06.09.1999

ArchitekturMetamorphose der Metropole

Berlin, die Baustelle der Nation, sucht zwischen Vergangenheit und Zukunft eine neue Identität. Neben der Einheitsware der Investoren-Ästhetik entstehen auch eigenwillige Meisterwerke. Von Jürgen Neffe
Einmal mehr erhebt sich diese Stadt über ihre Vergangenheit. Auf der Suche nach einer Identität und gefangen im eigenen Mythos, der ohnehin nie mehr war als eine Metapher für unbestimmte Sehnsüchte, durchlebt Berlin seine Metamorphose zur europäischen Hauptstadtmetropole im Taumel zwischen Befreiung und Niederlage.
Wenn es stimmt, dass "eine Stadt", wie Wolf Jobst Siedler in seinem 1998 erschienenen Buch "Phoenix im Sand" anmerkt, "die steingewordene Gesellschaft der in ihr Lebenden" ist, dann ist Berlin das deutsche Troja, in dem die Schichten der Geschichte offen zu Tage liegen. Aus fast allen historischen Phasen sind zumindest Fragmente erhalten, Ruinen hier, restaurierte Bauten dort. Triumphe und Desaster spiegeln sich im Stadtbild wider. Die ganze Verwirrung der Welt im 20. Jahrhundert, auch sie gebündelt in dieser Stadt. Doch so gut sie ihr Woher kennt, so schwer tut sie sich nach wie vor mit dem Wohin.
Über diese Frage entlud sich der Berliner Architekturstreit, ein ideologischer Grabenkrieg, wie ihn die Republik in Sachen Städtebau noch nicht erlebt hat. In der seit 1993 äußerst polemisch geführten Debatte über den Neuaufbau der Hauptstadt standen sich die Vertreter des progressiven Bonn unter Berufung auf die neue, helle Architektur des Plenarsaals von Günter Behnisch und die konservativen Wahrer der traditionell steinernen Architektur Berlins gegenüber. Es ging darum, ob Avantgarde und Experiment die baulichen Formen bestimmen sollten oder "neue Einfachheit" und "preußischer Stil", ob geschwungene Form und Leichtigkeit aus Glas und Stahl oder Disziplin, Geradlinigkeit, Schwere und Solidität sich durchsetzen könnten.
Das Unglück der von Widersachern als "Blockwarte" verhöhnten Traditionalisten: Sie zogen aus der richtigen Analyse die falschen Schlüsse. Da sie die Bauverbrechen, von der Nachkriegszeit bis in die siebziger Jahre, nicht wiederholen wollten, entzogen sie der modernen Architektur und ihrem Formenkanon generell das Vertrauen. Gleichwohl behielten die Verfechter der "Europäischen Stadt" die Oberhand - was den Büros ihrer Propagandisten wie Oswald Mathias Ungers, Jürgen Sawade, Josef Paul Kleihues und Hans Kollhoff einträgliche Aufträge bescherte.
Die von ihnen geforderte "kritische Rekonstruktion" der Stadt mit einheitlicher Traufhöhe und geschlossener Blockbebauung auf altem Grundriss wurde als neue Berliner Baupolitik von der Verwaltung streckenweise mit eiserner Hand durchgesetzt - und zwar nirgendwo so konsequent wie in der Friedrichstadt, dem Viertel zwischen Brandenburger Tor und Gendarmenmarkt, Unter den Linden und Checkpoint Charlie.
So richtig es war, gerade dort Wildwuchs zu verhindern und das Gedächtnis des historischen Kerns zu bewahren, so fatal nehmen sich die Resultate von städtebaulicher Planwirtschaft und ästhetischen Säuberungskampagnen nun aus. Nicht Bauherren, die neben ihrem Geld auch ein wenig Stolz in die Gestaltung von Gebäuden stecken, haben die meisten der neuen Baukörper errichtet, sondern Investorengemeinschaften, die sich für Renditen interessieren, nicht für das Gesicht einer Siedlung. Zwar ließen sich namhafte Baumeister aus der ganzen Welt gewinnen, doch unter dem Druck der strengen Vorschriften und vor allem dem Zwang, maximale Nutzflächen zu erzielen, lieferten die Koryphäen Architektur von der Stange, kalt und charakterarm.
Das Bild, welches Friedrichstraße und Umgebung heute abgeben, straft das Konzept der kritischen Rekonstruktion Lügen. Formalitäten wie alte Straßenführung oder maximale Gebäudehöhe können allein den Geist einer Gegend, ihre Vitalität und Vielfalt nicht wiederbeleben. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in der Straße mehr Lokale als Hausnummern. Ein Häuserblock war selber ein Stück Stadt, das aus einer Vielzahl unterschiedlich bebauter Parzellen bestand. Jede Fassade war anders beschaffen, die Häuserhöhen variierten.
Da der Senat in Aufbau-Eile allen Warnungen zum Trotz oft ein ganzes Straßenkarree nur einem Bauträger überließ, ist die Parzelle heute verschwunden - der gesamte Block ist nun das Gebäude. Mögen diese in ihrem Innern teilweise auch ansprechend gestaltet sein - die Außenhäute mit ihren notorischen Steintapeten aus vorgehängtem Travertin, Granit oder Sandstein in nichts sagender Repetition immer gleicher Raster könnten von den Programmdisketten für Fassadengestaltung stammen, wie sie die Flachglasindustrie an ihre Kunden verschickt. Selbst die noch zu DDR-Zeiten entstandenen historisierenden Plattenbauten am Gendarmenmarkt machen gegen die Konsum- und Büroklötze keine schlechte Figur.
Aldo Rossi versuchte im "Quartier Schützenstraße", wenn auch puppenstubenhaft verspielt, gegen den Trend anzubauen und die frühere Struktur der Friedrichstadt aufzugreifen. Seinen Block hat er konsequent wieder in teilweise äußerst schmale Parzellen zerlegt und collagenhaft mit unterschiedlichen Haustypen bebaut. Deren oft übertrieben wirkende Farbigkeit, ein Markenzeichen des Italieners, lässt das Ensemble allerdings mitunter wie eine Persiflage wirken - kitschige statt kritische Rekonstruktion.
Überzeugender gelingt den Ost-Berliner Architekten Götz Bellmann und Walter Böhm, Rossis früheren Mitarbeitern, im "Neuen Hackeschen Markt" unweit des Alexanderplatzes eine Rückbesinnung auf den traditionellen Städtebau. Ihr Spiel mit der Kleinteiligkeit innerhalb dieses in acht Vorderhäuser gegliederten Komplexes mit unterschiedlichen Dächern, Farben, Geschoss- und Traufhöhen fügt sich mit geschickter Vermischung von Läden, Kneipen, Büros und Wohnungen bestens in die enorme bauliche Dichte der Gegend, die ganz Schnelle schon zum Soho Berlins erklärt haben.
In der Friedrichstadt dagegen findet solche Differenzierung vor allem unter der Erde statt, in den Kellern jener drei monumentalen Quartiere, die zu den "Friedrichstadtpassagen" verbunden sind. Gleichsam als Kompensation für die Deckelung himmelwärts setzen sich etliche Häuser des Viertels unterirdisch über drei bis fünf Tiefetagen fort - in der Gesamtheit mit zwei Sockel-, vier Ober- und zwei bis drei Staffelgeschossen nichts anderes als eingegrabene kleine Hochhäuser.
Die zur "Flaniermeile" hochstilisierte Friedrichstraße, die sich in puncto Urbanität mit dem Kurfürstendamm im Westen nicht messen kann, zerrt ihre Passanten in die Tiefe. Statt Urbanität zu schaffen, wie sie die Gegend um den Zoo auszeichnet, wird hier die Idee von der Shopping Mall auf grüner Wiese in verfeinerter Form in die Tiefe der Stadt transformiert.
Dagegen herrscht selbst in der neuen Daimler-Stadt am Potsdamer Platz trotz ihrer missglückten Shopping-Arkaden seit dem Eröffnungstag quicklebendige Aktivität. Dort haben Kinos, Kasino, Musical, Geschäfte, Gaststätten und Hotel bei hoher Bürodichte offenbar die richtige Mischung und kritische Masse für Magnetwirkung erreicht. Das ist vor allem dem italienischen Stararchitekten Renzo Piano zu verdanken. Mit der scheinbaren Leichtigkeit seiner voluminösen Bauten und seinen mediterran anmutenden Plätzen und Innenhöfen ist es ihm gelungen, dem steinernen Berlin eine fast heitere Note zu geben.
Rund um den Potsdamer Platz lassen sich Mirakel und Debakel der jüngsten Berliner Gründerzeit in direkter Nachbarschaft in Augenschein nehmen. Mehr als sechs Millionen Menschen haben die rote "Info-Box" auf dem Leipziger Platz bislang aufgesucht, um draußen den Baufortschritt und drinnen die fertigen Viertel per Computer-Animation zu begutachten. Ein herber Verlust für Berlin, wenn diese architektonische Einmaligkeit Ende nächsten Jahres ihren Dienst getan haben und abgerissen werden wird.
Der Blick von deren Dachterrasse macht in der Praxis deutlich, worum es im Architekturstreit noch theoretisch ging: Gleich im Süden entstehen nach den Plänen von Giorgio Grassi die "Park Kolonnaden", ein disziplinierter Riegel gleichförmiger düsterer Bauten in roter Backsteinverkleidung. Der Mailänder hielt sich streng an die Vorgaben der Traditionalisten - sein Ensemble wird nicht zu Berlins einladendsten Quartieren gehören.
Wie schön, stil- und detailsicher trotz der enormen Masse das steinerne Bauen sein kann, zeigt Hans Kollhoffs Kopfbau zum Potsdamer Platz. Das Hochhaus von fast 100 Meter Höhe mit seinen sorgfältig in der Klinkerfassade versenkten großen Holzfenstern und seinen horizontalen Feingliederungen erinnert an das Chilehaus in Hamburg. Mit seinen nach Westen ausgerichteten, in zwei Stufen abfallenden Flügeln wirkt es wie ein freundlicher Riese, der vor der legendären Kreuzung auf die Knie gegangen ist.
Das glasharte Sony Center des Deutschamerikaners Helmut Jahn auf der anderen Straßenseite dagegen lässt die Vorbehalte der Traditionalisten im Nachhinein verstehen. Seine entnationalisierte Architektur setzt sich eitel und eiskalt über alles hinweg, was das Ideal der "Europäischen Stadt" ausmachen soll.
Spannend wird die neue Berliner Architektur dennoch meistens dort, wo kritische Rekonstruktion und steinernes Berlin nicht hinreichen, wo eher Künstler als Ingenieure am Werk sind und Bauwerke errichten, nach denen sich die Menschen umsehen - etwa das von den Berlinern "Gürteltier" getaufte Ludwig-Erhard-Haus am Zoo oder das GSW-Hochhaus am Rande der Friedrichstadt.
Einige der neuen Botschaftsgebäude wie das Ensemble der Vertretungen Skandinavischer Staaten am Tiergarten oder - noch im Entwurf - Rem Koolhaas' spektakulärer Würfel für die niederländische Gesandtschaft an der Spree, schaffen sich auf den Leerflächen der Kriegsbombardements einen eigenen, zukunftweisenden Platz. Beim Neubau der DG Bank am Pariser Platz musste der Amerikaner Frank Gehry sein gestalterisches Können ins Innere des Gebäudes verlegen - aufregende Architektur versteckt sich nun hinter einer langweiligen Hülle.
Als Altmeister Philip Johnson den Auftrag bekam, in der Friedrichstadt einen Bürokomplex zu errichten, empfahl der New Yorker den Stadtplanern, Berlin ein Wahrzeichen zu geben. "Wir brauchen Masse, keine Wahrzeichen", bekam er zur Antwort und stellte den Berlinern am Checkpoint Charlie sein klobiges, blutleeres "American Business Center" hin.
Wie recht Johnson hatte, zeigt sich wie nirgendwo sonst am Reichstag mit seiner neuen Kuppel. Das gläserne Halb-Ei des Sir Norman Foster ist zum Symbol des neuen Berlin geworden, Einheimische und Gäste drängen seit der Eröffnung in Schlangen über die Rampen nach oben.
Das Regierungsviertel hält sich bewusst nicht an das Korsett der "Kritischen Rekonstruktion" - die Wettbewerbssieger Axel Schultes und Charlotte Frank haben ihr 100 Meter breites, ein Kilometer langes "Band des Bundes" über den Spreebogen mit Kanzleramt, Abgeordnetenhaus und Parlamentsbibliothek gegen den historisch belasteten Stadtgrundriss geplant.
Die neue Mitte des Staates distanziert sich von der Berliner Bautradition ebenso deutlich wie von der Architektur der Bonner Republik. Schultes baut dem Kanzler ein Amt des Dritten Wegs, einen orientalisch anmutenden, stellenweise märchenhaft verspielten Palast, der in seiner Wuchtigkeit allerdings mit dem nahen Reichstag symbolträchtig konkurriert.
Ein solches Gebäude haben die Bundesrepublik und erst recht Berlin noch nicht gesehen. Ein Träumer hat die Regierungszentrale des neuen Deutschland entworfen - und Schultes' Motto als Architekt klingt arglos: "Nur Narr, nur Künstler". Das kann aber auch eine Drohung sein.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 36/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 36/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Architektur:
Metamorphose der Metropole

Video 02:25

CSU-Parteitag "Zum Streiten machen wir die Haustüre zu"

  • Video "Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den Großen roten Fleck" Video 01:17
    Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den "Großen roten Fleck"
  • Video "Officer down: Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen" Video 01:04
    "Officer down": Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen
  • Video "Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag" Video 02:00
    Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag
  • Video "Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: Der gleiche Mist wie bei Jamaika" Video 02:12
    Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: "Der gleiche Mist wie bei Jamaika"
  • Video "Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt" Video 01:26
    Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt
  • Video "Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen" Video 00:56
    Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen
  • Video "Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen" Video 00:55
    Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen
  • Video "Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: Der Kampf geht weiter" Video 02:13
    Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: "Der Kampf geht weiter"
  • Video "Tatort: Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!" Video 04:29
    "Tatort": "Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!"
  • Video "Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi" Video 05:51
    Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi
  • Video "Virales Video: Star-Wars-Crashtest" Video 01:22
    Virales Video: Star-Wars-Crashtest
  • Video "Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt" Video 01:26
    Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt
  • Video "Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May" Video 01:00
    Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May
  • Video "Weinstein über Hayek: Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt" Video 00:58
    Weinstein über Hayek: "Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt"
  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "CSU-Parteitag: Zum Streiten machen wir die Haustüre zu" Video 02:25
    CSU-Parteitag: "Zum Streiten machen wir die Haustüre zu"