29.10.2016

TierschutzEndspiel für den Elefanten

Das größte Landtier der Welt steht am Rande der Auslöschung. Das zeigt „The Ivory Game“, ein kraftvoller neuer Netflix-Dokumentarfilm des Regisseurs Richard Ladkani.
Seit 1989 ist der Handel mit Elfenbein weltweit verboten, trotzdem boomt das Geschäft: Rund drei Milliarden Dollar werden jährlich mit Elfenbein umgesetzt. Die illegale Jagd gefährdet den Elefantenbestand, jährlich werden rund 30 000 Tiere getötet. Eine aktuelle Studie ergab, dass in Afrika noch 350 000 Savannenelefanten leben. Der österreichische Dokumentarfilmer Ladkani hat, in Koregie mit dem US-Amerikaner Kief Davidson, einen Film über den internationalen Elfenbeinhandel gedreht; Leonardo DiCaprio hat ihn produziert. Drei Jahre dauerten die Recherchen, 16 Monate wurde gedreht, häufig verdeckt, bisweilen unter Lebensgefahr. Am 4. November startet "The Ivory Game" auf Netflix.
SPIEGEL: Warum interessieren Sie sich für Elefanten?
Ladkani: Es begann 2013 mit einem Artikel in der "New York Times": "The Price of Ivory". Zum ersten Mal hörte ich davon, dass in Afrika ein Krieg stattfindet zwischen den Schmugglern und jenen, die den Schmuggel bekämpfen. Zehntausende Elefanten würden jedes Jahr abgeschlachtet. Wenn sich nichts ändern würde, das begriff ich bald, würde der Elefant in zehn Jahren ausgestorben sein. Meine Kinder waren damals vier und sechs Jahre alt. Mich hat aufgewühlt, dass sie als Teenager keine Elefanten mehr würden sehen können, außer im Zoo. Und dass wir dabei zuschauen, wie das größte Landsäugetier der Welt ausgerottet wird.
SPIEGEL: Der Handel mit Elfenbein war massiv zurückgegangen, seit dem Verbot 1989. Wieso ist er wieder da?
Ladkani: Ausgelöst wurde das Ganze durch die Tatsache, dass vier südafrikanische Staaten – Südafrika, Botswana, Simbabwe und Namibia – 102 Tonnen Elfenbein legal nach China und Japan verkauft haben. Das war 2008. Ihre Lager waren voll, sie hatten Alt-, aber auch Neubestände. Der Verkauf war genehmigt durch die Mehrheit der Teilnehmerstaaten des Washingtoner Artenschutzübereinkommens – unter der Bedingung, dass der Erlös dazu verwendet wird, die lebenden Elefanten zu schützen. Dieses Elfenbein hat den Markt wiederaufleben lassen. Plötzlich tauchte frisch geschnitztes Elfenbein in den Luxusshops in China auf, in Hongkong. Etwa 95 Prozent des Elfenbeins gehen von Afrika nach China. Elfenbein ist dort ein Statussymbol.
SPIEGEL: Wie kann eine Ausnahmeerlaubnis einen ganzen Markt beleben?
Ladkani: Die 102 Tonnen, die freigegeben wurden, kamen nicht auf einmal in den Markt. Jedes Jahr lässt China fünf Tonnen legal auf den heimischen Markt; mit diesen fünf Tonnen legalen Elfenbeins kommen Hunderte Tonnen illegales Elfenbein nach China. Jedes Jahr wird Elfenbein auf dem Weg nach China beschlagnahmt, 2014 waren es rund 30 Tonnen. Aufgrund von Erfahrungswerten weiß man, dass etwa zehn Prozent abgefangen werden. Die Gesamtmenge liegt also etwa bei 300 Tonnen.
SPIEGEL: Wie funktioniert das Geschäft?
Ladkani: Es gibt etwa 40 bis 50 einschlägige Shops in China. Diese Leute haben erkannt, dass sie viel mehr verdienen können, wenn sie illegales Elfenbein unter das legale mischen. Es ist ganz einfach: Du schnitzt aus legalem Elfenbein eine Buddhafigur und lässt diese zertifizieren. Dann fertigst du aus illegalem Elfenbein beliebig viele Kopien dieser Buddhafigur, machst ebenso viele Fälschungen des Zertifikats – und kannst so Hunderte von Malen dieselbe Figur verkaufen.
SPIEGEL: Sie sagen, der Elefant stehe kurz vor der Ausrottung. Das gilt aber nicht für ganz Afrika.
Ladkani: Richtig, es gibt ein extremes Ungleichgewicht, was die Elefantenzahlen angeht. In Zentralafrika, das bis heute wegen der Bürgerkriege für westliche NGOs kaum zu kontrollieren ist, sind die Elefanten schon fast ausgestorben. 80 bis 90 Prozent der Bestände sind verschwunden. In Botswana ist das anders. Botswana hat die Wilderei unter strengste Strafen gestellt.
SPIEGEL: Und das funktioniert?
Ladkani: Botswana ist eines der reichsten Länder Afrikas. Armut ist kaum vorhanden, es gibt einen wohlhabenden Mittelstand, es lohnte sich bislang nicht, das Risiko einzugehen, einen Elefanten zu töten. Außerdem haben sie dort das Militär mit dem Schutz ihrer Wildtierbestände beauftragt. Die größten Populationen weltweit sind in Botswana, rund 130 000 Elefanten. Doch auch hier droht nun neues Unheil. Die Wilderer haben in den Nachbarländern schon so viele Elefanten umgebracht, dass jetzt von ersten Elefantenmassakern in Botswana berichtet wird.
SPIEGEL: Wie werden die Elefanten getötet?
Ladkani: Meistens durch Erschießen: Zuerst das Leittier, dann kommen die anderen dran, auch die Jungtiere, weil auch ein Jungtier gefährlich werden kann, wenn ich gerade die Stoßzähne der Mutter absäge. Manchmal vergiften Wilderer die Wasserlöcher, manchmal benutzen sie Speere mit Sprungfedern. Am häufigsten aber schießen sie mit der AK-47 einfach in die Herde.
SPIEGEL: Sie waren vor allem in Tansania mit Fahndern unterwegs, warum?
Ladkani: Als wir mit unserem Projekt begannen, erreichte die Wilderei gerade Kenia und Tansania. In Tansania hat die Regierung zugegeben, dass sie in fünf Jahren 60 000 Elefanten verloren hat, mehr als die Hälfte. In der Ebene sind die Tiere leicht auszumachen. Die Wilderer hatten am Anfang leichtes Spiel.
SPIEGEL: Wie haben Sie die Tansanier davon überzeugt, Sie mitzunehmen, wenn die Taskforce ermittelt?
Ladkani: Wir haben den Leuten von der Regierung gesagt: Wenn ihr wirklich etwas tut, dann könnt ihr der Welt durch unseren Film zeigen, dass es neben dem korrupten Tansania auch eine andere Seite gibt. Der Taskforce-Chef hat uns dann von Shetani erzählt, "The Devil".
SPIEGEL: Dieser Elfenbein-Teufel – ist das eine Art lokaler Mafioso?
Ladkani: Shetani ist mit 14 Syndikaten aktiv, in Tansania, aber auch in Mosambik, Kenia und Sambia. Er hat mehrere Brüder, alle waren in der Wilderei aktiv, alle sitzen mittlerweile im Gefängnis. Shetani hatte seine Chance erkannt, mit Wilderei und Schmuggel reich zu werden. Sein Geschäftsmodell: Er bezahlt diejenigen, die töten, bezahlt diejenigen, die die Stoßzähne absägen, bezahlt die Träger. Er bezahlt denjenigen, der die Stoßzähne abholt, durch die Kontrollpunkte bringt, der die Polizisten schmiert; er bringt die Stoßzähne nach Daressalam oder nach Sansibar, er bringt die Zähne in den Container und den Container auf ein Frachtschiff. Ab dem Hafen übernehmen die internationalen Schmuggler und bringen den Container durch den Zoll nach Singapur, Hongkong, Shanghai oder Vietnam.
SPIEGEL: Wie groß sind die Gewinnspannen?
Ladkani: Ein Wilderer, der mit dem blutigen Elfenbein aus dem Busch kommt, verkauft 30 Kilogramm für 250 Dollar an denjenigen, der mit dem Auto kommt und die Zähne in seinem Tank versteckt. Am Anfang sind es also etwa 8 Dollar pro Kilo Elfenbein. In Daressalam wird es weiterverkauft für 150 Dollar pro Kilo. In Asien, in Vietnam beispielsweise, liegt der Preis für Rohelfenbein zwischen 1300 und 1500 Dollar. In China werden für Rohelfenbein 2000 bis 2300 Dollar gezahlt, geschnitztes Elfenbein erreicht 20 000 Dollar pro Kilo. Ein ganzer Stoßzahn, 15 Kilo schwer, poliert und geschnitzt, wird für 300 000 Dollar angeboten.
SPIEGEL: Sie waren dabei, als Schmuggler festgenommen wurden, als Spezialkräfte Häuser stürmten.
Ladkani: Wir wussten schnell, dass es richtig gefährlich werden würde. Es ist tatsächlich eine Art Krieg, es wird scharf geschossen, die Schmuggler sind teilweise mit Hubschraubern und Granatwerfern unterwegs. Du hast praktisch den afrikanischen Untergrund gegen dich. Und dann mischen auch noch die Terroristen mit. Al-Shabab und Boko Haram sind bekannt dafür, mit Elfenbein Waffen zu finanzieren.
SPIEGEL: Lässt sich die Jagd auf die Elefanten verhindern?
Ladkani: Schwer. Es gibt selten DNA-Tests beim Elfenbein, weil sie sehr teuer sind, nur wenige Labore weltweit sind dazu in der Lage. Die Altersbestimmung per Radiokarbonmethode ist ähnlich teuer. Es gibt nichts, um nachzuweisen, dass Elfenbein und Zertifikat zusammenpassen.
SPIEGEL: Kann man das Elfenbein, das legal gehandelt werden darf, nicht einfach markieren?
Ladkani: Markierungen funktionieren nicht. Wenn ein Zahn geschnitzt wird, wird die Oberfläche abgetragen, weil sie Narben hat und häufig schmutzig ist. Man kann den Tieren die Stoßzähne auch nicht abnehmen. In zwei Dritteln des Zahns steckt lebendes Gewebe mit Blutgefäßen und Nerven, so dick wie meine Hand. Der Stoßzahn geht bis weit in den Schädel hinein. Theoretisch kann man das vordere Drittel absägen, die dünne Spitze also. Wenn man zu viel abschneidet, drehen die Elefanten vor Schmerz durch und werden lebensgefährlich. Außerdem: Jeder Wilderer würde den Elefanten trotzdem töten, weil eben zwei Drittel noch dran sind.
SPIEGEL: Warum ist China so zögerlich darin, den Handel komplett zu verbieten?
Ladkani: Die Chinesen zeigen mit dem Finger auf uns. Sie sagen: Wenn ihr wollt, dass wir unseren nationalen Handel verbieten, müsst ihr vorangehen. In Deutschland können wir auch heute noch Elfenbein verkaufen, aus Altbeständen. Ebenso in England, in den USA, innerhalb des Landes ist es erlaubt. Ich kann mir hier mitten in Europa Elfenbein kaufen. Das macht mich wütend. Wenn wir dieses gewaltige Tier nicht schützen können – was können wir dann schützen auf der Welt?
Interview: Hauke Goos
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 44/2016
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