Von Giordano, Ralph
Von Ralph Giordano
Wehrmacht und Krieg sind, wenngleich neuerdings ziemlich abgemagert, die letzten Heiligen Kühe in der langen Chronik deutscher Verdrängungskünste nach 1945. Ihre Codewörter: "Sauberer Waffenrock", "Wertfreier Kampf", "Zeitlose soldatische Tugenden" - als hätte der Anschlag Hitlerdeutschlands auf die Welt in einer Art historischem Vakuum stattgefunden.
Dazu ist objektiv festzustellen: Die Wehrmacht war das Schwert, das gefährlichste Instrument in den Händen der verbrecherischen NS-Reichsführung zur Realisierung ihres Angriffskrieges und seiner Eroberungs-, Raub- und Unterdrückungspläne. Die Wehrmacht hat das kriminelle Nazi-System mit Waffengewalt über die deutschen Grenzen hinaus bis an die Wolga und den Polarkreis, den Rand der Sahara und die Atlantikküste katapultiert, vom ersten Schuss an unermessliches Leid über die langjährig besetzten Völker gebracht und durch ihren militärischen Kampf Millionen Menschen Leben, Gesundheit, Hab und Gut gekostet.
Unabhängig davon, dass es bis auf den heutigen Tag der weiße Fleck im historischen Bewusstsein einer deutschen Mehrheit geblieben ist: Der Krieg war das NS-Hauptverbrechen, selbst wenn die Wehrmacht keinem einzigen Zivilisten auch nur ein Haar gekrümmt hätte.
Das Hauptverbrechen war der Krieg, aber auch deshalb, weil er den Rahmen für den industriell betriebenen Massen- und Völkermord abgesteckt hat - der Radius des Vernichtungsapparats war bei Vormarsch und Rückzug stets identisch mit dem der deutschen Fronten.
Kein Holocaust, keine Massaker an nichtjüdischen Slawen, an Kriegsgefangenen, Sinti und Roma ohne die Territorialgewinne der Wehrmacht - erst ihre Siege schufen die Voraussetzungen für die ungeheuerliche Ausweitung des Opferpotenzials.
Der Massenmord war arbeitsteilig zwischen Wehrmacht und SS geregelt. Dazu zählten von der Wehrmacht in jeder eingenommenen Ortschaft angebrachte Aufforderungen zur Registrierung aller Juden.
Diese Maßnahme befähigte die personell eher schwach ausgestatteten Tötungskommandos der vier Einsatzgruppen A, B, C und D nach ihren eigenen Ereignismeldungen an die Schaltzentrale Reichssicherheitshauptamt, 1941/42 hinter der Ostfront innerhalb weniger Monate Hunderttausende, meist Juden, umzubringen.
Nur wo zuvor der Landserstiefel hingetreten hatte, konnten die mobilen Mordkommandos der SS operieren, die stationären Todesfabriken errichtet werden, und schließlich, überwältigend dokumentiert, auch Teile der Wehrmacht unvorstellbare Verbrechen an Zivilisten begehen, vor allem unter dem Deckmantel der Partisanenbekämpfung.
Die gleichen Okkupanten, deren Angriffskrieg jedes Völkerrecht und alle internationalen Abmachungen gebrochen hatte, fühlten sich makabrerweise berechtigt, unter Berufung auf ebendiese von ihnen missachteten Paragrafen Widerstand leistende Okkupierte wahllos zu erschießen (während bei umgekehrtem Kriegsverlauf natürlich jeder deutsche Partisan als Nationalheld gefeiert worden wäre). Auch die Männer des 20. Juli sind längst missbraucht als Galionsfiguren eines nie exemplarischen Widerstands der Hitlerwehrmacht.
Subjektiv: Natürlich ist die Verantwortungsskala für den Angriffskrieg, für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hierarchisch abgestuft. Ganz oben auf der Leiter steht die politische und die militärische Führung, auf den unteren Sprossen vor allem die jungen Soldaten, die von Kind an der NS-Indoktrination ausgesetzt waren.
Und natürlich ist deshalb auch kein wahres Wort an dem absichtsvoll diskriminierenden Anwurf der Wehrmachtsapologeten, die Wehrmachtskritiker stempelten jeden Soldaten zum Verbrecher.
Doch wenngleich die Kampfmotivation des Wehrmachtsmuschiks und vieler Offiziere wohl kaum darin bestanden haben dürfte, Himmlers Mordgesellen und Tätern in den eigenen Reihen den Raum freizuschießen - genau das war die Folge ihres Kampfes unter dem Hakenkreuz.
Es gab Adolf Hitler nicht zweimal - der Bauherr von Auschwitz war in Personalunion auch Schöpfer der Wehrmacht und ihr Oberster Befehlshaber. Mag die Erkenntnis angesichts so vieler eigener Gefallener noch so bitter sein - die Wehrmacht war, in Abwandlung eines berühmten Zuckmayerschen Dramentitels, nie etwas anderes als "des Teufels Armee".
Giordano, 76, ist Schriftsteller ("Die Bertinis").
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. DAS JAHRHUNDERT DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
DER SPIEGEL 36/1999
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