08.10.2016

SPIEGEL-Gespräch„Wie ein Feuerwerk bei Tageslicht“

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, 67, hat unzählige Leser auf der ganzen Welt. Er führt ein zurückgezogenes Leben. Schreiben, Laufen, Musikhören bestimmen seine Tage.
SPIEGEL: Herr Murakami, Sie sind von Tokio nach Berlin gekommen, um ein Konzert mit dem japanischen Dirigenten Seiji Ozawa zu besuchen. Warum unternehmen Sie dafür eine so weite Reise?
Murakami: Erst mal mag ich Musik. Alle Arten von Musik, klassische Musik, Jazz, Rock. Seiji ist ein guter Freund von mir, ein weltbekannter Dirigent, einer der besten. Ich habe ein Buch über ihn geschrieben, das in Japan schon erschienen ist, für das ich ihn sicher ein Dutzend Mal interviewt habe. Ich wollte herausfinden, was sein Geheimnis ist, was ihn so großartig macht.
SPIEGEL: Haben Sie es herausgefunden?
Murakami: Natürlich ist er sehr begabt, er hat eine Begabung, die andere nicht haben, und er ist enthusiastisch. Musik zu machen ist für ihn eine Obsession. Er ist 81, vor zwei Jahren hatte er eine Krebsoperation, seine Familie und Freunde helfen ihm, aber die Musik ist das Wichtigste in seinem Leben. Ich kenne den Weg, für den er sich entschieden hat, es ist auch mein Weg. Seijis Leben ist die Musik, für mich gilt das Gleiche beim Schreiben. Und wenn in der Musik oder in Büchern das Leben spürbar wird, dann hören die Menschen zu, dann lesen sie.
SPIEGEL: Musik und Schreiben sind für Sie eng miteinander verbunden?
Murakami: Als ich zwischen zwanzig und dreißig war, wäre ich sehr gern Musiker geworden. Ich habe auch viel gelesen, unzählige Bücher, ich liebte das Lesen, aber Schriftsteller zu werden erschien mir abwegig. Ich glaubte, Musik sei meine Berufung. Leider konnte ich kein Instrument so gut spielen, dass es für eine Karriere als Musiker gereicht hätte. Also eröffnete ich einen Jazzklub.
SPIEGEL: In einem Essay in Ihrem neuen Buch "Von Beruf Schriftsteller" beschreiben Sie, wie Sie mit 29 Jahren beim Besuch eines Baseballspiels eine Art Eingebung hatten(*). Sie saßen in der Sonne, tranken Bier, verfolgten das Spiel, als Ihnen unvermutet und völlig zusammenhanglos der Gedanke kam, Sie sollten einen Roman schreiben. Ist Ihre Entscheidung, Schriftsteller zu werden, wirklich diesem Moment geschuldet?
Murakami: Ich erinnere mich sehr genau daran. Es war ein seltsames Gefühl, als käme etwas langsam aus dem Himmel geschwebt, und ich würde es auffangen. Ich kann das noch immer in meinen Händen spüren. Wahrscheinlich erlebt jeder Mensch ein- oder zweimal in seinem Leben einen derartigen Moment, das ist meine Überzeugung, aber nicht sehr viele Menschen nehmen ihn auch wahr. Es ist wie ein Feuerwerk bei Tageslicht. Ich habe den Augenblick klar registriert, ich dachte: "Ja, ich sollte etwas schreiben ..."
SPIEGEL: Wussten Sie auch, was Sie schreiben würden?
Murakami: Ich hatte Mühe damit, den richtigen Ton zu finden. Ich wusste, dass der Rhythmus des Textes entscheidend sein würde, die Melodie, wie in der Musik. Ich wollte schreiben, als würde ich ein Instrument spielen. Aber ich beherrschte das Japanische so gut, mir waren unterschiedliche Stile vertraut, mögliche Gestaltungsformen kannte ich durch mein vieles Lesen bis ins Detail. Mir schwebte etwas Einfaches vor, ein begrenzter Wortschatz, klare Sätze, keine Effekthascherei. Ich kam auf die Idee, den Romananfang versuchsweise auf Englisch zu verfassen, und durch meine begrenzte Ausdrucksmöglichkeit im Englischen fand ich einen schnörkellosen Stil. Ich übersetze meine eigenen Worte vom Englischen zurück ins Japanische und hatte meinen Ton gefunden. Seitdem arbeite ich von Buch zu Buch daran.
SPIEGEL: Gleich Ihr erster Roman, "Wenn der Wind singt", war in Japan ein großer Erfolg. In Ihren Essays schreiben Sie, es sei ein leichter Erfolg gewesen. Zu leicht. Was spricht gegen leichten Erfolg?
Murakami: Viele Leute arbeiten hart, um Schriftsteller zu werden. Und natürlich ist es auch nicht leicht. Aber in meinem Fall war das so. Ich habe etwas geschrieben, ich habe es an einen Verlag geschickt, sie haben es verlegt, und es hat sich 100 000-mal verkauft. Also war ich Autor. Einfach so, als ob ich ein Geschenk bekommen hätte. Ich war völlig überrascht. Eigentlich war ich ja der Besitzer eines Jazzklubs, die Leute um mich herum waren ebenfalls völlig überrascht, niemand konnte sich vorstellen, dass ich ernsthaft schreiben kann. Manche sind förmlich durchgedreht angesichts des Erfolgs.
SPIEGEL: Fiel es Ihnen schwer, sich zwischen dem Jazzklub und dem Schreiben zu entscheiden?
Murakami: Zwei, drei Jahre lang habe ich beide Jobs gemacht, ich hatte weiterhin den Klub, nachts habe ich am Küchentisch gesessen und geschrieben. Irgendwann wollte ich aber den Versuch wagen, einen größeren Roman zu schreiben. Ich verkaufte den Klub, denn ich war optimistisch, mit Anfang dreißig hielt ich mich immer noch für jung, ich dachte, wenn ich als Schriftsteller scheitere, versuche ich es halt wieder mit einem Jazzklub. Ich habe mir keine Sorgen gemacht, und meine Frau hat mich unterstützt. Heute vermisse ich den Jazzklub, ich hätte gern wieder einen, in meinem Kopf gibt es eine genaue Vorstellung von diesem Klub, ein sehr guter Pianist würde dort spielen.
SPIEGEL: Sie haben anfangs gesagt, Seiji Ozawa habe eine Begabung, die andere nicht haben. Gilt das auch für Sie?
Murakami: Um ehrlich zu sein, darüber denke ich nicht nach. Das ist ein gefährliches Thema. Ich bevorzuge eine andere Formulierung, ich würde sagen, dass ich über die Fähigkeit verfüge, Träume zu erschaffen. Das ist keine Begabung, sondern eine Fähigkeit, die mir großen Spaß bereitet. Wenn Sie aufwachen, lösen sich Ihre Träume auf. Ich kann meine Träume wieder einfangen und sie weiterspinnen, während ich schreibe. Darin liegt mein Können als Schriftsteller. Seit vergangenem Sommer arbeite ich an einem neuen Roman, jeden Tag schreibe ich vier, fünf Stunden, ein großer Traum, den ich jeden Morgen fortsetze. Wenn ich einmal angefangen habe zu schreiben, habe ich jeden Tag den drängenden Wunsch weiterzuschreiben.
SPIEGEL: Die Welten in Ihren Büchern haben oft zwei Seiten, der normalen und rationalen Welt stehen surreale und magische Elemente gegenüber. Ist das Schreiben für Sie die Kehrseite des Alltags?
Murakami: Ich trenne das nicht, für mich gibt es keine realistische und unrealistische Seite, für mich ist das alles eins. Ich folge einfach der Geschichte. Wenn Sie träumen, unterscheiden Sie auch nicht zwischen diesen beiden Welten, in Ihrem Kopf fließen sie zusammen. Ich beginne immer mit einer realistischen Geschichte. Manchmal geschehen dann ungewöhnliche Dinge, aber ich versuche nichts dergleichen zu beschwören. Im Grunde meines Herzens glaube ich an Übernatürliches, und wenn es mir beim Schreiben begegnet, freue ich mich, als ob ich einen alten Freund treffen würde. Aber ich berechne das nicht, ich beobachte einfach, was geschieht, und schreibe es auf. Das fällt mir leicht. Beobachten und Schreiben, mir erscheint das völlig natürlich, ich verfolge dabei keinen Plan.
SPIEGEL: Wie wählen Sie den Traum aus, dem Sie folgen?
Murakami: Alles hängt von der ersten Szene ab. Nehmen wir zum Beispiel meinen Roman "1Q84", die Heldin Aomame steht mit einem Taxi auf einer Autobahn im Stau. Sie muss aber pünktlich an einem bestimmten Ort sein. Ich hatte diese allererste Szene monatelang im Kopf, fast ein Jahr lang. Plötzlich begann sich etwas zu bewegen, und ich setzte mich hin, um zu schreiben. Warten zu können ist bei der Art, wie ich schreibe, entscheidend. Den richtigen Zeitpunkt abwarten und dann sofort beginnen.
SPIEGEL: Viele Helden Ihrer Bücher sind Einzelgänger, sie fühlen sich, als ob sie im Leben feststeckten. Das Bild des Staus passt da gut.
Murakami: Ich bin Individualist. Als ich jung war, war es nicht leicht, in Japan als Individualist zu leben. Wer nicht Teil des Systems war, galt damals nur wenig. Heute ist die japanische Gesellschaft weniger streng organisiert, aber als ich jung war, war das noch anders. Das hat mich geprägt. Ich gehörte zu keiner Firma und auch nicht zu irgendeiner Gruppe, meine Frau und ich, wir haben ganz für uns gelebt. Ich habe kämpfen müssen, um auf diese Weise zu überleben. Aber es ist die einzige Art, wie ich leben kann. Vermutlich sind meine Figuren auch deshalb, wie sie sind.
SPIEGEL: Wie wurden Sie zu einem Individualisten in einer Gesellschaft, in der das nicht vorgesehen ist?
Murakami: Ich komme aus einer Mittelschichtsfamilie, meine Eltern waren Lehrer, ich wuchs als Einzelkind auf, alles ganz normal. Ende der Sechzigerjahre gab es auch in Japan eine Studentenbewegung, so wie in Paris oder in Berlin, Gegenkultur, Demonstrationen, Kämpfe mit Polizisten, doch ich war wie die meisten Studenten von der Bewegung bald desillusioniert. Meine Freunde schnitten sich die Haare ab, sie rasierten sich und begannen mit der Jobsuche. Ich wollte das nicht, ich zog mich in mein privates Reich der Bücher und Schallplatten zurück. Wahrscheinlich wollte ich einfach den ganzen Tag Musik hören, und wenn man bei einer Firma angestellt ist, kann man das nun mal nicht.
SPIEGEL: Sind Ihre Romane auch als Reaktion auf die japanische Gesellschaft zu verstehen und auf die Erwartungen, die sie an den Einzelnen richtet?
Murakami: Ich denke über solche Fragen nicht viel nach, ich bin zu sehr damit beschäftigt, meine Geschichten zu schreiben. Natürlich verfolge ich das politische Geschehen, aber wenn ich schreibe, tritt das in den Hintergrund, für mich ist die fiktionale Erzählung alles, in ihr sollte alles aufgehoben sein.
SPIEGEL: Es gibt ein Buch von Ihnen, "Untergrundkrieg", in dem Sie sich explizit mit einem politischen Ereignis beschäftigen, mit dem Giftgasanschlag der Aum-Sekte auf die U-Bahn in Tokio 1995.
Murakami: Das Buch zu schreiben war eine einschneidende Erfahrung. Ich habe einige Jahre damit verbracht, die Opfer zu interviewen, ich habe den Gerichtsprozess besucht, die Urteilsverkündung. Es entspricht meinem Wesen, etwas fortzuführen, das ich einmal begonnen habe. Im Fall dieser Recherche hat das Spuren hinterlassen, ich habe mich dadurch verändert. Ich kann Ihnen nicht erklären, wie, aber ich weiß, dass ich mich als Mensch und als Schriftsteller verändert habe. Und ich kann heute nicht mehr denselben Wert darin erkennen wie zu Beginn der Recherche. Das Thema Terrorismus beschäftigt mich weiterhin, auch das große Erdbeben in Japan vor fünf Jahren. Mich bedrücken diese Ereignisse. Ich denke darüber nach, was ich dazu sagen könnte, aber ich habe bisher keine Antwort gefunden. Ich bin sehr langsam im Nachdenken. Für einen Schriftsteller ist das kein Nachteil.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Murakami: Die kürzeste Art, eine Geschichte zu erzählen, beherrschen die Kommentatoren im Fernsehen: Sie wissen, was sie sagen wollen, und sagen es. Das ist ein enger Zirkelschluss: denken und reden. Ein Schriftsteller braucht dagegen zwei, manchmal drei Jahre, um einen Roman zu schreiben, kein sehr effizientes Unterfangen. Aber für mich als langsamen Denker ist es angenehm, so viel Zeit zu haben. Ich stehe jeden Morgen um fünf Uhr auf, schreibe für vier oder fünf Stunden, dann gehe ich laufen, jeden Tag, jeden Monat, Jahr um Jahr. Manchmal mache ich es auch umgekehrt, dann laufe ich erst und schreibe anschließend, das hängt von der Jahreszeit ab.
SPIEGEL: Ist das ein gutes Leben?
Murakami: Für mich ja. Aber ich bin auch Langstreckenläufer. Heute Morgen bin ich durch den Tiergarten gelaufen, weit über eine Stunde. Ich mag das. Ich komme gut mit Langeweile zurecht. Vielleicht liegt darin meine Begabung.
SPIEGEL: Sie schreiben in Ihren Essays, dass es fast unerträglich sei, über Jahrzehnte das Leben eines Schriftstellers zu führen.
Murakami: In meinem Leben ergibt sich eine gute Balance, weil ich seit über 40 Jahren verheiratet bin. Ich habe die Tendenz, mich zurückzuziehen und allein sein zu wollen, aber das tut mir nicht gut, und meine Frau hält mich davon ab. Wenn ich das Schreiben für den Tag beendet habe, gehe ich zu meiner Familie. So komme ich zurecht.
SPIEGEL: Haben Sie Kinder?
Murakami: Nein, meine Frau und ich sind die Familie. Manchmal gehören auch Katzen dazu.
SPIEGEL: Ihre Bücher werden in den unterschiedlichsten Teilen der Welt gelesen, Sie sind in Asien, in den USA, in Europa erfolgreich, auch in der arabischen Welt. Wie unterscheiden sich die Reaktionen?
Murakami: Da gibt es große Unterschiede. Sie haben mich zum Beispiel nach den übersinnlichen Aspekten meiner Bücher gefragt, asiatischen Lesern käme das nicht in den Sinn, ihnen erscheint es ganz selbstverständlich, dass an ein und demselben Tag etwas Realistisches und etwas Unrealitisches geschieht. Europäische Leser analysieren viel, sie versuchen, eindeutige Botschaften herauszulesen, asiatische Leser akzeptieren leichter, was geschrieben steht. Ich will überhaupt nicht werten, was besser oder schlechter ist. Es ist einfach eine unterschiedliche Betrachtung.
SPIEGEL: Es gibt nicht wenige Leser, die behaupten, Ihre Romane hätten ihr Leben verändert.
Murakami: Vor dem Konzert von Seiji Ozawa in der Philharmonie kam eine schöne junge Frau zu mir und fragte: "Sind Sie Mr Murakami?" "Ja", sagte ich. "Ich liebe Ihre Bücher, Ihre Bücher haben mein Leben verändert." Warum verändern meine Romane das Leben einer jungen Frau in Deutschland? Ich kann das nicht glauben. Letztes Jahr gab es drei Monate lang eine Website, auf der ich Fragen von Lesern beantwortet habe. Ich habe 27 000 Mails bekommen, ich habe sie alle gelesen, obwohl das nicht gut war für meine Augen. Viele haben geschrieben, dass sich ihr Leben verändert habe, nachdem sie meine Bücher gelesen hatten. Ich kann da nur antworten: vielen herzlichen Dank.
SPIEGEL: Das klingt, als ob Ihnen so viel Zuspruch nicht behagen würde.
Murakami: Grundsätzlich sollten meine Texte nicht mit mir oder meiner Person verwechselt werden. Wenn ich ein Buch beendet habe, ist es ein unabhängiger und von mir losgelöster Text. Meine Leser und ich haben dann den gleichen Zugang zu diesem Text. Und wenn man mich fragt: Was meinen Sie damit oder hiermit, habe ich darauf keine Antwort. Ich muss allerdings gestehen, dass es mich freute, als mir eine hübsche Japanerin hier in Berlin erzählte, sie habe beim ersten Rendezvous mit ihrem deutschen Ehemann über eines meiner Bücher gesprochen. Ist Ihnen übrigens aufgefallen, dass alle Leserinnen, die mir begegnen, hübsch sind?
SPIEGEL: Neben der Bewunderung hübscher Leserinnen ist Ihnen jedes Jahr im Oktober eine gewisse Aufgeregtheit um Ihre Person sicher. Sie gelten seit Jahren als ein Favorit für den Nobelpreis.
Murakami: So heißt es.
SPIEGEL: Ist das eine Ehre?
Murakami: Das sind nur Gerüchte, die von britischen Buchmachern in die Welt gesetzt werden. Es gibt für den Nobelpreis keine Kandidatenliste, keinen Kreis von Finalisten, niemand hat mir jemals mitgeteilt, dass ich in einer engeren Wahl wäre. Ich versuche, überhaupt nichts darauf zu geben.
SPIEGEL: Gelingt Ihnen das?
Murakami: Es ist etwas viel für mich. Ich war der Besitzer eines kleinen Jazzklubs in Tokio, und ein Teil meines Wesens ist immer dortgeblieben. Der Nobelpreis und ich sind sehr weit voneinander entfernt. Selbst wenn alle Menschen auf der Welt mir versichern würden, ich sei nah dran, würde ich es nicht glauben.
SPIEGEL: Der Nobelpreis würde eine hohe Anerkennung Ihrer Arbeit bedeuten.
Murakami: Das ist ein empfindlicher Punkt. Ich freue mich ehrlich, wenn Leser meine Bücher schätzen, aber jede Form von Hochachtung ist eine Bürde für mich. Ich möchte kein Standbild sein.
SPIEGEL: Reden wir über etwas anderes, über Hawaii. Sie haben dort mehrere Jahre gelebt. Hat Sie das verändert?
Murakami: Ich habe drei Jahre für die Universität von Hawaii gearbeitet, deshalb erhielt ich ein Visum, seit einiger Zeit bin ich zurück in Japan. Ich kann überall leben, wenn ich erst mal angekommen bin, ist es für mich überall gleich. Ich habe schon in Italien gelebt, in Griechenland, in New Jersey, in Boston und eben auf Hawaii. Ich führe überall dasselbe Leben, stehe früh auf, schreibe, laufe, manchmal koche ich, und zwischen neun und zehn Uhr gehe ich zu Bett. Am liebsten würde ich völlig anonym leben.
SPIEGEL: Aber Sie schreiben nun mal diese Romane, die auf der ganzen Welt gelesen werden.
Murakami: Diese Bücher geschrieben zu haben erfüllt mich auch mit Stolz. Ich habe die außergewöhnliche Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Ich habe Geduld, auf die Geschichten zu warten, ich kann sie ergreifen, wenn sie da sind, und ich kann schreiben. Diese drei Dinge. Hinzu kommt, dass ich immer schon die Tendenz hatte, etwas, das ich mag, sehr zu mögen. Aber sobald ich meinen Schreibtisch verlasse, bin ich wirklich ganz gewöhnlich. Ich sammle Schallplatten und streife gern durch Plattenläden.
SPIEGEL: Sammeln Sie Vinylplatten?
Murakami: Ja, gestern war ich in Kreuzberg und auch in der Boxhagener Straße, am Frankfurter Tor, ich bin da herumspaziert, habe ein paar Alben gekauft. Das mache ich in jeder Stadt, in die ich komme. Ich fahre mit dem Bus oder der U-Bahn zu guten Plattenläden. Ich liebe Musik, und ich liebe es zu laufen. Ohne diesen abgeschlossenen Lebensstil könnte ich nicht schreiben.
SPIEGEL: Herr Murakami, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Über die Autorin

Claudia Voigt, 50, ist seit fast 20 Jahren Redakteurin im Kulturressort. Sie hat während dieser Zeit viele Schriftsteller zum Interview getroffen. Der Termin mit Haruki Murakami war nicht leicht zu bekommen, der Japaner gibt nur wenige Interviews, er gilt als schüchtern und als jemand, der gern hinter seinem Werk verschwinden würde. Als Claudia Voigt ihm schließlich in Berlin gegenübersaß, zeigte er sich gesprächsbereit und amüsant. Am Donnerstag wird sich entscheiden, ob Murakami in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhält. Als Leserin aller seiner Romane, in denen sich psychische Tiefe mit erzählerischer Leichtigkeit verbindet, würde sich Claudia Voigt freuen, wenn er ihn in diesem Jahr endlich erhielte.
* Haruki Murakami: "Von Beruf Schriftsteller". Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont; 240 Seiten; 23 Euro.
** Mit der Redakteurin Claudia Voigt in Berlin.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 41/2016
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