen konnte. Rechte Parteien hatten in Berlin, wo jeder siebte keinen deutschen Pass hat, bislang kaum eine Chance.

Dafür wächst die Attraktivität des neuen Berlin weltweit. An jedem Wochenende wird die Vielfalt noch um hunderttausende zusätzlich bereichert - 400 000 kamen zur Homosexuellen-Parade am Christopher Street Day, 1,5 Millionen verspaßter Kids zur Love Parade. Hier, vermuten immer mehr Neugierige aus allen Teilen der Republik und den Nachbarländern, geschehen Dinge, die sie zu Hause nicht erleben. Mehr als 8000 Bonner, bislang gewohnt, sehr wichtig zu sein, fallen nicht weiter auf. Und sie wissen auch noch gar nicht, wie sie mit dieser Stadt zurechtkommen sollen.

Nichts leichter, als diesen kulturellen Boom, dieses Multi-Media-Lebensgefühl mit tristen Statistiken zu widerlegen oder bitter zu verhöhnen. Denn bis in die Wohnbezirke in Kreuzberg, bis nach Neukölln oder nach Hellersdorf ist der Aufbruch nicht gekommen. Armut, Bildungsnot und ein hoffnungsloser Rückstand in Sachen Zukunft bleiben Berlins Alltag. So ist die Stadt vor allem eine Projektionsfläche für Wünsche und Erwartungen, eine Stadt im Futur.

Aber die Aufbruchssignale zu überhören und zu übersehen ist schwer: So undeutsch optimistisch scheinen sich Tüftler und Taugenichtse, Kapital-Youngster und Künstler, Ossis und Wessis, Deutsche und Ausländer insgeheim darauf verständigt zu haben, auf den Brachen der Nachwendezeit die Zukunft möglichst groß, lärmend und schnell anzuschieben.

Nichts, was derzeit in dieser Hauptstadt im Umbruch abläuft, taugt als direktes Vorbild für Feuchtwangen oder Buxtehude. Und doch hat die Stadt als Versuchslabor für überfällige Veränderungen in der gelähmten Republik eine neue, wichtige Rolle. "Berlin ist deutsch-deutsche Übergangsgesellschaft en miniature", sagt der Historiker Karl Schlögel, "die Folgen des weltgeschichtlichen Wandels vollziehen sich in nächster Nachbarschaft."

JÜRGEN LEINEMANN, HAJO SCHUMACHER

* Interview mit Wolfgang Thierse für das ZDF-"Morgenmagazin". * Links: am 23. August bei Fischers Amtsantritt in Berlin, mit einem von den dortigen Grünen geschenkten Präsentkorb; rechts: auf dem Weg zur ersten Kabinettssitzung im neuen Kanzleramt, dem mit Arbeiterkampf-Szenarien geschmückten ehemaligen Staatsratsgebäude. * Mit Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen.

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