06.09.1999

Kanzler

Das Neue ist die Größe

Von Leinemann, Jürgen

Bundeskanzler Gerhard Schröder ist "glücklich" in Berlin. Er liebt das Tempo von heute und die Erfolgsmythen von gestern. Die Dynamik der Stadt soll seiner Politik Auftrieb geben. Von Jürgen Leinemann

Schlossplatz Nr. 1, eine Adresse wie aus dem Monopoly-Spiel. Gewinner ist Gerhard Schröder, Bundeskanzler, der in einer Baracke am Rande eines dörflichen Fußballplatzes aufwuchs. Vor einer halben Stunde ist er eingezogen ins ehemalige Staatsratsgebäude der DDR, jetzt steht er hinter der mächtigen Panzerglasscheibe seines provisorischen Büros in Berlin und blickt mit fast kindli-

* Ende August mit Ehefrau Doris bei einer Stadtrundfahrt am Brandenburger Tor.

cher Freude über die weite wüste Brache, auf der einmal das Palais der Hohenzollern gestanden hat. "Berlin", sagt er, "fand ich immer schon doll."

Gewiss, wenn da das Schloss stände, mit seinen Türmen, Giebeln und Portalen, das würde ihm noch besser gefallen als der Blick auf den bräunlich-trüben Torso des abgewrackten Palastes der ehemaligen deutschen Republik Ost am Rand des Platzes. Das sagt er auch an diesem Tag ganz unverhohlen.

Um Schönheit geht es ihm dabei nicht. Letztlich ist es ihm auch egal, dass die Berliner frischgrünen Rollrasen in sein Blickfeld drapiert und eine Baumreihe gepflanzt haben, wo einst das Schloss stand. Schröder braucht keine ondulierte Natur, die langweilte ihn schon in Bonn.

Ihn reizt der leere Platz. Auf dem könnte man was machen. Warum nicht wieder ein Schloss? Über Drahtzäune, Bretterwände und Steinhaufen hinweg schweift der Blick hunderte von Metern bis zum barocken Zeughaus, den Säulen des Alten Museums und dem wilhelminischen Schwulst des Berliner Doms.

Der Mann am Fenster kann sich nicht satt sehen an dieser chaotischen Stätte. "Glücklich" fühlt er sich. Es ist, als ob er Energie aus den Schründen des Platzes ansauge. Es geht nicht um die Welt der Markgrafen, Kurfürsten, Kaiser und Könige, die einst den Ort bevölkerten. Ihn fasziniert, dass Touristen winken, Arbeiter herüberstarren, Autos vorbeirauschen. Leben, Abwechslung, Bewegung. So hat er sich die neue Hauptstadt vorgestellt. Und er mittendrin. "Es ist ja nicht so sehr der Ort, der für mich Berlin ausmacht", sagt er, "es ist das Tempo."

Dass der Kanzler, dessen Amtssitz für das neue Jahrtausend noch nicht fertig ist, Unterschlupf findet in Erich Honeckers altem Herrschaftsgebäude, das längst museal verstaubt ist, beschäftigt Schröders Phantasie nicht wegen irgendwelcher historischer Delikatessen - Geschichte ist ihm piepe, wie die Berliner sagen. Ihn törnt das Unfertige an, der Um-, Ab- und Aufbruch.

Links hämmern die Handwerker an Joschka Fischers Außenamtsneubau, der sich mächtig vor Hjalmar Schachts Nazi-Reichsbank auftürmt. Rechts rattern Saugrotoren, die den "Palazzo Prozzo" der einstigen Arbeiter-undBauern-Macht vom Asbest befreien und zum Skelett abtakeln. Arbeitsalltag. Und zugleich ein aufdringliches Gleichnis für das Drama der Macht - Triumph und Verfall, live aus Berlin.

Der Kanzler, dem bis zu seiner Ankunft wahrlich wenig Erfolg beschieden war, scheint aufzuleben im neuen Ambiente. Die aggressive Dynamik der Stadt inhaliert er wie eine Droge. Seine Instinkte reagieren präziser, als er mit Worten auszudrücken vermag. Fast unwillig fährt seine Hand über eine Büste Willy Brandts, die neben ihm am Fenster steht, den Blick auf seinen Schreibtisch gerichtet. "Den will ich austauschen", sagt er abrupt.

Es ist aber nicht "der Alte", der den politischen Enkel stört, es ist die behäbig pausbäckige Version eines jungen melancholischen Willy. Im Parteivorstand suchen sie jetzt einen Brandt nach seinem Geschmack. Kraftvoll und voller Spannung sollte die Büste sein, zu allen dreien müsste sie passen, lässt Schröder durchblicken: zu Willy, zu Berlin und zu ihm.

In der lokalen Presse wird Gerhard Schröder in den folgenden Tagen wahrgenommen, wie er es gern hat: als Berühmtheit zwar, aber als eine wie du und ich. Umgekehrt lässt sich gewiss nicht sagen, dass der Zugereiste aus der Provinz sich der alten Reichs- und neuen Bundeshauptstadt Berlin mit besonderer Ehrfurcht genähert hätte. Als handele es sich quasi

* Oben: mit Ausblick auf das Reichstagsgebäude; unten: im Dezember 1918 bei der Begrüßung von Frontsoldaten aus dem Ersten Weltkrieg.

um eine Begegnung von Gleich zu Gleich, turtelt er mit der Stadt herum.

Berlin und er brauchten sich nicht zu suchen, um sich zu finden, heißt die Botschaft, in Wahrheit sind sie von gleicher Art. So energiegeladen und respektlos, so showgierig, zäh und rüde, so stillos und erfolgsbesessen, auftrumpfend und zugleich unaufgeblasen wie diese Stadt sieht Schröder sich auch. Was Theodor Fontane 1870 über den Berliner Ton geschrieben hat, gilt ohne jeden Abstrich für Gerhard Schröder heute: "Offen sein, wahr sein. Dahinter verbirgt sich viel Schlauheit." Und die hat Methode.

Macht braucht und schafft Distanz. Das gilt für Monarchien und Diktaturen wie für demokratische Systeme. Die Kanzler der Bundesrepublik, von Adenauer bis Kohl, auch die Sozialdemokraten Willy Brandt und Helmut Schmidt, wussten im näheseligen Bonn durchaus auf Abstand zu halten.

Schröder hatte damit Schwierigkeiten. Einerseits nervte ihn "dieses enge Aufeinandersitzen", das dazu führte, "dass jeder von jedem etwas wusste". In Berlin, glaubt er, "wird man sich mit anderen Dingen auseinander setzen müssen als mit der Frage, wer wann vom Unterabteilungsleiter zum Abteilungsleiter befördert werden wird und welche Gründe das wohl haben könnte".

Andererseits war es ihm lästig, sich in seinem Kanzleramt im schönen Bonner Park vor solchen Klüngeleien zu verstecken, an denen er ja als junger Abgeordneter reichlich beteiligt gewesen war. Schröder braucht Öffentlichkeit als Bühne. Er muss raus. Sehen und gesehen werden, nicht nur im Wahlkampf.

Am Tage seiner Ankunft in Berlin strebte der Kanzler, kaum hatte ihn der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen mit einer Marzipantorte und süßlichen Reden im Hof des Staatsratsgebäudes begrüßt, zielstrebig durch die Halle seines neuen Amtssitzes zur Vordertür, wo sich Berliner Bürger und Touristen die Nasen an der Glasscheibe platt drückten. Macht mal auf. Händeschütteln. Lächeln. Triumphale Selbstbestätigung.

Einen Tag später, als ihn am Brandenburger Tor Berlin-Besucher mit "Gerhard"-Sprechchören feierten, drehte er sich triumphierend zu den Journalisten um: "Also, irgendwie haben die Meinungsumfragen nicht Recht."

Seinen von Diepgen erwarteten "Beitrag zur Identitätsfindung der Stadt" blieb Schröder zunächst allerdings schuldig. Im Gegenteil - er bewegte sich auf seinen "Entdeckungsreisen" durch die Stadt wie jemand, der umgekehrt von Berlin Anregungen zur eigenen Rollenfindung erhofft.

Der Kanzler spielte ein bisschen Staatsmann und ein bisschen Tourist, gab ein wenig den Wahlkämpfer und auch den Geschäftsreisenden, der im ersten Haus am Gendarmenmarkt wohnt und sich nebenan zum Arbeitsessen verabredet, mit Rotwein und Zigarre. Dass Walter Momper, der SPD-Bürgermeister-Kandidat, zu einer Stadtrundfahrt die Schröders mit den Worten willkommen hieß: "Ich begrüße Doris und den Bundeskanzler", machte die Undeutlichkeiten unfreiwillig kenntlich.

Gerhard Schröder selbst irritiert sein schillerndes Bild nicht im Geringsten. Im Gegenteil - er fühlt sich mit seiner Lässigkeit, einer ebenso demonstrativ zur Schau getragenen wie tatsächlich genossenen Entspanntheit, in Berlin richtig. Ob im Reichstag oder am Brandt-Grab, beim Zwetschgenkuchen im Garten mit Genossen oder winkend auf der Friedrichstraße - immer hat er den passenden Ausdruck im Gesicht. Er weiß instinktsicher, wann er grimmig gucken und kantig aussehen muss, wann sein Tonfall besser bescheiden unwissend und charmant neugierig ist, wann ruppig und kalt.

Hat er Visionen, wenn er durchs Brandenburger Tor fährt? Fühlt er sich ein bisschen wie Wilhelm Zwo, der einst hier durchritt? "Nee, nee. Ich kann ja nicht reiten." Auch sind Uniformen und mit Federbüschen verzierte Helme wirklich nicht seine Requisiten der Macht.

Das Deutschland, von dem Schröder an der Spree schwärmt, wenn er über Vergangenheit redet, ist keine politische Größe: Sein historisches Berlin ist eine vage kulturelle Zauberformel, nostalgisch verklärte Beschwörung der "Goldenen Zwanziger", mehr Stimmung als Realität, Selbstanfeuerung zwischen historischen Kulissen. Irgendwie ändert sich alles, nur Berlin bleibt doch Berlin. Und Schröder Kanzler.

Schon jetzt ist absehbar, wie der Neu-Berliner Regierungschef den bunten Hintergrund der Metropole, die kulturellen und sozialen Umbrüche und Übergänge, den Glanz von damals und den Flitter von heute, zu einer neuen Inszenierung seiner Person benutzen wird.

Die Politiker werden sich hier ändern müssen, glaubt er, die "kulturelle Vielfalt der Stadt, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen" zwingen der Politik einen veränderten Stil auf. "In Berlin wird die Dynamik sichtbar, die in unserem Lande steckt", sagt Schröder. Und keine Frage, er wird sie verkörpern.

Schröders Herrschaftsinsignien sind Mikrofone und TV-Kameras, in die er seine Einschätzungen locker hinein sagt. Mag er auch noch so sehr tun, als sei er eins mit seiner Umwelt, Gerhard Schröder ist sich immer bewusst, dass diese Gemeinsamkeit künstlich ist. Er ist der Star, ist zugleich Inhalt und Verkäufer seiner Politik, die als permanente Vorabendserie verabreicht wird: "Unter den Linden" - statt "Lindenstraße".

Säkularer Kult. Der Kanzler als poppigprofaner Ersatzheiliger. Das mochte harmlos, ja liebenswert provinziell wirken vor dem Hintergrund der rheinischen Idylle. Aber mit den historisch unheilvoll aufgeladenen Bildern der ehemaligen Reichshauptstadt im Hintergrund, könnte das Schröder-Bild leicht bedrohliche Züge kriegen. Vor allem, wenn das Geschrei nach "kraftvoller Führung" und "Machtworten" zunimmt und er selbst den Deutschen flott die "Normalität" einer "erwachsenen Nation" bescheinigt, die schon mal wilhelminisch kräftig das Wort führen darf. Was neu sein wird in Berlin, hat Schröder vor seinem Umzug gesagt, "ist Größe. Das Deutschland ist größer geworden".

Ist das die Sprache der "Berliner Republik"? Der Kanzler offenbart eine Unbefangenheit gegenüber der deutschen Geschichte, die einen das Gruseln lehren könnte, stünde dahinter eine andere Person. Für das Nachkriegskind Schröder indes ist der Frieden in Europa so sehr eine Selbstverständlichkeit, dass ihm der Gedanke an ein neues deutsches Vormachtstreben gar nicht kommt. Die Konkurrenz-Generation der Enkel findet ihren robusten Redestil einfach "modern".

Als Walter Momper bei einer Stadtrundfahrt dem Kanzler die Siegessäule auf der Straße des 17. Juni erklären wollte - "Die erinnert an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71" - fragte Schröder fröhlich: "Gewonnen?" "Ja." Na bitte, signalisierte da die Mimik des Neu-Berliners, es geht doch.

Ein Tabubruch? Helmut Kohl wäre schockiert gewesen. Genau solche Reaktionen will Schröder provozieren. Für ihn ist die Nachkriegszeit endgültig vorbei, das tragische Geschichtspathos seines Vorgängers hat sich überlebt. 70/71? Ein Krieg von anno dunnemals. Schröder redet darüber wie über ein Fußball-Länderspiel.

In einer Mischung aus Unschuld und Provokation steht er zu seiner Gleichgültigkeit gegenüber der Vergangenheit. "Ich bin schließlich nicht Willy, der das alles miterlebt hat", pflegt sich das Nachkriegskind Schröder zu rechtfertigen, als könne er sich damit aus der Verantwortung für die deutsche Geschichte herausstehlen.

Warum sollte es ihn beeinflussen, wenn er Deutschland aus historisch kontaminierten Gebäuden regiert? Im Staats-

ratsgebäude empfindet er nichts, selbst in Hitlers Reichskanzlei, stünde die noch, wäre er wohl eingezogen. "Das zwingt doch auch zur Erinne-

* Oben: Ende August im Garten von SPD-Bürgermeister-Kandidat Walter Momper; unten: in Berlin-Dahlem.

rung und zur Auseinandersetzung mit dem Teil der deutschen Geschichte, der mehr als unglücklich gelaufen ist."

Nein, Schröder ist weder Willy Brandt noch Wilhelm Zwo. Er hat kein geschlossenes Weltbild und keine reflektierte Sicht auf die Geschichte. Sein postmoderner Politikstil benutzt Sprachbilder und Beispiele aus der Historie unbekümmert um ihre emotionale Aufladung.

Vor zehn Jahren hat Friedrich Dürrenmatt "Deutschland" einen Begriff genannt, "den es nur noch in der Erinnerung gibt, in der Nostalgie, im Sentimentalen, in der Vergangenheit endlich". Mit dem Umzug nach Berlin und der Diskussion um die "Berliner Republik" ist er zurückgekommen, und Schröder, der Enkel, verwendet ihn ohne Zaudern: "Das Deutschland, das wir repräsentieren, wird unbefangen sein, in einem guten Sinne vielleicht deutscher sein."

Jeden Umzugsgegner, der Berlin als Stätte unheilvoller Wiedergeburten beargwöhnt, müssen solche Sätze alarmieren. Denn aus ihnen scheinen die Geister des preußischen Zentralismus und die wilhelminischer Großmannssucht zu sprechen, die angeblich noch hinter Säulen und Fassaden in mächtigen Gebäuden lauern.

Ist nicht schon jetzt der freie Atem des Bundestags hinter den klotzigen Mauern des Reichstages schwächer geworden? Mit schwarz-rot-goldenen Kordeln versuchen sie die Journaille auf Distanz zu halten. Undenkbar in Bonn. Freilich auch erfolglos in Berlin, bis jetzt.

Und wird nicht auch dieser Kanzler künftig aus einem Amt regieren, dessen pathetische Machtgeste sich im Rohbau provokant ausnimmt? "Ein bisschen arg monumental" findet auch Schröder das Bauwerk. Von der Qualität und den Plänen seiner Schöpfer Axel Schultes und Charlotte Frank ist er beeindruckt, zumal das künftige Berliner Kanzleramt deutlicher auf Öffentlichkeit angelegt ist als das Bonner. Trotzdem: "Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich gesagt: Haben Sie es nicht ein bisschen kleiner?"

Wahr ist wohl, dass kein sozialdemokratischer Kanzler sich getraut hätte, so klotzig Staat zu machen, auch Schröder nicht. Es war Helmut Kohl, der erregt die Pläne der Architekten verwarf, das Kanzleramt ästhetisch und räumlich an die Bundestagsbauten anzuhängen, gleich hoch. Er wolle "einen Solitär", polterte er, doppelt so hoch wie vorgesehen und in klarem Abstand zu den Parlamentsbauten.

Jetzt hat ihn Schröder, der seinem Einzug mit gemischten Gefühlen entgegensieht: "Je mehr er Gestalt annimmt, um so mehr haut es einen um."

* Ende August mit Ehefrau Doris bei einer Stadtrundfahrt am Brandenburger Tor. * Oben: mit Ausblick auf das Reichstagsgebäude; unten: im Dezember 1918 bei der Begrüßung von Frontsoldaten aus dem Ersten Weltkrieg. * Oben: Ende August im Garten von SPD-Bürgermeister-Kandidat Walter Momper; unten: in Berlin-Dahlem.

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