06.09.1999

WissenschaftWilde Mischung

Auf dem Gelände der früheren DDR-Akademie der Wissenschaften in der Forschungsstadt Adlershof machen einstige Tüftler des Sozialismus ihre ersten Millionen mit Hightech-Apparaten.
Der Physiker und weltweit anerkannte Fachmann für Ionenforschung schwärmt von der "extremen Brillanz" des Röntgenlichts und "dem ganzen Zoo von Computern".
Die Begeisterung von Eberhard Jaeschke gilt einem ringförmigen Teilchenbeschleuniger, eingebaut in einen futuristisch anmutenden Kreisbau mit 120 Meter Durchmesser. "Bessy II" ist das technologische Herz eines in Deutschland und Europa einmaligen Projekts: der Forschungsstadt Adlershof. Und für die schwärmt Jaeschke auch, für das "einmalig breite Forschungsspektrum, das hier zusammenkommt".
Am Südostrand Berlins, nicht weit vom Flughafen Schönefeld, bauen Bund und Senat seit acht Jahren am - neben dem Regierungsviertel - wichtigsten Entwicklungsvorhaben der Stadt. Gleich hinter dem S-Bahnhof Adlershof, westlich der Bahnstrecke nach Grünau, empfängt den Besucher eine wilde Mischung aus preisgekrönter Glas-, Stahl- und Farben-Architektur und aufgepeppten Plattenbauten.
Da harren auf der einen Seite der Straße noch die Kasernen des einstigen Stasi-Wachregiments "Feliks Dzierzynski" der Sanierung, und gegenüber steht auf gut 100 Meter Länge Berlins größtes Gründer- und Ost-West-Kooperationszentrum, mal in blendendem Weiß, mal in dunkel getöntem Backstein gehalten.
Insgesamt konzentrieren sich auf dem 78 Hektar großen Gelände zwölf große außer-
* Vor dem Speicherring der Anlage "Bessy II".
universitäre Forschungseinrichtungen. Von der angewandten Chemie über die Photovoltaik bis zur Rechnerarchitektur und Planetenerkundung sind gut zwei Dutzend Disziplinen vertreten. In den kommenden drei Jahren werden die naturwissenschaftlichen Fakultäten der Humboldt-Universität hinzukommen. Mit dem Fachbereich Informatik ist der Nachwuchs für die derzeit wichtigste Boombranche schon vor Ort.
Daneben haben die staatlichen Zukunftsvisionäre unter Einsatz von knapp einer halben Milliarde Steuer-Mark eine fast schon luxuriöse Infrastruktur für Unternehmensgründer und Hightech-Firmen aller Art geschaffen. An die hundert Forscherunternehmer sind im Innovations- und Gründerzentrum (IGZ) untergekommen, wo sie Labortechnik und teure Messgeräte günstig mieten können sowie eine kostenlose Rundumberatung erhalten.
Auch die 1998 eröffneten Fachzentren für Informatik, Photonik sowie Umwelt- und Energietechnologie sind schon zu 80 Prozent ausgebucht. Allein in den vergangenen sechs Monaten haben sich 30 neue Gründer eingemietet.
Wissenschaft und Wirtschaft, Forscher und Unternehmer im großen Stil zusammenzuführen und den Erfolg an der Fortschrittsfront gewissermaßen planmäßig herbeizuführen, so etwa lautet das Konzept Adlershof. Und das Erstaunliche ist: Es funktioniert. "Adlershof kann eines der ganz großen europäischen Projekte werden", urteilt Jenoptik-Chef Lothar Späth.
Noch 1990 sprach wenig für diese Vision. Geboren wurde die Idee aus der Not nach der Abwicklung der DDR-Akademie der Wissenschaften. Zwar überlebten noch elf Institute die Prüfung durch den bundesdeutschen Wissenschaftsrat. Aber über 3000 Wissenschaftler, Techniker und Angestellte verloren ihre Arbeit.
Vielen blieb keine andere Wahl, als sich selbständig zu machen, um ihr Know-how auf dem Markt zu Geld zu machen. Der Senat wollte Hilfestellung leisten, und so entwickelte der damalige Berliner Wirtschafts-Staatssekretär Hans Kremendahl den Plan vom staatlichen Wissenschaftsbetrieb mit angeschlossenem Gründerzentrum. Bessy-Technikchef Jaeschke und seine Kollegen schließlich entdeckten Adlershof und das Wissen vieler DDR-Wissenschaftler für ihren ohnehin geplanten Elektronenbeschleuniger der zweiten Generation.
Die Adlershofer Mischung beherbergt eine für Berlin ganz ungewöhnlich hohe Dichte von guter Laune, Pioniergeist und Erfolg - bei immerhin jetzt gut 4500 Beschäftigten.
Schon rund drei Dutzend der bislang knapp 300 ansässigen neuen Unternehmen "sind echte High Flyer mit Wachstumsraten von 30 Prozent und mehr", schätzt der Patentanwalt Jürgen Hengelhaupt, dessen Kanzlei eigens ein Büro mit zwei Anwälten auf dem Gelände unterhält, um den Tüftlern die rechtliche Absicherung ihrer Erfindungen zu verschaffen.
Die Erfolgreichsten sind bislang jene Ostdeutschen, die unter dem Druck des Hightech-Embargos gegen den Ostblock zum Erfinden verdammt waren.
Gert Kommichau, 47, beispielsweise. Wenn der einstige "Technologe" des DDR-Zentrums für wissenschaftlichen Gerätebau seine Geschichte erzählt, kommt er aus dem Lächeln gar nicht mehr heraus. Gerade mal 98 000 Mark Startkapital brachten er und seine zwölf Partner aus eigenen Ersparnissen zusammen; damals, 1991, als sie beinahe über Nacht ihre Firma Röntec gründen mussten.
Weil die DDR keine Großrechner importieren konnte, hatten sie einen Weg gefunden, die komplexen Signale eines Rasterelektronenmikroskops mit Hilfe einfacher PC zu verarbeiten. Das war für den Start genau das richtige Produkt.
Nun, acht Jahre später, sind die 13 Partner Inhaber eines weltweit präsenten Hightech-Unternehmens. Auf drei Etagen des Photonik-Zentrums beschäftigt die Röntec heute 46 Mitarbeiter und erzielt mit ihren Röntgenspektrometern acht Millionen Mark Jahresumsatz in 18 Ländern.
"Dieser Standort war unsere große Chance", freut sich Kommichau, "wir ahnten, dass hier was Irres entstehen würde." Die Zusammenarbeit mit den Forschern des Bessy und der angeschlossenen Institute bringe "mehr Erfindungen hervor, als wir allein auf den Markt bringen können". Mit drei Weltneuheiten ist die Firma im Markt. Nun hat sich eine Venture-Capital-Firma beteiligt, der Börsengang wird vorbereitet.
Auf den Aktienmarkt wollen irgendwann auch die Informatikexpertin Petra Werr und ihre Kollegen. In ihrer Firma Verysys haben 31 Fachleute aus den USA und Europa den neuesten Hit der Mikrochip-Fertigung ausgebrütet: ein mathematisch abgeleitetes Programm, verspricht sie, "mit dem wir die Fehlerfreiheit neuer Chip-Konstruktionen garantieren können". Zwei Investmentgesellschaften haben bereits "mehrere Millionen Mark" bereitgestellt.
Vorsichtshalber gründeten Werr und ihre Partner parallel eine Niederlassung in Kalifornien. "Aber hier war es unbürokratischer", versichert sie und lobt das Adlershofer Beraterteam: "Das ist das bestgeführte Gründerzentrum Deutschlands."
* Fachzentrum für Photonik.
Gut bedient fühlt sich auch Izzet Furgaç, dessen Firma Alligator Sunshine gerade durchstartet und gemeinsam mit dem Baustoffkonzern Eternit in die Serienproduktion besonders preiswerter und kompakter Solarheizungen einsteigt. "Vor vier Jahren haben wir hier wie Bill Gates in einem alten Schuppen aus Akademie-Zeiten angefangen zu basteln", erzählt Furgaç stolz. Jetzt residiert seine Firma im Dachgeschoss des repräsentativen Zentrums für Umwelttechnologie. Der Business-Plan an der Wand kalkuliert zehn Millionen Mark Umsatz im kommenden Jahr.
Die meisten Firmen am Ort sind Lehrbuchbeispiele für die neue Netzwerk-Ökonomie. Vielfach besorgen sie selbst nur noch einen geringen Teil der eigentlichen Produktherstellung. Stattdessen organisieren sie das Know-how und die Vermarktung, sind selbst entweder Teil oder Steuerkopf eines weit gespannten Firmennetzwerks. Die meisten neuen Jobs schaffen sie gar nicht in Adlershof selbst, sondern bei ihren Auftragnehmern.
Das erklärt wohl auch, warum bislang außer der Siemens-Tochter für Postautomation keiner der großen Namen aus der Konzernwelt auf den Firmenschildern prangt. "Die Vorstellung von konzerneigenen Forschungszentren ist veraltet", erklärt Adlershof-Fan Späth. "Die kaufen die Innovationen aus solchen Forschungs-Clustern, das ist billiger und flexibler."
An neuen Ideen jedenfalls scheint in Adlershof kein Mangel. "Eine solche Grundsubstanz haben wir in Europa nirgendwo", versichert Stefan Jähnichen, Direktor des Instituts für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik und derzeit Sprecher der Adlershofer Forschergemeinde. Die Resonanz im Ausland sei "viel größer, als wir je erwartet haben". Die beiden neuen Gästehäuser für ausländische Wissenschaftler sind das ganze Jahr über ausgebucht.
Den großen Durchbruch zur internationalen Spitzenstellung, so hofft Jähnichen, werde die Einbindung studentischen Nachwuchses in die Großinstitute bringen. "Die jungen Leute sind das Salz in der Suppe."
Nicht immer freilich kommen die Ergebnisse der staatlich herbeisubventionierten Ideenschmiede auch dem Standort zugute. Jähnichens Doktorand Bernhard Schölkopf, dessen Dissertation als beste Informatikstudie des Jahres 1997 ausgezeichnet wurde, hat Berlin verlassen. Schölkopf arbeitet jetzt für Microsoft in den USA.
HARALD SCHUMANN
* Vor dem Speicherring der Anlage "Bessy II". * Fachzentrum für Photonik.
Von Harald Schumann

DER SPIEGEL 36/1999
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