Das Labyrinth wirkt noch harmlos. Der Besucher flaniert durch verschachtelte hüfthohe Gänge, tapeziert mit rosafarbenen Kristallen. Doch dann muss er noch durch einen engen, schwarzen Tunnel kriechen. An dessen Ende blinkt in einem Aluminiumraum ein durchgedrehtes Polizeilicht, strahlt abwechselnd rot und blau auf eine Folterbank und ein Regal mit Sexspielzeugen. Der amerikanische Provokations-Künstler Mike Kelley, 45, ließ sich für seine raumgreifende Installation "Sublevel" vom Grundriss einer Kunstakademie in Los Angeles inspirieren, die er einst besuchte; für ihn ist sie der Inbegriff eines typischen Schulgebäudes. Mit seiner skurrilen Hommage will er auf drastische Weise auch an dokumentierte Fälle von Misshandlungen in US-Schulen erinnern. Seine Schock-Strategie, mit der er das kollektive Verdrängen bezwingen will, nennt er "schwarze Nostalgie". Mit Vorliebe benutzt er als Gedächtnisstützen auch putzige Plüschtiere - die er als 300 Kilo schwere Knäuel an Decken hängt und vom Parfum einer Elektroduftmaschine umwehen lässt. Knopfäugige Teddybären, so sieht es jedenfalls Kelley, sind nur das Symbol eines idealisierten, sauberen Kindchenschemas: Spielzeug, das nicht den Kleinen, sondern deren Eltern gefallen soll - und dem Künstler den Ruf eines gehobenen Kinderzimmerfetischisten einbrachte. In seiner aktuellen Ausstellung im Kunstverein Braunschweig (bis 31. Oktober) hat er seine neuesten Kindheitsdevotionalien, darunter auch Fingermalereien, versammelt und mit ihnen ein buntes Schreckenskabinett gebaut.
DER SPIEGEL 36/1999
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