29.10.2016

PsychologieDie selbstlosen Selbstmörder

Was bringt Menschen dazu, ihr Leben für eine höhere Sache zu opfern? Der Anthropologe Scott Atran geht diesem Rätsel der Evolution auf den Grund – mit riskanter Feldforschung unter Terroristen im Nahen Osten.
Anfang Februar kam es im Norden des Irak zu einem selten erbitterten Gefecht. Altgediente Haudegen, die dabei waren, sagten, so etwas hätten sie nie zuvor erlebt.
In einem staubigen Dorf namens Kudila hatten sich Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) festgesetzt, nicht viel mehr als 90 Mann. Gegen sie rückte, mit fast sechsfacher Übermacht, eine Koalition vorwiegend kurdischer Truppen vor,
unterstützt von amerikanischen Kampfflugzeugen.
Die Besatzer waren so gut wie verloren. Aber sie kämpften, als kümmerte sie das nicht. Aus ihren Stellungen brachen mit Sprengstoff gegürtete Männer hervor; schießend und hakenschlagend rannten sie auf die Linien der Koalition zu. Dort angelangt, sprengten sie sich in die Luft.
Die Truppen der Angreifer, erschüttert von dem Furor, wichen zurück. Erst nach langem Hin und Her gelang es ihnen, die weit unterlegenen Islamisten aus Kudilazu vertreiben. Zwei Wochen später war der amerikanische Anthropologe Scott Atran, 64, zur Stelle. Seit Jahren treibt den Forscher die Frage um, warum Menschen ihr Leben für eine Sache opfern. Kudila schien ihm der rechte Ort für eine Untersuchung.
Fast alle Islamisten waren, wie sich zeigte, in der Schlacht umgekommen. Um den Rückzug der letzten rund 15 Überlebenden zu decken, hatten am Ende noch 7 weitere Selbstmordbomber ihre Sprengladungen gezündet.
Wer ist zu so etwas imstande? Sind da Irre am Werk? Opfer religiöser Verblendung? Lebensmüde Nihilisten? "In der Regel sind das ganz normale Leute", sagt Atran. "Etliche Studien haben schon nach auffälligen Merkmalen gesucht und nichts gefunden."
Inghimasi nennt der IS seine mörderischen Attentäter, zu Deutsch etwa: der sich hineinstürzt. Die Dschihadisten scheinen da aus enormen Ressourcen zu schöpfen, zuletzt mehr denn je. Das erleben derzeit die internationalen Truppen, die gegen das vom IS beherrschte Mossul vorrücken. Immer wieder kommen ihnen Fahrzeuge entgegengekurvt, beladen mit Sprengstoffen und gelenkt von einem Inghimasi.
Oft sind es junge Leute aus dem Ausland, auch aus Europa, die sich an der Front durch besonderen Todesmut hervortun. Wer sie verstehen will, glaubt Atran, muss ihnen in die Kriegsgebiete folgen: "Anderswo können sie mir viel erzählen", sagt der Anthropologe. "Hier zeigen sie, was ihnen die Sache wirklich wert ist. Sie könnten nach Hause gehen, aber sie bleiben und sterben."
An einem Tag im Feld, sagt Atran, lerne er mehr als in fünf Jahren an der Universität. Nicht selten kommt er dem Krieg dabei näher, als seiner Familie lieb ist.
Die Straße nach Kudila führte den Forscher durch verminte Felder. Mit ihm kamen drei Mitarbeiter, die öfters dabei sind: eine Historikerin aus Oxford, Fachgebiet Mittelalter; ein pensionierter General der US-Marines, der im Irakkrieg Tausende Gefangene verhört hat; und als Dolmetscher ein preisgekrönter kurdischer Bühnenautor.
Das illustre Team sprach in Kudila mit 7 gefangenen Islamisten und 28 kurdischen Kämpfern. Die Befragten sollten ihr Verhältnis zu den Kameraden erläutern. Sie bekamen dafür Tablet-Computer vorgelegt, auf denen sie zwei Kreise schrittweise übereinanderschieben konnten (siehe Grafik).
Die Mehrheit wählte, wie erwartet, die Karte, auf der das Ich in der Gruppe aufgeht. "Solche Menschen denken und handeln anders als alle anderen", sagt Atran. "Ihre Identität ist mit der Gruppe quasi fusioniert. Sie würden für ihre Kameraden sterben, als wären es ihre Brüder." Der Kampftrupp als eine fiktive Familie ist, so glaubt der Forscher, der erste Schlüssel zum Verständnis des Selbstopfers.
Aber lassen sich grimmige IS-Kämpfer tatsächlich auf solche psychologischen Experimente ein? "Die erwarten ein scharfes Verhör, Fragen über militärische Pläne, Standorte, Waffenlager", sagt Atran. "Stattdessen legen wir ihnen bunte Bildchen vor und fragen, was ihnen wichtig ist. Meist kommen wir schnell ins Reden."
Atran ist Professor an der University of Michigan und Forschungsdirektor am Pariser "Centre national de la recherche scientifique" (CNRS). Hauptsächlich aber reist er seit Jahren um die Welt und betreibt Feldforschung unter radikalen Islamisten und ihren Gegenspielern – in Syrien und Indonesien, im Irak und in Marokko.
Selten, dass der Vielbeschäftigte sich einen Zwischenhalt gönnt in seinem Häuschen an der Küste Südfrankreichs. Atran, der auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, lebt hier seit drei Jahrzehnten. Vom nahen Hügel geht der Blick übers Mittelmeer. Weit jenseits liegen die Kriegsgebiete des Nahen Ostens, wo junge Leute aus aller Welt hinziehen zum Sterben.
"Mitten im Irak sahen wir tote Chinesen auf dem Schlachtfeld", sagt Atran. "Wie, um Himmels willen, kommen die dorthin?"
Schon früh ging dem Forscher auf, dass wir es mit einer globalen Bewegung zu tun haben. Im Jahr 2003 begegnete er jungen Muslimen, deren Radikalität ihn bestürzte – ausgerechnet auf der indonesischen Insel Sulawesi. "Die sind nie über ihre Insel hinausgekommen, ihre Urgroßeltern waren noch Kannibalen", sagt Atran. "Aber sie wollten alle nach Afghanistan oder Palästina gehen, um sich für den Islam zu opfern."
Hier wirkt eine Botschaft, so schloss der Besucher, die überall auf der Welt verstanden wird. Bis heute sind ihr schon Freiwillige aus hundert Ländern gefolgt, je nach Schätzung bis zu 30 000 meist junge Männer, aber auch Frauen.
Menschen wie du und ich verwandeln sich in Fremdenlegionäre des Dschihad, in furiose Kämpfer, die den Tod nicht mehr scheuen. So verrückt dieser Opfermut sein mag – der Erfolg im Gefecht, so scheint es, gibt ihm recht. "Rein militärisch würde die belgische Armee genügen, den IS zu schlagen", sagt der Forscher, "gleichen Kampfgeist vorausgesetzt."
In Wahrheit können die Islamisten es auch mit einer zehnfachen Übermacht aufnehmen. "Sie haben fast nichts, keine Luftwaffe, keine Artillerie. Und doch widerstehen sie einer Koalition von über 60 Staaten, der sie an Zahl und Bewaffnung weit unterlegen sind. Sie sind immer noch da, kämpfend bis zum Tod."
Freilich ist der IS längst in die Defensive geraten. Stehen nicht die alliierten Truppen schon bald in Mossul, der größten verbliebenen Stadt im Reich der Islamisten?
Für Atran ist die Sache noch nicht entschieden. IS-Anführer al-Baghdadi habe seine Gefolgsleute auf der ganzen Welt bereits zu lokalen Anschlägen aufgerufen – wo immer sie sind, mögen sie "Vulkane des Dschihad" schaffen. "Wer weiß", sagt der Forscher, "was da noch auf uns zukommt."
In ein paar Tagen muss Atran schon wieder weiter, Vorträge halten, Kollegen treffen. Seine Methode werde in der Fachwelt "zu Recht gepriesen", sagt der niederländische Experte Alex Schmid. Es gebe "zu wenige Terrorismusforscher wie ihn, die sich ins Feld wagen". Auch in der Politik ist der Mann gefragt. Voriges Jahr sprach er vor dem Uno-Sicherheitsrat. Man möge die Islamisten nur ja nicht unterschätzen, sagte er – sie hätten die dynamischste Gegenkultur unserer Tage geschaffen.
Im Dschihad sieht Atran vor allem eine Sammelbewegung für junge Leute, die sich vom unumschränkten Kapitalismus abgestoßen, gekränkt oder verstört fühlen. "Oft stecken sie gerade in Übergangsphasen", sagt er, "zwischen Elternhaus und Studium oder am Ende einer Beziehung." Der Kampf für das Kalifat biete den Anhängern eine aufregende Mission, veredelt mit Transzendenz und Glorienschein – und Bewunderung von Gleichgesinnten. Die Bewegung verstehe sich keineswegs nur als destruktiv, sagt Atran: "Diese Leute wollen die Welt retten."
Einmal rief ihn ein Bekannter aus dem Sudan an, Leiter einer medizinischen Fakultät in der Hauptstadt Khartum. Mehr als 40 seiner besten Studenten hatten ihn gerade verlassen, alle aus der Oberschicht. Nun zogen sie ins Herrschaftsgebiet des IS, um beim Aufbau einer Klinik zu helfen.
In Europa fühlen sich neuerdings auch kleinkriminelle Muslime angesprochen. Hier hausen – anders als etwa in den USA – viele Nachfahren von Migranten auch nach Generationen noch am Rand der Gesellschaft. So manche schlagen sich dann mit kleinen Gaunereien durch – der Dschihad als "egalitärer Arbeitgeber für alle" (Atran) bietet ihnen eine Art Wiedergeburt in Reinheit und Würde.
Und die Religion? Die meisten Zuläufer aus der westlichen Welt haben vom Islam wenig Ahnung. Sie weihen ihm ihr Leben, aber oft kennen sie nur die schlichte Propaganda des "Islamischen Staates". Manchen genügt schon die Mär von den Ungläubigen, die sich verschworen hätten, den Islam zu vernichten.
Auch die Aussicht auf Jungfrauen im Paradies spiele kaum eine Rolle, sagt Atran, "das ist ein Klischee". Ohnehin sei die Entscheidung für den Dschihad meist ein sozialer Akt: "Drei Viertel der Kämpfer aus dem Ausland kommen in Gruppen, zusammen mit ihren Kumpeln." Viele haben sich beim Sport radikalisiert, beim Fußball oder Bodybuilding. Oder eben im Knast.
Im Kampf bleiben solche Einheiten oft zusammen; sie bilden "Bands of Brothers", die wie Brüder füreinander einstehen. "Ihr Leben hat durchaus etwas Fröhliches, sie fühlen sich unbesiegbar und erhaben", sagt der Forscher – Grausamkeit gegen Ungläubige gehöre aber ebenso dazu: "Kaum etwas verbindet eine Gruppe so stark wie gemeinsames Blutvergießen."
Der Anthropologe Harvey Whitehouse aus Oxford befragte Aufständische in Libyen, die sich im Jahr 2011 gegen Diktator Ghaddafi erhoben hatten. Fast die Hälfte zeigte sich den Mitkämpfern enger verbunden als der leiblichen Familie.
Gleichwohl liegt in der Familie vermutlich der Ursprung der Opferbereitschaft. Aus Sicht der Evolution kann es sich lohnen, wenn ich für meine Verwandten sterbe – meine Gene leben in ihnen weiter. "Diese Hingabe lässt sich aber umfunktionieren und auf genetisch Fremde übertragen", sagt Atran. "Wer das schafft, hat einen mächtigen Mechanismus in der Hand."
Besonders stark ist der Zusammenhalt, wenn die Gruppe Werte verficht, die sie als heilig erachtet – wie den Dschihad. Dann steigt, wie Atran in seinen Experimenten herausfand, die Opferbereitschaft noch einmal stark an.
Heilige Werte stehen weit über jeglichem Kalkül von Kosten und Nutzen. Der bloße Vorschlag, darüber zu verhandeln, kränkt ihre Anhänger – in der Regel bestehen sie dann umso furioser darauf.
Heilige Werte werden, wie Aufnahmen von Hirnscannern zeigten, sogar auf spezielle Weise verarbeitet: nicht wie Dinge, die man abwägt und bedenkt, sondern wie Regeln von unbedingter Geltung.
Was der einen Gruppe heilig ist – ein Stück Land, ein Symbol –, mag der anderen banal oder gar absurd vorkommen. Aber innerhalb der Gruppe schafft das gemeinsame Bekenntnis Vertrauen.
Für viele Forscher ist genau das der Sinn der Religion: Die Anhänger stellen ihre kurzfristigen Interessen zurück und kooperieren zugunsten einer höheren Macht. "Das funktioniert aber nur", erklärt Atran, "solange die Gläubigen selbst das Spiel nicht durchschauen. Das Heilige muss immunisiert sein gegen alle Logik."
Auch unter kurdischen Kämpfern fand der Forscher diese Beseeltheit von einer Idee; bei ihnen ist es der Traum vom eigenen Staat. Nicht umsonst, so glaubt er, nähmen es die Kurden noch am ehesten an Kampfgeist mit den Islamisten auf.
Atran holt ein paar Fotos aus seiner Sammlung hervor: hier ein einbeiniger kurdischer Invalide, da ein Greis, auf sein Gewehr gestützt – "alle kämpfen sie unermüdlich an der Front", sagt der Forscher, "niemand zwingt sie dazu". Noch ein Foto: der kurdische Polizeichef von Kirkuk. Höchstselbst zieht er durch die Straßen seiner Stadt, um versteckte IS-Kämpfer aufzuspüren. 13-mal wurde er verwundet; kurz nach dem Treffen mit Atran explodierte in seiner Nähe eine Autobombe. Der Mann ist immer noch im Dienst.
Oder das Mädchen, das sich Tekushin nannte, Kurdisch für "Kampf", 18 Jahre alt. "Ich schenkte ihr Mozartkugeln", sagt der Forscher, "ein zauberhaftes, fröhliches Wesen" – und nachts war sie als Scharfschützin mit ihrer Einheit unterwegs. Frauen, so heißt es, treffen genauer; sie könnten ihren Herzschlag stärker verlangsamen. Jederzeit, beteuerte Tekushin, würde sie für ihre Kameradinnen sterben.
Viele Kurden, fand Atran, empfinden sich als identisch mit einem Ganzen, das größer ist als die Truppeneinheit oder selbst die Familie; sie nennen es "Kurdentum". In Kirkuk traf der Forscher einen Kämpfer, der auf grausame Weise zu wählen hatte, als der IS unversehens gegen sein Dorf vorrückte: Sollte er die Kameraden an der Front im Stich lassen, um seine Familie noch rechtzeitig herauszuholen? Er blieb bei seiner Einheit – und diese Entscheidung, sagte er, quäle ihn seither in jeder wachen Stunde.
"Denken Sie an die Bibel", sagt Atran. "Schon Abraham ist bereit, seinen Sohn Isaak zu opfern. Er stellt das Gesamtwohl über die Familie."
Seine eigene Familie leidet auch ein wenig unter des Forschers Hingabe ans Gesamtwohl: "Meine Frau möchte, dass ich aufhöre mit der riskanten Feldforschung." Sie erinnert sich an ruhigere Zeiten. In seinem früheren Leben war ihr Mann als Ethnobiologe im Regenwald von Guatemala unterwegs. Dort ergründete er das Naturverständnis der alteingesessenen Maya.
Der Anschlag auf die Zwillingstürme am 11. September 2001 gab Atrans Forschung eine Wende – aber das Lebensthema blieb das gleiche: der Mensch in einem Überzeugungssystem, das der westlichen Moderne völlig fremd ist.
"Terroristen zu verstehen erfordert Empathie", sagt der Forscher, "selbst für die brutalsten Kerle. Warum tun sie, was sie tun? Nur aus der Innensicht lernen wir, mit wem wir es aufnehmen müssen."
Auch die Vision vom Kalifat würde Atran nicht von vornherein als destruktive Schnapsidee abtun. Er sieht im Islamimus durchaus auch den Willen, vielleicht sogar die Fähigkeit zur politischen Utopie.
Beispiel Jemen: Im Osten des Landes hatte al-Qaida bis zum April dieses Jahres ein eigenes kleines Staatswesen laufen. Dort herrschten keineswegs nur Tugendterror und militante Düsternis.
Die Orientalistin Elisabeth Kendall untersuchte alles, was die Verwaltung der Qaida im Jemen über Twitter verlauten ließ. Die große Mehrheit (57 Prozent) der Botschaften versuchte, die vorwiegend jugendliche Bevölkerung für allerhand Entwicklungsprojekte zu gewinnen: Krankenhäuser und Schulen einrichten, Pumpen instandsetzen, Strände entmüllen. 13 Prozent der Tweets drehten sich um Feiern und Partys. Und nur 3 Prozent betrafen Strafen nach islamischem Gesetz. "Solange wir nur auf die Strafen starren", sagt Kendall, "werden wir nie verstehen, warum die Leute die Islamisten unterstützen."
Zudem lernen die Gotteskrieger immer besser, um Mitkämpfer zu werben. Ein Großteil der globalen Aktivitäten läuft über soziale Netzwerke. Anthropologe Atran schätzt, dass die PR-Leute des IS mehr als 70 000 Accounts bei Facebook und Twitter unterhalten und dort täglich rund 90 000 Botschaften verbreiten. Oft wenden die Werber sich auch an einzelne Adressaten, fragen ausführlich, wonach diese streben und was sie frustriert. Und irgendwann kommen sie auf den Dschihad als Lösung. Atran: "Wenn es sein muss, investieren die Islamisten Hunderte Stunden, manchmal Tausende für einen einzelnen Menschen im Internet."
Was also tun? Die Islamisten als Enthaupter und Frauenverächter zu entlarven schrecke die Sympathisanten nicht ab: "Das wissen die doch alle."
Auch die großen Programme der Ursachenbekämpfung – gegen die Armut, gegen die Unbildung – gehen nach seiner Ansicht fehl: "Es ist ja nur ein Bruchteil der Sympathisanten, der sich am Ende radikalisiert." Und sehr häufig geschehe das in kleinen Netzwerken vor Ort. Ebendort müsse man rechtzeitig die Rekrutierungsmuster erkennen und eingreifen – mit einem Wort: vom Gegner lernen.
Vor allem aber, glaubt Atran, brauche die anfällige Jugend eine positive Alternative, eine Mission, die ihr Bedürfnis nach einer großen Sache, nach Selbstüberschreitung fordert. Aber ist das nicht leicht gesagt in einer Demokratie, die mit Heldenromantik nicht mehr viel anfangen kann?
In den Kriegsgebieten ist das anders. Dort zeigt die Jugend, notgedrungen, Opfermut auf beiden Seiten. "Am tiefsten von allen Interviewpartnern hat mich ein junger Jeside beeindruckt", sagt Atran, "20 Jahre alt, Rashid sein Name."
Der Forscher traf den jungen Mann nach dem Massaker, das der IS in der irakischen Stadt Sindschar angerichtet hatte. Viele von Rashids Glaubensgenossen waren dabei umgekommen. Die überlebenden Jesiden flohen auf den nahen Höhenzug, dort saßen sie erst recht in der Falle. Die IS-Truppen zogen einen Belagerungsring, an die 250 Kilometer lang, um das gesamte Sindschar-Massiv.
An der Nordwestflanke aber lag Rashid mit ein paar Freunden in Stellung. Die Jungen hatten, Schlimmes ahnend, in den Schulferien schießen gelernt. Und nun verteidigten sie die letzte Lücke zwischen den Stellungen der Belagerer: einen schmalen Korridor, der zur nahen syrischen Grenze führte. Unten rollten fluchend IS-Kämpfer auf ihren Lastwagen vorbei. Man werde ihnen den Kopf abschneiden, brüllten sie herauf zu den Jesiden und schwangen dabei ihre Messer.
"Und diese Kids, die noch nie zuvor gekämpft hatten", sagt Atran, "sie hielten über Tage hinweg den Korridor, bis Verstärkung kam." Tausende Jesiden konnten über den Fluchtweg evakuiert werden.
"Was wirst du nun tun, mein Junge?", fragte der Forscher. "Ich gehe wieder zur Schule", antwortete Rashid, als wäre nichts weiter geschehen. "Ich will Archäologe werden."
Mail: manfred.dworschak@spiegel.de

Über den Autor

Manfred Dworschak, Jahrgang 1959, hat Sprachwissenschaft und Geschichte studiert. 1990 ging er als Kulturredakteur zur Bremer Lokalausgabe der "taz". 1995 wechselte er nach Hamburg zur "Zeit", wo er sich um die frisch gegründete Computerseite kümmerte. Seit 1998 ist er Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL.

* Ausschnitt aus einem Propagandavideo.
Von Manfred Dworschak

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