06.09.1999

ADEL

Mein Vater wollte das so

Von Supp, Barbara

Sie reitet auf internationalen Turnieren, hofft auf einen Start in Sydney und betreibt Marketing besonderer Art: Prinzessin Haya von Jordanien, Tochter des verstorbenen Königs Hussein, wirbt um Investoren und Touristen für ihr Land.

Als Nummer 41 kamen sie ins Ziel: eine kleine, erschöpfte Prinzessin auf einem großen, widerborstigen Pferd. Am ersten Hindernis schon hatte "Let''s Talk About" verweigern wollen, Nummer zwei und drei nahm er gerade noch so eben, beim vierten blieb er stehen: Sehr eindrucksvoll hat der braune Wallach beim Grand Prix im schwedischen Falsterbo verhindert, dass sich seine Reiterin für Sydney qualifiziert.

Da will sie unbedingt hin, zu den Olympischen Spielen im Sommer 2000. Deswegen ist Haya Bint al-Hussein nach Deutschland gezogen. Deswegen trainiert sie im Stall von Paul Schockemöhle im oldenburgischen Mühlen. Deswegen reiste sie mit dem störrischen "Let''s Talk About" nach Falsterbo, wo die Springreiter des Nahen Ostens um ihre Olympia-Tickets kämpften. Leider holten sich ein Ägypter

und ein Iraner die beiden Startberechti-

* Mit Halbbruder König Abdullah, Königin Rania und Bruder Prinz Ali im Juni.

gungen für Einzelreiter. "Trotzdem", sagt sie, "kann ich es noch schaffen. Ich bin in einer guten Position."

Natürlich ist sie das. Sie ist schließlich Prinzessin und hat ein paar Probleme weniger als gewöhnliche Athleten. Die Pferde zum Beispiel. Weder der Iraner noch der Ägypter haben bisher eines, das die Olympia-Norm erfüllt. Wenn das so bleibt bis zum 1. Januar 2000, sieht Prinzessin Haya ihre Chance - denn: "Ich habe vier."

Ein trüber Tag in Mühlen, in der nieselnden norddeutschen Tiefebene; eine braunäugige, 1,58 Meter große Prinzessin mit Armmuskeln wie ein Möbelpacker empfängt im Schockemöhle-Gestüt und erzählt die traurige Geschichte, wie kurz vor Falsterbo ihre Pferde eines nach dem anderen krank geworden sind. Wie sie gezwungen war, den unzuverlässigen "Let''s Talk About" zu satteln. Wie sie bewiesen hat, dass sie eine Kämpferin ist: "Niemand hat geglaubt, dass ich den Parcours überhaupt zu Ende bringen würde, Paul nicht, meine Familie nicht. Aber ich kam durch."

Paul: Das ist Schockemöhle. Die Familie: Das ist das jordanische Königshaus. Verständlich, dass Veranstalter sie gern mitreiten sehen. 25 ist sie, sehr hübsch und Tochter des verstorbenen Königs Hussein und seiner dritten Frau Alija; sie hat einen Stammbaum, der rund 1400 Jahre direkt auf den Propheten Mohammed zurückgeht - so jemand macht sich gut im Starterfeld. Seit Anfang der neunziger Jahre reitet die Prinzessin auf internationalen Turnieren; ihr größter Erfolg war eine Bronzemedaille bei den Panarabischen Spielen in Damaskus vor sieben Jahren. "Ihr Charme", schrieb die "Süddeutsche Zeitung", "übertrifft ihre reiterlichen Erfolge bei weitem." Aber das macht nichts. Nicht viel jedenfalls.

Sie hat einen anderen Job als Kollegen wie Ludger Beerbaum oder Franke Sloothaak oder Helena Weinberg, die gewinnen wollen und können. Bei ihr geht es nicht bloß um Oxer und Wassergräben. Haya Bint al-Hussein ist nicht nur Athletin, sondern eine Hoheit, die sich nützlich macht: "Ich bin hier, um Neugierde zu wecken. Auf mich, auf mein Land, auf alles, was Geschäftsleute interessiert."

Sie ist nicht das erste Mitglied eines Herrscherhauses, das sich um einen Platz für Olympia bewirbt, aber sie tut das mit neuer Intention. Wenn Albert von Monaco in seinen Vierer-Bob stieg oder Anne von Großbritannien aufs Military-Pferd, dann diente das ihrem Vergnügen am Sport, sonst nichts. Der Fall Haya Bint al-Hussein liegt anders. Jordanien braucht PR, braucht Investoren und Handelspartner, braucht das Erstaunen über diese orientalische Prinzessin, die in Europa auf Tour geht und überall mit reizendem Lächeln verkündet: "Jordanien ist ein sehr moderner Staat."

Jordanien - das ist dieses Stück Land im Vorderen Orient, eingeklemmt zwischen Saudi-Arabien, Israel, Syrien und dem Irak; abhängig von irakischem Erdöl, von israelischem Wasser und vom Wohlwollen der USA. Ein armes Land, mit 7 Milliarden Dollar Auslandsschulden, mit offiziell 14 Prozent Arbeitslosen und mit einer Bevölkerung, die zu 30 Prozent unter der Armutsgrenze lebt.

König Hussein hat es 46 Jahre lang regiert, nach Patriarchenart - er ließ mehr Bürgerrechte zu als viele Nachbarstaaten, aber er änderte nichts daran, dass der jordanische König das Recht hat, Minister zu ernennen und das Kabinett aufzulösen. Jetzt, nach seinem Tod, ist sein ältester Sohn Abdullah an der Macht. Der verspricht Reformen, verhandelt mit Staatschefs im Westen um Schuldenerlass und wirbt für die ökonomische Zukunft seines Landes. Dasselbe tut seine Halbschwester Haya, nur auf anderem Parkett.

Sie wisse, sagt die Prinzessin, dass es "ganz und gar nicht denselben Effekt hätte, wäre einer meiner Brüder in Europa als Springreiter unterwegs". Immer noch staunen die Leute, wenn sie eine arabische Frau in engen Hosen auf einem Pferd sitzen sehen, das hat sie häufig erlebt: "Die sagen: Sie müssen aber modern sein. Wie kommt es, dass Sie das dürfen?"

Man darf alles Mögliche, als Tochter aus königlich haschemitischem Haus. Sie war sechs, als sie von ihrem Vater das erste Pony bekam; mit zwölf ritt sie das erste Pferd aus der Schockemöhle-Zucht, später wollte sie Dressurreiterin werden, bis sie merkte, "dass das zu langweilig ist für einen arabischen Hitzkopf wie mich". So entschied sie sich für den Springsport. Ihr Vater hatte nichts dagegen, nur sagte er: "Gut. Aber wenn du es machen willst, dann mach es richtig."

Richtig, das hieß: als Abgesandte der hei-

mischen Monarchie. Sie war in England

zur Schule gegangen, hatte in Oxford Politik, Philosophie und Wirtschaft studiert und zog nach Irland zum Trainer Paul Darragh, um professionelle Springreiterin zu werden: "Weil es ein kleines Land ist und ein sehr traditionelles. Und weil Darragh auf mich aufpassen konnte - ein Mann aus guter Familie, der mir sagen konnte, mit welchen Leuten man sich einlässt im Profi-Sport und mit welchen besser nicht. Mein Vater wollte das so."

Stil. Eleganz. Guter Sitz im Sattel. Das vor allem war wichtig in den Augen des Trainers Darragh. Kopf hoch, Fersen runter, Hände ruhig halten, das predigte er seiner Schülerin. Wenn sie vom Pferd fiel, war das nicht so schlimm - solange das auf damenhafte Weise geschah. Sie sollte nicht siegen lernen damals, sondern vor allem gut aussehen auf dem Pferd. Sie habe immer gewusst, sagt Prinzessin Haya, "wenn man gewinnen will, dann muss man die Ärmel aufkrempeln und kann nicht dauernd daran denken, eine Lady zu sein. Vielleicht klappt es ja sogar - aber vielleicht endest du auch auf dem Boden, mit dem Gesicht im Matsch".

Sie kauft Pferde auf, gründet ihr "Team Harmony", das finanziert wird von einer Gruppe jordanischer Geschäftsleute, aus der Tourismusbranche vor allem - Unternehmer, die sich durch die reitende Prinzessin PR versprechen. Sie besucht Turniere, wird bestaunt und befragt und als exotische Neuheit bewundert, aber dann reicht es bald nicht mehr, dass sie als schlichte Teilnehmerin dabei ist. "Es wurde Zeit", sagt sie, "dass ich nicht nur mitreite, sondern weiter vorn mitmischen kann."

Deshalb Schockemöhle. Der hat ja nicht nur Stars wie Sloothaak und Beerbaum ausgebildet, sondern kann auch mit Amateuren: mit den Saudi-Arabern zum Beispiel, die hat er zur Olympiareife gebracht. Im Schockemöhle-Stall wird sie nicht umhegt und beschützt wie im Palast und später auch in Irland noch, Prinzessin hier, Prinzessin da. Mühlen, sagt Haya Bint al-Hussein, sei "der härteste Trainingsort in Europa", und Paul Schockemöhle sagt: "Ich habe von Anfang an klar gemacht, dass ich mich nicht um alles kümmern kann. Es gibt keine Sonderbehandlung. Das hat sie akzeptiert."

Jetzt also Deutschland. Das ist für Jordanien "eines der wichtigsten Länder", ein bedeutender Markt. Haya Bint al-Husseins Job ist es, Kontakte herzustellen zu jordanischen Hotelbesitzern oder Schiffsfrachtunternehmern; wie andere für Milchschokolade oder Armbanduhren, so wirbt sie für ein ganzes Land. Vermitteln will sie, so sagt sie, "dass ich nicht anders bin als die anderen Frauen in meinem Land".

Schwierig, dieses Deutschland. Da spukt immer noch das Bild der Prinzessin aus 1001 Nacht durch die Köpfe, da wundert man sich wortreich, dass keine verhüllte Person mit Scheich und Schleier auftritt. Da soll sie dauernd erzählen, wie sie gerade kochen, putzen und bügeln lernt in ihrer Mühlener Zweizimmerwohnung. Und dann kommen ständig diese Fragen über die Frauenrechte in ihrem Land.

Jordanien, sagt sie dann immer, hat doch längst schon ein Gleichberechtigungsgesetz verabschiedet. Frauen dürfen wählen und Auto fahren, sie selbst hat den Lkw-Führerschein und ist Ehrenvorsitzende der Transportgewerkschaft, und früher hat sie in der Jugendliga Fußball gespielt. Frauen "können alles werden, was sie wollen", betont die Prinzessin, "im Gericht, im Senat, in der Politik".

Aber es gibt noch Überreste aus dem traditionellen Stammesrecht, den Artikel 340 zum Beispiel, der sich auf die "Tötung aus Ehrengründen" bezieht. Diese Vorschrift lässt einen Mann mit milder Strafe oder straffrei davonkommen, wenn er seine Frau beim Ehebruch erwischt und tötet. Er schützt auch einen Bruder, der seine Schwester umbringt, weil sie vergewaltigt worden ist. Der Artikel soll jetzt, möglicherweise, abgeschafft werden, Frauengruppen kämpfen seit langem darum, Prinzessin Haya kommentiert das lieber nicht: "Das ist ungeheuer kompliziert."

Sie darf, das weiß sie, "nicht Partei sein". Sie muss sich zurückhalten, muss aufpassen, dass sie die Menschen zu Hause im Palast nicht zu sehr erschreckt. Sie darf nicht zu europäisch werden, sie hat sich ja schon verändert. "Ich bin nicht mehr so höflich und abwartend, sondern kann eine ausgewiesene Nervensäge sein, wenn ich etwas brauche, und man gibt es mir nicht."

Gelegentlich gestattet sich die Prinzessin kleine Rebellionen, die Vorliebe für "Come On" beispielsweise, von dem fast sämtliche Fachleute ihr abgeraten hatten. Das ist dieser 14-jährige Schimmelhengst, ein riesiges Tier, das "überhaupt nichts für eine Amazone" sei, wie wohlmeinende Experten fanden. Obendrein hat er eine üble Gewohnheit: Er schlägt aus.

"Das macht Spaß", sagt die Reiterin und lächelt fein. "Jeder sagte: Das ist verrückt. Und jetzt?" Jetzt schwärmen die anderen mit ihr vom perfekten Galopp des Schimmels, von der Sprungkraft, der eleganten Statur. Von seinem Charakter, sagt die Prinzessin, der so sanftmütig sei: "Er passt auf mich auf." Was das lästige Gezappel be-

* Tochter Haya, Vater König Hussein, Trainer Paul Schockemöhle im April 1998 in Mühlen.

trifft, so hat sie beschlossen, das als Vorteilzu betrachten: "Jetzt kann mir niemand mehr vorwerfen, dass ich nicht stilistisch perfekt geritten bin." Sie habe, so sagt sie, mit "Come On" einen Kompromiss ausgehandelt: "Ich lasse ihn ausschlagen. Er lässt mich reiten."

Bei der Olympia-Qualifikation im Juli in Falsterbo war der Hengst leider nicht einsatzfähig, bei den Panarabischen Spielen im August, die zu Ehren des verstorbenen König Hussein in Jordanien stattfanden, war er auch noch nicht so weit. So muss sie zufrieden sein mit dem vierten Platz der Jordanier im Nationenpreis.

Sie muss hoffen, dass "Come On" bald wieder fit ist, denn ein bisschen Erfolg braucht sie schon. Wenn sie Sydney vollends abschreiben muss, wenn sie bei den wichtigen Ereignissen nur kläglich abschneidet, dann wird sie ihr wichtigstes Ziel nicht erreichen. Und das ist, sagt Haya Bint al-Hussein, "dass ich bekannt werde als Frau aus meiner Region, die es wirklich geschafft hat im internationalen Sport. Und nicht als eine Prinzessin, die gescheitert ist". BARBARA SUPP

* Mit Halbbruder König Abdullah, Königin Rania und Bruder Prinz Ali im Juni. * Tochter Haya, Vater König Hussein, Trainer Paul Schockemöhle im April 1998 in Mühlen.

DER SPIEGEL 36/1999
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Mein Vater wollte das so