Von Mohr, Reinhard
ie alte Dame ist gerührt. Sie erinnert das "alles so an Israel". Als Mitglied einer katholischen Katechetengruppe hat sie gerade eine Führung durch die Neue Synagoge glücklich hinter sich gebracht. Aber Julia Friedrich, 23, Studentin der Kunstgeschichte und Jüdischer Studien, die gerade eine Stunde lang über dieses Stück Berliner Geschichte doziert hat, muss lachen. Denn sie ist geborene Deutsche und hat von ihrem Land, von Deutschland erzählt.
Doch die begeisterte Dame ist nicht zu bremsen. Sie kann sich kaum satt sehen an all den restaurierten Säulen und Kapitellen, den prächtigen Treppenaufgängen, den orientalischen Fresken, den Stuckfragmenten und der nur leicht beschädigten silbernen "Ewigen Lampe".
Ein kleines Erweckungswunder aus Tausendundeiner Nacht mitten in Berlin. Die 1866 an Stelle der alten, zu klein gewordenen, fertig gestellte Neue Synagoge in Berlin-Mitte, Oranienburger Straße - von den Nazis angezündet, von alliierten Bomben zerstört -, hat nicht nur eine dramatische Geschichte, sondern auch eine schillernde, irritierende Gegenwart, als eine Art irisierende "Dauerpräsentation unserer Schande" (Martin Walser).
Julia Friedrich, deren Mutter in Israel geboren wurde, repräsentiert eine neue Generation in Deutschland: jung, jüdisch, deutsch. Sie lebt in der Gegenwart der beginnenden "Berliner Republik" und wird immer wieder konfrontiert mit der Vergangenheit "ihres", des jüdischen Volkes.
Bis 1945 wurden von Berlin aus 55 000 Juden in den Tod geschickt - daran erinnert ein schlichter Gedenkstein an der Großen Hamburger Straße, auf den täglich tausende von Szenegängern und Touristen schauen.
Die Synagoge im selben Viertel galt einst als Zeichen eines emanzipierten und zugleich integrativen Judentums in Berlin. Bismarck wohnte ihrer feierlichen Einweihung bei, Albert Einstein schaute während eines Konzertes Anfang 1930 auf ihren kostbaren Tora-Schrein, Erich Honecker legte 1988 den Grundstein für die Rekonstruktion, und Kofi Annan, Uno-Generalsekretär, hat ihr jüngst einen Besuch abgestattet.
Einst zählte die Synagoge mit über 3000 Sitzplätzen zu den größten jüdischen Gotteshäusern Europas. Nachdem sie 1995 in Teilen aufwendig wiederhergestellt wurde, ist sie zur gut bewachten Touristenattraktion geworden. Über 700 000 Menschen haben sie inzwischen besichtigt. Wie ein Fanal, das Vergangenheit und Zukunft verbindet, leuchtet die große goldene Kuppel der Neuen Synagoge über Berlins alter, neuer Mitte.
"Woran erkennt man denn überhaupt Juden?", fragt Julia Friedrich unverblümt die Schüler einer neunten Klasse aus Ost-Berlin, die sie durch Eingangshalle, Männervestibül und Vorsynagoge führt. "Dunkle Haare" und "krumme Nase" kommt als Antwort zurück - "das klassische ,Stürmer'-Bild", kommentiert sie später. "Sie wissen es eben nicht besser. Aber das lässt sich ja beheben."
Seit eineinhalb Jahren erklärt sie Besuchergruppen aus aller Welt die Geschichte des Hauses - ob Gymnasiasten aus Berlin-Grunewald, amerikanischen Juden aus Chicago oder Hausfrauen aus Degerloch.
"Die meisten, vor allem die Jugendlichen aus Marzahn oder Treptow, haben in ihrem Leben noch keinen einzigen Juden gesehen. Deshalb sind sie vorurteilsgeprägt, aber auch offener und direkter als Erwachsene." Beim Fall der Mauer 1989 lebten etwa 5000 Juden in Berlin - Anfang 1933 waren es 160 000.
Schlimmer noch als die monströse Unbildung der Schüler - "selbst Jesus und die Rolle der Bibel sind vielen unbekannt" - sei die Ignoranz etlicher Lehrer: "Viele wissen absolut nichts und haben sich auch kein bisschen vorbereitet."
Stets sorgt eine eigenartige Mischung aus Neugier und Befangenheit dafür, dass die Ebene der musealen Information rasch verlassen wird und die Grundakkorde anklingen: Auschwitz, Holocaust-Mahnmal, Walser/Bubis-Streit, Israel und, oft im Flüsterton vorgetragen: "Juden in Deutschland - wie ist das überhaupt?"
Schließlich kommt es heraus: Das blonde, blauäugige "Kindchen", wie ältere Frauen Julia Friedrich titulieren, ist selbst Jüdin, geboren und aufgewachsen im grünen Westen Berlins. "Plötzlich kann man das Schild ,Vorsicht!' aufleuchten sehen, die meisten treten im Geiste einen Schritt zurück, die Befangenheit wächst." Und es stimmt ja: Vor fast 60 Jahren wurden hunderttausende solcher Kindchen in die Vernichtungslager deportiert.
Dabei versucht gerade diese junge Deutsche aus Berlin-Wilmersdorf, die viele nichtjüdische Freunde hat und "deutsche Pünktlichkeit und Verlässlichkeit" schätzt, so sachlich wie möglich zu bleiben. Doch unweigerlich und wider Willen fungiert sie als Projektionsfläche aller möglichen Ressentiments und Ängste, Schuldgefühle und Erlösungswünsche.
Auffallend sei, dass weniger Fragen gestellt als Statements abgegeben würden. "Es ist ja schön, dass sich die Juden nicht wieder so abschließen", heißt es öfter, wenn von der benachbarten Schule die Rede ist, in der jüdische und nichtjüdische Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Eine subtile, wahrscheinlich unbewusste, jedenfalls ungeheuerliche Geschichtsklitterung.
Unvermeidlich auch die Spezies der von Philosemitismus durchdrungenen schwäbisch-protestantischen Mittsechzigerin, die ihre persönlichen Israel-Erfahrungen ausbreitet - "ein wunderschönes Land" - und begeisterte Zustimmung erwartet; ähnlich jener beichtstolzen Bekennerin, die erzählt: "Meine Mutter hat ja so geweint, als ihre beste jüdische Freundin abtransportiert wurde." In solchen Augenblicken, sagt Julia Friedrich, "fühle ich mich wie ein Priester, der die Absolution erteilen soll".
Manchmal kommt es aber auch ganz anders. Da bricht die verfolgte deutsche Unschuld mit Macht aus tiefsten Tiefen hervor: "Sie junges Gemüse, ich werde Sie feuern lassen!", rief hoch erregt ein Rentner aus der früheren DDR, als sie den latenten Antisemitismus im SED-Staat zur Sprache brachte. Immerhin hielt ein West-Pensionär dagegen: "Seien Sie doch froh, dass Sie hier überhaupt Ihre Meinung frei sagen können." Das konnte freilich den DDR-Veteranen nicht davon abhalten, sich bei der Direktion des Hauses zu beschweren.
"Wie kannst du als Jüdin überhaupt hier leben?", fragen jüdische Besucher aus Amerika. Ihre Antwort ist eindeutig: Sie fühlt sich wohl in Berlin. "Deutschland ist meine Heimat", sagt sie, "hier wird meine Sprache gesprochen, hier leben meine Freunde." Und, nicht ohne Ironie: "Deutschland braucht seine Juden - zum Beweis der Läuterung und als unfreiwillige moralische Instanz."
Freilich kennt sie auch junge Juden, "die sich auf ihrem Jüdisch-Sein ganz humorlos ausruhen" und ernsthaft an ihre selbst entwickelte Sicherheitsformel glauben: "In Deutschland kann dir als Jude nichts passieren" - eben weil schon alles passiert ist. Verrückte Dialektik der Geschichte.
Julia Friedrich mag dieses arrogante Elitebewusstsein nicht, das Herkunft und Religion plötzlich selbst zum wesentlichen Unterscheidungsmerkmal erklärt und seinerseits die Schoah mythisch überhöht. Viele von ihnen, etwa die Mitglieder im jüdischen Studentenverband, leben fast ausschließlich in einem homogenen jüdischen Freundes- und Bekanntenkreis.
Wie sehr diese Art von "hermetischer Öffentlichkeit" zur Falle werden kann, zeigt ein Beispiel aus der jüdischen Künstlergruppe "Meshulash": Eltern verboten ihrer Tochter, sich öffentlich als Jüdin zu erkennen zu geben. Schwer zu sagen, was hier Hysterie und Paranoia, was Angst und Trauma sind. Ein Zeichen von Souveränität, gar Normalität ist es sicher nicht.
Julia Friedrich jedenfalls lebt selbstbewusst inmitten jener Widersprüche und Ambivalenzen, die sie bei sich wie anderen kritisch registriert: Hier der ganz normale Antisemitismus, mit dem sie bei ihren Führungen durch die Synagoge konfrontiert wird, dort die Wahrnehmungen einer allzu bequemen, manchmal selbstgerechten Haltung jüdischer Würdenträger. Da rutscht ihr schon mal das Wort von der "Auschwitzkeule" heraus. Doch dann braucht nur irgendein Mitglied einer sozialdemokratischen Besuchergruppe an sie heranzutreten und zu brummen: "Warum muss man eigentlich das Holocaust-Mahnmal unbedingt auf das wertvolle Gelände am Brandenburger Tor bauen?" - und schon rollt sie, die das Denkmal gar nicht unbedingt verteidigen möchte, mit ihren blauen Augen und verzeichnet die Worte in ihrer imaginären Ewigenliste unseliger Sprüche.
Diesen Monat tritt sie einen einjährigen Studienaufenthalt in Venedig an. Auch eine Möglichkeit, Abstand von Deutschland zu gewinnen. REINHARD MOHR
DER SPIEGEL 36/1999
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