29.10.2016

VorurteileIm Anfang war der Satz

In Schmölln sollen Zuschauer einen Flüchtling zum Suizid animiert haben. Daran gibt es Zweifel. Im Internet aber stehen die Wahrheiten fest.
Man kann heute nicht sagen, wie dieser Satz entstand und wer ihn erschuf. Man weiß nicht, ob er einer trügerischen Erinnerung entsprang, einer falschen Interpretation oder einer echten Beobachtung. Am Samstag vergangener Woche jedenfalls war er in der Welt. "Spring doch!", so hieß es, sollen Gaffer im thüringischen Schmölln gerufen haben, als der somalische Flüchtlingsjunge Abdirahman F. im offenen Fenster eines Plattenbaus saß. Er sprang und war kurze Zeit später tot.
Man wird vielleicht nie herausfinden, ob dieser Satz so gefallen ist oder nicht. Ob es eine Aufforderung war, in die ausgelegten Matten der herbeigerufenen Feuerwehr zu springen, oder ob doch das Pflaster gemeint war. Ob es also Menschen gab, die einem psychisch kranken Jugendlichen mit dunkler Haut von Angesicht zu Angesicht den Tod wünschten. Oder ob sich viele nur allzu gut vorstellen konnten, dass es solche Menschen gibt.
Der Schmöllner Bürgermeister Sven Schrade, der die Geschichte der angeblichen Rufer früh verbreitet hat, sagt, er vertraue nach wie vor seinen Quellen. Die Feuerwehr sagt, solche Rufe habe sie nicht gehört. Eine Frau, die diesen Satz vernommen haben will, konnte ihn bei ihrer polizeilichen Befragung nicht mehr eindeutig bestätigen.
Für den Ausgang der Geschichte ist es unerheblich, ob der Satz fiel oder nicht. In der medialen Debatte war er ohnehin nur ein Anstoß. Daraus entwickelten sich verschiedene Wahrheiten, man kann sie im Internet lesen. Die Geschichte dieses Satzes ist also auch ein Beispiel dafür, wie schwer es in diesen überhitzten Zeiten ist, mit dem Ungefähren zu leben. Und wie schnell das Ungefähre zur Gewissheit wird. Zu der einen oder zu der anderen.
Was ist geschehen?
Abdirahman F. reiste mit dem Flugzeug von der Schweiz nach Deutschland, er landete Ende März dieses Jahres in Frankfurt am Main. Die Behörden verwiesen ihn nach Thüringen, das Jugendamt im Landkreis Altenburger Land stellte einen Vormund. Abdirahman F. besaß keinen Pass, man schätzte sein Alter: Der 1. Januar 2001 war fortan sein Geburtstag. Mit elf anderen Flüchtlingen lebte er in der betreuten Wohngruppe "Zuhause im Herzen" des Mitteldeutschen Bildungszentrums. Fünfter Stock im Plattenbau, ein Kindergarten um die Ecke, eine Schule. Abdirahman F. war einer von 51 000 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland.
Der Junge habe eine schwere Flucht hinter sich gehabt, teilte das Jugendamt mit, von Somalia über den Sudan durch die Sahara über das Mittelmeer nach Europa. Er sei traumatisiert und von Anfang an psychisch auffällig gewesen. Immer wieder habe er randaliert und sich selbst verletzt, Ende August sei er für zwei Wochen in die Psychiatrie eingewiesen worden.
Am Donnerstag vergangener Woche gegen 21.15 Uhr kommt Abdirahman F. betrunken in seine Wohngruppe und randaliert wieder, ein Notarzt weist ihn in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Stadtroda ein. Am nächsten Morgen bittet die Klinik, den Jungen wieder abzuholen. Sie schätzt ihn nicht mehr als gefährlich ein, weder für sich noch für andere. Wie sich die Ärzte mit dem Jungen verständigt haben, ist nicht bekannt.
Auf der Autobahn versucht Abdirahman F., die Tür des Wagens zu öffnen. Zurück in der Unterkunft, rastet er aus, weil er keine frische Bettwäsche bekommt. Er würgt einen Erzieher, die Polizei kommt. Der Junge setzt sich ins offene Fenster seines Zimmers, die Betreuer rufen Feuerwehr und Notarzt. Um 15.06 Uhr entscheidet ein Polizist, ins Zimmer zu gehen. Der Junge springt und verfehlt wohl mit Absicht die Matten und Luftpolster, die Feuerwehrleute inzwischen ausgebreitet haben.
Am Tag nach dem Tod des Jungen veröffentlicht der Bürgermeister eine Nachricht auf Facebook: "Ebenso sollen am Ereignisort Äußerungen wie ,Spring doch' gefallen sein. Ob dies so war, werden die weiteren Untersuchungen der Staatsanwaltschaft ergeben. Wenn dies der Fall gewesen sein sollte, ist das nicht tolerierbar. Es ist verachtenswert, ja unmenschlich." Die Nachricht verbreitet sich schnell, auch international. Und sie verändert sich, wie beim Kinderspiel "Stille Post". Aus der Möglichkeit wird eine Tatsache.
Die "Washington Post" schreibt bereits, "anscheinend" hätten Schaulustige den Satz gerufen. Der "Tagesspiegel" meldet: "Nachbarn riefen ,Spring doch'". Die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, nennt solche Aufrufe "menschenverachtend", so als gäbe es keine Zweifel mehr. Und auf Facebook geht ein Shitstorm über Schmölln nieder. "Du widerliches Stück Deutschland", postet das Antifa Café Regensburg auf Englisch.
Es ist die eine Wahrheit, die entsteht. Sie nährt sich auch aus Bildern der Vergangenheit. Damals Rostock-Lichtenhagen, neulich Clausnitz: Der applaudierende Mob, der pöbelnde Mob, es ist plötzlich alles vorstellbar, vor allem im Osten. Von "Echokammern" sprechen Forscher, in denen Menschen alle die gleiche Ansicht teilen. Egal, ob es dafür Belege gibt oder nicht.
In der anderen Kammer finden sich die Gaffer wieder, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind. Sie fühlen sich vom Satz aus Schmölln angeregt. "Von mir aus können die alle springen", meint ein Johannes auf Facebook. "Seht es positiv, es muss keiner mehr für seine Krankenversicherung aufkommen", schreibt ein Torsten. Ein Shitstorm der Verachtung entfaltet sich. Als die Polizei später sagt, sie habe keine Belege dafür, dass "Spring doch!" gerufen wurde, gesellen sich die Systemkritiker dazu. Sie schreiben von der "Lügenpresse", beschimpfen den Schmöllner Bürgermeister als "Lügenbaron" und fordern, ihn "durch Ratsbeschluss abzuschieben". Es ist die andere Wahrheit, die entsteht. Sie nährt sich aus der Menge derjenigen, die schon lange gegen Flüchtlinge hetzen und Angela Merkel eine Volksverräterin oder Renate Künast "widerlich" nennen. Sie fühlen sich in ihrem Verdacht bestätigt, von Medien und Politik ständig belogen zu werden, und ereifern sich in ihrem Hass.
Und schuld ist dieser eine Satz.
Sven Schrade empfängt am kleinen Konferenztisch des Rathauses, es liegt am denkmalgeschützten Marktplatz von Schmölln. Vor Kurzem haben sie den 950. Geburtstag der Stadt mit einem Festumzug gefeiert, Tausende Besucher waren gekommen. Auch in der Betreuung ihrer 119 Flüchtlinge genoss die Stadt bislang ein hohes Ansehen. Ein großes Netz an Helfern gibt es unter den 11 361 Einwohnern, eine Willkommenskultur, für die sich der Bürgermeister starkgemacht hatte. Der gute Ruf ist nun erst mal dahin.
Schrade ist mit 31 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister im Land. Er nutzt die sozialen Netzwerke, um Kontakt zu seinen Bürgern zu halten. Sein iPhone hat der Sozialdemokrat immer bei sich, in der Regel postet er jeden Tag eine Nachricht auf Facebook.
Transparenz ist ihm wichtig, deshalb hat er auch die Nachricht über die angeblichen Rufer verschickt. Es war nur ein Verdacht, so hat er es auch formuliert. Er habe keinen Grund gehabt, an den Informationen zu zweifeln, sagt Schrade. "Hätte ich sie verschwiegen, hätte es geheißen, wir hätten etwas unter den Tisch kehren wollen. Genau das wollen wir nicht." Er würde deshalb diese Nachricht wieder so veröffentlichen. Schrade sagt, mindestens ein Schaulustiger habe ein Foto vom Flüchtling am Fenster gemacht und mit einem rassistischen Kommentar auf Facebook eingestellt. Er zeigt ein Bild dieses Eintrags.
Dort, wo Abdirahman F. auf den Boden gestürzt war, sind nur noch Glassplitter zu sehen. Anwohner hatten ein paar Grablichter aufgestellt, die Kerzen sind abgebrannt und die Gläser zerborsten. Die Kreisverwaltung versucht derzeit, über die somalische Botschaft mehr über die Familie des Jungen herauszufinden. Seine Mutter soll in Neuseeland leben, auch zwei seiner Geschwister, der Vater ist angeblich tot. Es sind bislang nur unbestätigte Informationen.
Im Rathaus ist seit Dienstag ein Kondolenzbuch für den toten Jungen ausgelegt, auch bei der Gedenkandacht am Donnerstagabend. Bis dahin gab es nur einen Eintrag darin, mit drei Unterschriften: die der Landrätin, ihres Stellvertreters und des Bürgermeisters.
Von Martin Knobbe, Ludwig Krause und Steffen Winter

DER SPIEGEL 44/2016
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