08.10.2016

ArchäologieHic cacavit bene

Die Ruinen von Latrinen erlauben Einblicke in das Profane der Antike. Die Römer fürchteten die Dämonen der Gosse, nutzten Unisex-Toiletten und erleichterten sich selten allein.
Im alten Rom war der Stuhlgang ein riskantes Geschäft. Auf langen, mit Öffnungen versehenen Bänken ließ man sich zur Notdurft nieder. Fliegen summten. Ratten stiegen aus der Gosse. Immer wieder schoss Feuer empor, wenn Gärgase wie Methan oder Schwefelwasserstoff in Flammen aufgingen. Seuchen schwärten im feuchten Dunkel.
"Der Abflusskanal verlief direkt unter ihren Hintern", berichtet Gemma Jansen. Als "stinkenden, gefährlichen Ort" beschreibt die Archäologin den römischen Lokus. Die Römer wähnten Dämonen in der Gosse. Nur gut, dass die Glücksgöttin Fortuna über den Toilettengang wachte. In vielen altrömischen Aborten sind Gemälde oder Statuen von ihr erhalten.
Die Wissenschaft ist weit gekommen beim Erforschen antiker Toiletten. Archäologen sichten die Überreste uralter Klos in Rom oder Pompeji. Sie entziffern obszöne Graffiti in Herculaneum und vermessen Klositz-Durchmesser in den Ruinen von Roms Hafenstadt Ostia.
"Toiletten sind hochinteressant für die Archäologie", schwärmt die Niederländerin Jansen, eine Koryphäe der Latrinenkunde. Zusammen mit Ann Olga Koloski-Ostrow von der Brandeis University im US-Bundesstaat Massachusetts verfasst sie derzeit ein neues Buch zum Thema.
"Bislang ging es vor allem darum, antike Toiletten zu finden und zu beschreiben", sagt Jansen, "jetzt studieren wir, was die Toiletten uns über die Römer und ihre Gebräuche erzählen."
In der Menschheitsgeschichte war das große Geschäft lange auch ein unkompliziertes. Ein Plätzchen dafür fand sich allerorten, praktisch hinter jedem Gebüsch. Erst als der Homo sesshaft wurde, häuften sich seine Reste zum Problem.
Im späten vierten Jahrtausend vor Christus huben Mesopotamier viereinhalb Meter tiefe Gruben aus. Das Plumpsklo war erfunden. Tausend Jahre später installierten Minoer die erste Wasserspülung. Im Palast von Knossos auf Kreta finden sich Überreste eines Abflusssystems.
Die Griechen schließlich erfanden die kommunale Toilette. Im rabbinischen Palästina galt die Regel, immer mit dem Rücken zum Tempel und nach Osten blickend die Notdurft zu verrichten. In den vor rund 2000 Jahren entstandenen Schriftrollen von Qumran wiederum, den ältesten biblischen Dokumenten, ist vorgeschrieben, sich mindestens 1,4 Kilometer nordwestlich der Wohnstatt zu erleichtern und sich hernach den Po in örtlichen Wassern zu putzen.
Wer den Anweisungen von den Qumran-Ruinen am Toten Meer aus folgt, findet Spuren einer Parasitengrube. Die Eier von Spul-, Peitschen-, Band- und Madenwürmern haben die Zeit überdauert.
Die gläubigen Anwohner badeten ihre Hintern allesamt in einem stehenden Gewässer. Das wirkte sich eher ungesund aus: Im Schnitt, so belegen Untersuchungen auf einem nahen Friedhof, wurden sie nur 34 Jahre alt. "Das zeigt, was passiert, wenn die Leute biblische Anweisungen wörtlich nehmen", sagt Joe Zias, ein israelischer Paläopathologe.
Je mehr Menschen zusammenlebten, desto dringlicher wurde das Hygieneproblem. Die Römer nannten die Toilette schließlich "necessarium", etwas Lebensnotwendiges. 254 kommunale Latrinen sind in einem Text über Rom aus dem fünften Jahrhundert erwähnt. Da hatte die Stadt etwa 400 000 Einwohner.
Gebaut wurden die öffentlichen Bedürfnisanstalten in der Nähe großer Plätze und Badehäuser. "In manchen Toiletten konnten sich bis zu 80 Personen gleichzeitig erleichtern", berichtet Jansen, Expertin vor allem für die Latrinenruinen Roms.
Auf dem Palatin, einem der sieben Hügel der Stadt, vermaß sie zusammen mit Koloski-Ostrow eine der bislang eindrucksvollsten Toiletten. Ein Raum mit hoher Decke liegt dort verborgen. Steinerne Bänke säumen die Wände, perforiert mit 50 runden Löchern in Abständen von 56 Zentimetern. Fast vier Meter unter ihnen suppte der Abflusskanal, vermutlich einst verbunden mit der berühmten Cloaca Maxima der Römerhauptstadt. Man hockte nicht nur auf Stein, auch die Existenz von Holzsitzen haben Jansen und Koloski-Ostrow nachgewiesen. Den Hintern wischten sich die Römer mit der "spongia longa" ab, einem Schwamm mit Haltestock, der nach Benutzung in einer schmalen Wasserrinne vor den Füßen gespült und dann an den nächsten Klogänger weitergereicht wurde.
"Privatsphäre gab es eigentlich keine", sagt Jansen. Selbst ein Sichtschutz zwischen den Klos existierte sehr wahrscheinlich nicht. Allerdings trugen die Römer Toga und Tunika, wallende Gewänder also, die Intimes gut zu verbergen vermochten.
Frauen und Männer benutzten das Örtchen wohl gemeinsam. "Zwei Toilettenräume nebeneinander finden wir fast nie", berichtet Jansen.
Das kommunale Klo war allerdings ähnlich wie heute kein Ort zum Verweilen. Der Gestank sei vermutlich bestialisch gewesen, berichtet Jansen. Lieber zogen sich die Römer ins eigene Refugium zurück.
In Privathäusern lag das Plumpsklo zumeist direkt in der Küche. Essensreste und Kot nahmen, ökologisch vorbildlich, denselben Weg in die Grube.
Eine separate Toilette fand sich nur in den Villen der Reichen. Wahre Protzklos ließ beispielsweise der römische Kaiser Hadrian im zweiten Jahrhundert in seiner Residenz bei Tivoli installieren, etwa 25 Kilometer vor den Toren Roms.
Hohe, lichte Räume mit marmornen Wänden und prachtvollen Mosaiken verschönerten dem Kaiser und seinen Gästen den Toilettengang. Von Klodeckeln mit Goldintarsien berichtet Jansen. Vor allem aber schwärmt die Forscherin von den großen Fenstern der kaiserlichen Prachtlatrinen, sie böten, so Jansen, einen "spektakulären Blick" über Hadrians Gartenreich.
"Diese Toiletten wurden gebaut, um Eindruck zu schinden", sagt die Forscherin. Ganz offenbar wussten auch schon die Römer den Stuhlgang in gepflegter Atmosphäre zu schätzen. In einer anderen Villa, der Casa della Gemma in Herculaneum, heißt es im Wandputz einer separaten Latrine: "Apollinaris medicus Titi imp hic cacavit bene" ("Apollinaris, Arzt des Kaisers Titus, hat hier gut geschissen").
Wer will das alles wissen? Das Studium antiker Toiletten, argumentieren die Latrinenkundler, erlaube einen einzigartigen Einblick ins Alltagsleben. Gerade über die hygienischen und medizinischen Verhältnisse jener Zeit lasse sich viel erfahren.
Auch Sprachwissenschaftler sind beglückt, können sie doch dem Volk auf den Mund schauen. "Cacavi et culu non extersi", heißt es an einer Toilettenwand der Villa San Marco in Stabiae südwestlich von Pompeji: "Ich habe geschissen und mir nicht den Arsch abgewischt."
Das ist profan, aber auch lehrreich. "Es erweitert die lateinische Terminologie um den Begriff ,extergere culum', der hier zum ersten Mal auftaucht", schwärmt der Pompeji-Archäologe Antonio Varone. Außerdem belege "culu" das Verschwinden des finalen m beim Akkusativ in der Umgangssprache.
"Der Stuhlgang wurde in der antiken Welt nicht mit derselben Zurückhaltung besprochen wie heute", resümiert Jansen. Anrüchiges mag sie an ihrem Fachgebiet nicht erkennen.
Schon plant die Latrinenforscherin ihr nächstes Projekt. Denn es ist wie immer bei guter Wissenschaft: Eine Frage führt zur nächsten.
"In den antiken Toiletten gibt es kaum Urinale", hat Jansen in Rom beobachtet. Gab es bei den Römern also keine Stehpinkler? Falls doch: Wie ließ sich die Toga geschickt aus dem Strahl halten?
Und Jansen fragt: "Trugen die Römer eigentlich Unterhosen?"
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Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 41/2016
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